Geheimnisse

Der Felsengarten Sanspareil – ein Garten ohnegleichen

Johann Gottfried Köppel 1792 Sanspareil Bayreuth

Im Buchenhain an der mittelalterlichen Hohenzollern-Burg Zwernitz ließ Markgraf Friedrich ab 1744 einen ungewöhnlichen Garten anlegen. Zwei Jahre später, noch während der Bauzeit, soll eine Hofdame beim Anblick des Gartens ausgerufen haben: „Ah, c‘est sans pareil“ – „Das ist ohnegleichen!“ Daraufhin ordnete Markgraf Friedrich die Umbenennung des Ortes „Zwernitz“ in „Sanspareil“ an.

Bayreuth_Felsengarten Sanspareil_Aeolusfelsen_Foto Thomas Köhler

Felsengarten Sanspareil, Aeolusfelsen. BSV/Kreativinstinkt

Im Felsengarten Sanspareil spielt die dramatische Naturszenerie mit den massiven Felsformationen die Hauptrolle, lediglich erschlossen durch geschwungene Wege im Bereich des Hains und geradlinig verlaufende Bogengänge östlich davon. Exotisch wirkende Kleinarchitekturen wie das Belvedere und der Morgenländische Bau ergänzten die Anlage ebenso wie ländliche Retirade-Hütten.

Geometrische Gartenbezirke waren in Sanspareil lediglich an den Rändern der Anlage im Westen und ganz im Osten zu finden: Im Westen befand sich das Gebäudeensemble mit dem Morgenländischen Bau, dem Küchenbau sowie dem Markgrafen- und dem Burggrafenhaus. Nördlich des Markgrafenhauses waren mehrere Gelände-Terrassen angelegt.

Johann Gottfried Köppel 1748 Markgrafenhaus broderie parterre Sanspareil

Johann Thomas Köppel, 1748: Markgrafenhaus, Morgenländischer Bau und Burggrafenhaus rund um ein abgesenktes Broderie-Parterre. BSV

Im Osten war es der ungewöhnliche, „hängende“ Garten auf dem Belvederefelsen, der ebenfalls terrassiert war. Der Belvederefelsen lag außerhalb des alten Buchenhains, vor dem Felsen wurden geschnittene Hecken und Bogengänge angelegt, wie der folgende Stich zeigt:

Johann Gottfried Köppel 1748 Belvederefelsen Sanspareil

Johann Thomas Köppel, 1748: Der Belvederefelsen mit dem „Lust Cabinet auf dem Felsen“, rechts ist der sogenannte Tanzsaal zu sehen. Im Vordergrund kann man die Bogengänge und die geschnittenen Hecken erkennen. BSV

Auf dem folgenden Plan aus dem Ende des 18. Jahrhunderts lässt sich gut erkennen, dass die geometrisch gestalteten Bereiche nur im Westen (auf dem Plan rechts) und im Osten (auf dem Plan links, der Plan ist gesüdet) des Buchenhains liegen, während der Hain selbst von Schlängelwegen durchzogen ist:

Brechstatt 1798 Sanspareil Plan

I.C. Bechstatt, 1796: „Plan von dem Lustschlos Sanspareile“. Universitäts- und Landesbibliothek Darmstadt.

Anfang des 19. Jahrhunderts verfielen die Bogengänge und die Gebäude im Hain zusehends. Die meisten Gebäude wurden schließlich auf Abbruch verkauft. Lediglich das Ruinentheater, der Morgenländische Bau und der Küchenbau entgingen der Zerstörung.

Bayreuth_Felsengarten Sanspareil_Blick aus der Kalypsogrotte auf das Ruinentheater_Foto Thomas Köhler

Blick aus der Kalypsogrotte auf das Ruinentheater. BSV/Kreativinstinkt

Was blieb, waren die natürlichen Felsen und geschwungene Wege (übrigens auch auf den Trassen der ehemals geradlinig geführten Bogengänge). Dass Sanspareil im 20. Jahrhundert dann fälschlicherweise als erster Landschaftsgarten auf dem Kontinent angesehen wurde, hat auch mit dem Verfall der Anlage zu tun. Im Ergebnis dieses Verfallsprozesses sah die Anlage ähnlich aus wie ein Landschaftsgarten. Im Gegensatz zu diesem wurde in Sanspareil von den Erbauern nicht versucht, eine natürlich wirkende Landschaft anzulegen, vielmehr handelt es sich um eine natürliche Landschaft. In Sanspareil war „die Natur […] die Baumeisterin“, wie es Markgräfin Wilhelmine 1749 in einem Brief an ihren Bruder Friedrich formuliert.

Johann Gottfried Köppel 1792 Sanspareil

Johann Gottfried Köppel, 1792: Der gespaltene Fels mit dem Grünen Tisch. Auf ovalen Schildern, wie hier in der Abbildung zu sehen, wurde das literarische Programm, das die Markgräfin Wilhelmine für Sanspareil entworfen hatte, mit Illustrationen des Hofmalers Wunder für die jeweilige Station erläutert. Hauptthema in Sanspareil waren aber die außergewöhnlichen Felsformationen. BSV

In Sanspareil zeigt sich der in dieser Zeit zunehmende Respekt vor der Natur. Wurden im Barockgarten die Bäume und Sträucher gestutzt, zu Hecken, Kegeln und Pyramiden geformt und das Gelände großflächig eingeebnet, so erstreckt sich dieses Vorgehen in Sanspareil nur noch auf Randbereiche. Die natürlichen Felsen werden erschlossen, aber nicht bildhauerisch verändert wie beispielsweise in der italienischen Anlage Sacro Bosco von Bomarzo.

In den Barockgärten war die Beherrschung der Natur, die sich in die strenge Ordnung der Achsen und Symmetrien einzufügen hat, ein wichtiges Motiv. In Sanspareil hat die Natur einen eigenständigen Wert, sie wird dem Besucher durch die Wege und Treppen lediglich erschlossen. Mit den Ausblicken vom Belvedere und vom Aeolusfelsen in die umgebende Landschaft wird auch diese in den Garten einbezogen.

Die veränderte Einstellung zur Natur lässt sich am deutlichsten beim Morgenländischen Bau erkennen: Der Bau wurde um eine bestehende Buche geplant. Sie wurde erhalten und fiel nicht dem Bauwerk zum Opfer. Vielmehr zeugt der Umgang mit ihr von der Wertschätzung des Markgrafenpaares für die Natur.

Morgenländischer Bau von oben

Der Morgenländische Bau von oben. BSV/Dietz

Sanspareil Morgenländischer Bau Baum

Natur und Kunst vereint: Ein Baum im Schloss. BSV/Scherf

Wildnis bzw. Natur als Teil der Gartenanlagen war auch in italienischen Gärten als „Selvaggio“ bekannt und in England wurden Teile von Gärten im 18. Jahrhundert mit „ornamental Wilderness“ gestaltet. Was Sanspareil so einzigartig unter den Gartenanlagen des 18. Jahrhunderts macht, ist die Tatsache, dass die Natur hier das zentrale Hauptthema ist – und nicht ein Teil eines mehrgestaltigen Gartens, in dem formale Elemente den Gesamteindruck der Gartenanlage bestimmen.

Der passive Umgang mit den natürlichen Gegebenheiten grenzt die Anlage von Sanspareil deutlich von den zeitgenössischen Anlagen und von den späteren Landschaftsgärten ab – auch wenn die Landschaftsgärten ohne ein neues Naturverständnis, wie es sich im Felsengarten Sanspareil zeigt, nicht möglich gewesen wären.

Der Ausspruch „Ah, c’est sans pareil“ hat somit auch heute noch seine Berechtigung, eine vergleichbare Anlage gibt es in der Geschichte der Gartenkunst wohl nicht.