Alabaster als Ausstattung des 19. Jahrhunderts
Ab dem Ende des 18. Jahrhunderts wurde Alabaster zu formschönen und materialbedingt fragilen Vasen und Beleuchtungskörpern verarbeitet. Dafür nutzte man die Transparenz des Materials unter anderem für Ampeln – einer Form der Deckenleuchten die üblicherweise über drei Ketten an einem kleinen Baldachin aufgehängt sind und ursprünglich als Öllampen angelegt waren. Beleuchtete man diese von innen oder oben, erhält man ein sehr warmtoniges Licht. Oft finden sie sich deshalb in privat genutzten Räumen oder Schlafzimmern – ihre Erscheinung erinnert an das Mondlicht .
Verteilt über unsere Schlösser haben sich fast überall einzelne Objekte erhalten, die sich allerdings oft in einem schlechten Zustand befinden. Ursächlich ist die Empfindlichkeit gegenüber Wasser, Wärme und Druck, da es sich um eine Varietät von Gips handelt. Entsprechend befinden sich viele beschädigte Objekte im Depot oder ausgestellte mussten überarbeitet werden.
Alabaster in Schloss Ehrenburg
Ein solches Beispiel ist eine Vase aus Schloss Ehrenburg in Coburg, die als Aufsatz eines Ofens im Speisezimmer aufgestellt ist.
Die Standfläche erlitt während der Nutzung des Ofens Schäden durch Entzug des im Alabaster gebundenen Wassers, dabei hat das Material seine Transparenz verloren und wurde brüchig. Vermutlich kam es in Folge zu einem Sturz der Vase. Zahlreiche Scherben waren laienhaften mit einem Neopolenklebstoff zusammengefügt worden. Über die Zeit vergilbte dieser und entstellte die Erscheinung der Vase.

Die Alabastervase vor der Restaurierung mit gealterter Klebung ohne und neu verklebt mit ergänztem Rand
Im Roten Empfangszimmer sind zwei Prunkvasen, in Schloss Rosenau in Rödental eine zugehörige Uhr und im Depot eine schalenförmige Deckenlampe erhalten. Anhand eines Aquarells von Ferdinand Rothbart kann die Aufstellung als Ensemble im Schlafzimmer des Herzogs nachvollzogen werden. Heute ist dieser Raum umgestaltet und die Alabasterobjekte sind voneinander getrennt.

Ferdinand Rothbart (1823-99) The Ehrenburg Palace: a bedroom c.1845 © Royal Collection Enterprises Limited 2025 | Royal Collection Trust
Weiterhin ist neben kleineren Alabasterobjekten die Ampel aus dem Schlafzimmer erhalten.
Verarbeitung und Ornamente deuten auf eine gemeinsame Herkunft – vermutlich aus Volterra zu Anfang des 19. Jahrhunderts – hin. Ab 1791 wird dort unter der Familie Inghirami Alabaster in hoher kunsthandwerklicher Qualität verarbeitet. Meist entstanden die Werkstücke als achsensymmetrische Formen, also auf einer Drechselbank hergestellt.
Eine Krone für die Herzogin
Auf ein besonderes Stück aus dem Schlafzimmer der Herzogin soll hier eingegangen werden: eine Ampel mit sechs Lichtern. Auch ihr Baldachin, an dem sie mit drei Ketten aus feuervergoldeter Bronze hängt, ist aus Alabaster gefertigt. Seine schlichte Form ist durchbrochen von kleinen Sternen.
Die Beleuchtung erfolgt durch sechs Kerzen an geschweiften Armen, flankiert von drei Löwenköpfen aus vergoldeter Bronze. Denkbar ist zusätzlich eine Beleuchtung mittels einer weiteren Lichtquelle in der Ampel. Dafür spricht die sorgfältig ausgeführte Halterung der Arme im Inneren, die ansonsten nicht einsichtig ist. Erst nach der Restaurierung und Rekonstruktion wirkt sie wieder wie eine Krone über der Schlafstätte der Herzogin.
Anhand von Archivalien wissen wir nur wenig über sie. Bis Anfang des 20. Jahrhunderts ist an selber Stelle eine durch Wasser beschädigte Alabasterampel mit 9 Lichtern belegt. Als Ersatz folgt die jetzige, die bis über die 1960er Jahre scheinbar vollständig erhalten war.

Eintrag im Inventar: …desgleichen von Bronze und Krystall mit Alabasterschale zu 9 Lichtern // Schlafzimmer höchster Herrschaften Raum (29) 24 jetzt 6 Lichter, durch Wasserschaden gefroren und gesprengt
Auffällig ist ein Ornament am Rand der Ampel – kleine Perlen sorgsam über fragile Stege miteinander verbunden. Auch an den beiden Vasen die jetzt im Roten Empfangszimmer stehen und auf dem Aquarell von Rothbart abgebildet sind findet es sich gleichermaßen. Der Verdacht liegt nahe, dass sie ursprünglich zusammengehörten oder zumindest in einer Werkstatt entstanden.
Fragmente im Depot
Der Autor findet die Ampel bei dem ersten Besuch in Schloss Ehrenburg in einem unwürdigen Zustand ohne Boden vor. Im Depot können Teile des Bodens und der durchbrochenen Krone dem Stück zugeordnet werden. Zu Anfang ihrer Restaurierung scheinen nach optimistischer Annahme bis zu 75 % der Krone erhalten zu sein.
Wie sich herausstellt sind es maximal 50 % und zwischen Standring und Blattkranz findet sich nur eine 4 Quadratmillimeter kleine Kontaktfläche. Immerhin können alle Bruchstücke zugeordnet werden, die Ornamente schließen sich allmählich und können als Vorlage für die fehlenden Flächen verwendet werden.
Herantasten an die Form
Was folgt ist eine langwierige kleinteilige Arbeit – aus einem Ersatzmaterial werden Voluten, Blätter und Stege gegossen, an das Original angepasst, fixiert, miteinander verklebt und anschließend überschüssiges Material abgearbeitet. Die Transparenz von Alabaster kann auf diese Weise nicht nachempfunden werden, aber aus der Distanz fällt dieser Makel nicht ins Auge. Aus der Nähe ist, wenn Licht durchfällt, Original und Ergänzung klar zu unterscheiden.
Eine Herausforderung stellt der fehlende Bereich zwischen Körper der Ampel und dem mit Blättern modellierten Abschluss dar. Aus den Blättern am Rand der Ampel und der am Abschluss wird eine neue Form modelliert, die Zwischenflächen mit Wachs geschlossen. Der Perlstab kann mittels Glasperlen rekonstruiert werden. Anhand von Archivfotos kann ihre Anzahl und Größe nachvollzogen werden. Alles zusammen wird ein weiteres Mal in Silikon eingebettet und abgegossen.

Die Rekonstruktion eines fehlenden Teils: Hochauflösender Scan aus einer Raumaufnahme (Fotoarchiv BSV) – Herantasten an die Form mittels Karton – Holzmodel mit Wachsappliken und Glasperlen – Modell vor der Abformung – Schleuderguss mit Ersatzmaterial – retuschierte Ergänzung in der Ehrenburg
Nach mehreren Monat Bearbeitung setzt die Ampel wieder einen Akzent im Schlafzimmer der Herzogin. Am besten kann man sich bei einem Besuch vor Ort davon überzeugen!
Danksagung
Alle Arbeiten wären nicht möglich gewesen ohne die verständnisvollen und hilfsbereiten Kolleginnen und Kollegen im Restaurierungszentrum und der Schlösserverwaltung. Ihre Arbeit ist nicht unmittelbar sichtbar, aber umso wichtiger. Um nur einige zu nennen:
Die wunderbaren Scans von Karin Weber, die kleinste Details wieder hervorheben, die Drechslerarbeit und Beratung von Margaretha Binapfl und Martin Kutzer mit einem geschulten Blick auf die Proportionen, die Kolleginnen vor Ort bei der Unterstützung zum Ab- und Aufhängen. Und noch viele weitere mit kleinen und größeren Beiträgen.








