Unter den Anwesen der Bayerischen Schlösserverwaltung gibt es einige, die in fremde Welten entführen und den damaligen Bauherren ebenso wie den heutigen Besucherinnen und Besuchern abwechslungsreiche, imaginäre Reisen in ferne Länder oder phantastische Sehnsuchtsorte ermöglichen. Allen voran kommen einem da die besonders strahlkräftigen Eskapaden des Märchenkönigs Ludwig II. von Bayern in den Sinn, der nicht nur das sagenumwobene Mittelalter, sondern auch den Orient kurzerhand in das bayerische Voralpenland versetzt hat. Aber auch die Bayreuther Schlösser und Gärten von Markgräfin Wilhelmine aus der Mitte des 18. Jahrhunderts stehen Ludwigs Traumwelten in Punkto Fantasie und Entrückung in keiner Hinsicht nach – in ihnen manifestiert sich die Vorstellungswelt der kunstsinnigen Bauherrin teils auf sehr individuelle Weise. So auch im Felsengarten von Sanspareil, in welchem die karstigen Felsformationen der Fränkischen Schweiz zu fernen griechischen Inseln und mythologischen Schauplätzen mutieren. Das Herzstück bildet der sog. Morgenländische Bau als zeremonielles Zentrum der Anlage.
Was nun all diese zu Architektur geronnenen Fantasien gemein haben? Zwar erfüllen sie zweifellos die von Vitruv definierten Grundprinzipien guter Architektur nach „venustas“ (Schönheit) und „utilitas“ (Nutzen) auf sehr eigene Weise als „imaginäre Reise- und Zeitmaschinen“ – aber was die „firmitas“ (Festigkeit) anbelangt, so scheint es bisweilen gewisse Einschränkungen zu geben. Zurückzuführen ist das meist auf unser Klima, das uns eben nicht das ganze Jahr hindurch mit mediterraner Sonne und wüstengleicher Trockenheit verwöhnt, sondern dem wir auch einige Monate eisige Temperaturen und Schnee verdanken.
Insbesondere der Schnee machte auch dem Morgenländischen Bau in seiner ursprünglichen Form zu schaffen. Die Archivalien belegen bereits im Jahr 1746 – 8 Jahre nach seiner Fertigstellung – weitreichende Bauschäden durch über das Dach eindringende Feuchtigkeit, so
„daß in denen vordere 2 Rundzimmern die Stuckatur-Arbeit völlig herabgefallen, und die über solcher befindl. Bretter-Decken ziemlich verfault aussehen“ (Raymund Anton Gottfried Fuchshofer an den Markgrafen, 1754, Staatsarchiv Bamberg)
und ferner auch der geschädigte Putz in Teilbereichen abgefallen war. Es bestand also dringender Handlungsbedarf und „eine dauerhaffte Reparatur“ stellte somit eine „ohnumgängliche Nothwendigkeit“ dar. Im Zuge dieser Arbeiten verloren die beiden runden Kabinette des Morgenländischen Baus ihre charakteristischen Kuppeln, welche höher angesetzten, schlichten Pultdächern weichen mussten. Auch das flache Zeltdach über dem zentralen Festsaal wurde mit einer höher aufragenden Welschen Haube überbaut. Kurioserweise ist es dennoch mitsamt seiner historischen Deckung vollständig erhalten geblieben – geschützt unter dem heutigen Dach. Im Zuge dieser Umbauarbeiten büßte das Gebäude jedoch einiges seiner ursprünglichen, morgenländischen Exotik ein, die auf dem Stich von Johann Thomas Köppel von 1748 noch unverkennbar ist.

Johann Thomas Köppel, 1748: Der Morgenländische Bau mit dem ursprünglichen flachen Zeltdach und Kuppeln über den Kabinetten, BSV.
Die im Frühsommer des Jahres 2026 abgeschlossene Restaurierungsmaßnahme ließ freilich keine solch tiefgreifenden Maßnahmen notwendig werden. Vielmehr galt es die historische Substanz wieder bestmöglich zur Geltung zu bringen, zu konservieren und den Morgenländischen Bau für seine neue museale Bespielung zu ertüchtigen. Umfangreiche Voruntersuchungen gingen den Baumaßnahmen voraus: Im Rahmen einer Archivalienforschung wurden über 2500 Seiten Akten zu Sanspareil ausgewertet und ein Bauforscher untersuchte das Gebäude nach Befunden, die Zeugnis über vergangene Baumaßnahmen der letzten Jahrhunderte ablegen.
Die Restaurierung selbst erstreckte sich dann vom Dach über die wertvollen Stuckfragmente der Innenräume bis hin zu den bedeutenden historischen Parkettfußböden. Während sich die Arbeiten am Dach im Wesentlichen auf überschaubare statische Ertüchtigungen, die Instandsetzung geschädigter Holzbauteile des Dachstuhls sowie eine partielle Erneuerung der Dachhaut beschränkten, wurde viel Energie und Herzblut in die gründliche Überarbeitung der Wand- und Deckenflächen sowie der großartigen Stuckaturen gesteckt.
Die vorbereitende Untersuchung der Oberflächen im Innenraum hatte gezeigt, dass die Raumschalen nicht nur durch frühe Verluste infolge von Feuchtigkeitseintritt, sondern eben auch durch zahlreiche Ausbesserungen und Überarbeitungen über die Jahrhunderte hinweg stark überformt worden waren. Insbesondere die Deckenbereiche präsentierten sich teilweise als hochfragiles Konglomerat verschiedener Ausbesserungsputze und mussten sorgsam gefestigt und konserviert werden.

Momentaufnahme während der Restaurierung: heterogener Zustand der Wände und Decken. BSV/ Ferdinand Schachinger.
Alle Räume des Morgenländischen Baus wurden im Zuge der Restaurierung mit einem gebrochen weißen Kalkanstrich versehen, ebenso wie er sich im Festsaal als bauzeitlicher Erstanstrich hatte nachweisen lassen.
Besonderes Feingefühl erforderten die Arbeiten an den Stuckaturen. Es steht zu vermuten, dass insbesondere zwischen 1922 und 1942, als der Morgenländische Bau als Jugendheim genutzt wurde, teils recht pragmatische „Reparaturen und Ausbesserungen“ an dem kostbaren Stuck erfolgt sind. So waren etwa die Profile der Gesimse stellenweise so stark verunklärt, dass sich ihre ursprüngliche Geometrie nur noch erahnen ließ. Erst durch das sensible Vorgehen der ausführenden Kirchenmalerfirma, welche partiell Materialüberschuss zurückgearbeitet, Oberflächen behutsam geglättet, Fluchten begradigt, Konturen geschärft und in Teilbereichen auch Profile nachgezogen hat, erhielten die Stuckaturen – und damit auch die Räume – ihre ursprüngliche feine Eleganz zurück.

Unsachgemäße Stuckergänzungen im Festsaal an Kapitellen wurden teilweise zurückgenommen und Fehlstellen malerisch oder plastisch ergänzt. BSV/ Ferdinand Schachinger
Das erklärte Ziel der Restaurierungsmaßnahme war jedoch keineswegs die Stuckaturen vollständig wiederherzustellen oder zu rekonstruieren, vielmehr sollten die Verluste als Teil der Geschichte des Morgenländischen Baus sichtbar und spürbar bleiben. Gleiches gilt auch für den Festsaal, wo nach Übernahme des Anwesens durch die Bayerische Schlösserverwaltung im Jahre 1942 der plastische Stuck bereits im Rahmen einer früheren Restaurierungsmaßnahme so gekonnt malerisch ergänzt worden war, dass manchen Besucherinnen und Besuchern die Augentäuschung – das Trompe-l’œil – erst nach einiger Zeit auffällt.
Doch nicht nur der Blick auf Wände und Decken des Morgenländischen Baus wird belohnt, denn auch die hochwertigen und charaktervollen Parkettböden sind besonders schön: Nadelholztafeln mit gliedernden Friesen und Riemen aus Eichenholz und im sog. Chinesischen Kabinett Gliederungsfriese aus exotischer Wenge und Riemen aus Buchenholz. Im Festsaal entstammt ein größerer Teilbereich und im südlichen Kabinett das gesamte Parkett noch der Bauzeit, während die übrigen Böden im 20. Jahrhundert neu erstellt worden sind. Im Zuge der Maßnahme wurden nun insgesamt knapp 210 m2 Parkett sorgfältig aufgearbeitet, Böden gereinigt, Fehlstellen ergänzt, breite Fugen ausgespänt, nachgebende Bereiche fixiert und stabilisiert sowie Risse und Brüche verleimt. Eine über Jahrzehnte entstandene, schadstoffbelastete Schicht aus Schmutz und alten Wachs- und Harzüberzügen musste aufwändig abgenommen und das vergraute Erscheinungsbild sowie dunkle Verfärbungen behandelt werden, wobei auch verdünnte Fruchtsäuren zum Einsatz kamen.

Die Verfärbungen des Parkettbodens vor der Restaurierung. Gut zu erkennen: Die bis dato von den Teppichen in den Laufwegen abgedeckten Bereiche erscheinen heller. Dipl.-Rest. Harald Kühner, Voruntersuchung 2020
Die abschließende Konservierung der Böden beinhaltete das mehrfache Aufbringen eines schützenden Überzugs aus Hartwachsöl mit Zwischen- und Abschlusspolitur. Nun präsentieren sich die Parkette wieder in einer natürlichen und warmen Farbigkeit und sind in den Nord- und Südflügeln ohne Teppichbelag unmittelbar erlebbar.
Mit den restauratorischen Maßnahmen allein war es aber nicht getan: Ein neues Lichtkonzept optimiert die Beleuchtungssituation, während zugleich der neue Lichtschutz die Exponate besser abschirmt. Um zukünftig die eingangs erwähnten klimatischen Widrigkeiten unserer Breiten abzumildern, wurden bauklimatische Anpassungen wie eine elektrische Bauteiltemperierung im Sockelbereich umgesetzt, dank derer die hochkarätigen Museumsexponate der neuen Ausstellung nun verbesserte konservatorische Bedingungen vorfinden und auch in eisigen Wintern im Morgenländischen Bau nichts einfriert.
Ein Besuch des Morgenländischen Baus lohnt also in doppelter Hinsicht. Einerseits ermöglicht die neue Ausstellung spannende Einblicke in die abwechslungsreiche Natur- und Kulturgeschichte Sanspareils und andererseits überrascht das Gebäude selbst nun nach seiner Restaurierung noch überzeugender mit einem barocken Capriccio: So beherbergt die schroffe, fremdländische Fassade nunmehr wieder ganz lichte, zarte und elegante Innenräume. An dieser Stelle nochmal ein herzlicher Dank an alle Beteiligten, die ausführenden Firmen und das Staatliche Bauamt Bayreuth.





