Vor 200 Jahren, am 17. August 1826, entdeckte der gebürtige Breslauer Künstler August Kopisch zusammen mit seinem Malerfreund Ernst Fries aus Heidelberg und zwei mutigen Capresen die Blaue Grotte auf Capri. Schon kurz danach „tourte“ die „Grotta Azzura“ europaweit auf Theaterbühnen und faszinierte fünfzig Jahre später, 1876 auch König Ludwig II., der sich diese südländische Naturerscheinung mit künstlichen Mitteln in Bühnenbildern und in der Venusgrotte in Linderhof inszenieren ließ. Die spannende Entdeckungsgeschichte vor 200 Jahren, ist ebenso wie der Maler August Kopisch selbst kaum mehr bekannt, weshalb das heutige Kalenderblatt an dieses, auch für König Ludwig II. und seine Venusgrotte in Linderhof besondere Ereignis erinnert.
„Es war im Sommer des Jahres 1826…“

August Kopisch 1839 im Alter von 30 Jahren. Zeichnung von Joseph von Führich.
begann August Kopisch seinen 12 Jahre später publizierten Bericht über die Entdeckung der Caprigrotte. Im Vergleich mit heutigen Reisebloggern erschien sein „post“ damit recht spät und mediale Berühmtheit oder tausendfache Klicks konnte er auch nicht erreichen. Seine Beschreibung und seine Lebensgeschichte lesen sich (für mich jedenfalls) auch heute noch spannender als so manche Story eines Insta- oder Tik-Tok-Stars. 1799 in Breslau geboren studierte August Kopisch in Dresden, Prag und Wien Malerei und beschäftigte sich (typisch für das 19. Jahrhundert) mit Poesie und Musik.
Ein Schlittschuhunfall, der ihn am Malen hinderte in Verbindung mit Liebeskummer trieben ihn 1824 nach Italien, wo er zunächst in Rom Station machte und zwei Jahre später Neapel erreichte. Es war keine gewöhnliche Grand-Tour eines nordalpinen Künstlers oder Adeligen und auch ganz anders als heutige Bildungsreisen. August Kopisch beschäftigte sich ausgesprochen intensiv mit der südländischen Kultur und vor allem mit der italienischen wie neapolitanischen Sprache. Er übersetzte volkstümliche Gedichte und sogar Dantes Göttliche Komödie, ein wahrhaft episches Werk, ins Deutsche. Erst 1829 kehrte er in seine Heimat zurück und verarbeitete seine Eindrücke in Gemälden und literarischen Werken. Kaum einer weiß heute noch, dass er es war, der die bekannte Volkssage über die Heinzelmännchen mit einem Gedicht von 1836 populär machte. 1853 starb der Lebenskünstler, Dichter, Maler und auch kreative Erfinder mit kaum über 50 Jahren.
Ein Capri-Besuch mit Folgen
Sicherlich war für August Kopisch selbst die Entdeckung der Blauen Grotte auf Capri im August 1826 das außergewöhnlichste Ereignis seines Lebens. Den Römern in der Antike bekannt, wurde die Grotte über Jahrhunderte hinweg nicht mehr besucht. Sie wurde von den Einheimischen „Grotta di Gradola“ (nach der oberhalb liegenden römischen Villa Gradola) genannt und als von Geistern und Teufeln bewohnt strikt gemieden. Vom Capreser Notar Giuseppe Pagano auf die Geschichte um die Grotte aufmerksam gemacht, drängte der erst 27 Jahre alte Künstler, diese „verfluchte“ Grotte zusammen mit seinem Malergefährten Ernst Fries zu erkunden. Die beiden Deutschen wagten sich schwimmend zusammen mit dem Fischer Angelo Ferraro und Giuseppe Pagano am 17. August 1826 als erste Menschen nach Jahrhunderten in die dunkle Höhle. Sie fanden keine Gespenster, sondern ein phantastisches Naturwunder:
„Bei Allem, was schön ist, kommt wieder herein: denn, wenn nichts in der Grotte ist, als das himmlische Wasser, bleibt sie dennoch ein Wunder der Welt! Kommt, fürchtet euch nicht, es sind weder Haifische noch Teufel hier zu sehn, allein eine Farbenpracht, die ihres Gleichen sucht!“,
rief Kopisch seinen hasenfüßigen Begleitern zu, als diese schon wieder schnell aus der Grotte geflohen waren. Fasziniert von der farbgewaltigen Blaustimmung fertigten Kopisch und Fries Skizzen, die sie später in Ölgemälde umsetzten.

Blaue Grotte in Capri von August Kopisch, Ölgemälde um 1834. Stiftung Preußische Schlösser und Gärten Berlin-Brandenburg, Invr.-Nr. GK I 683. Foto: Wolfgang Pfauder
August Kopisch trug die Geschichte der Entdeckung zusammen mit dem neu gefundenen Namen in das Gästebuch seiner Herberge auf Capri ein:
„Wir benannten diese Grotte die blaue (la grotta azzurra) weil das Licht aus der Tiefe des Meeres ihren weiten Raum blau erleuchtet. Man wird sich sonderbar überrascht finden, das Wasser blauem Feuer ähnlich die Grotte erfüllen zu sehen, jede Welle scheint eine Flamme.“
Die Grotta Azzura geht auf Tour
Von diesem Zeitpunkt an begann der unaufhörliche Strom der Touristen, die nach Capri reisen um das blaue Wunder zu sehen. Zahlreiche Künstler aus Nordeuropa zog es magisch in die Grotte, um Bilder dieser Naturerscheinung anzufertigen, die sich heute in allen Museen der Welt finden. Aber nicht nur die 12 Jahre später erschienene Geschichte von August Kopisch über die Entdeckung der Blauen Grotte trug zur wachsenden Berühmtheit bei. Er selbst erfand 1831 für Breslau und 1832 für Berlin zusammen mit dem Architekten Carl Ferdinand Langhans das sog. Pleorama (einen ersten Vorläufer „virtueller Realitäten“), in dem die Zuschauer in einem schaukelnden Holzboot saßen, an dem eine Leinwand mit Ansichten des Golfs von Neapel mit den Küsten und Inseln vorbei zogen. Nachbildungen der „Grotta Azzura“ selbst tourten eindrucksvoll inszeniert durch die Länder und auf die Theaterbühnen, beispielsweise 1842 im Ballett „Napoli“ in Kopenhagen.

Bühnenbild von Christian Ferdinand Christensen für das Ballett „Napoli“, aufgeführt 1842 in Kopenhagen. /(https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=8784157)
Mit neuesten technischen Raffinessen ließ man die blaue Grotte in der Schlussszene des Balletts „Ellinor, oder Träumen und Erwachen“ (1861 in Berlin uraufgeführt) erscheinen:
„Der sehr ausgedehnte Bühnenraum ist wie durch Feenhände zur „blauen Grotte“ geworden. Ein magisch blaues Licht, in der Farbe des brennenden Spiritus, umfließt die phantastischen Stalaktitengebilde, die von den Seiten aufragen, von der Decke niederhängen und spiegelt wieder [!] in den sanft bewegten Wellen, die den Grund der Grotte ausfüllen. Ganz im Hintergrunde bezeichnet ein schräg einfallender Strahl die niedrige Einfahrt, und gibt Kunde vom sonnigen Tage draußen.“ (Leipziger Illustrirte Zeitung, 11. Mai 1861)
Zwölf Jahre später, 1873, wurde diese Inszenierung zur Weltausstellung in Wien mit elektrischem Licht und innovativen Spezialeffekten nochmals übertroffen:
„Diese Grotte gehört zu den pompösesten Decorationen im Ballet und übertrifft wol [!] Alles, was in diesem Genre im Hofoperntheater gezeigt wurde.“ (Local-Anzeiger der „Presse“, 27. März 1873)
Der Erfolg dieser Ballettinszenierung in Wien lag sicherlich auch an den sich nun im 19. Jahrhundert rasant entwickelnden elektrischen Lichteffekten, auch wenn die Wiener Presse Attraktionen anderer Art bei der über mehrere Jahre laufenden Aufführung ausmachte.

Karikatur der Ballettinszenierung Ellinor an der Wiener Hofoper aus dem Jahr 1873 in der Zeitschrift „Der Floh“.
König Ludwig II. und die Faszination der Blauen Grotte
Im Jahr 1876 wurde der Bayerische König Ludwig II. – weniger aufgrund der weiblichen Attraktionen – sondern vielmehr wegen der in den Zeitungen beschriebenen magischen Theatereffekte auf die Wiener Grottendarstellung aufmerksam:
„Ferner möchten Herr Hofrath Sich erkundigen, ob es nicht möglich ist, bis ebenfalls Ende April eine andere Dekoration ganz neu anfertigen zu lassen, welche die blaue Grotte auf Capri darstellt. In Wien existirt eine solche Dekoration, und wäre es der Majestät recht, wenn der dortige Dekoration’smaler nach München berufen würde, um die nöthigen Angaben bezüglich der Ausführung anzugeben. Es ist dem Könige sehr viel an der Erfüllung dieses Wunsches gelegen.“ (Brief von Richard Hornig an das Hofsekretariat am 5. März 1876)
Schnell war der Entschluss gefasst, diese Wiener Caprigrotteninszenierung für König Ludwig II. an der Münchner Hofoper für eine Separatvorführung nachbauen zu lassen, um dort das Blaue Wunder ungestört und ohne beschwerliche Anreise nach Süditalien, erleben zu können. Im Archiv der Bayerischen Schlösserverwaltung haben sich zwei Skizzen erhalten, die das Wiener Bühnenbild der Blauen Grotte in der Ballettinszenierung Ellinor exakt kopieren und mittels Quadraturmalerei eine Umsetzung auf der Bühne der Münchner Hofoper ermöglichten.

Zeichnungen für die Inszenierung der Blauen Grotte von Capri für die Münchner Hofopernbühne von Christian Jank, ca. 1876, nach dem Vorbild der Wiener Inszenierung Ellinor, links König Ludwig II.-Museum, Inv.-Nr. 651, rechts Inv.-Nr. 1099.
Zur gleichen Zeit wurde der Privatdozent Dr. Max Edelmann von Ludwig II. beauftragt, sich von wissenschaftlicher Seite mit dem Phänomen des blauen Lichts der Caprigrotte und dessen möglichst perfekte Nachahmung für die gerade im Entstehen befindliche Venusgrotte in Linderhof zu befassen. Neben dieser eher kühlen technischen Herangehensweise war für Ludwig die Umsetzung auf der Theaterbühne der entscheidende Maßstab für die gewünschte Dauerinszenierung der Blauen Grotte in Linderhof. Tatsächlich war zu dieser Zeit nicht das Original auf Capri für den König der Anlass seiner Münchner Theaterinszenierung, sondern das viel beschriebene Wiener Caprigrotten-Spektakel der Ballettaufführung Ellinor.
Im Mai 1876 wünschte Ludwig Verbesserungen an der mittlerweile umgesetzten Theater-Grotteninszenierung:
„Seine Majestät lassen anfragen, ob es nicht möglich ist, die Theatergrotte ganz und gar mit electrischem Lichte zu beleuchten; so daß auch der vordere Theil derselben im gleichen Blau erstrahle, wie bei der erstmaligen Vorführung nur der hintere Theil beleuchtet war. Kann dieß ermöglicht werden, so wollen Seine Majestät die Grotte nochmals im Laufe des Sommer’s in Augenschein nehmen.“ (Brief von Richard Hornig an das Hofsekretariat am 13. Mai 1876)
Nun wurde auch der Physiker Edelmann eingespannt, um die Realisierung des perfekten Blaus auf der Bühne zu perfektionieren. Noch im Oktober 1876 wollte der König das Ergebnis gemeinsam mit Prof. Edelmann begutachten: „Professor Edelmann soll im Theater bei der Vorführung der blauen Grotte anwesend sein.“ (Brief von Richard Hornig an das Hofsekretariat am 29. Oktober 1876) Danach verlieren sich die Spuren der Blauen Grotte auf der Münchner Theaterbühne und König Ludwig II. konzentrierte sich nun auf eine perfekte Dauerinszenierung in Linderhof, was für alle Beteiligten keine leichte Aufgabe war.
Von Capri nach Linderhof: Kopisch – Fries – König Ludwig II.
Bei der Wiederentdeckung der Blauen Grotte auf Capri wurde August Kopisch damals im August 1826 von dem jungen Heidelberger Maler Ernst Fries begleitet. Beide hielten in der Caprigrotte die besondere Lichtstimmung in Skizzen fest, die sie später in mehrere Ölbilder umsetzten. Ernst Fries verstarb leider schon in jungem Alter 1831, fünf Jahre nach dem gemeinsamen Italienbesuch. Kaum bekannt ist, dass sein jüngerer Bruder, Bernhard Fries (1820–1879), ebenfalls ein Maler, ab dem Jahr 1871 für König Ludwig II. bei der Schlossausstattung in Linderhof tätig war. Ob der bayerische Monarch wusste, dass dessen Bruder gemeinsam mit August Kopisch die nun schon lange berühmte Caprigrotte entdeckt hatte? Oder war dies vielleicht im Umfeld des Königs bekannt? Wie auch immer, im März 1878 bekam Bernhard Fries den Auftrag, ein Bild der Blauen Grotte von Capri für König Ludwig II. möglichst naturrealistisch zu malen: „Wegen des Bildes von der blauen Grotte ist es Sr. M. recht daß Maler Frieß es malt, im Nothfall soll er hinreisen.“ (Brief an das Hofsekretriat Anfang März 1878) Ende Mai 1878 war das Bild wohl fertig – ob Bernhard Fries nach Capri reiste oder sich vielleicht auf Vorlagen seines Bruders stützte, ist nicht bekannt. Das 1.440 Mark teure Ölgemälde ist heute leider verschwunden (der Autor wäre für Hinweise auf dessen Existenz dankbar), aber eine Skizze mit einer genauen Beschreibung und einer Notiz des Urhebers findet sich unter den Akten zur Venusgrotte: „Verfertiger des Bildes „blaue Grotte“ (Bernhard Fries). Am 31. Mai 1878.“

Auszug aus den Akten zur Venusgrotte mit Notiz: „Verfertiger des Bildes „blaue Grotte“ (Bernhard Fries). Am 31. Mai 1878.“
Es gibt also mehrere Verbindungen zwischen der Caprigrotte im Golf von Neapel und der Blauen Grotte in Linderhof: über eine Wiener Theaterinszenierung, frühe wissenschaftliche Untersuchungen des Naturphänomens, aber auch über die Malerbrüder Ernst Fries (dem Begleiter August Kopischs) und Bernhard Fries, der für König Ludwig II. tätig war.
Beide Orte sind heute „Wunder der Welt“ die einen Besuch unbedingt wert sind: Die Grotta Azzura auf Capri ist ein so außergewöhnliches und bedeutendes Naturphänomen, dass die lange und strapaziöse Anreise schnell vergessen ist, auch wenn der Aufenthalt in der Grotte nur wenige Minuten dauert. Die Venusgrotte im UNESCO-Welterbe Linderhof zeigt uns auf einzigartige Weise die romantische Sehnsucht der Menschen im 19. Jahrhundert nach diesem Naturwunder und den Wunsch, diesen Ort mit allen technischen und künstlerischen Mitteln überall erlebbar zu machen. Diese Sehnsucht begann dank des Entdeckergeistes von August Kopisch vor 200 Jahren und hält bis heute an – lassen Sie sich bei einem Besuch auf Capri oder in Linderhof davon verzaubern.
Ihr Alexander Wiesneth
Titelbild vom Autor.
Aktuell ist eine Ausstellung zur Entdeckung der Blauen Grotte vor 200 Jahren vor Ort auf Capri noch bis Oktober 2026 zu besichtigen: Ausstellung: Il mito di Capri (Mythos Capri) – Goethe-Institut Italien
Weiterführendende Literatur zur Venusgrotte: https://ahnp.ub.uni-heidelberg.de/journals/icomoshefte/issue/view/5239


