War es nun ein falsch behandeltes Magengeschwür oder doch ein letzter Schlaganfall, der den finalen Vorhang über dieses barocke Lebens-Spektakel niederfallen ließ? „Umb 6 und 3 Viertl Uhr Abends“ des 26. Februars 1726 – heute vor 300 Jahren also – war es jedenfalls soweit: Am Ende eines zweimonatigen Krankenlagers mit Erbrechen und Bauchkrämpfen sowie laut Hofkalender darob „gänzlich aufgezehrte[n] Leibskräften“ wechselte Kurfürst Maximilian II. Emanuel „in 63. Jahr und 7 Monat erreichten Lebens-Alter Dero weltlichen Purpur mit dem ewigen“ – übrigens selbstredend und trotz „elendster Disposition“ mit „ungeschwächter Gemüts-Stärke“: schließlich reden wir von einem bayrisch-wittelsbacher Mannsbild!

So sieht eine zünftige barocke Apotheose aus: Die Miniatur aus der Residenzsammlung verherrlicht Max Emanuels Siege in den Türkenkriegen und verheißt Nachruhm und göttlichen Lohn
Nach über 45 Regierungsjahren (von denen allerdings faktisch ein Jahrzehnt des Exils abgezogen werden muss) ging der landläufiger Meinung zufolge „barockste“, zumindest aber sicherlich rockigste Herrscher, der bislang in der Münchner Residenz Hof gehalten hatte, ein in den weißblauen Himmel seines schönen Bayernlandes, das er in dieser Zeit nicht allzu häufig mit seiner Anwesenheit beehrt hatte. Solchen Einzug in ein Paradies voll Fresken und Stuckdekor der Gebrüder Asam lässt zumindest der nur Minuten vor dem Ableben erteilte Priestersegen hoffen. Den spendete der junge Erzbischof von Köln, Max Emanuels Sohn Clemens August, dem mittlerweile gelähmten, der Sprache beraubten Vater, bevor er selbst – erschöpft von der rasenden Kutschfahrt und barocken Kummer-Affekten zugeneigt – ohnmächtig zusammenbrach.
(Ba)Rocklegende oder Bankrotterklärung?

In den 1680er Jahren glorifiziert der Miniaturmaler Bruni den bayerischen Kurfürsten mehrfach in der Rolle des siegreichen Schlachtenlenkers
Möglich aber auch, dass so manchem der am Sterbebett Versammelten ein Absturz des verblichenen Kurfürsten in die Hölle plausibel erschienen ist: Denn damals wie heute schwankt das Urteil der Zeitgenossen und der Nachwelt über diesen zweiten Maximilian: Mit Stolz führte er den Namen seines Großvaters, des ersten bayerischen Kurfürsten, mit dem er nicht nur das Interesse für Künste und aufwendige Bauprojekte teilte. Sondern wie sein berühmter Ahnherr träumte auch Max Emanuel von einer dauerhaften Rangerhöhung seines Hauses und von einer bedeutenden Rolle der Wittelsbacher auf der internationalen Politik-Bühne: Ziele, die er so hartnäckig und rücksichtslos verfolgte, wie vormals sein eisenharter Opa – jedoch im Unterschied zu diesem durchaus ohne nachhaltigen Erfolg. Die geschichtlichen Spuren, die Max Emanuel dabei hinterließ, sind sehr blutig und nicht zuletzt furchtbar kostspielig gewesen. Sie haben andererseits – ewige, verstörende Ambivalenz historischer Prozesse – in Kunst und Architektur bleibende Zeugnisse hinterlassen, die bis heute zum stolz präsentierten Kulturerbe Bayerns zählen und von denen ein Gutteil in der Obhut der Schlösserverwaltung steht.
Mit wem also haben wir es hier zu tun? Einem barocken Mäzen großen Stils und früh hervorgetretenen Militärgenie der kaiserlichen Türkenkriege – oder einem unverantwortlichen Bündnispartner und politischen Bankrotteur? Leben und Persönlichkeit unseres diesjährigen Jubilars bieten Anhaltspunkte für jede dieser Charakterisierungen! Und so steht Max Emanuel tatsächlich faszinierend „tapfermütig in wechselnden Schicksalen“ vor unseren Augen, wie die 1715 zu seiner Rechtfertigung publizierte Propagandaschrift „Fortitudo leonina in utraque fortuna“ titelt. Grund genug also für uns, in diesem Jubiläumsjahr 2026 dem „Mavi Kral“, dem „blauen Kurfürsten“ (wörtlich eigentlich: „König“), wie ihn seine osmanischen Gegner respektvoll nannten, hier im Blog sowie in Veranstaltungen und Ausstellungspräsentationen in seinen bayerischen Schlössern in und um München nachzuspüren!
Verheißungsvolle Anfänge – Ein „blauer Kurfürst“ startet durch ins Blaue…
Die Regierungszeit Max Emanuels von 1680 bis 1726 gestaltete sich nicht nur für ihn selbst turbulent. Vielmehr umspannen diese Jahrzehnte eine politisch wie kulturell prägende Epoche bayerischer und europäischer Geschichte: Damals wurde der Gegensatz zwischen der vordrängenden Hegemonialmacht Frankreich unter ihrem „Sonnenkönig“ Ludwig XIV. und dem spanisch-deutsch-niederländischen Imperium des Hauses Habsburg auf diversen diplomatischen und militärischen Schlachtfeldern final ausgetragen, wirksam befeuert durch stets vorrückende Osmanenheere im Osten und eine aggressive Wirtschaftspolitik der ehrgeizigen neuen Seemächte im Westen. Das abwechslungsreiche Weltgeschehen bot daher einem aufstrebenden Prinzen eine passende Bühne für ruhmvolle Selbstdarstellung und Entfaltung von „Gloire“! Und mit Max Emanuel betrat ein wahres Naturtalent die Bretter dieses Theatrum europaeum.

Kleines Engelchen? Der Miniaturist M. Scharner stellt den jugendlichen Max Emanuel als geflügelten Himmelsboten zu Füßen Henriette Adelaides in der Pose der Gottesmutter da (- sein jüngerer Bruder in der Rolle des Christkinds war folgerichtig für eine kirchliche Laufbahn vorgesehen…)
Bereits die ein Jahrzehnt lang angstvoll erwartete, zuletzt kaum mehr erhoffte Geburt des kleinen Wittelsbachers im Sommer 1662 erschien den stolzen Eltern, Kurfürst Ferdinand Maria und seiner Gemahlin Henriette Adelaide von Savoyen, samt dem ganzen Hofstaat als göttliches Wunder. Dieses wurde mit aufwendigsten barocken Theaterfesten gefeiert, die München kurzfristig (aber lange vor späteren „Wiesn-Hypes“) in die oberste Liga europäischer Festkultur katapultierten. Zurückgeführt wurde die erfolgreiche Niederkunft ein wenig auf Henriettes Badekuren im oberbayerischen Heilbrunn und ganz arg auf die wirkmächtige Fürsprache des seligen Theatinerpaters Cajetanus von Thiene (1480-1547) – die imposante Kuppel der ihm aus Dankbarkeit gestifteten Hof- und Theatinerkirche St. Cajetan gegenüber der Residenz erinnert bis heute an den göttlichen Einfluss auf die bayerische Landespolitik…
Im Namen eben dieses katholischen Herrgotts – hierin gleichfalls ganz der selbsterklärte Erbe Maximilians I. – versuchte der junge Max Emanuel denn auch schon wenige Jahre später erfolgreich erste Ruhmespalmen zu erringen: Nach dem frühen Tod des Vaters und einer anschließenden kurzen Vormundschaft des Onkels Maximilian (noch einer…) Philipp hatte der 18jährige im Sommer 1680 die Regierungsgeschäfte übernommen. Schon kurz darauf engagierte sich der neue Kurfürst aber jenseits bayerischer Grenzen in den Feldzügen des bedrängten Kaisers Leopold I.: Dem schnürten damals die Truppen des osmanischen Sultans fast endgültig die Luft ab, als sie vom Balkan heraufziehend 1683 Wien, den schwer befestigten Vorposten der Habsburger Erblande, belagerten. Max Emanuel, der seine aufgebotenen Hilfstruppen selbst kommandierte, trug entscheidend zum schließlich erfolgreichen Entsatz der hart bedrängten Stadt und dem symbolträchtigen Sieg am Kahlenberg im September 1683 bei. Persönlicher Wagemut und wohl auch militärisches Talent ermöglichten ihm damals und im Fortlauf der jahrelangen Feldzüge eine Selbstinszenierung als kaisertreuer Glaubensstreiter, der den Westen und die Christenheit entlang der Dauerfront mit den ungläubigen Paschas schützte. Damals errang der Wittelsbacher, gewissermaßen im Pulverdampf, seinen landläufigen Ehrentitel des (mit Bezug auf die Uniformfarbe) „blauen Kurfürsten“: Eine Siegerpose, die Max Emanuel auch noch lange nach dem Ende seiner aktiven Feldherrenkarriere und in schlechten Zeiten über alle ihm verfügbaren Medien – Malerei, Kupferstich, Dichtung und Architektur – unablässig zelebrieren sollte.
Wittelsbacher Wunderknabe heiratet Haus Habsburg

Wohl im Zuge der Eheanbahnung porträtierte J. Werner die junge Erzherzogin Maria Antonia als Jagdgöttin Diana
Aber auch materiell sowie umgemünzt in politisches Kapital rentierte sich der Einsatz des bayerischen „Türkensiegers“: Juwelenstarrende Prunkwaffen in der Münchner Schatzkammer und reich dekorierte osmanische Reitzeuge im Nymphenburger Marstallmuseum verweisen noch heute auf die einst umfangreiche „Türkenbeute“, welche die siegreichen Reichsfürsten in ihre jeweiligen Residenzen heimtrugen und dort eine ganze „Türkenmode“ inspirierten.
Vor allem aber machte der Retter kaiserlicher Ehre Ansprüche auf die Hand seiner Habsburger Cousine Maria Antonia, der ältesten Tochter Leopolds I., geltend. Sie erschien Max Emanuel vor allem wegen ihrer von Mutterseite her bestehenden Ansprüche auf das spanische Habsburgerreich begehrenswert. Nur widerstrebend stimmte der Kaiser der Verbindung zu, die 1685 geschlossen wurde: Max Emanuels erstes größeres Bauprojekt, das entzückende Jagdschloss Lustheim im Schleißheimer Park, entstand im Zusammenhang mit dieser Vermählung!

Idealansicht der Lustheimer Schlossanlage – in dieser Form wurde sie leider nicht komplett umgesetzt
Henrico Zuccalli, der Graubündner Architekt des Kurfürsten, errichtete den Bau 1684-1688 im Stil einer italienischen Landvilla, deren reiches mythologisches Freskenprogramm rund um die Göttin Diana gleichermaßen ein gemaltes Kompliment an die Braut wie ein frühes Zeugnis barocker Deckenmalerei in Bayern ist. Doch soll uns die galante Pracht Lustheims nicht täuschen: Selbst nach den großzügigen Maßstäben des 17. Jahrhunderts gestaltete sich diese Wittelsbacher-Habsburger Ehe-Union katastrophal schlecht. Der ständig mit wechselnden Mätressen beschäftigte Womanizer Max Emanuel und die auf Porträts schüchtern und gedrückt wirkende Maria Antonia fanden nicht zusammen – außer bei der pflichtgemäßen Zeugung eines Erben: Im Oktober 1692 brachte die nach Wien zurückgeflüchtete Kurfürstin in der Hofburg den kleinen Joseph Ferdinand zur Welt, auf den ihre spanischen Herrschaftsansprüche übergingen, und starb, von Hass und Demütigung erschöpft, zwei Monate später am Heiligen Abend desselben Jahres, mit nur 23 Jahren. Unbetrauert ersetzte man sie an Max Emanuels Seite nur wenig später durch die polnische Prinzessin Therese Kunigunde Sobieski. Ab 1695 machte sie als seine zweite Gemahlin und Mutter von zuletzt zehn gemeinsamen Kindern ähnlich frustrierende Erfahrungen, sollte aber, robuster und willensstärker als ihre Vorgängerin, dem kurfürstlichen Gigolo erotische Eskapaden nicht unwesentlich erschweren…
Mehr als Pralinen und Pommes Frites – Belgische Statthalterschaft und spanisches Erbe
Die dynastische Allianz mit dem österreichisch-spanischen Imperium der Habsburger hatte aber auch den politischen Einflussradius Max Emanuels markant erweitert: Im Dezember 1691 ernannte die spanische Regierung im Namen des körperlich-geistig stark eingeschränkten Königs Carlos II. den Wittelsbacher zu dessen Statthalter in den Südlichen Niederlanden (dem heutigen Belgien): Eine, trotz holländischer und englischer Konkurrenz, – vor allem aber im Vergleich zum bayerischen Kurstaat – wirtschaftlich immer noch hoch entwickelte, stark urbanisierte und reich bevölkerte Boom-Region! Ganz unbestritten freudig und bar jeden Abschiedsschmerzes verlegte Max Emanuel in der Folge ab 1692 seinen Regierungssitz ins Brüsseler Coudenberg-Palais.

Stolz ließ Max Emanuel die wichtigsten seiner Erwerbungen auf dem niederländischen Kunstmarkt von dem Brüsseler Miniaturmaler Boully im handlichen Taschenformat kopieren!
Hier etablierte er, von keinerlei finanziellen Skrupeln bedrängt, ein prachtvolles Hofleben, pflegte neben seiner Leidenschaft für die schöne Agnes Le Lochier seine Liebe zur Oper und entdeckte mit Begeisterung sein Talent zum exzessiven Kunstsammeln: namentlich Rubensgemälde stattlichen Formats, die auch damals schon sehr teuer waren… All dies überaus zum Leidwesen seiner bayerischen Räte und der Landeshauptstadt München, die mitsamt ihrer Residenz in einen ökonomischen und kulturellen Dornröschenschlaf verfiel – trotzdem aber für Brüsseler Unterhaltszahlungen kräftig zur Kasse gebeten wurde.

Kurz vor dem unerwarteten Tod des kleinen „Prinzen von Asturien“ stellt Bruni ihn noch einmal im antiken Imperatorenkostüm und mit allem Pomp und Würdezeichen eines barocken Weltbeherrschers dar…
Hintergrund dieser aus heutiger Sicht verwirrenden bayrisch-belgischen Regentschaftsrochade war der Wunsch der spanischen Granden, nach dem voraussehbar kinderlosen Tod Carlos II. die Souveränität des zunehmend maroden iberischen Imperiums samt seines Kolonialreichs zu erhalten. Gemäß der jüngst etablierten Doktrin eines Europäischen Gleichgewichts bedurfte es hierfür eines Thronanwärters mit Erbberechtigung, aber ohne größere eigene Hausmacht. Daher schied die französische und österreichische Verwandtschaft erst einmal aus – und alle Hoffnung konzentrierte sich ab 1698 auf den kleinen boarischen Bua: Joseph Ferdinand, Max Emanuels Sohn mit der österreichisch-spanischen Maria Antonia. Der Kurfürst-Statthalter jubelte: Ein Spross seiner Lenden würde das ehemalige Weltreich Karls V. fortan unter weiß-blauem Rautenbanner beherrschen und seines väterlichen Rats bedürfen (nimm das, Opa Max!)…
Schon sammelte sich das Flottengeschwader, das den neuen, sechsjährigen Infanten nach Madrid bringen sollte: denn natürlich bedeutete seine Erwählung auch die lebenslange Trennung von der Herkunftsfamilie – fürstliche Vaterfreuden waren im 17. Jahrhundert eine zwiespältige Emotion.
„Wechselhaftes Geschick“ – Der Weg in den Erbfolgekrieg und die Folgen
Doch es kam anders: Mitte Januar 1699 erkrankte Joseph Ferdinand plötzlich und starb innerhalb nur weniger Tage. Mit dem Kleinen sanken alle hochfliegenden Pläne Max Emanuels für sein Wittelsbacher Weltreich ins Grab, wurde er für Habsburg uninteressant. In diesem Moment sah Max Emanuel Zukunftsperspektiven nur noch in einer Abkehr von seinem bisherigen Bündnispartner und in der Anlehnung an dessen Erzrivalen Frankreich, das ihn schon lange umwarb: Schließlich war er als Statthalter nicht nur Grenznachbar Ludwigs XIV., sondern über seine Mutter (eine Cousine des Sonnenkönigs) und seine Schwester, die 1680 den französischen Kronprinzen geheiratet hatte, dynastisch bereits eng mit diesem verbunden! Als der geplagte Carlos II. Anfang November 1700 tatsächlich und ohne allseits anerkannten Nachfolger starb, begann im Februar 1701 der befürchtete, weltweit zwischen Ludwig XIV. und den österreichischen Habsburgern ausgetragene Krieg um das Spanische Erbe. Und Max Emanuel, der alte Türkensieger, marschierte selbstbewusst an der Seite Frankreichs mitten hinein – mit katastrophalen Folgen:
Die Schlacht von Höchstädt am 13. August 1704 stellte nicht nur Weichen für den weiteren Kriegsverlauf, sondern bezeichnete auch einen Wendepunkt im Leben des kurfürstlichen Spielers und Selbstdarstellers: Einmal mehr war Max Emanuel als Feldherr persönlich vor Ort.

So glorios und farblich geschmackvoll wie auf diesem zeitgenössischen Miniatur-Schlachtenbild in den Kurfürstenzimmern der Residenz gestaltete sich der blutige Tag von Höchstädt leider nicht…
Er führte die bayerisch-französischen Truppen gegen die kaiserliche Armee des Prinz Eugen von Savoyen (seinen Cousin!) und die verbündeten englischen Verbände unter Herzog Marlborough. Doch Höchstädt war nicht Wien: Vereint fügten seine Gegner dem Wittelsbacher eine vernichtende Niederlage zu! Mit 25.000 Toten und Verwundeten war die Schlacht ein bis dato fast unfassbares Blutbad. In der Folge wurde Bayern von den Siegern besetzt. Max Emanuel floh zunächst zurück in die Niederlande und von dort weiter ins französische Exil, während der Kaiser 1706 die Reichsacht über ihn verhängte und ihm seinen kurfürstlichen Rang aberkannte.
Ein „Blauer Kurfürst“ lebt das „Vie en rose“ – Das Jahrzehnt im Exil

Dieses ebenso kostbare wie damals hochmoderne Tafelsilber, das sein Wappen als Beherrscher der Südlichen Niederlande ziert, ließ Max Emanuel im Exil von Pariser Goldschmieden fertigen. Heute funkelt die silbervergoldete Terrine als Rest erborgter Pracht in der Silbersammlung der Residenz
Max Emanuel wäre nicht er selbst gewesen, wenn sein Selbstvertrauen unter dieser, in der Geschichte seines Hauses beispiellosen Demütigung nachhaltig gelitten hätte. Am Hofe Ludwigs XIV. konnte man den jetzt zwar nutzlosen, aber anspruchsvollen Exilanten, den Schwager des Kronprinzen, der alles für die Sache Frankreichs geopfert hatte, schlecht abweisen. Stattdessen musste man ihn trotz leerer Kassen für seine leider fruchtlosen Verdienste angemessen alimentieren. So verlebte der Kurfürst a.D. nur politisch frustrierende, in Sachen Lebensgenuss aber goldene Jahre, jagte, spielte und erwarb Landsitze im Pariser Umland, die er modern und luxuriös ausstatten ließ von Künstlern und Kunsthändlern, die ihm seine alte Geliebte Agnes, mittlerweile diskret verheiratete Gräfin Arco, vermittelte. Alles auf Pump natürlich. Zudem angenehm weit entfernt von der zwar geschätzten, aber anstrengenden Therese Kunigunde samt den Kindern und unbehelligt vom Leid der bayerischen Landbevölkerung, die erfolglos gegen die österreichische Besetzung rebellierte und sich für den nur noch dem Namen nach bekannten Max Emanuel zusammenschießen ließ.
Erst nach zehn Jahren konnte der erschöpfte Ludwig XIV. auf den Friedenskongressen von Utrecht und Rastatt, die den zermürbenden Erbfolgekrieg letztlich in französischem Sinne beendeten, diesem – wir dürfen wohl annehmen – nervtötenden Dauergast sein aberkanntes Kurfürstentum wieder verschaffen. Wohlgemerkt: Max Emanuel selbst, ehrgeizig und unbelehrbar wie je, würde auf die Rückkehr nach Bayern gern verzichtet haben. Er hätte sein provinzielles Erbland samt Seen und Bergen gegen jede Insel oder jedes trockene Fleckchen Erde eingetauscht, das für diesen Zweck mit einem – und sei es nur formalen – Königstitel aufgehübscht worden wäre. Doch alle derartigen Appelle des Wittelsbachers an die Unterhändler des Friedenskongresses verhallten ungehört. So kam es, dass schließlich im Herbst 1715, während aus den Fenstern von Versailles merkwürdig trockene Taschentücher zum Abschied winkten, die schwer mit Kunst- und Luxusgütern beladenen Kutschen vom mondänen Schlösschen Saint-Cloud aus ins verarmte München zurück ruckelten.

Göttliche Gerechtigkeit! Max Emanuels Hofmaler J. Vivien lässt das Wiedersehen der exilierten Kurfürstenfamilie nach zehn Jahren Trennung im Beisein sämtlicher BewohnerInnen des antiken Götterhimmels stattfinden – das Riesengemälde kann heute in Schloss Schleißheim besichtigt werden (BStGS)
Back to good – das letzte Jahrzehnt
Die Wiedersehensfreude war auf Seiten des enttäuschten Landesvaters wie der erschöpften Landeskinder durchwachsen. In seinem letzten Lebens- und Regierungsjahrzehnt blieb Max Emanuel innerhalb bayerischer Grenzen und beschäftigte sich eher lustlos, aber notgedrungen damit, kleinere Polit-Brötchen zu backen und Schadensbegrenzung sowie Rehabilitierung seiner angeschlagenen Position zu betreiben. Perspektivisch erschien der größte Wurf dieser Jahre die Verbesserung des Verhältnisses mit den Habsburgern. Ein diplomatischer Durchbruch war vor allem die 1722 durchgesetzte Vermählung von Max Emanuels Sohn und Nachfolger Karl Albrecht mit der (leider nur jüngeren) Tochter Kaiser Josephs I. – Stichwort: Erbansprüche! (- mittelfristige Entwicklung: Österreichischer Erbfolgekrieg ab 1740. Klingt vertraut…). Die horrend teuren, aber international viel beachteten Hochzeitsfeierlichkeiten, mit denen das Wittelsbacher Comeback auf der großen europäischen Bühne zelebriert werden sollte, boten auch Gelegenheit, Max Emanuels diverse Schlossbauten angemessen zu präsentieren. Denn vor allem durch seine groß angelegten Kunst- und Bauprojekte versuchte der alternde Kurfürst, verlorenes Prestige wiederzugewinnen. Und ja: Auf diesem Gebiet, das seinem Kunstinteresse, seiner Liebe zum Luxus und seinem Talent zur Selbstdarstellung so sehr entsprach, war Max Emanuel zum Schluss ein letztes Mal wahrhaft und nachhaltig erfolgreich…
Max Emanuel lädt ein zum Schlösserpanorama – wohin im Jubiläumsjahr?
Den Beginn machte 1715/17 das Renaissanceschloss Dachau – dank seiner beherrschenden Lage hoch über der Moosebene und dem genealogischen Bildprogramm seiner Innenräume, das es zu einer Art Wittelsbacher „Ahnengalerie“ machte, ein guter Startpunkt, um an alte Traditionen anzuknüpfen und mit modernen Repräsentationsformen zu aktualisieren: Max Emanuels neuer, in Frankreich ausgebildeter Hofarchitekt Joseph Effner (1687-1745) versah den Haupttrakt mit monumentalen Fassaden und gestaltete Treppenhaus und Vestibule im französischen Barockstil neu.
Auch die große Zeit von Schloss Nymphenburg setzte wahrhaft erst jetzt ein: Zwar war die Geburt des kleinen Max Emanuel 1662 der fröhliche Anlass für die Gründung des „Burgos delle Ninfe“ durch die Wöchnerin Henriette Adelaide gewesen.
Aber erst kurz vor der Höchstädter Katastrophe ließ der mittlerweile in seinen 40ern angekommene Kurfürst den mütterlichen Landsitz 1701/04 von Henrico Zuccalli zu einer eindrucksvollen barocken Sommerresidenz ausbauen, deren kubische Pavillons durchfensterte Galerien verbinden.
Ab 1716 gestaltete dann wieder Effner Fassaden und Räume im Stil des französischen Spätbarocks, den Max Emanuel im Exil so lieben gelernt hatte. In den weitläufigen, symmetrisch durchkomponierten Gartenanlagen errichtete Effner zudem nach französischem Vorbild mehrere Lustschlösschen. Seine 1716/19 erbaute Pagodenburg mit ihren exotischen Dekorationen entstand im Geiste der aufkommenden Chinamode. 
Die 1718/21 konzipierte Badenburg verbindet mit Festsaal, reich dekorierten Ruhezimmern und großem Innen-Wasserbecken höfische Bade- und Festkultur. Gut im Park versteckt entstand zudem seit 1725 die Magdalenenklause als künstliche Ruine, in die sich der alternde Kurfürst zur religiösen Einkehr zurückzuziehen gedachte – ihre Vollendung erlebte er nicht mehr…
Doch von allen höfischen Bauprojekten der Epoche bleibt gewiss die barocke Anlage in Schleißheim am unmittelbarsten mit Max Emanuel verbunden: Seine politischen Ambitionen ließen ihn bereits in den 1690er Jahren ein neues, gewaltig dimensioniertes Residenzschloss in der Ebene nördlich von München planen. Der von Dominique Girard realisierte Park, bis heute ein Musterbeispiel barocker Gartenkunst, erstreckt sich mit Kanälen und Kaskade zwischen diesem Neuen Schloss und Max Emanuels „Erstling“ Lustheim. 1701-1704 wurde der Haupttrakt der geplanten Riesenanlage von Zuccalli im Rohbau errichtet. Es folgten Krieg und Exil. Unter gänzlich veränderten äußeren Umständen fand die Innendekoration erst ab 1719 unter Effners Leitung statt. Die imposante Folge von Treppenhaus, Festsälen und Galerie und die Paradezimmer mit ihrer authentischen Ausstattung überwältigen noch heute. Die in den letzten Jahren durchgeführten Restaurierungen der kostbaren Interieurs würdigen Schloss und Bauherrn zum Jubiläumsjahr in besonderer Weise.
Anlässlich des Jubiläums erinnern Themenführungen und eine Folge von Beiträgen auf dem Schlösserblog an Kurfürst Max Emanuel von Bayern. Hier findet ihr die aktuellen Führungstermine.
Auch die diesjährige Residenzwoche in der Residenz München (16.-25.10.2026) widmet dem Blauen Kurfürsten zahlreiche Programmpunkte. Die Residenzwoche beschließt am 25.10. ein Veranstaltungstag in Schloss Nymphenburg und in Schloss Schleißheim mit vielen Angeboten zu Max Emanuel. Außerdem wird in der Residenz München zur Residenzwoche ein neuer Themenraum zu Max Emanuel und seiner Mutter Henriette Adelaide eröffnet. Alle Termine und Informationen findet ihr zu gegebener Zeit auf unserer Webseite.

