Geheimnisse

Goldene Wagen, Frauenzimmer und jede Menge Pferde: Der Standard fürstlicher Hochzeiten im Spätmittelalter

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„Am Sonntag kommt man und am Montag sticht man, am Dienstag rennt man und am Mittwoch zieht man fort.“ Mit diesen lapidaren Worten fasste Albrecht Achilles von Brandenburg (1414–1486) spätmittelalterliche Fürstenhochzeiten zusammen und zeigte damit deutlich, was ihm – und wohl vielen Herren – am wichtigsten war, doch spiegelt es nicht ansatzweise den Aufwand wider, der für solche Feste betrieben wurde, auch und gerade von Albrecht Achilles. Wurde ihm die Einladung seines Erachtens nicht standesgemäß überbracht oder war sein Gefolge zu gering bemessen, monierte er das durchaus und blieb zuweilen sogar dem Großereignis fern. Und bei der Landshuter Hochzeit 1475, bei der Hedwig von Polen (1457–1502) mit Georg von Bayern-Landshut (1455–1503) verheiratet wurde, reiste Albrecht Achilles gar mit 1.370 Pferden an und hatte damit das größte Gefolge.

Brautpaar Landshuter Hochzeit Stifterbild

Das Brautpaar der Landshuter Hochzeit: Hedwig von Polen und Georg von Bayern-Landshut in einem Stifterrelief in der Äußeren Burgkapelle der Burg Burghausen. BSV/Herrmann, Pfeuffer

Damit wollte er zeigen, dass seine Dynastie ebenfalls für eine Verbindung mit dem polnischen Königshaus würdig war. Es gelang! Nicht einmal ein Jahr später wurde seine Tochter Barbara (1464–1515) dem älteren Bruder Hedwigs, König Wladislaw von Böhmen (1456–1516), zur Frau gegeben. 1479 heiratete dann ein Sohn von Albrecht Achilles Sophie von Polen (1464–1512), eine der jüngeren Schwestern der Landshuter Braut. Aus dieser Ehe gingen 18 Kinder (zehn Söhne und acht Töchter) hervor, von denen 13 das Erwachsenenalter erreichten – politisch wertvolles „Kapital“ für die Konkurrenzfähigkeit der Zollern und den Fortbestand der Dynastie – womit bereits ein Ziel fürstlicher Hochzeiten umrissen ist.

Das eingangs angeführte Zitat zeigt aber ebenso wenig die Bedeutung fürstlicher Hochzeiten für die Zeitgenossen. Sie waren DIE Gelegenheit für Fürstenhäuser zu friedlichen Treffen, bei denen sich der Hochadel präsentieren konnte: als politisch und gesellschaftlich führende Schicht des Reiches und als familiäres Netzwerk! Spätmittelalterliche Fürstenhochzeiten basierten auf gesellschaftlichen, wirtschaftlichen und politischen Überlegungen, nicht auf Liebe. Sie legten Staatsgrenzen fest, sicherten Friedens- und Waffenbündnisse. Daher stand auch keineswegs das Brautpaar im Mittelpunkt der Feierlichkeiten, sondern die Fürsten selbst. Doch der Glanz des Fürstenhofs gründete dabei im Wesentlichen auf Benehmen und Ausstattung des anwesenden Frauenzimmers, also der Hofjungfrauen und -damen. Das belegt beispielsweise die Erwähnung, dass die sächsische Seite 1459 zur Hochzeit in Eger „ouch mit viel schenen frouwen und jungfrowen … in die Stadt Eger geczogen“ und auch der Brautvater Georg von Podiebrad (1420–1471) „mit viel behemischen herrin und mit viel schonen frowen und jungfrowen“ angereist war.

Bei der Hochzeit zu Eger fand am 11. November 1459 die Vermählung von Sidonie von Böhmen (1449–1519) und Albrecht von Sachsen (1443–1500) statt.

Wandbild:

Das Brautpaar der Hochzeit zu Eger: Albrecht von Sachsen und Sidonie, Tochter König Georg Podiebrads von Böhmen, schreiten in einem Festzug aus Geistlichen und Edelleuten die Stufen eines palastartigen Gebäudes hinab. Hinter dem Brautpaar stehen an der linken Seite die beiden Väter: Kurfürst Friedrich von Sachsen mit Kurhut und Hermelinmantel und Georg von Podiebrad mit der böhmischen Königskrone. Doch anders als das Historienbild vorgaukelt, trug der Bräutigam 1459 „ein sammet, von silber wohl mussieret“, die Braut wohl eher ein goldenes Gewand. Abb: Die Hochzeit zu Eger, Wandbild in der kleinen Tafelstube der Albrechtsburg in Meißen von Heinrich Hofmann, Ende 19. Jahrhundert © Staatliche Schlösser, Burgen und Gärten Sachsen gGmbH, Albrechtsburg Meißen / Höhler, Frank (foto + form)

Sie stand im Zusammenhang weitreichender politischer Verhandlungen. Nachdem 1457 der bisherige böhmische König gestorben war, hatten die böhmischen Stände – trotz sächsischer Erbansprüche – Georg von Podiebrad zum neuen König gewählt. Da sich vor allem die sächsischen Herzöge bedroht fühlten, lag spätestens jetzt Krieg in der Luft, der dank Albrecht Achilles‘ Vermittlung verhindert werden konnte. Bereits im April 1459 legte der Vertrag von Eger die Grenze zwischen Sachsen und Böhmen fest, eine der ältesten, noch heute bestehenden Grenzen Europas. Dieser Vertrag, der nahezu vier Jahrzehnte dauernde Spannungen beilegen sollte und einen Ausgleich bezüglich 64 Schlössern, Burgen und Städten schuf, wurde mit einer doppelten Verlobung abgesichert: der 7-jährige Sohn Georg Podiebrads wurde der 6-jährigen Katharina von Sachsen (1453–1534) zur Ehe versprochen, Albrecht von Sachsen selbst dagegen heiratete Sidonie, die Tochter Georg Podiebrads, noch im selben Jahr. Für diese Einigung dürfte Markgraf Albrecht Achilles auch seine verwandtschaftlichen Beziehungen genutzt haben, schließlich war er seit 1458 mit Anna von Sachsen (1437–1512) verheiratet. Um die Hochzeit in Eger zu ermöglichen, ließ Albrecht Achilles gar zwei Verlobungen seiner Kinder lösen: die seines Sohnes mit Katharina, damit diese für den Sohn Georg Podiebrads vorgesehen werden konnte, und die seiner ältesten Tochter mit dem jüngeren Bruder seiner Frau, also seinem Schwager, damit dieser Sidonie ehelichen konnte.

Dass bei einem gerade erst geschlossenen Friedensbündnis das gegenseitige Vertrauen noch auf wackeligen Beinen stand, dürfte verständlich sein. Daher waren Fürstenhochzeiten Akte höchster Diplomatie und unterlagen komplexen, fein abgewogenen Verhaltensregeln. Fragen der gesellschaftlichen Stellung und persönlicher Befindlichkeiten, von Freundschaft oder Feindschaft, politischem Gleichgewicht und dynastischem Ehrgeiz – all das musste beachtet werden, damit sich keiner der Fürsten benachteiligt fühlen konnte. So entwickelten sich im Laufe des 15. Jahrhunderts Standards für Hochzeitsfeiern, die sich zunehmend verfestigten.

Nach den teils langwierigen und mühsamen Schritten der Eheanbahnung bis zur Ausfertigung des Heiratsbriefes, den aufwändigen Vorbereitungen des Hochzeitsortes, der mit ausreichend großen Räumlichkeiten, Quartieren, Stallungen und Turnierplätzen ausgestattet werden musste, folgte die Brautfahrt meist im goldenen Wagen.

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Der mühsame Weg zur Ehe – bei der Anbahnung dieser prestigeträchtigen Verbindungen zahlten sich die Netzwerke fürstlicher Frauen aus, die durch ihre Verbindungen in die Heimat und zu anderen Höfen über viele Kontakte verfügten. Doch Vieles konnte Eheplanungen scheitern lassen, sodass wieder von vorne begonnen werden musste. Das lässt sich am Verhandlungsrad in der Landshuter Ausstellung selbst ausprobieren. BSV/Scherf

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Organisation und Logistik – Vieles war notwendig, eine Fürstenhochzeit feiern zu können. Bringt die Waage in der Landshuter Ausstellung ins Gleichgewicht! BSV/Scherf

Selbst ausländische Bräute wie Barbara Gonzaga (1455–1503) oder Hedwig von Polen erhielten solch kostbare Reisewagen, bei denen stets betont wurde, dass sie in der Tradition ihrer künftigen Heimat hergestellt worden waren. Die Brautfahrt selbst war von der Zurschaustellung des Brautschatzes vor der Abreise eine Kette von Festlichkeiten entlang der Reiseroute. Jeder Ort trug durch aufwendige Inszenierungen dazu bei, die neue familiäre Verbindung sichtbar zu machen. Die Einholung der Braut gliederte sich in die Übergabe von Braut und Mitgift, letzteres eher selten fristgerecht, und das Berennen der Braut – ein Turnier zu Ehren der Braut am Vormittag der Trauung. Danach folgte die feierliche Ankunft der Braut. Das jubelnde Volk beim festlichen Einzug in die Stadt versinnbildlichte die Huldigung durch ihre zukünftigen Untertanen und bestätigte – wie auch Allianzwappen des Brautpaares auf Stoffen und Geschirr ihres Brautschatzes – das neue dynastisch-politische Band.

Meist erhielt die Braut in dem Moment, in dem sie erstmals den Boden ihrer neuen Heimat betrat, spätestens aber vor der Trauung, neue Kleider ihres zukünftigen Landes. Dies war ein Akt der Vereinnahmung des weiblichen Körpers durch die neue Familie. Am Körper der Braut vollzog sich mit den neuen Gewändern symbolisch die Integration in ihre neue Heimat, in eine neue kulturelle Welt. Bei der Landshuter Hochzeit 1475 wurde Hedwig gleich nach ihrer Ankunft in eine Seitenkapelle von St. Martin geführt. Dort zogen die Frauen „Ir ir Gewant abe“ und schmückten sie „nach iren Sitten“, also denen des Herzogtums Bayern-Landshut.

Noch am Ankunftstag, also meist am Nachmittag wurde die Trauung in Anwesenheit eines Bischofs vollzogen, in dem sich Braut und Bräutigam jeweils die rechte Hand reichten.

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Die Vermählung der Gottesmutter Maria wurde wie eine Hochzeit in hochadligen Kreisen dargestellt: ein Bischof legt die Hände des Brautpaares vor dem Kirchenportal ineinander. Die Umstehenden bezeugen die Eheschließung. Abb: Tafelgemälde mit Vermählung Mariens vom ehemaligen Hochaltar des Augustinerchorherrenstifts Langenzenn, Franken um 1440. Original: ehemalige Klosterkirche Langenzenn, Staatliches Hochbauamt Erlangen-Nürnberg, Foto: BSV/Freudling, Scherf

Bei vielen Fürstenhochzeiten des 15. Jahrhunderts berichten die zeitgenössischen Quellen, dass die Braut meist ein goldenes Gewand trug, der Bräutigam dagegen in Silber gekleidet war.

Es folgte ein Festmahl – nach Geschlechtern getrennt. Überliefert sind oft nur Abbildungen und Sitzordnungen der Herrentafel. Bei der Landshuter Hochzeit wissen wir, dass Hedwig am Tisch ihrer Schwiegermutter, Amalia von Sachsen (1436–1501), der Frau des Landshuter Herzogs, saß – zusammen mit deren Schwester Anna von Sachsen (1437–1512), der Gattin Albrecht Achilles‘, und deren Mutter Margarete von Sachsen (um 1416–1486), der Großmutter des Bräutigams. Anschließend trafen sich die hochrangigen Gäste meist zum Tanz, wobei in der Regel nicht der Bräutigam seine Braut führte. Bei der Landshuter Hochzeit 1475 tanzte der Kaiser als ranghöchster Fürst den ersten Tanz mit der Braut. Ein Tanz des Brautpaars ist für diesen Abend nicht überliefert. Interessanterweise erschien Hedwig bei dieser Veranstaltung wieder in einem Gewand „gemacht nach irem Landes Sitten“, also nach polnischer Mode.

Um 10 Uhr abends begab man sich in der Regel in das festlich geschmückte Brautgemach, um die Zeremonie des rituellen Beilagers unter Anwesenheit der ranghöchsten Fürsten zu vollziehen. Am nächsten Morgen wurde der Braut – quasi als Gegengabe für ihren Körper – die Morgengabe überreicht. Danach folgte die Übergabe der Geschenke, bevor man sich in feierlichem Zug zu einem Festgottesdienst in die Kirche begab, bei dem in der Regel das „Te deum laudamus“ gesungen wurde. Diesen schwänzten viele der Herren bereits, um sich auf die nun anstehenden Turniere vorzubereiten.

Die restlichen Tage des Hochzeitsfestes standen ganz im Zeichen dieser Turniere, von denen sich auch der Bräutigam selten abhalten ließ. Für den Ruhm nahmen die Herren auch in Kauf, abends mit einem blauen Auge oder hinkend zum Tanz zu erscheinen. Bei der Amberger Hochzeit 1474 kam es gar zu einem tödlichen Unfall. Während die Herren bei farbenprächtigen Turnieren ihre Kräfte maßen und sich präsentierten, sahen die Damen von erhöhten Tribünen, den umliegenden Häusern oder aus den Fenstern ihrer Gemächer zu. So hatten sie ausreichend Zeit und Gelegenheit, miteinander zu reden.

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Wenn die Damen unter sich waren, dürften neue Heiratsprojekte beliebter Gesprächsstoff gewesen sein. BSV/Scherf

Durch ihre Ehen Bindeglied zwischen Familien waren gerade die Damen wichtige Netzwerkerinnen und keineswegs passiv. Hochzeiten waren im Spätmittelalter DAS Event, bei dem Netzwerke geknüpft und neue Ehen angebahnt wurden. Das zeigt die Ausstellung „Fürstliche Hochzeiten – Netzwerke für die Zukunft“ auf der Burg Trausnitz in Landshut noch bis 2.8.2026. Dort lassen sich insgesamt 16 fürstliche Hochzeiten des 15. Jahrhunderts mit einander vergleichen.

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Zeitgenossen staunten über die Vielzahl adeliger Gäste, die höfische Pracht sowie Unmengen teurer Speisen und Getränke. Die Inszenierung war Absicht: Hochzeiten boten Gastgebern und Gästen die Chance, Macht und Rang weithin sichtbar vorzuführen. Die teilweise Einbindung der Bevölkerung sollte Zugehörigkeit stiften, vor allem aber Herrschaft und gesellschaftliche Ordnung festigen. Ausführliche Berichte über die Hochzeiten in Eger 1459, Amberg und Urach 1474 sowie Landshut 1475 erlauben Einblicke in Entwicklung und Ablauf, ermöglichen aber auch Rückschlüsse auf weniger gut überlieferte Feste. Diese lassen sich spielerisch in der „Hochzeitstorte“ der Landshuter Ausstellung erkunden. BSV/Bezuszko

Wir freuen uns auf euren Besuch und wünschen viele spannende und neue Eindrücke! Gerne könnt ihr auch schon mal vorab in unseren Audioguide reinhören.