Hinter den Kulissen

Hinter den Kulissen von WIRKSAM

Lisa-Marie Liebig-Micko und Dr. Uta Piereth //

It’s time to say goodbye. Nach einem Jahr voller Ausstellungen rund um das Thema „WIRKSAM. Frauennetzwerke der Hohenzollern im Spätmittelalter“ neigt sich dieses ungewöhnliche Projekt dem Ende zu. Bis zum 2. August gibt es noch die Möglichkeit, unsere letzte Präsentation Fürstliche Hochzeiten – Netzwerke für die Zukunft“ auf der Burg Trausnitz in Landshut zu besuchen. Wir wollen die Entstehung der Ausstellungen Revue passieren lassen und ein erstes Fazit des Projekts ziehen.

Nachhaltig gestaltet: Die „Hardware“ der Ausstellung für drei Orte

Eine besondere Herausforderung war die Ausstellungsarchitektur. Denn diese sollte für mehrere Ausstellungen der Schlösserverwaltung an drei unterschiedlichen Orten – der Cadolzburg, Schloss Neuburg a. d. Donau und der Burg Trausnitz – eingesetzt werden und sich in die dortigen Räume einfügen. Ein Novum! So wurde mit dem Gestaltungsbüro ö_konzept ein modulares System entwickelt, welches aus individuell verschraubbaren Ausstellungswänden, einem Satz Vitrinen und unterschiedlichen Aktivstationen bestand. Da die drei Ausstellungen keine Wanderausstellung mit identischem Inhalt waren, galt es, die Elemente nach jeder Ausstellung neu zu bespielen und anzupassen. Auch die interaktiven Stationen wurden mit wechselnden Themen bestückt und erhielten so ein neues „Ausstellungsleben“. Das vorgeschlagene System erwies sich als geschickt und flexibel genug, um sich an ganz unterschiedliche Räume und Gegebenheiten (Anzahl an Räumen, Raumgröße etc.) anzupassen. Und es knüpfte zugleich ein visuelles Band (wortwörtlich mit durchlaufendem rotem Streifen), das die drei Ausstellungen als Einheit erkennen und dennoch unaufdringlich die Ausstellungs- und zugleich Wirkungsorte der Frauen wahrnehmbar ließ.

Blick in die Ausstellungsräume in Cadolzburg und Neuburg an der Donau

Die Architektur der Ausstellungen musste in gänzlich anderen Räumen funktionieren. ö_konzept, BSV/Scherf.

Blick in die Ausstellungen in Cadolzburg und Landshut

Auch Aktivstationen wurden in den folgenden Ausstellungen wieder eingesetzt. So wurde das „Wittumsrad“ auf der Cadolzburg zum „Hochzeitsrad“ auf der Burg Trausnitz. ö_konzept, BSV/Scherf.

 

Erste Entwürfe für die Sonderausstellung auf der Cadolzburg sahen noch ganz anders als die spätere Präsentation aus.

Erste Entwürfe für die Sonderausstellung auf der Cadolzburg sahen noch ganz anders als die spätere Präsentation aus. Entwurf ö_konzept.

Mehr entdecken: Vertiefungsangebote für Neugierige

Der Sammelband zum Projekt steht kostenfrei im Netz zur Verfügung oder kann als klassisches, analoges Buch bestellt werden. BSV/ Liebig-Micko.

Der Sammelband zum Projekt steht kostenfrei im Netz zur Verfügung oder kann als klassisches, analoges Buch bestellt werden. BSV/ Liebig-Micko.

Das Kuratorinnenteam versuchte, in den Ausstellungen wie den Publikationen verschiedenste Interessenlagen zu berücksichtigen. Zwar muss und soll nicht jeder Gast der gleichen Faszination für die Themen verfallen wie wir, aber für jene, die so manches doch genauer wissen wollten, fanden sich bereits in den Ausstellungen viele Vertiefungsebenen – sei es in individuellen Hochzeitszeitungen zu den großen Fürstenhochzeiten des 15. Jahrhunderts, einer „Kriminalakte“ zu Ehen unter Stand oder in Hörstationen. Eine online, aber auch in sämtlichen Ausstellungsorten verfügbare Medienstation machte niedrigschwellig die Zusammenhänge zwischen den Protagonistinnen, den Orten und ihren Networking-Skills sichtbar.  Seit wenigen Wochen ist schließlich außerdem eine kostenfreie, wissenschaftliche E-Publikation zu den Fürstinnen der Hohenzollern verfügbar. Darin werden alle Frauen des Projektes ausführlich behandelt sowie Querschnittsthemen rund um Heirat, Erziehung und Architektur beleuchtet. So gibt es die Möglichkeit, sich auch nach Ende der Ausstellungen zu den Barbaras oder Margarethes & Co. (sie hießen leider alle gleich!) zu informieren.

Gäste der Neuburger Ausstellung konnten sich zu den Ehen unter Stand genauer informieren. Mit Blätterbuch im Stil einer alten Akte, QR-Code zu einem Podcast oder aufklappbaren Element!

Gäste der Neuburger Ausstellung konnten sich zu den Ehen unter Stand genauer informieren. Mit Blätterbuch im Stil einer alten Akte, QR-Code zu einem Podcast oder aufklappbaren Element! BSV/ Scherf.

Was bleibt? Erkenntnisse und Resonanz

Ein Ziel des Projekts war es, mit überholten Vorstellungen von Frauen im Mittelalter aufzuräumen. Denn Fürstinnen saßen keineswegs nur stickend vor dem Kamin, sondern sie konnten, je nach individuellem Charakter und Umfeld, beachtlichen Einfluss auf die Geschicke ihrer Dynastie nehmen. Sei es mit klassischen Herrschaftsaufgaben oder eher der „soft power“ des Netzwerkens oder etwa kultureller Prägung. Umso mehr hat es uns als Kuratorinnen-Team gefreut, dass dieses Aufräumen mit Klischees bei den Besucherinnen und Besuchern auf fruchtbaren Boden gefallen ist. Eine Google-Rezension zur Landshuter Ausstellung bringt es wunderbar auf den Punkt:

„Wer mit offenen [sic!] und unvoreingenommenen [sic!] Interesse darein geht, lernt viel über die vermeintlich dunkle und frauenfeindliche Zeit kennen und erlebt ein Lehrstück über die gesellschaftlichen Zusammenhänge, politischen Abhängigkeiten und die Kraft der gebildeten Netzwerke. Sehr sehenswert und anschaulich.“ (Google Rezension Landshut)

Wichtig war es uns dabei auch, im Veranstaltungsprogramm eine Brücke in die heutige Zeit zu schlagen, ob bei einem Workshop zu finanzieller Unabhängigkeit von Frauen oder einem Podiumsgespräch einflussreicher Frauen aus der Region. Dass Fragen rund um Handlungsspielräume oder Rollenbilder nicht im Mittelalter enden, wurde in zahlreichen Besucherreaktionen und bei so manchem Kommentar an den Feedback-Wänden deutlich:

„Ich würde Friedrich Merz mal zu einem Besuch einladen à er meinte ja, Frauen könnten nicht so gut netzwerken. Q.E.D.“ (Feedbackwand Cadolzburg)

Fürstinnen nahmen im Mittelalter vielfältige Aufgaben wahr. Quasi echte Talente im Multitasking. Entwurf Roxana Panetta.

Fürstinnen nahmen im Mittelalter vielfältige Aufgaben wahr. Quasi echte Talente im Multitasking. Entwurf Roxana Panetta.

Auf der Cadolzburg konnten die Besucherinnen und Besucher ihr Feedback auf kleinen Zetteln hinterlassen. BSV/Piereth.

Auf der Cadolzburg konnten die Besucherinnen und Besucher ihr Feedback auf kleinen Zetteln hinterlassen. BSV/Piereth.

Neue Forschung, neue Perspektiven

Besonders erfreulich war, dass neue wissenschaftliche Erkenntnisse im Projekt erarbeitet und in den Ausstellungen verarbeitet werden konnten, nicht nur zu einzelnen Protagonistinnen. So behandelte die Neuburger Ausstellung das Thema der Ehen unter Stand, das Reiseverhalten der Fürstin war im Blick oder das spätmittelalterliche Frauenbild ein Thema musealer Auseinandersetzung.

Eine Einheit zum Thema „Fürstin auf Reisen“, zu der man sich selbst in den Sattel schwingen darf, ist aktuell noch auf der Cadolzburg zu sehen. BSV/Käfer.

Eine Einheit zum Thema „Fürstin auf Reisen“, zu der man sich selbst in den Sattel schwingen darf, ist aktuell noch auf der Cadolzburg zu sehen. BSV/Käfer.

Eine weitere Besonderheit dieses Projektes, die Vernetzung verschiedener Institutionen über Ländergrenzen hinweg, hat sich auch in der wissenschaftlichen Bearbeitung als sehr gewinnbringend herausgestellt. So konnten ähnliche Fragestellungen, die man zu „seiner“ Frau hatte, unter Expertinnen und Experten diskutiert und verglichen werden. Von dieser Teamarbeit profitieren auch die Gäste: Die wissenschaftliche Auswertung von zwölf hohenzollerischen Hochzeiten mündete in einer originellen Aktivstation. Für die Ausstellung in Landshut wurde eine riesige Hochzeitstorte gebaut, die einen spielerischen Zugang zu den historischen Daten ermöglicht. Eine dichte Forschungsleistung, verpackt unter süßem „Zuckerguss“, die ein Haus alleine kaum hätte stemmen können.

Die große Hochzeitstorte enthält auf drehbaren Trommeln in kleinen Wissenshäppchen Informationen rund um Hochzeiten der Hohenzollern im 15. Jahrhundert. BSV/Scherf.

Die große Hochzeitstorte enthält auf drehbaren Trommeln in kleinen Wissenshäppchen Informationen rund um Hochzeiten der Hohenzollern im 15. Jahrhundert. BSV/Scherf.

Wissenschaft im Dialog in Landshut

Die Erkenntnisse des Projektes wurden auch in der Wissenschafts-Community diskutiert. Bei der internationalen Tagung „Netzwerke spätmittelalterlicher Fürstinnen – Interdisziplinäre Forschungsperspektiven“ kamen Expertinnen und Experten zusammen, um die hohenzollerischen Frauen in einem größeren Kontext zu diskutieren. Dabei wurde rege diskutiert zu Power-Couples im Hochadel, Tops- und Flops der Heiratspläne oder über die Relevanz von fundierter wissenschaftlicher Forschung im Vorfeld zur öffentlichkeitswirksamen Vermittlung. Dabei wurden auch noch offene Forschungsfelder, die weiterer Arbeit bedürfen, abgesteckt und neue Netzwerke geknüpft.

Im weißen Saal der Burg Trausnitz wurde Anfang Juli zu spätmittelalterlichen Fürstinnen getagt. BSV/Mihalache.

Im weißen Saal der Burg Trausnitz wurde Anfang Juli zu spätmittelalterlichen Fürstinnen getagt. BSV/Mihalache.

Finale im August: Das Projekt endet, die WIRKSAMkeit bleibt

Doch noch ist nicht aller Tage Abend! Am 2. August findet in Landshut ein großer Abschlusstag mit einem bunten Programm statt, zu dem auch unsere deutschlandweiten Projektpartner (wie das Museum Bayerisches Vogtland Hof) anreisen. Hier gibt es noch einmal die Gelegenheit, die Inhalte der anderen Ausstellungsorte kompakt kennenzulernen.

Auch wenn das Projekt damit offiziell endet: Aus den Impulsen, den wissenschaftlichen Erkenntnissen und den neu geknüpften Banden wird ganz sicher auch weit über den 3. August 2026 hinaus noch jede Menge nachhaltige WIRKSAMkeit erwachsen.