Residenz München

Die Münchner Residenz digital rekonstruiert – Ein Beitrag zur Baugeschichte, Teil 1

Rekonstruktion-Residenz München

Ein Gastbeitrag von Jan Lutteroth //

Die Residenz München hat viele Geheimnisse – und einige davon verbergen sich nicht in den erhaltenen Prunkräumen, sondern darunter: in den Fundamenten, den vermauerten Türmen, den überbauten Höfen und verschwundenen Gebäuden. Denn was heute als geschlossenes Gesamtensemble erscheint, ist in Wahrheit das Ergebnis von Jahrhunderten mal planvoller, mal improvisierter Bautätigkeit – angetrieben von Herrschern, die alle ihre eigenen Vorstellungen davon mitbrachten, was eine fürstliche Residenz zu sein hatte. In zwei Beiträgen werden neuere Erkenntnisse zur Baugeschichte vorgestellt – anhand digitaler 3D-Modelle, die die historischen Zustände des Bauwerks räumlich greifbarer machen. Wir beginnen mit den drei frühen Bauperioden unter Albrecht IV., Wilhelm IV. und Albrecht V. – drei Herrscher, drei Modelle, und eine Wasserburg, die sich zur Residenz verwandeln sollte.


Zwei Gesichter einer Festung – Kunigundes Hof und die Neuveste

Münchner Residenz, Bauperiode 4, Lutteroth 24 by jlutteroth on Sketchfab

 

1493, Michael Wolgemut, Ausschnitt Neuveste.

1493, Michael Wolgemut, Ausschnitt Neuveste. Bavarikon.

Wer heute durch den Apothekenhof der Münchner Residenz schlendert, ahnt nur bei genauem Hinsehen, dass sich unter dem Pflaster die letzten erhaltenen Reste der Neuveste verbergen – tief unter der Erde und nur gelegentlich bei Sonderführungen zu besichtigen. Hier, am äußersten Rand des alten Münchens ließ Albrecht IV. eine Anlage entstehen, die zwei denkbar unterschiedliche Funktionen hinter seinen Mauern vereinte. Nach außen: eine wehrhafte, von Wassergräben umschlossene Festung mit Bastionen und Geschütztürmen. Nach innen: die Behausung des gesamten weiblichen Hofes, angeführt von Herzogin Kunigunde von Österreich. Eine Doppelfunktion, die auf den ersten Blick widersprüchlich wirkt – Wehrburg und Frauenresidenz in einem? – und die gerade dadurch doch die Lebensumstände der Zeit widerspiegelt.

Eine Festung für die Damen

Als Kunigunde in die ausgebaute Neuveste einzog, brachte Sie ihren gesamten Hofstaat mit: von der Hofmeisterin bis zu ihren Köchen – ein kleiner, aber fein gegliederter Mikrokosmos von rund 30 Bediensteten, der uns noch heute verrät, wer in der Neuveste den Alltag organisierte. Während ihr Mann weiterhin im Alten Hof residierte, war die Neuveste der Herzogin vorbehalten. Ein venezianischer Gesandter brachte es mit seiner diplomatischen Klarheit auf den Punkt: Innerhalb der Stadt liege ein „sehr festes Schloß, in welchem die Herzogin wohnt“ – während der Herzog „gesondert für sich mitten in der Stadt“ residiere und dort „sehr glänzend Hof“ halte. Zwei Hofhaltungen, zwei Schauplätze – und erst gegen Ende der Regierungszeit, als in München die Pest grassierte und man sich häufig in Grünwald – sozusagen auf dem Lande – aufhielt, scheinen sich die Strukturen allmählich angenähert zu haben.

Wehranlage mit doppeltem Zweck

Parallel zu dieser Funktion wurde die Neuveste in zwei Schritten zur modernen Festungsanlage ausgebaut. Im Zuge der neuen Stadtmauer, entstand auch um die Neuveste ein weiterer Befestigungsring inklusive massiver Bastionen vor dem breiten Wassergraben, der das Schloss auch zur Stadt hin absichern sollte. Im zweiten Schritt kamen weitere, deutlich verbesserte Geschützstellungen hinzu – die auf die beiden Hauptzugänge der Neuveste ausgerichtet waren. Offenbar hatte man zwar die Schwachstellen der Anlage dadurch behoben: Die deutliche Schwächung der Stadtmauer durch den neuralgischen Punkt Neuveste blieb bestehen. Abhilfe wurde erst durch die Errichtung eines Batterieturms geschaffen – dem Non plus ultra der damaligen Wehrtechnik.

Datierungsproblem eines Schlüsselbaus

Die Geschichte dieses Batterieturms, eines massiven Baukörpers im Südosten der Burg, ist besonders verzwickt. Lange galt er noch als spätere Erweiterung. Doch ein genauerer Blick auf die Bauchronologie, auf Schießscharten, Mauerstärken und nicht zuletzt auf seinen Zwilling – den städtischen Jungfernturm – zeichnete ein anderes Bild. Der Jungfernturm – 10 Jahre früher erbaut, um das Zeughaus zu schützen – wurde von dem Niederbayern Lucas Rottaler als erster massiver Batterieturm konzipiert – mit radial angeordneten Kanonenscharten, ausgelegt für die schwereren Geschütze der Zeit. Genau diese Eigenschaften – die Mauerstärke, die Anordnung der Scharten und die für den Transport der schwereren Geschütze notwendige Steinbrücke – fanden sich in der Neuveste. Die Schlussfolgerung: Auch dieser Bau war als integraler Bestandteil der modernen Wehranlage geplant. Erst später sollte er zum Rundstubenbau mit Wohnfunktion erweitert werden.

Die Bewährungsprobe

Ob sich der finanzielle Aufwand gelohnt hat? Die Antwort gab der Landshuter Erbfolgekrieg. 1504 belagerte der pfälzische Hauptmann Wißpeck München vom Gasteig aus – jener Isaranhöhe, von der aus man die Stadt hervorragend unter Beschuss nehmen konnte. Am 12. Oktober eröffnete er das Feuer auf die Stadt. Und der Herzog antwortete. Der Angriff blieb erfolglos, die Pfälzer zogen wieder ab. Die „zwei Gesichter“ der Neuveste – Wehrburg und Frauenresidenz – hatten ihre erste echte Bewährungsprobe bestanden.

Vom Frauenhof zur Doppelresidenz – Mielichs Blick und der neue Garten

Münchner Residenz, Bauperiode 5, Lutteroth 24 by jlutteroth on Sketchfab

 

Stellen wir uns kurz vor, wir wären der junge Herzog Wilhelm IV. Endlich kann, mit Erreichen der Volljährigkeit, das Erbe angetreten werden – nur um dann festzustellen: Die Neuveste steht eigentlich noch immer im Zeichen der Mutter. Zwei Inventare aus der Zeit geben uns einen erstaunlich genauen Blick in die Burg – und der zeigt vor allem eines: jede Menge Betten – meist aber nur Strohsäcke für die untergeordneten Bediensteten – aber kaum Platz für den neuen Herzog und seinen Hofstaat, der ab der Hochzeit mit Maria Jakobäa von Baden noch erweitert wurde – und plötzlich reichte die kleine Wasserburg vorne und hinten nicht mehr.

Das Leichenmahl des Vaters

Eine schöne Petitesse am Rande, die zeigt, wie tückisch historische Quellen sein können: Im offiziellen Bericht über das Leichenmahl des Vaters wird die Neuveste erwähnt – und ältere Forschung hat daraus geschlossen, dass das gesamte, mehrere hundert Personen umfassende Trauermahl dort stattgefunden haben müsse. Ein genauerer Blick auf die genannten Räume zeigt aber: Das alles passt eher in den Alten Hof, der allein über die nötigen Dimensionen verfügte und solche Gelage bereits zur Genüge bewältigt hatte.

Kein Schloss ohne Garten oder umgekehrt

Auf das Gelage folgte das Bauen. Wilhelm IV. begann seine große Bautätigkeit nicht nur mit der Erweiterung der Burg selbst, sondern besonders mit einem neuen Garten, der dann zur großen Bühne werden wird: Der Kaiser besucht München, und das Festbankett findet im Garten – in einem „palastartigen Gebäude“ statt. An der herzoglichen Tafel saßen etwa zwanzig Gäste – dieselbe Anzahl, die fast vier Jahrzehnte später bei der großen Fürstenhochzeit seines Enkels im Georgsrittersaal an der Tafel des Fürsten Platz finden sollten. Erneut waren es italienische Gesandte, die uns begeistert von Wasserspielen, Irrgärten, reichen Fischteichen und den Lusthäusern berichteten. Der Garten scheint die eigentliche Sensation der Residenz gewesen zu sein.

Zwei Lusthäuser, ein Springbrunnen – und eine Ausstellung

Im Garten standen die kleinen intimeren Sommerhäuser: der „Tempietto“, ein achteckiger Bau mit Wasserspielen und umgebendem Irrgarten und ein zweites, ebenso reizvolles Gebäude: das „Haus auf Säulen„, über einem kreuzförmigen Wasserbecken errichtet, mit Putti, Löwen und Bären die Wasser speiten – eine Spielerei nach bestem Renaissancegeschmack. Und hier, in diesem temporären Häuschen, wurden der berühmte Zyklus von Historiengemälden gezeigt.

1559, Hans Mielich, Ausschnitt Neuveste

1559, Hans Mielich, Ausschnitt Neuveste. Bayerische Staatsbibliothek.

Das Gebäude existiert längst nicht mehr – aber Hans Mielich hat es in einer Buchmalerei verewigt, winzig klein, kaum zu erkennen zwischen zwei Rundtürmen der Gartenmauer. Die Grabungsbefunde liefern uns den Grundriss; Mielichs Miniatur liefert die Ansicht. Beides zusammen lässt das Gebäude neu erstehen – und genau dieser Abgleich zeigt: Mielich hat nicht frei fantasiert. Er hat es exakt an der Stelle gezeichnet, an der die Archäologie es Jahrzehnte später wiederfand, mit einer perspektivischen Präzision, die sogar den Rückschluss auf den Standort des Malers – irgendwo in einem längst vergessenen Landschloss im Norden Münchens – zurückverfolgen lässt. Ein „Reality-Check“ mit Hans Mielich, könnte man sagen – den der Meister mit Bravour besteht.

Symmetrie als Statement

Während der Garten blühte, wuchs auch die Neuveste selbst – und zwar mit einem klaren Konzept. Der Batterieturm wurde zum neuen Wohnbau erweitert, ein neuer Osttrakt entstand mit einer großen Altane (einer Art Terrasse mit Blick zum Garten), die alte Georgskapelle wurde vergrößert, und am Nordende setzte man den neuen Christophturm als Pendant zum Rundstubenbau. Das Ergebnis: eine symmetrische neue Ostfassade, exakt auf den neuen Garten ausgerichtet – Schloss und Garten als gestalterische Einheit, nicht mehr als Burg mit angeschlossenem Nutzgarten – gleichwohl wurde mit den neuen Kasematten zur Stadt hin nichts dem Zufall überlassen. Damit war der erste große Schritt getan: von der Nebenresidenz des weiblichen Hofs zur Hauptresidenz Bayerns – mit Blick ins Grüne und Abschreckung zur Stadt.

Die Erweiterung zur Stadt – Albrecht und das Antiquarium

Münchner Residenz, Bauperiode 6a, Lutteroth 24 by jlutteroth on Sketchfab

 

Als Albrecht V. mit nur 22 Jahren die Regierung übernahm, tat er das, was Wittelsbacher Thronfolger eben taten: Er setzte fort, was sein Vater begonnen hatte. Doch am Ende seiner Regierungszeit war die alte Wasserburg kaum wiederzuerkennen – stattdessen entstand mit dem Antiquarium ein Gebäude, das es in dieser Form vorher in Europa nicht gegeben hatte, und welches bis heute den Takt vorgibt, wenn man das Residenzmuseum besucht.

Der letzte große Saal der Neuveste

Zunächst aber musste die Neuveste selbst noch einen Höhepunkt erleben. Im Osttrakt, den schon sein Vater begonnen hatte, wurde der Georgsrittersaal vollendet – mit rund 30 x 10 m der größte stützenlose Festsaal, den die Neuveste je besitzen sollte. Verantwortlich dafür war der Augsburger Wilhelm Eckl, aber auch der Herzog mischte sich ein, als er an seinen Hofmarschall schrieb, dass man sich über die Musiktribüne im „Neuen Saal“ noch nicht einig sei. Mit seinen großen Fenstern zum Garten und Hof, der prachtvollen Holzdecke und den modernen Renaissanceausstattungen war er das repräsentative Herzstück der Neuveste – und gleichzeitig ihr krönender Abschluss. Hier wurde gefeiert, getanzt, getafelt: So auch noch bei der Fürstenhochzeit Wilhelms V. mit Renata von Lothringen. Der Saal war fertig – aber die eigentliche Innovation sollte noch folgen.

Ein Stall als Schatzkammer

Denn fast zeitgleich mit dem Innenausbau der Neuveste richtete sich der Blick des Herzogs zunehmend auf die Stadt. Zunächst lässt sich der Bau des Kunstkammergebäudes zwischen Altem Hof und Neuveste verfolgen: Inklusive Stallung für die kostbaren Pferde wurde es der Aufbewahrungsort der herzoglichen Kunstsammlung – das Residenzmuseum 1.0. Was hier sichtbar wird, ist ein Prioritätenwechsel, der im Rückblick fast beiläufig wirkt, aber enorme Folgen hatte: Die Aufbewahrung und Präsentation der Kunstsammlungen avancieren neben Festungsbau und Wohnkomfort zur eigenständigen Bauaufgabe.

Das Antiquarium: Schaufenster und Sichtschutz zugleich

Die Konsequenz dieses Wechsels stellt das Antiquarium dar, das auf Grundstücken des benachbarten Franziskanerklosters errichtet wurde. Bestimmt war es für die herzogliche Antikensammlung und die Bibliothek: ein Gebäude, für das es im damaligen Europa keine Vorbilder gab. Und doch erfüllte das Antiquarium ganz nebenbei auch eine sehr traditionelle Aufgabe. Als nahezu freistehender Block jenseits des inneren Wassergrabens lag es genau zwischen der Neuveste und der bewohnten Bürgerstadt – ein Schaufenster für die fürstliche Gelehrsamkeit nach außen, und gleichzeitig eine neue bauliche Schicht, die sich zwischen Residenz und Stadtraum schob. Sammlung und Abschirmung, Repräsentation und Distanz – all das in einem Gebäude und aus den Fenstern der Neuveste überdies noch nett anzuschauen.

1584/86, Joris Hoefnagel, Ausschnitt Neuveste

1584/86, Joris Hoefnagel, Ausschnitt Neuveste. Bavarikon.

Auf der Stadtansicht Hoefnagels, die kurz nach Albrechts Tod entstand, ist das Antiquarium bereits als langer, quergestellter Trakt mit der Beschriftung „Liberej“ und „Antiquarei“ zu erkennen und direkt daneben schließt ein weiterer Trakt an, der die Abschirmung des Residenzareals komplettierte.

Ein Ende und ein Anfang

Am 24. Oktober 1579 starb Albrecht V. in der Neuveste. Mit ihm endete zwar die Geschichte der Neuveste nicht. Sie sollte aber zu einem Nebenschauplatz der Residenz werden. Albrecht hatte mit der Vollendung des Festsaals begonnen und mit der Errichtung eines gänzlich neuartigen Sammlungsgebäudes geendet. Sein Sohn und Nachfolger Wilhelm V. erbte damit nicht nur die Neuveste, sondern auch eine Richtung: den Weg nach Westen, die Erweiterung zur Stadt – einen Weg, der in einem zweiten Beitrag weiterverfolgt werden wird, wenn aus dem Antiquarium und seinem Umfeld die „Neue Residenz“ entsteht, wie wir sie heute kennen.