von Jonas Jückstock, Matthias Memmel und Bernhard Mintrop //
Dieser Beitrag erscheint im Rahmen unserer Blogserie „200 Jahre Sachsen-Coburg und Gotha“. Wir blickten in diesem Zusammenhang schon auf Herzogin Luise und auf Herzog Ernst. Diesmal stehen zwei prachtvolle Neuzugänge für Schloss Ehrenburg im Fokus. Doch ganz so neu sind die beiden Leuchter eigentlich gar nicht für Coburgs Residenzschloss…
Die Fürstenhochzeit von 1894 versammelte royale Persönlichkeiten aus ganz Europa in Coburg. Die örtliche Presse berichtete ausführlich über das Eintreffen der Gäste, deren Unterkünfte und das Festprogramm.
Die Öffentlichkeit war beispielsweise bestens im Bilde, dass nach der kirchlichen Trauung am 19. April in der Ehrenburg ein festliches Diner stattfand. Der Termin vereinte das Brautpaar an einer langen Tafel mit seinen hochrangigen Gästen wie der Königin von Großbritannien und Irland, dem Deutschen Kaiser oder den Thronfolgern von Rumänien und Russland. Während die Leser der Coburger Zeitung die Zusammenkunft anhand eines zweidimensionalen Sitzplans geschildert bekamen, wartete das Magazin The Illustrated London News mit einer dreidimensionalen Abbildung der Festtafel auf. Hierfür schickte man einen Sonderberichterstatter nach Coburg, der den festlichen Moment in einer Skizze festhielt. Von dem Motiv wurde ein Holzstich angefertigt und im Magazin abgedruckt. Im Hintergrund der Darstellung erkennt man nicht nur den filigranen Hochzeitskuchen, sondern auch die Raumschale des Thronsaals der Ehrenburg. Unübersehbar, die Köpfe aller überragend stechen vor den Wänden vier hohe Kerzenleuchter hervor.

Monumentale Raumarchitektur, Pariser Kandelaber mit geflügelten Siegesgöttinen und ein Londoner Hochzeitskuchen in Form einer hohen Blumenvase: Die Hochzeitsgesellschaft von 1894 speiste in Coburgs Thronsaal vor schmuckvoller Kulisse. Bayerische Staatsbibliothek/ Melton Prior.
Diese rund zweieinhalb Meter großen Leuchter entstanden im frühen 19. Jahrhundert in Paris. Mit der Kombination von geflügelten Viktorien aus patinierter Bronze und reichen feuervergoldeten Messingbeschlägen auf hohen dunklen Sockeln stellen sie einen äußerst seltenen Typus dar und sind Meisterwerke ihrer Zeit. Ihr Schöpfer ist nicht namentlich überliefert, doch lassen die exquisite Qualität und die kunstvolle Ausführung nur eine renommierte Werkstatt jener Jahre infrage kommen, möglicherweise, auch aus motivischen Gründen, die des Pariser Bronziers Pierre Philippe Thomire.
Ernst I. von Sachsen-Coburg und Gotha (reg. 1806–1844) erwarb acht Exemplare der majestätischen Kandelaber für sein Coburger Residenzschloss, wo sie für rund hundert Jahre die prunkvolle Kulisse des Thronsaals bereicherten. In den darauffolgenden hundert Jahren standen dann, auf anderen Positionen als bei der Fürstenhochzeit 1894, nur mehr sechs Kandelaber im Raum. Denn nach 1918 erhielt das Haus Sachsen-Coburg und Gotha im Rahmen der Abfindung des Herzogshauses zwei der acht Kandelaber übereignet. 2025 gelang es der Bayerischen Schlösserverwaltung bei einer Münchner Auktion, diese zwei Kandelaber für Schloss Ehrenburg zurückzukaufen.
Zwei und sechs macht nicht gleich acht
Beim Blick auf das wiedervereinte Ensemble zeigte sich, dass die Sockel der zurückerworbenen und die Sockel der in der Ehrenburg gebliebenen Kandelaber eine unterschiedliche Anmutung aufweisen. Auf den ersten Blick hatte es den Anschein, dass sich die sechs Exemplare des Thronsaals in wesentlich besserem Zustand erhalten hatten. Tatsächlich waren diese in so gutem Gesamtzustand, dass bis dato der Eindruck bestanden hatte, sie seien mit Ausnahme der kurzen Säulenstümpfe aus rotem Marmor, auf denen die bronzenen Viktorien stehen, in ihrer Gesamtheit aus Metall gefertigt. Denn die matt schwarzen Säulenschäfte erscheinen nahezu völlig makellos glatt wie aus Eisenblech, sodass sich die feuervergoldeten, filigranen Zierornamente in exzellenter Weise davon abheben. Bei näherer restauratorischer Untersuchung stellte sich jedoch heraus, dass die Sockel in Wahrheit aus Holz gearbeitet und schwarz gefasst sind. Es handelt sich bei den Kandelabern also eigentlich um Möbel.
Besagten metallenen Eindruck erweckten die Neuerwerbungen gar nicht. Zum einen war ihr Zustand, insbesondere der der Sockel, sehr uneinheitlich und verhältnismäßig beschädigt, sodass sich an diesen Fehlstellen die hölzerne Unterkonstruktion sogleich verriet. Darüber hinaus waren unter den in einem abweichenden Farbton gestrichenen Oberflächen sowohl die Holzmaserung wie auch die geleimten Eckverbindungen durchscheinend und leicht erkennbar.
Dieser merkwürdige Unterschied der ansonsten völlig einheitlichen Gestaltung der Kandelaber blieb zunächst ein Rätsel. Erst bei der weiteren Bearbeitung stellte sich heraus, dass die beiden Ensembles während ihrer Trennung unabhängig voneinander jeweils einer größeren Restaurierungskampagne unterzogen worden sein müssen. Die Zeitpunkte dieser Überarbeitungen sind bislang unbekannt, liegen aber wahrscheinlich eher weit zurück. Tatsache ist jedoch, dass offenbar die Maßnahmen an den in der Ehrenburg verbliebenen Exemplaren umfassender und die Bearbeitung der anderen beiden Kandelaber verglichen damit weniger tiefgreifend war. Bei den Stücken außerhalb des Schlosses wurde lediglich versucht, mit einem eingefärbten Klarlack die mutmaßlich beriebenen und verkratzten Oberflächen der Holzschäfte aufzufrischen. Dies hinterließ eine dunkle, uneinheitlich gefärbte und unregelmäßig glänzende Oberfläche. Interessant war dieser Befund insofern, als im Vergleich der Oberflächen zueinander deutlich wurde, dass sämtliche Kandelaber ursprünglich ein etwas anderes Aussehen hatten: Die Holzschäfte waren einstmals grün!

Der untere Teil des Holzsockels eines der zurückgekauften Kandelaber: Unter den Beschlägen und in verletzten Bereichen des Anstrichs ist die ursprüngliche Oberflächenveredelung zu erkennen, die an grünes Kupferblech oder patinierte Bronze erinnert. BSV/ Mintrop.
Offenbar wurde bezweckt, mit Hilfe malerischer Techniken den Eindruck korrodierter Bronze zu erzeugen. An klassizistischen Möbeln dieser Zeit findet man nicht selten dunkelgrün gefasste Bestandteile, die bewusst eine antike Anmutung durch künstliche Patina erzeugen sollten. Dass dies auch beim Coburger Kandelaber-Ensemble der Fall war, war bis dahin allerdings nicht bekannt.
Sowohl bei den Rückerwerbungen als auch an einzelnen der in der Ehrenburg verbliebenen Exemplare bestand Restaurierungsbedarf. Zudem galt es, die verschiedenen Zustände der fast einhundert Jahre voneinander getrennten Objekte behutsam anzugleichen, nicht zuletzt um die nahtlose Eingliederung der Rückerwerbungen zu gewährleisten, freilich ohne historische Spuren zu verwischen oder zu verfälschen. Dafür war der Blick auf jede einzelne Komponente, sprich die vielen Gestaltungselemente der Kandelaber zu richten.
Ein Kandelaber und die Summe seiner Teile
Die acht Kandelaber bestehen je aus einem hohlen Holzkorpus und sind am Boden mit je vier Eisenwinkeln an jeder Ecke im Boden verschraubt und fest verankert.
Diese Montage ist verblendet mit einer quadratischen, ringförmigen Plinthe am Fuß der Kandelaber. Auf dem schwarz-grünen Holzkorpus sind allseitig feuervergoldete Messingbeschläge unterschiedlicher Motivik angebracht, wobei sich die rückseitigen Beschläge nicht erhalten haben. Der Kandelaberschaft ist mit längsorientierten, mehrteiligen Beschlägen verziert und wird durch ein umlaufendes, quadratisches Girlandenprofil im oberen Drittel unterteilt, welchem horizontal je ein Beschlag pro Seite folgt.
Der Schaft schließt mit einem aufgesetzten, feuervergoldeten Messingkapitell ab. Ein solides Eisen verspannt die Schaftkonstruktion; über eine zweite Eisenstange werden folgend Marmorsockel und Bronzefigur gegenläufig verschraubt.
Der Lichterkranz mit den Kerzen ist separat mit der Figur verschraubt, ebenso die einzelnen Leuchterarme. Insgesamt ist die kopflastige Konstruktion ein bis ins Detail ausgetüfteltes Kunstwerk, welches über die Gewindeeinstellungen sehr präzise ins Lot gesetzt und austariert wird. Dies ist ein weiteres Indiz dafür, dass die ausführenden Künstler und Handwerker zu den Besten ihrer Zeit gehörten, da hierfür große Erfahrung und großes Können vonnöten sind.
Eine genauere Begutachtung des Zustands aller Kandelaber zeigte schnell, dass sowohl die Rückerwerbungen als auch die Kandelaber des Thronsaals zahlreiche kleinere Verluste im Bestand der Beschläge aufwiesen und dass, vielleicht bei der letzten Umstellung, einige Beschläge bereits ersetzt wurden. Das Restaurierungskonzept sah deshalb eine Ergänzung verlorener kleinerer und größerer Beschläge vor, sofern diese zweifelsfrei identifiziert werden konnten. Da sich von der Längsseite der Kandelaberrückseiten keine Beschläge erhalten hatten, wurden diese nicht ergänzt.
Wie aus einem Guss – aber welches Verfahren?
Die historischen Originalbeschläge der Kandelaber wurden seinerzeit im frühen 19. Jahrhundert im Sandguss-Verfahren gegossen. Dazu wurden die jeweiligen Holz- oder Gipsmodelle in eine Form mit feuchtem, tonhaltigem Sand gepresst und dieser verdichtet, so dass sich das Vorlagemodell möglichst detailgetreu in den Sand drückt und die Negativform bildet. Wenn die Feuchtigkeit aus dem Sand-Ton-Gemisch entwichen und die Form erhärtet war, konnte man das Model entnehmen und der nun feste Sand diente als Gussform für das zu gießende Metall. Nach dem Guss konnte die Form meist wiederverwendet werden, was exakte Wiederholungen ermöglichte und wirtschaftlich war. Nach dem Erkalten des Gusses mussten die Beschläge aus der Form genommen und die Oberflächen nachbearbeitet werden. Denn die gegossenen Oberflächen haben eine große Rauigkeit und müssen mit Sticheln und Punzen mühsam geglättet und poliert werden. Diese Arbeit war sehr zeitaufwändig und der maßgebliche Kostenfaktor.

Rückseitige Ansicht eines Beschlags. Sichtbar sind die grobkörnige Gussstruktur, die unüberarbeitete Gusshaut sowie die Signatur des Gießers. BSV/ Jückstock.
Frankreich hatte sich im ausgehenden 18. Jahrhundert als weltweit führendes Zentrum der Bronzebearbeitung etabliert und in zahlreichen Werkstätten professionalisiert. Gießer, Ziseleure, Vergolder, Politeure und viele weitere Berufe entstanden und perfektionierten einzelne Arbeitsschritte. In der napoleonischen Zeit erlebte diese dekorative, meist vergoldete Bronzekunst mit den vielfältigen Motiven des Klassizismus seine Blütezeit, wofür die Coburger Kandelaber ein repräsentativer Beweis sind.
Für die Nachgüsse der fehlenden Teile wurde nicht das historische Sandguss-Verfahren gewählt, sondern das gleiche Ergebnisse erzielende, kostensparendere Vakuum-Formguss-Verfahren. Hierfür wurden die zu gießenden Teile in Silikon abgeformt und unter Vakuum mit Gießwachs ausgegossen, um so das Positivmodell für den Formguss zu erhalten. Das Wachsmodell wurde dann in speziellen Gusssand gebettet, ausgeschmolzen und die Gussform unter Vakuum mit dem flüssigen Metall gefüllt. Das Vakuum ermöglicht einen gleichmäßigen, porenfreien und detailgetreuen Guss, der kaum nachbearbeitet werden muss.
Die Gussteile wurden anschließend in traditioneller Weise feuervergoldet, mit klassischer Goldschmiedetechnik angepasst und den Leuchtern angefügt. Die gealterten Oberflächen der Originalbeschläge wichen naturgemäß von den reproduzierten Nachgüssen ab, weswegen die Vergoldung mit Lack und Pigmenten abgetönt werden musste, damit die Ergänzungen nicht sofort augenfällig sind, sondern sich harmonisch in den Bestand einfügen.
Bei einem Leuchterarm wurde festgestellt, dass der Gewindestift für die Kerzentülle durchgerostet war. Er wurde daraufhin durch einen Messinggewindestift passgenau ersetzt. Ferner wurde ein verlorenes Schleifenelement eines Girlandenbeschlags an einem Marmorsockel ergänzt und mit einer Brücke montiert.
Schließlich erfolgte eine behutsame Feuchtreinigung aller Beschläge.
Neue alte Aufstellung – neuer alter Glanz
Der Rückerwerb der monumentalen Leuchter versetzte die Bayerische Schlösserverwaltung in die Lage, den Thronsaal von Schloss Ehrenburg wieder in seiner authentischen Raumwirkung des 19. Jahrhunderts erlebbar zu machen. Hierfür wurden in der Museumsabteilung Quellen zum einstigen Aussehen des Thronsaals zusammengetragen und in eine zeitliche Abfolge gebracht. Der Holzstich der Illustrated London News von 1894 war eines der hierbei konsultierten Zeugnisse. Noch weiter zurückblicken ließen Aufnahmen des Coburger Hoffotografen Hermann Schwegerle.

Der Fotograf Hermann Schwegerle war von 1877 bis 1880 in Coburg tätig. In diesem Zeitraum entstand diese Aufnahme des Thronsaals. Neben den Kandelabern sticht ins Auge, dass zum damaligen Zeitpunkt in der Raummitte ein Gemälde von Herzog Ernst II. aufgehängt war. Der heute an dieser Stelle befindliche Baldachin befand sich seinerzeit im Riesensaal. Bildarchiv Foto Marburg/ Hermann Schwegerle.
Sie konnten auf den Zeitraum 1877 bis 1880 eingegrenzt werden. Schon damals standen die Kandelaber demnach vor den Wandpilastern des Thronsaals. Noch sichtbare Befestigungsspuren im Fußboden bekräftigten diesen Befund.
Die kuratorische Entscheidung, mit allen acht Kandelabern auf diese frühesten bekannten Standpositionen zurückzukehren, erforderte eine Umsetzung, im wahrsten Sinne des Wortes. Fünf Fachrestauratoren des Restaurierungszentrums der Bayerischen Schlösserverwaltung arbeiteten im Thronsaal an der Neu- oder besser gesagt Rückpositionierung der Standleuchter. Denn dafür waren zunächst die verbliebenen sechs Exemplare von ihrem angestammten Platz zu lösen, was sich als kompliziertes Unterfangen herausstellte. Die einfache Schraubverbindung war unter den großen Messingsockeln verborgen. Um die Schrauben lösen zu können, musste jeweils die untere Hälfte aller Säulenschäfte mit einigem Aufwand von der vergoldeten Dekoration befreit, somit erst einmal entkleidet werden. Erst dann ließen sich die Sockel so weit anheben, dass die Demontage möglich wurde. Eine besondere Herausforderung bestand nun darin, die originalen Stellplätze der Einzelleuchter wiederzufinden. Dies gelang durch den Abgleich der bereits erwähnten, im Parkettboden verbliebenen Bohrlöcher mit den Befestigungsmitteln, die sich an den Füßen der Kandelaber erhalten haben und leicht abweichend von einander montiert sind. Papierschablonen erleichterten das Ausknobeln der zahlreichen möglichen Varianten. Letztlich war es möglich, die Kandelaber jeweils an ihren „eigenen“ alten Platz zurückzuversetzen.
Der Thronsaal war nach höfischem Zeremoniell der ranghöchste Raum der Ehrenburg. Folgerichtig erreicht die klassizistische Neueinrichtung des Schlosses durch Herzog Ernst I. dort ihren Höhepunkt. Der Rückerwerb der beiden Kandelaber und die Neuaufstellung des vollständigen Ensembles verleihen diesem besonderen Ort in der Coburger Residenz ein lange nicht gesehenes Erscheinungsbild wie zu Zeiten der Coburger Herzöge.













