von Theresa Häusl //
Zweimal träumte Bayern vom eigenen Versailles, zweimal blieb der Sonnenkönig ein Traum. Zwischen zwei Wittelsbacher Herrschern lässt sich unter diesem Stichwort eine denkwürdige geistige Verbindung herstellen: Kurfürst Max Emanuel (1662‒1726) und König Ludwig II. von Bayern (1845‒1886). Warum sich das besonders gut am Beispiel der Schlossanlage Schleißheim nachvollziehen lässt, erfahrt ihr im Blogbeitrag.
Zwei Wittelsbacher blicken nach Versailles
Wer heute vor dem Neuen Schloss Schleißheim steht, sieht mehr als barocke Pracht. Die gewaltige Fassade, die weitläufige Gartenanlage und die streng auf das Schloss zulaufenden Achsen sind Ausdruck eines politischen Anspruchs: Bayern sollte nicht länger nur ein Herzogtum inmitten Europas sein, sondern seinen Platz unter den großen Mächten behaupten. Kurfürst Max Emanuel hatte bei der Planung Schloss Versailles vor Augen sowie den französischen „Sonnenkönig“ Ludwig XIV., einen der mächtigsten Herrscher seiner Zeit. Doch Max Emanuel wurde kein bayerischer Sonnenkönig. Kriege, Niederlagen und waghalsige politische Allianzen setzten seinem Aufstieg Grenzen. Schleißheim blieb ein monumentales Versprechen: prachtvoll genug, um von großen Ambitionen zu erzählen, aber unvollendet genug, um zugleich deren Scheitern sichtbar zu machen. Von der geplanten Vierflügelanlage, die auch das Alte Schloss integrieren sollte, wurde letztlich nur der Corps de logis, also der Wohntrakt, des Neuen Schlosses Schleißheim realisiert.

Das im Neuen Schloss Schleißheim ausgestellte Modell von 1725 zeigt den letzten planerischen Versuch, eine Vierflügelanlage zu errichten; vorne im Bild: nicht realisiertes Tor mit halbkreisförmig angeordneten Pavillons, Mitte: Altes Schloss, hinten: Neues Schloss mit seitlich weit ausgreifenden Pavillons. BSV/ Scherf
150 Jahre später nahm ein anderer Wittelsbacher den Faden wieder auf. König Ludwig II. von Bayern war seinerseits fasziniert von Ludwig XIV. von Frankreich und dessen höfischer Welt. Auf der Herreninsel im Chiemsee ließ er mit dem Neuen Schloss Herrenchiemsee sein eigenes Versailles errichten. Weniger bekannt ist, dass Ludwig II. auch im Neuen Schloss Schleißheim bauliche Spuren hinterließ. Sein Großvater, Ludwig I. von Bayern, hatte den Weiterbau des Neuen Schlosses initialisiert: angefangen vom schützenden Dach über das äußere Erscheinungsbild bis hin zur Vollendung des berühmten Prunktreppenhauses (1845‒48). Unter ausdrücklicher Berufung auf das Werk des Großvaters ließ er dessen Bauvorhaben in Schleißheim fertigstellen. Eine direkte bauplastische Verbindung von Schleißheim und Herrenchiemsee ergibt sich durch die bereits im 19. Jahrhundert erfolgte Aufstellung der Gipsmodelle zu den Herrenchiemseer Attikafiguren in den Schleißheimer Arkaden – wo sie auch heute noch zu bewundern sind. Die allegorischen Figuren veranschaulichen Künste, Wissenschaften und Tugenden. Der genaue Zeitpunkt ihrer Aufstellung in Schleißheim ist bislang allerdings nicht zu belegen – für Ludwig II., dessen eigene Schlossbauten sich bekanntlich nirgends auf das Haus Wittelsbach beziehen, wäre diese Form der Würdigung des baulichen Erbes seiner Vorfahren ein ziemlich ungewöhnlicher Schritt.

Arkadengalerie auf der Parkseite des Neuen Schlosses Schleißheim: Originalmodelle der Attikafiguren für das Neue Schloss Herrenchiemsee von Michael Wagmüller und Philipp Perron, 1879‒1881. BSV
Die Frage nach dem bayerischen Versailles: Schleißheim vs. Herrenchiemsee?
Zwar wurden beide Schlösser als bayerische Antworten auf das französische Schloss Versailles konzipiert, allerdings gibt es einen entscheidenden Unterschied: Während Kurfürst Max Emanuel ab 1701 mit dem Neuen Schloss Schleißheim eine barocke Variante von Schloss Versailles schuf, ließ König Ludwig II. ab 1878 mit dem Neuen Schloss Herrenchiemsee eine fast exakte, teils noch prunkvollere Kopie des französischen Vorbilds errichten. Was das heißt, schauen wir uns genauer an.
Kurfürst Max Emanuel war Zeitgenosse des französischen „Sonnenkönigs“ Ludwig XIV. Neben einer verwandtschaftlichen Beziehung – Max Emanuels ältere Schwester Maria Anna Victoria (1660‒1690) war mit dem gleichnamigen Sohn Ludwigs XIV. (1661‒1711), dem Dauphin von Frankreich, verheiratet – verband die beiden ein riskantes politisches und militärisches Bündnis im Spanischen Erbfolgekrieg, das als äußerst folgenreich bezeichnet werden kann. Nach der verheerenden Niederlage der bayerisch-französischen Armee in der Schlacht bei Höchstädt gegen die Allianz aus England, Holland und Österreich musste Max Emanuel nach Frankreich fliehen. Er sog den spätbarocken Prunk, das strenge Hofzeremoniell und das politische Kräfteverhältnis des Absolutismus dort über viele Jahre hinweg auf. Immerhin 10 Jahre befand er sich im französischen Exil und konnte nicht in seine bayerische Heimat zurückkehren.
Mit seinem Residenzprojekt in Schleißheim vor den Toren Münchens wollte Max Emanuel vor allem die Dimensionen der baulichen Anlage von Versailles replizieren, das unter Ludwig XIV. das zentrale europäische Modell für eine Residenz verkörperte, die Macht, Rang und höfische Ordnung sichtbar machen sollte. Darin ist das Neue Schloss Schleißheim etwa auch dem wenige Jahre älteren Schloss Schönbrunn (dessen Corps de logis war um 1700 bereits fertiggestellt und bewohnbar) in Wien vergleichbar. Auftraggeber war hier Kaiser Leopold I., Max Emanuels Schwiegervater in seiner ersten Ehe.
König Ludwig II. hatte einen ganz anderen Zugang: Er war zwar selbst einst als Besucher in Versailles gewesen, speiste sein Wissen aber aus der Literatur und aus Grafikblättern zu Versailles. Auch sehnte er nicht politisch den Absolutismus herbei; vielmehr wollte er die Architektur und die Künste selbst auf den Thron erheben. Seine Künstler und Architekten schickte er daher zum 1:1-Studium nach Versailles, denn eine möglichst exakte bauliche Kopie war das Ziel. Inhaltlich setzte er jedoch andere Schwerpunkte, tauschte etwa symbolträchtig das Figurenaufgebot in seiner Herrenchiemseer Wiederholung der Versailler Gesandtentreppe gänzlich aus: Die Herrscherbüste des Sonnenkönigs Ludwig XIV. muss dem Sonnengott Apoll, dem Patron der Künste, weichen.

Versailles, Gesandtentreppe (Escalier des Ambassadeurs), entworfen von Charles Le Brun und anderen, 1672‒1679. In der Mittelnische des Obergeschosses an der Treppenwand ist Ludwig XIV. zu sehen. Louis Surugue, 1725, The Met Collection – Rogers Fund, Inv.-Nr. 1991.1073.55

Prunktreppenhaus im Neuen Schloss Herrenchiemsee, der bereits 1752 wieder abgebrochenen Gesandtentreppe in Versailles nachempfunden. Der Aufbau der in mehrfarbigem Marmor und Stuckmarmor verkleideten Wände folgt genau dem in Plänen und Stichen überlieferten Vorbild. In der Mittelnische des Obergeschosses an der Treppenwand ist ‚Apollo‘ zu sehen. BSV/ Scherf
Versailles übertrumpfen

Die Große Galerie hat in der Konzeption die Spiegelgalerie von Schloss Versailles als Vorbild. In Schleißheim ist sie jedoch zur Bildergalerie geworden, dem ambitionierten und unermüdlichen Gemäldesammler Max Emanuel sei Dank. BSV/ www.kreativ-instinkt.de
Beide Schlossbauprojekte wurden zu Lebzeiten ihrer Bauherren nie vollendet. Versailles zu übertrumpfen – das versuchten jedoch beide Wittelsbacher. Max Emanuel mit der Großen Galerie im Neuen Schloss Schleißheim, Ludwig II. mit der Großen Spiegelgalerie im Neuen Schloss Herrenchiemsee. 57 Meter lang und acht Meter hoch öffnet sich die Große Galerie in Schleißheim in elf Fenstern nach Osten zum Großen Gartenparterre. Vom Eingang nach rechts schließt sich das Appartement des Kurfürsten an, nach links das der Kurfürstin, sodass sich bei geöffneten Türen ein Blick durch die Räume (‚enfilade‘) von stolzen 160 Metern Länge ergibt.

Die Große Spiegelgalerie ist länger als das Versailler Vorbild und umfasst einschließlich der zugehörigen Eckräume, Friedenssaal und Kriegssaal, die ganze Gartenfront des Neuen Schlosses Herrenchiemsee. BSV/ www.kreativ-instinkt.de
Zwar zielte Ludwig II. mit Herrenchiemsee auf eine möglichst originalgetreue Kopie, damit ging jedoch einher, dass das historische Vorbild teilweise rekonstruiert, vervollständigt und letztlich in seiner Pracht noch gesteigert wurde. Mit ihren 98 Metern ist die Spiegelgalerie nicht nur länger als das Original, sie erhielt auch 33 Glaslüster, die es dort nicht gab. Mit der Gesandtentreppe ließ Ludwig II. auch einen im historischen Vorbild längst verlorenen Raum rekonstruieren. In Versailles blickt man daher freundschaftlich anerkennend auch nach Herrenchiemsee – nicht nur umgekehrt.
Und was bleibt von Versailles in Bayern?
Zwischen Schleißheim und Herrenchiemsee liegt mehr als ein Jahrhundert, zwischen den Planungen und Ansprüchen Max Emanuels und Ludwigs II. liegen Welten. Doch beide verbindet mehr als ihre Zugehörigkeit zum Haus Wittelsbach: Beide blickten nach Versailles, beide wollten Größe sichtbar machen und beide mussten auf ihre Weise erfahren, dass sich politische Macht nicht allein mit Residenzen, Gartenanlagen und erlesenen Ausstattungen behaupten lässt. Was bleibt, sind zwei atemberaubende Schlossanlagen in geografischer Nähe zur Residenzstadt München, die – ein klein wenig Vertiefung und genaues Hinschauen vorausgesetzt – bayerisch-europäische Geschichte aufleben lassen.
Abschließend sei noch einmal der oben erwähnte Gedanke der Würdigung der Wittelsbacher Vorfahren durch Ludwig II. aufgegriffen. Dass Ludwig II. sich bei seinem Chiemsee-Versailles auch am Schleißheimer Vorbild abarbeitete, zeigt ein Blick in die Vorbildersammlung zum Neuen Schloss Herrenchiemsee: Vom Baubüro Georg Dollmanns ließ er 1873 mehrere Herrscherbetten seiner Wittelsbacher Vorfahren vermessen, darunter auch das Paradebett Max Emanuels im Neuen Schloss Schleißheim sowie das Paradebett in den Reichen Zimmern in der Residenz München. Beide waren innerhalb der jeweiligen kurfürstlichen Appartements ausschließlich als symbolische Schauräume gedacht, dem Vorbild des französischen Hofzeremoniells nachempfunden, demzufolge das tägliche Ankleiden und Zubettgehen des Herrschers öffentlich, d. h. in Anwesenheit der Höflinge ablief. Derlei wurde am Münchener Hof nie eingeführt, was sicherlich auch den menschenscheuen Ludwig II. zur Erleichterung anstimmte.
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