Hinter den Kulissen

Das Wasserklosett in Schloss Ehrenburg als Spiegel moderner Hygiene

Toilette Schloss ehrenburg

Wenn wir an Burgen und Herrscher denken, stellen wir uns beeindruckende Prunksäle, elegante Möbel und höfischen Prunk vor. Kaum jemand verbindet sie mit Toiletten. Doch gerade diese unscheinbare Einrichtung kann als Zeichen des Fortschritts und der Modernität im Industriezeitalter gesehen werden. Sie erzählt die Geschichte der sich wandelnden Standards in Bezug auf Komfort, Hygiene und Technologie im 19. Jahrhundert. Um 1860 wurde eine der ersten Spültoiletten auf dem europäischen Festland im Schloss Ehrenburg in Coburg installiert. Dieses Detail verrät mehr über seine Zeit, als man auf den ersten Blick vermuten würde.

Aborterker auf der Cadolzburg bei Fürth. Foto: BSV/Scherf, Gruber

Aborterker auf der Cadolzburg bei Fürth. Foto: BSV/Scherf, Gruber

Bis weit ins 19. Jahrhundert hinein war die Verrichtung der Notdurft selbst in fürstlichen Residenzen eine pragmatische Angelegenheit. Nachttöpfe waren Standard und in früheren Jahrhunderten nutzte man zudem Aborterker, die an den Außenmauern von Burgen angebracht waren. Von modernen Abwassersystemen konnte keine Rede sein, stattdessen wurde das Abwasser gesammelt oder in Gruben entsorgt. Hygiene bedeutete vor allem, Gerüche zu vermeiden und körperliche Distanz zu wahren, aber nicht Sauberkeit im heutigen Sinne. Selbst im 18. Jahrhundert, als der Toilettenstuhl nach französischer Art in Mode kam, blieb die Lösung mobil und provisorisch. Sanitäre Einrichtungen waren funktional, aber kein integraler Bestandteil eines gut gestalteten Wohnkomforts.

Leibstuhl der Kurfürstin Elisabeth Augusta auf Schloss Schwetzingen. Foto: Bayerl

Leibstuhl der Kurfürstin Elisabeth Augusta auf Schloss Schwetzingen. Foto: Bayerl

Erst im 19. Jahrhundert kam es zu einer grundlegenden Veränderung. Die Industrialisierung, das damit verbundene Wachstum der Städte und neue medizinische Erkenntnisse veränderten das Verständnis von Gesundheit und Sauberkeit. In Großbritannien entstanden erste Reformbewegungen, die sich für bessere Abwassersysteme und öffentliche Einrichtungen einsetzten. Öffentliche Toiletten wurden erstmals 1855 in London gebaut. Diese Einrichtungen waren zunächst ausschließlich für Männer gedacht, obwohl viele der Arbeiter Frauen waren. Die Sanitärtechnik wurde somit Teil eines umfassenden Modernisierungsprozesses, der Stadtentwicklung, Sozialpolitik und Alltagskultur umfasste.

Prinz Albert von Sachsen-Coburg und Gotha, Schloss Ehrenburg. Foto: BSV/Weiss

Gemälde von Prinzgemahl Albert, Herzog von Sachsen-Coburg und Gotha, Franz Xaver Winterhalter, um 1845. Coburg, Schloss Ehrenburg. Foto: BSV/Weiss

In diesem Zusammenhang ist auch Prinz Albert von Sachsen-Coburg und Gotha zu sehen. Der in Coburg geborene Ehemann von Königin Victoria war technikbegeistert und reformfreudig. Auf der von ihm initiierten ersten Weltausstellung 1851 in London wurde den Besuchern ein Wasserklosett präsentiert.

Königin Victoria und Prinz Albert bei der Eröffnungsfeier der Weltausstellung. Foto: The Hearsum Collection

Königin Victoria und Prinz Albert bei der Eröffnungsfeier der Weltausstellung. Foto: The Hearsum Collection

Die Technik sollte sich als wegweisend für die menschliche Hygiene erweisen. In England verbreitete sie sich schneller als auf dem Kontinent. Um 1860 erhielt jedoch auch Schloss Ehrenburg in Coburg, das Residenzschloss von Alberts Familie, ein Wasserklosett. Die Porzellanschüssel war in einem schlichten Mahagonischrank im Schlafzimmer des Herzogs untergebracht. Um die Toilette zu betätigen, wurde ein Wasserbehälter von außen befüllt und mittels einer Handpumpe betätigt. Das Abwasser floss in den Keller, wo es gesammelt wurde.

Wasserklosett im Schlafzimmer des Herzogs auf Schloss Ehrenburg in Coburg. Foto: BSV/ Arndt

Wasserklosett im Schlafzimmer des Herzogs auf Schloss Ehrenburg in Coburg. Foto: BSV/ Arndt

Diese Toilette war nicht nur ein Luxus oder eine kuriose Besonderheit, sondern Ausdruck eines neuen Lebensverständnisses. Hygiene wurde nicht mehr ausschließlich als notwendiges Übel betrachtet, sondern als Teil eines modernen Lebensstils. Auch wenn nicht alle technischen Details rekonstruiert werden können, zeigt allein die Existenz einer solchen Einrichtung, wie sehr Komfort und sanitäre Innovationen zur Selbstverständlichkeit in der fürstlichen Lebenskultur geworden waren.

Solche Details machen deutlich, dass die Modernisierung des 19. Jahrhunderts nicht nur in Fabriken und Bahnhöfen stattfand, sondern auch im Alltag am Hof. Hinter einer unscheinbaren Mahagonitür verbirgt sich ein kleines, aber aufschlussreiches Kapitel der europäischen Kulturgeschichte.