Hinter den Kulissen

Vom Urzeitzoo auf dem Schreibtisch und der einzigartigen Romantik eines Ausstellungsaufbaus

Praktikumsbericht - Bayreuth Sanspareil

Ein Praktikumsbericht von Josephine Dorothea Oeß //

Wir schreiben das Frühjahr 2026 und befinden uns in Schloss Nymphenburg. Nicht in den prachtvollen Appartements, nein: In der Bibliothek der Bayerischen Schlösserverwaltung. In diesem Raum im Erdgeschoss, in den bei gutem Wetter immer mal wieder neugierige Touristen durch die Fenster hineinspähen, versteckt sich hinter den hohen Bücherregalen ein Schreibtisch. Und dieser Schreibtisch füllt sich zunehmend mit kuriosen Objekten: Stapelweise Modelle von Seeigeln und Ammoniten, 3D-gedruckte Hinterfährten eines Chamäleons, ein 80cm langer Streifen Krokodilleder, schließlich ein Paket vom Format eines Umzugskartons, bis oben hin gefüllt mit Kokosnussschalen. Dazwischen Federn, Muscheln und Modelliermasse aus dem Bastelshop und kistenweise Dosen und Gefäße. Und mittendrin: Ich. Praktikantin in der Museumsabteilung. Dreiundzwanzig Jahre alt. Eigentlich Musik- und Theaterwissenschaftlerin. Und mit meinem stetig expandierenden kleinen Urzeit-Zoo so gut beschäftigt, dass ich kaum Gelegenheit habe, mich zu fragen, wie ich hier eigentlich gelandet bin.

Nymphenburg_Sonnenuntergang

Wenn aus „Ich bin dann mal auf der Arbeit“ „Ich bin dann mal im Schloss“ wird: Ein Sonnenuntergang wie dieser versüßt jeden Feierabend. BSV/Oeß

Wenn man es ganz genau nehmen will, habe ich meinen „Zoo“ dem Markgrafen Friedrich III. von Bayreuth zu verdanken. Im 18. Jahrhundert unterhielt dieser, wie viele aufklärungsbeflissene Regenten seiner Zeit, ein Naturalienkabinett, das eine beeindruckende Bandbreite naturkundlichen Interesses abbildete: Von Gesteinsproben der berühmten „Bayreuther Marmore“ bis hin zum ausgestopften Totenkopfäffchen und wertvollen Kunstgegenständen. Der Großteil dieser Sammlung ist verloren – umso mehr Grund, das Kabinett wieder aufleben zu lassen, mit nachempfundenen Inhalten und auch einigen Originalobjekten, als Teil der neuen Dauerausstellung im Morgenländischen Bau Sanspareil bei Bayreuth. Als ich mein Praktikum im Februar 2026 beginne, geht die Ausstellungsvorbereitung gerade in die Endphase. Die Konzepte sind gemacht, die Texte im letzten Korrekturgang. Und doch gibt es noch mehr als genug zu tun. Von Tag 1 an merke ich: Ein Praktikum, in dem man stumpf Excel-Tabellen ausfüllt und Kaffee kocht, wird das hier ganz bestimmt nicht.

Sanspareil Kabinett Affe

Das nachempfundene Naturalienkabinett in der neuen Dauerausstellung im Morgenländischen Bau Sanspareil. BSV/Scherf

Mein üblicher Arbeitstag beginnt mit der Ankunft im Schloss und einem kurzen Gang zur Küchenzeile für den ersten (und definitiv nicht letzten) Kaffee des Tages. Und dann geht es los: E-Mails beantworten, Bildrechte anfragen, mit der Ausstellungsgestalterin telefonieren. Zwischen der Schreibtischarbeit vertrete ich mir die Beine mit einem kleinen Spaziergang. Besonders häufig geht es ins Restaurierungszentrum direkt nebenan: sei es, um Montagefragen zu klären oder um beim Abfotografieren der Marmorplättchen zu assistieren, die später als Memory-Station den „Steinreichtum“ der Bayreuther Markgrafen illustrieren sollen.

Hauptsächlich aber darf ich – zu meiner großen Freude – auch in dieser späten Phase der Ausstellungsvorbereitung noch selbst konzipieren und kreativ werden. In drei Schubladen des Naturalienkabinetts tobe ich mich während meines Praktikums kuratorisch besonders aus: Sie werden am Ende zu „Rätselschubladen“, in denen das Totenkopfäffchen Le Bijou, einstiges Haustier des Markgrafen und Erzähler der Kinderspur der Ausstellung, den kleinen Besucherinnen und Besuchern knifflige Aufgaben zum Naturalienkabinett stellt.

Sanspareil Bastelstunde

Kuratieren ist auch Handarbeit: Aus Modelliermasse und eigens angefertigten Stempeln aus dem 3D-Drucker entsteht mit viel Liebe ein Tasträtsel. Erkennt ihr, welche Tiere hier ihre Spuren hinterlassen haben? BSV/Oeß (links), Mauß (rechts)

Es ist eine sehr andere Art des Lernens als die, die ich aus dem Studium gewohnt bin. Vor allem lerne ich Vieles aus der Kategorie „Dinge, von denen ich nicht wusste, dass man sie wissen kann“. Was ist eigentlich Krinoidenkalk? Wen fragt man, wenn man den Fußabdruck eines Nilkrokodils braucht? Wie fühlt sich das Fell eines Totenkopfäffchens an und mit welchem nicht-artengeschützten Tier könnte man es für eine Anfassstation ersetzen? (Die Antwort lautet übrigens: Bisamratte.)

Sämereiensammlung Sanspareil

Damit eine Sämereiensammlung einmal so hübsch im Kabinett steht, braucht es zahlreiche Arbeitsschritte: Die Samen wollen recherchiert und bestellt und von möglichen Schädlingen befreit, die Gläser ausgesucht, vermessen und geputzt werden. BSV/Mauß (links), Scherf (rechts)

Auf der einen Seite muss man dieses Praktikum als radikal entromantisierend beschreiben – spätestens dann, wenn man drei Stunden lang mit der Vorgesetzten in einem Abstellraum kniet und mehrere hundert Glasgefäße sorgsam zählt, ausmisst und sortiert, bis man nicht mehr vernünftig bis 10 zählen kann. (Denkt an uns, wenn ihr die Sämereiensammlung im Naturalienkabinett betrachtet, dahinter steckt wahre Knochenarbeit!) Auf der anderen Seite hat sich mein Leben selten so romantisch angefühlt. Mitte März fahren wir für die ersten Aufbauten auf Dienstreise nach Sanspareil und ich sehe zum ersten Mal den Morgenländischen Bau von innen. Und zwischen Zollstockhalten und Putzbröselwegsaugen komme ich nicht umhin, mich ein ganz kleines bisschen zu verlieben: Ist es nicht ein Privileg, so viel Schönheit und so viel Geschichte in baumwollbehandschuhten Händen zu halten?

Spiegel Hängung Sanspareil

Ein wahres Lieblingsstück: Dieser fränkische Spiegel mit farbig gefassten Schnitzereien hat es mir beim Aufbau besonders angetan. Besuchen kann man ihn im Nordkabinett des Morgenländischen Baus. BSV/Mauß

In einem kleinen Team ist man nie „nur“ Praktikantin, sondern fühlt sich sofort als Mitarbeiterin. Und so kommt es, dass zwei Monate wie ein Wimpernschlag vorbeigehen und man doch gleichzeitig das Gefühl hat, man hätte nie etwas anderes gemacht. Als ich an meinem letzten Tag meinen Schreibtisch aufräume, sind die meisten Objekte schon auf dem Weg nach Sanspareil. Die „ganz heiße Phase“, in der Exponate perfekt in Szene gesetzt und Vitrinen auf Hochglanz gebracht werden, bekomme ich nicht mehr mit. Aber umso mehr habe ich mich auf meine Rückkehr zur Eröffnung gefreut: Den Moment, wenn mein liebgewonnener Urzeit-Zoo erstmals auf die Besucherinnen und Besucher losgelassen wurde, konnte ich mir auf keinen Fall nehmen lassen!

Praktikum Sanspareil

Ganz die stolze Praktikantin: Links das erste Ausprobieren der optimalen Ausziehhöhe des interaktiven Zeitstrahls live vor Ort, rechts die Begutachtung der fertigen Station bei der Ausstellungseröffnung am 7. Mai 2026. BSV/Mauß (links), Laguna (rechts)