Hinter den Kulissen

„And away runs the flame from candle to candle…“ Von Kronleuchtern, Zündschnüren und Weihnachtsbäumen

Carolonesaal Leuchter

Was wäre die Weihnachtszeit ohne Lichter und Kerzen? Die ein oder andere dürfte bei euch zu Hause dieser Tage entzündet werden und auch im Restaurierungszentrum der Schlösserverwaltung kam Kerzenlicht zum Einsatz und zwar auf ganz besondere Weise… doch dazu gleich mehr.

Doch erstmal fragt ihr euch vielleicht: Was hat die Restaurierung mit Kerzen zu tun? Einer der Schwerpunkte des Fachbereichs Kunsthandwerk liegt in der Betreuung der über 500 Kronleuchter (oder Lüster), die das Innere der bayerischen Schlösser schmücken – sie sind ein entscheidendes Puzzleteil in der grandiosen Wirkung der Räume, wie ihr eindrucksvoll im gerade wiedereröffneten Festsaal der Residenz Ansbach nachvollziehen könnt.

Das Anzünden von Kerzen in luftiger Höhe

Bei der Bearbeitung ebendieser Lüster begegneten meinem Kollegen Oliver Schach, unserem Experten für Lüsterrestaurierung, unweigerlich auch praktische Fragen der historischen Raumbeleuchtung. Wie hell waren die Räume des 18. Jahrhunderts bei Kerzenlicht? Und wie wurden die Kerzen überhaupt entzündet? Heute sind viele der Lüster elektrifiziert oder können mit akkubetriebenen LED-Kerzen bestückt werden und so einen Eindruck vermitteln, wie sich das Licht im Kristallbehang gebrochen und im Raum verbreitet hat. Doch der Luxus des elektrischen Lichts hat erst eine kurze Geschichte – während barocker Feste mussten hunderte, wenn nicht tausende Kerzen von Hand entzündet werden. Manche Lüster konnten zum Anbringen und Entzünden der Kerzen herabgelassen werden, doch nicht alle verfügten über diese praktische Funktion – dann kam das Personal beispielsweise mit an Stangen montierten Kerzen an die Kronleuchter heran. Doch bei unseren Recherchen stießen wir auch noch auf eine weitere Methode, die zumindest im London des 18. Jahrhunderts für viel Aufmerksamkeit gesorgt hat: der Einsatz von Zündschnüren.

Die Flamme läuft von Kerze zu Kerze…

Unsere Berichterstatter waren Gäste bei einem gesellschaftlichen Großereignis: der Königskrönung von George II. im Jahre 1727, die mit viel Pomp begangen wurde. An Krönungszeremonie und Prozession schloss sich ein Festbankett in Westminster Hall an, für das sich der Direktor der Royal Academy of Music, ein Schweizer namens John James Heidegger, eine besondere Überraschung überlegt hatte: beim Einzug des Königs in den dunklen Saal wurden tausende Kerzen beinahe gleichzeitig entzündet. Das Spektakel hat gehörigen Eindruck hinterlassen. Mary Granville, die in Westminster Hall anwesend war, schreibt später in einem Brief an ihre Schwester: „The room was finely illuminated, and though there was 1800 candles, besides what were on the tables, they were all lighted in less than three minutes by an invention of Mr. Heidegger‘s, which succeeded to the admiration of all spectators […]“. Auch der Dichter Thomas Gray war Gast des Festessens und erinnert sich später: „[…] the instant the queen’s canopy entered, fire was given to all the lustres at once by trains of prepared flax, that reached from one to the other. To me it seemed an interval of not half a minute before the whole was in a blaze of splendour.“ Für Frisuren und feine Kleider scheint das Abbrennen der Zündschnüre allerdings nicht ganz gefahrlos gewesen zu sein: „It is true that for that half minute it rained fire upon the heads of all the spectators (the flax falling in large flakes); and the ladies, Queen and all, were in no small terror […]“ – obwohl zum Glück alles glimpflich verläuft, wie Thomas Gray noch hinzufügt: „[…] but no mischief ensued. It was out as soon as it fell, and the most magnificent spectacle I ever beheld remained.“

Diese begeisterten Beschreibungen weisen darauf hin, dass der Einsatz von Zündschnüren für die Teilnehmerinnen und Teilnehmer der Feierlichkeiten noch kein alltäglicher Anblick gewesen sein dürfte. Ob Heidegger tatsächlich der Erfinder dieser Methode war, wie Mary Granville schreibt, darf bezweifelt werden – aber als Direktor eines Opernunternehmens und Organisator von Maskenbällen war ihm hier jedenfalls eine Inszenierung gelungen, die die Gäste nachhaltig beeindruckt hat.

Verfolgen wir die Spur der Lüster und Zündschnüre noch weiter, so landen wir bald im Russland des 19. Jahrhunderts und wieder bei einem besonderen Fest: Colonel G.A. Maude berichtet von den Feierlichkeiten zur Krönung Zar Alexanders II. im Jahre 1856 und dem Entzünden der 2300 Kerzen im Großen Thronsaal des Winterpalasts mittels Zündschnüren:

Lüster Klappenbach

Kronleuchter mit Behang aus Glas, Berlin 1802. Brandenburgisches Landesamt für Denkmalpflege; Abbildung aus: Klappenbach 2001

„The whole of the candles in each chandelier are connected by a piece of cotton dipped in some composition, and the end of the cotton hangs down about the height of a man. […] At the signal to light, the little hanging ends are all touched with a taper and away runs the flame from candle to candle in the prettiest manner possible.“

Etwas später, vermutlich zu Beginn des 20. Jahrhunderts, wurde im Potsdamer Stadtschloss ein Lüster abgelichtet, der uns mit seinen hängenden Zündschnur-Bögen einen Eindruck vom Aussehen der so vorbereiteten Lüster gibt.

Und schließlich betreten die Zündschnüre die ganz große Bühne: der 1935 veröffentlichte Film „Anna Karenina“ von Clarence Brown mit Greta Garbo zeigt eine Szene, in der Kerzen an Kandelabern mit Zündschnüren entzündet werden – und die laufenden Flammen gehen in die Filmgeschichte ein.

Screenshot aus dem Film „Anna Karenina“ von 1935. Quelle: www.archive.org

Screenshot aus dem Film „Anna Karenina“ von 1935. Quelle: www.archive.org

Ein Experiment

All diese Darstellungen haben uns neugierig gemacht – funktioniert das Anzünden wirklich so gut, wie beschrieben und im Film zu sehen? Um das herauszufinden, haben wir ein kleines Experiment gewagt: acht Kerzen, in einer Reihe aufgestellt, die Dochte vom Wachs befreit und „gehörig zerzaust“ (wie die Gebrauchsanweisung unserer Zündschnur empfiehlt), die Zündschnur mittels einer Schlaufe dreifach um die Dochte geknotet, dazwischen Glasemelente (sogenannte Aufsteckel), wie sie an Lüstern zu finden sind – und nicht zu vergessen, ein Eimer Wasser, falls es doch etwas zu löschen gibt.

Schach_KnotenZuendschnuere

Die zerzausten Dochte werden mit Schlaufen der Zündschnur verbunden. Foto: Oliver Schach

Ob es funktioniert hat? Seht selbst:

Wie euch vielleicht aufgefallen ist, regnet es bei unserem Experiment anders als bei der Beschreibung von Thomas Gray keine großen Ascheflocken – denn unsere Materialien entsprechen nicht ganz denen, die unser Berichterstatter über sich hatte: Unsere Kerzen sind nicht aus Bienenwachs oder Talg, sondern aus Paraffin, das erst im 19. Jahrhundert erfunden wurde, und haben zudem einen modernen, geflochtenen Docht – beides hat sicherlich einen deutlichen Einfluss auf den reibungslosen Verlauf unseres Experiments. Und – besonders wichtig – unsere Zündschnur besteht aus Nitrozellulose, die erst Mitte des 19. Jahrhunderts erfunden wurde. Doch womit könnte Heidegger gearbeitet haben? Thomas Gray meint Flachs gesehen zu haben… Weitere Hinweise dazu finden wir, passend zum baldigen Jahreswechsel, in Beschreibungen der Feuerwerkskunst – denn auch für die zu Heideggers Zeiten beliebten Feuerwerke waren Zündschnüre notwendig. Sie verraten uns, dass sich für diesen Einsatzzweck beispielsweise lose gedrehte Baumwollfäden eignen, die in Alkohol und Salpeter eingelegt und in Mehl gewälzt werden und deren Brenngeschwindigkeit sich durch die Rezeptur beeinflussen lässt. Feuerwerke wurden damals wie heute aber im Freien abgeschossen und stellten damit auch andere Anforderungen an die Zündschnüre. Hinweise zu möglicherweise verwendeten Materialien können wir aus solchen Texten aber sicherlich gewinnen. Was genau Heidegger für sein Spektakel verwendet hat, bleibt jedoch bis heute sein Geheimnis…

Und heute?

Die Recherche führte uns von London über Sankt Petersburg zu Greta Garbo bis in den Hof des Restaurierungszentrums in Schloss Nymphenburg. Doch hier ist die Geschichte der Zündschnüre noch nicht zu Ende – mit Blick auf die kommenden Festtage möchte ich euch nicht vorenthalten, dass sich auch die vielen Kerzen eines Christbaums mit Zündschnüren entzünden lassen – mit hohen Brandschutzvorkehrungen, wohlgemerkt. An manchen Orten, wie beispielsweise in Rheinfelden oder in Malters in der Schweiz hat sich diese Tradition zum Weihnachtsfest etabliert und versetzt die Besucherinnen und Besucher der Christmette noch immer in Staunen.

 


Dank

Ein herzlicher Dank für die ersten Hinweise zum Thema geht an Dr. Käthe Klappenbach, die unser Experiment damit ins Rollen gebracht hat. Weitere interessante Informationen erhielt Oliver Schach von Thomas Hinz, vielen Dank dafür!

Von mir ein ganz besonderer Dank an Dr. Paul Schuster vom Schloss Eggenberg für die spannende Korrespondenz und Informationen aus erster Hand – in Schloss Eggenberg lassen sich während besonderer Führungen barocke Räumlichkeiten in Kerzenlicht erleben.

 


Literaturauswahl

Bentley, Richard (Hg.): The Correspondence of Thomas Gray and William Mason, London 1853
Bünau, Rudolph von: Gründlicher Unterricht zur Artillerie und Feuerwerkerey, München 1779
Delany, Mary: The autobiography and correspondence of Mary Granville, Mrs. Delany, London 1861
Furttenbach, Joseph: Büchsenmeisterey-Schul, Augsburg 1643
Klappenbach, Käthe: Kronleuchter mit Behang aus Bergkristall und Glas sowie Glasarmleuchter bis 1810, Berlin 2001
Mortimer, Martin: The English Glass Chandelier, Woodbridge 2001
Uchatius, Josef: Die Kunst-Feuerwerkerei zu Lande, Wien 1848