Im Felsengarten von Sanspareil erlebte das Markgrafenpaar ein Naturschauspiel, mit dem es sich auch in seinen Wohnräumen umgeben konnte. Denn, die „Erdklüfte dieses Fürstenthums“ waren mit „vielerley besondern Arten tauglicher Marmorsteine gesegnet“, die in Bayreuth zu einer Unmenge von Gegenständen verarbeitet wurden. In diesen polierfähigen, polychromen Kalksteinen spiegelt sich die Erdgeschichte in ihrer ganzen Vielfalt und Farbigkeit wider, deren Variantenreichtum in der neuen Dauerausstellung im Morgenländischen Bau gezeigt wird. Einige von euch werden vielleicht die Namen der Orte kennen, aus denen die Steine kommen und vielleicht wissen, dass es dort einmal einen Steinbruch gegeben hat. Aber, dass es so viele waren, wird für die Meisten eine Überraschung sein.
Dass wir heute genau wissen, wo diese Steinbrüche sind und wie viele es gab, konnte mithilfe von Listen ermittelt werden, die schon im 18. Jahrhundert angelegt wurden. Eine dieser Listen wurde in der Marmorfabrik des Markgraftums geführt. Sie hatte als einzige im Herrschaftsgebiet das Privileg, die vielzähligen Marmorsteine abzubauen und weiterzuverarbeiten und war seit 1734 im Zucht- und Arbeitshaus St. Georgen in Bayreuth in Betrieb.

Das Vorderhaus der Marmorfabrik im Zucht- und Arbeitshaus St. Georgen sieht heute noch so aus wie 1750. Bayerische Staatsbibliothek, 4 Bor. 43 m, urn:nbn:de:bvb:12-bsb10000978-2.
Hier arbeiteten die Gefängnisinsassen – Männer, Frauen und Kinder – 11 bis 13 Stunden am Tag: Sie zertrennten die in den Steinbrüchen abgebauten Rohblöcke in einzelne Scheiben, um daraus Tischplatten zu fertigen, formten die Gesteine in passende Werkstücke, um daraus Kamine herzustellen oder drehten den Stein auf Drehbänken zu Balustern oder Kandelabern. Besonders beliebt müssen auch gedrehte Dosen aus Marmor gewesen sein. Dafür hatte die Marmorfabrik eigens eine Drehmaschine im Vorderhaus eingerichtet, die über ein Göpelwerk im Keller angetrieben wurde. Manche der Arbeiten boten den Vorteil, dass die Insassen weder im Arbeitsfeld geschult, noch besonders geschickt darin zu sein hatten und auch Menschen mit körperlichen und/oder geistigen Einschränkungen eingesetzt werden konnten. Andere Tätigkeiten erforderten ein Anlernen und das war in einem „Manuale“ geregelt. So konnten junge Männer, die einer so geringen Straftat wie dem Betteln schuldig waren, und Insassen, die eine Besserung zeigten, Lehrlinge werden, um nach einigen Jahren als Gesellen freigesprochen zu werden.
Eine vielgerühmte Besonderheit, die ihr in der Ausstellung zu sehen bekommt, sind die Einlegearbeiten aus Stein. Gerade das Schneiden der millimeterdünnen Marmortäfelchen und das Arrangieren dieser Plättchen zu einem großen Bild in einer Tischplatte erforderten ein hohes Maß an Genauigkeit und Sorgfalt.

Eine Tischplatte der Bayerischen Schlösserverwaltung, die ausschließlich aus Marmoren des Markgraftum Brandenburg-Bayreuth besteht. BSV/Scherf
Hierfür wurden über die Jahre auch von extern Fachkräfte hinzugezogen und es entstand eine enge Verknüpfung von Hof-Handwerk und der Marmorfabrik. Leider kennen wir nur noch wenige Namen der damals Tätigen. Von einem Adam August Heinrich Wanderer (1747–1795) heisst es, dass er „vortreffliche Werke als treue Nachahmungen der Natur durch kunstreiche Zusammensetzung schöner Steine“ herzustellen wusste. Oder über Isaak Adam Thomae (um 1730–1752) wird berichtet, dass er ein „überaus geschickter Mensch und Virtuos im Marmor einlegen“ war.
Ein Beispiel für diese hohe Qualität dürft ihr in der Ausstellung bewundern. Die Pietra Dura-Tischplatte in Raum 5, dem Naturalienkabinett, zeigt die Arche Noah, der durch die Taube der Olivenzweig gebracht wird. Alle verwendeten Steine stammen aus dem Gebiet des Markgraftums. Ihr findet diese auch auf der Anfassstation im vorhergehenden Raum 4 wieder. Aufgrund der typischen Kopffüßer-Fossilien (Goniatiten) kann die schwarze Grundplatte aus devonischem Kalkstein dem Steinbruch zwischen dem Schübelhammer und Köstenhof zugeordnet werden. Das schmale Schmuckband ist eine Kombination des rötlichen Flaserkalks aus Horwagen, dem beigen Massenkalk aus Neideck, einer Ockerkalkvariante aus der Umgebung von Ludwigstadt und grauen Knollenkalkvarietäten vermutlich vom Eichelberg bei Hof.
„Marmor“ meint so viel wie „glänzender Stein“ und damit ein Stein zum „Marmor“ wird, wurde mit dem letzten auch der wichtigste Bearbeitungsschritt durchgeführt: dem Werkstück wurde durch Politur Glanz verliehen. Bei der Natursteinbearbeitung werden die ersten Arbeitsschritte mit grobem Werkzeug ausgeführt, um dem Stein seine Form zu geben. Wenn die Form einmal festgelegt ist, muss nach und nach der noch überflüssige Stein mit immer feiner werdenden Werkzeugen abgetragen werden. Am Schluss steht eine feine, geschliffene Oberfläche, die mit Schmirgel oder Sand sowie Wasser erreicht wurde. Aber bis jetzt kann der Betrachter noch gar nicht erkennen, was sich im Inneren des Steins befindet (> s. Exponate aus der Kiste) oder welche Farbe der Stein haben wird. Dafür ist die Politur mit dem sog. Polierrot notwendig. Mittels winzigster, flacher Körner werden die mit dem Auge nicht wahrnehmbaren Unebenheiten von dem Stein mit Wasser abgeschert.

Polieren wie vor 250 Jahren. Die Tischplatte ist auch in der Ausstellung in Sanspareil ausgestellt. BSV/Götz
Auf der Arche Noah-Tischplatte werdet ihr vielleicht diese winzigen roten Spuren erkennen können. In der Marmorfabrik in Sankt Georgen und den dazugehörigen Steinbrüchen wurden all diese Arbeitsschritte durchgeführt – vom Abbau bis zur Politur. Und erst jetzt, nach einem langen und mühevollem Prozess erscheinen die Steine so, wie sie in der Ausstellung betrachtet werden können und geben Zeugnis einer seit Millionen Jahren vergangenen Zeit.
Ihr wollt mehr wissen? Die neue Ausstellung im Morgenländischen Bau vermittelt dieses industrie- und sozialpolitische Thema anschaulich und macht das umfangreiche Thema „Marmor“ im wahrsten Sinne des Wortes fassbar.

