Ein Gastbeitrag von Jan Lutteroth //
Die Residenz München hat viele Geheimnisse – und einige davon verbergen sich nicht in den erhaltenen Prunkräumen, sondern darunter: in den Fundamenten, den vermauerten Türmen, den überbauten Höfen und verschwundenen Gebäuden. Denn was heute als geschlossenes Gesamtensemble erscheint, ist in Wahrheit das Ergebnis von Jahrhunderten mal planvoller, mal improvisierter Bautätigkeit – angetrieben von Herrschern und Herrscherinnen, die alle ihre eigenen Vorstellungen davon mitbrachten, was eine fürstliche Residenz zu sein hatte. In zwei Beiträgen werden neuere Erkenntnisse und darauf aufbauende Forschung anderer Autorinnen und Autoren zur Baugeschichte vorgestellt – anhand digitaler 3D-Modelle, die die historischen Zustände des Bauwerks räumlich greifbarer machen. Der zweite Beitrag widmet sich Wilhelm V. und Maximilian I. wobei Letzterer in zwei Abschnitten behandelt wird und wir trotzdem noch nicht am Ende seiner Regierungszeit angelangt sind.
Italiener in München – Wilhelm V. und der Grottenhof
Münchner Residenz, Bauperiode 6b, Lutteroth 24 by jlutteroth on Sketchfab
Wer heute aus der Grottenhalle in den Grottenhof der Münchner Residenz blickt, ahnt vielleicht nicht, dass er überformte Fassaden aus der Barockzeit vor sich hat und dass der Mann, der den privaten Gartenhof in Auftrag gab, diesen als nicht vollendete Baustelle hinterließ. Übrig geblieben ist die fantastische Arkadenhalle mit ihrer Muschelgrotte, dem Merkurbrunnen und den mittlerweile liebevoll restaurierten Malereien, die als sichtbarstes Vermächtnis Wilhelms V. in der heutigen Residenz gelten. Herzog Wilhelm übernahm von seinem Vater Albrecht nicht nur die Herrschaft über Bayern, sondern auch eine Richtung: die Erweiterung zur Stadt, die mit dem Antiquarium ihren ersten großen Ausdruck gefunden hatte. Wilhelm trieb ihn konsequent mit einem Künstler weiter, der ihm schon auf der Trausnitz ans Herz gewachsen war, wo er die Anfangsjahre mit seiner Frau Renata von Lothringen residierte.
Vom Verwaltungsbau zum Residenzsystem
Den Anfang machte freilich etwas weniger Glamouröses. Unmittelbar nach dem Regierungsantritt ließen der Herzog und seine Räte zwischen dem Alten Hof und dem Kunstkammergebäude das neue Hofkammergebäude errichten, einen nüchternen Verwaltungsbau, der Teile der Regierungsorgane aufnahm. Bescheidener Auftakt, strategischer Zug: Dadurch wurden die lästigen Regierungsgeschäfte weiter in den Alter Hof gedrängt, der allerdings durch ein Gangsystem geschickt mit der Residenz verbunden wurde. Es entstand ein Netz überdachter Wege das schließlich vom Alten Hof bis zum Schwabinger Tor und von hier weiter entlang der Stadtmauer bis zur Wilhelminischen Feste reichen wird. Aber eins nach dem anderen.
Den eigentlichen Akzent setzte der Neubau an der Jägergasse, der heute als Grottenhof bekannt ist: ein längsrechteckiger Gartenhof mit zwei gewölbten Gartenhallen an den Schmalseiten. Konzept und Dimensionen erinnern an die Stadtresidenz in Landshut, die vierzig Jahre zuvor für seinen Großonkel geschaffen wurde. Verantwortlich für Entwurf und Ausführung des Gartenbaus war Friedrich Sustris, ein in Italien geborener Maler niederländischer Herkunft, der an der Seite des Fürsten eine universelle Rolle übernahm: die des Kunstintendanten, der nicht nur einzelne Werke schuf, sondern ein Gesamtprogramm entwarf – Architektur, Dekoration und Bildprogramm aus einem Guss.
Die erhaltene Grottenhalle lässt noch heute erahnen, welchen Anspruch dieser Bauabschnitt hatte; die teilweise aus Italien stammenden Künstler sollten noch lange an seiner Fertigstellung arbeiten, auch als sich bereits erste Baumängel zeigten. Mit einbezogen wurde das bereits vom Vater errichtete Antiquarium, dessen nordwestliche Ecke geschickt hinter der Grottenarchitektur versteckt wurde. Das Antiquarium erhielt ebenfalls ein an den Geschmack der Zeit angepasstes Ausstattungs- und Bildprogramm à la Sustris.
Frömmigkeit in Stein – das Spital auf dem Jägerpühel
Doch Wilhelm war nicht nur Bauherr seiner eigenen Prachtanlagen. Parallel zum Grottenhof entstand an der heutigen Residenzstrasse ein Neubau als Behausung für den Thronfolger Maximilian und ein herzogliches Spital. Schon zuvor hatte er Spitäler ausgebaut und gestiftet. In der Wohltätigkeit des Herzogs, der später als der Fromme in die Geschichte eingehen sollte, spiegelt sich auch seine eigene Leidensgeschichte wider: Teure Repräsentation und schmerzliche Demut waren zwei Seiten derselben Medaille.
Eine Baustelle ohne Ende – ein Ende mit neuer Baustelle
Chronische Krankheit und Geldsorgen mögen erklären, warum sich ein fadenscheiniger Berater wie Marco Bragadino an der Seite des Fürsten halten konnte. Als Wundertäter und Leibarzt behauptete er, aus Blei Gold machen zu können, und bewohnte dafür ein Haus in bester Lage. Erst seine Verhaftung durch die Räte setzte diesem Treiben ein jähes Ende. Was blieb, war die Idee einer neuen repräsentativen Stadtresidenz: der baufällige Grottenhof und der Erbprinzenbau. Gelebt hatte Wilhelm ohnehin weiter in der Neuveste, fernab der Baustelle. Seinen Lebensabend verbrachte er mit einer neuen Baustelle – wieder unter der Regie seines treuen Kunstintendanten Sustris, in der Wilhelminischen Veste ganz im Westen der Stadt. Erst sein Sohn Maximilian I., ein Herrscher ganz anderen Gemüts, sollte sich der Aufgabe annehmen, aus dem angefangenen Projekt eine wirkliche Residenz zu schaffen. Rücksicht auf das Erbe des Vaters nahm er dabei selten.
Maximilian I. und eine Vision
Die offizielle Herrschaftsnachfolge zog sich über einige Jahre hin. Gleichzeitig erbte Maximilian I. eine eher zusammenhangslose Ansammlung verschiedener Gebäude: die Neuveste, stand immer noch isoliert, sein Erbprinzenbau an der hochfrequentierten Residenzstrasse ebenso, der Grottenhof unvollendet und mit Baumängel, und auch sonst fehlte ein ordnendes Konzept. Elisabeth Renata von Lothringen, die neue Herzogin, sollte noch etliche Jahre weit entfernt im Nordtrakt der Neuveste residieren. Ihr Mann, akademisch und vitruvianisch geschult und zudem weit gereist, sah darin vor allem eine Aufgabe. Und er löste sie, auch aufgrund der Finanzlage nicht mit einem völligen Neubau, sondern mit Hingabe und einem Plan.

1623, Wenzel Hollar nach Tobias Volckmer, Ausschnitt Residenz München. Stadtatlas München.
Ordnung, Achsen und Geometrie
Wichtig für diesen Plan war zum einen der Erwerb von neuem Baugrund und zum anderen der gezielte Abriss von bestehender Bausubstanz mit Augenmaß. Was dann um 1600 begann, dürfte keine gewöhnliche Baustelle gewesen sein. Hier wurde mit großer Vision und im großen Stil umgesetzt, was zuvor mit Ahnung geplant worden war. Ein Gesamtkonzept, das die bereits bestehenden Teile auf geniale weise vereinte. Maximilians Ansatz unterschied sich von der additiven Bauweise seiner Vorgänger. Er integrierte was sein Großvater und Vater vorgegeben hatten in ein harmonisches Raumgefüge. Diese Aufgabe ist in ihrer Komplexität nicht zu unterschätzen und wäre auch nicht ohne den nötigen Sachverstand zu leisten gewesen. Das Ergebnis war eine Synthese, die der neuen Funktion einer repräsentativen Residenz gerecht wurde.
Der Brunnenhof – eine geniale Idee
Herzstück dieser Synthese ist der heutige Brunnenhof. Seine Neudatierung im Zuge der digitalen Rekonstruktion erfolgte erst 2024. Darauf aufbauend wurde seine Bedeutung für die Residenz von Stephan Hoppe 2026 neu interpretiert. Die oktogonale Grundform löste ein architektonisches Dilemma. Wie verbindet man zwei Baukörper, deren Hauptachsen schräg zueinanderstehen? Das Achteck und seine zweifache Vierersymmetrie kann die bereits vorgegebenen Achsen von Antiquarium und Grottenhof gleichzeitig aufnehmen.
Der Brunnenhof als geometrischer Gedanke in Stein: eine Form, die drei Generationen fürstlicher Bautätigkeit zu einem Ganzen verbindet. Das Konzept muss bereits um 1600 vollständig vorgelegen haben. Die entscheidende Frage bleibt, wer es sich ausgedacht hat. Auch hierzu gibt es bereits Überlegungen.
Für den Bau des Brunnenhofs wurde das bereits überholte südliche Zwingerrondell und Teile der Stadtmauer aufgegeben, was den Zugang zur Neuveste gänzlich veränderte. Die alte Burg sollte – Stück für Stück – unter den neuen Verbindungstrakten verschwinden. Diese verbanden nun die Neuveste mit der zusammengeschlossenen und erweiterten Residenz jenseits des Wassergrabens: bestehend aus Gartenbau – jetzt sicherlich mit Südtrakt, dem Erbprinzentrakt der über die Jägergasse erweitert wurde und dem integrierten Herkulessaalbau.
Drei Treppen – drei Antworten auf dieselbe Frage
Wer eine Residenz plant, muss entscheiden, wo man sie betritt und wie man in die Gemächer kommt. Maximilians Planer gab darauf gleich drei Antworten, die jeweils individuell auf die Situation zugeschnitten aber immer höchst komfortabel und modern waren.
Die Kapellentreppe bei der neuen Hofkapelle war Maximilians eigene: vom Kapellenhof in die Belletage oberhalb der Silberkammer und des Mundschenkkellers, im erweiterten Erbprinzentrakt und mit direktem Zugang zum privatesten Kern: der Reichen Kapelle. Erst später wird dieser Bereich für seine erste Frau umgewidmet werden. Die Schwarze-Saal-Treppe stellt den neuen südlichen Haupteingang dar, der in den spektakulären Schwarzen Saal mit seinem perspektivischen Deckengemälde von Hans Werl mündete. Auch hier dürfte die Lichtregie bewusst eingesetzt worden sein. Ebenso wie bei der neuen Haupttreppe, der Breiten Treppe am Brunnenhof, die als exzellente Inszenierungsbühne für die offiziellen Besucher konzipierte wurde und in seiner Komplexität dem Brunnenhofgedanken in nichts nachsteht.
Das alles entstand offensichtlich nach einem einheitlichen Konzept, das die axiale Ausrichtung der losen Bebauung aufnahm und verband. Für die künstlerische Ausgestaltung standen bedeutende Männer zur Verfügung. Doch wer die Residenz als Ganzes gedacht hat, bleibt eine spannende Frage.
Eine vorläufige Residenz
Nach etwa siebenjähriger Bauzeit war die neue Residenz in ihren wesentlichen Teilen benutzbar: Als die Reiche Kapelle geweiht wurde, war auch die Kunstkammergalerie für die private Kunstsammlung und Bibliothek fertig. Im Sommer 1611 ließ Maximilian I. sowohl die Neuveste als auch die neue Residenz aufmessen – ein Indiz, dass der fertige Bau entweder bildlich verewigt werden sollte und/oder eine noch größere Vision in Vorbereitung war.
Den Stein des Anstoßes zur nächsten großen Erweiterung gab, ein militärischer Erfolg. Im Herbst 1611 zog Maximilian in Salzburg ein – als Sieger im Salzkrieg gegen Fürsterzbischof Wolf Dietrich von Raitenau. Was er dort vorfand, war eine Residenzstadt, die bereits im Geist der Spätrenaissance umgestaltet worden war: weitläufige Höfe, prachtvolle Stuckaturen und architektonische Höhepunkt im Stil des virtuosen Architekten Vincenzo Scamozzi, wie Lilia Gaivan 2025 erforschen konnte. Maximilian I. kehrte nach München zurück – mit vollen Staatskassen, kostbarem Baumaterial und inspiriert von neuen Dimensionen.
Des Kaisers neue Trakte – Maximilians zweiter Streich
Bereits nach einem Monat kehrte Maximilian I. heim. Der Salzkrieg war binnen weniger Wochen entschieden, und im Frühjahr 1612 konnte mit dem Bauen begonnen werden. Und zwar von Grund auf. Ein Großteil der 1612 dokumentierten Maßnahmen betrifft folglich die Abrissarbeiten. Der innerstädtische Wassergraben der Neuveste wurde trockengelegt. Eine provisorische Holzbrücke über den Graben schuf die Verbindung zum Jägerpühel, auf dem die letzten vorhandenen Gebäude sowie Teile der nördlichen Stadtmauer niedergelegt wurden, um Platz für Neues zu schaffen und nebenbei als Füllmaterial für den Graben zu dienen.

1644, Matthäus Merian d. Ä., Ausschnitt Residenz München. Bavarikon.
Ebenfalls ausgedient hatte das alte nördliche Zwingerrondell. Es wurde durch eine neue Zugbrücke im Osten der Neuveste ersetzt. Weichen mussten außerdem der Silberturm mit seinen beiden Anschlusstrakten und sogar der altehrwürdige Palas. Dieser ging in den Hohen Stock auf, der von nun an den neuen Nordtrakt der Neuveste prägen sollte. Möglich unter anderem auch, weil die Herzogin nun ihre neuen Räumlichkeiten im ehemaligen Erbprinzentrakt beziehen sollte. Und noch ein altehrwürdiges Element fiel dem Umbau zum Opfer: Der innere Christophturm, der über Jahrzehnte als Wahrzeichen für den Fortbestand der Dynastie gestanden und bereits tief in der Neuveste verschwunden war, wurde nun durch eine neue komfortable Treppe ersetzt. Auch die alte Georgskapelle wurde umgestaltet und der Rundstubenbau erhielt ein weiteres Stockwerk. Warum all das, fragt man sich, spielte doch längst die Musik in der neuen Stadtresidenz, wo der Herzog die Hofkapelle vergrößern ließ, das Antiquarium tiefer legen, seine Gemächer für die Herzogin freigab – inklusive einer neuen Damentreppe – und selbst sein Appartement über der Grottenhalle eingerichtet hatte. Die Antwort liegt wieder auf dem Jägerpühel.
Der Kaiserhof als politisches Programm
Was auf dem neu gewonnenen Bauplatz entstand, war in seinen Dimensionen nicht mehr mit der vorherigen Residenz zu vergleichen. Hier erhoben sich von nun an die neuen Trakte um den Kaiserhof – als politisches Statement: repräsentative Raumfolgen, entworfen für den Empfang der allerhöchsten Gäste, die Bayern als Machtzentrum des Alten Reichs inszenieren sollten. Als Oberhaupt der Katholischen Liga baute Maximilian I. längst auch für seine politische Repräsentation und sein Anspruch war entsprechend groß.
Die Kaisertreppe, die den Hauptzugang zu diesen neuen Raumfolgen darstellte, war die repräsentativste Treppenanlage, die die Residenz je gesehen hatte. Sie übertraf bewusst, was Maximilian in Salzburg gesehen hatte. Der Nordtrakt mit seinem gewaltigen Weinkeller und dem riesigen Kaisersaal, die vereinheitlichte Westfassade an der heutigen Residenzstraße und der streng gefasste Kaiserhof waren innerhalb weniger Jahre vollendet und mussten wie ein Fremdkörper in der noch mittelalterlichen – sprich niedrigen Dachlandschaft der Stadt gewirkt haben.
Und dieses neue Karree wurde nun auch noch mit langen Verbindungsgängen an die umgestaltete Neuveste angeschlossen, was aus der Gesamtanlage eine Residenz von antiken Ausmaßen machte – inklusive neuem Residenzturm im Zentrum. Abgeschlossen wurde das Bauprogramm nach Norden hin mit dem neuen großen Residenzgarten und einer vereinheitlichten Gebäudereihe, die das alte Lusthaus mit einbezog. Hochgelegen auf der neuen Bastionsumwallung Münchens, sollte er erst nach weitere fünf Jahre fertig sein. Und nach Osten wurde das neue Zeughausareal, das auf Kosten des alten Residenzgartens entstand, sogar erst viel später vollendet.
Hoher Flug – tiefer Fall
So in etwa muss sich die Residenz dann 1632 dargestellt haben, als München kampflos von Gustav Adolf von Schweden, dem Löwen aus Mitternacht, eingenommen und dabei zahlreicher Kunstschätze beraubt wurde. Erst mit Maximilians Rückkehr nach München und dem Tod seiner ersten Frau sollte ein weiteres Kapitel der Residenzgeschichte beginnen. Die Residenz war damit noch immer nicht fertig. Und auch ihre Erforschung ist es bis heute nicht.






