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Hergebrachte Geschichtsbilder weiten – ein Versuch im Berliner Humboldt Forum

Sophie von Hannover Titel

Ein Gastbeitrag von Katja Gimpel und Alfred Hagemann, Stiftung Humboldt Forum im Berliner Schloss //

Der Name „Hohenzollern“ löst allerlei Assoziationen aus: Bilder von Uniformen und Pickelhauben, vielleicht auch von Sanssouci und dem flötenspielenden „Alten Fritz“ – Preußen eben. Es sind allesamt Bilder von Männern, die mit Vorliebe Friedrich, Wilhelm oder Friedrich Wilhelm hießen. Doch wer denkt bei den Hohenzollern an Barbara, an Anna oder Elisabeth, die im Fokus des Netzwerkprojekts WIRKSAM stehen?

Traditionelle Selbstdarstellung der Hohenzollern

Frauen spielen im Image der Hohenzollern eine noch geringere Rolle, als es in Dynastien ohnehin die Regel ist. Diese Einseitigkeit des Hohenzollernbildes hat viel mit der Selbstdarstellung der Dynastie zu tun. Sie waren eine Aufsteigerfamilie, deren Karriere von Burggrafen von Nürnberg (ab 1190) über Kurfürsten von Brandenburg (ab 1417) und Königen von Preußen (ab 1701) bis hin zu Deutschen Kaisern (1871-1918) kontinuierlich nach oben führte. Daher präsentierten sich die Hohenzollern als zielgerichtet handelnde self-made men.

So war auch die monumentalste Inszenierung der hohenzollernschen Dynastiegeschichte reine Männersache: die Siegesallee in Berlin. Kaiser Wilhelm II. ließ bis 1901 im Berliner Tiergarten die Abfolge der Herrscher Brandenburg-Preußens aufstellen. Unter den fast einhundert monumentalen Skulpturen und Büsten gab es keine einzige weibliche Figur, die als relevant für die Geschichte angesehen worden wäre.

Fragmente Siegeshalle Zitadelle Spandau

Die Fragmente der 1945 abgeräumten Siegesallee sind heute in der großartigen Ausstellung ENTHÜLLT auf der Zitadelle Spandau zu sehen. Foto: Hagemann

Auch zweihundert Jahre früher war das Selbstbild kaum anders. Friedrich Wilhelm von Brandenburg, der Große Kurfürst, gab 1686 eine Skulpturenreihe seiner Ahnen in Auftrag, die alle Kurfürsten aus dem Hause Brandenburg seit 1417 zeigen sollte. Die von dem Niederländer Bartholomäus Eggers überlebensgroß in Marmor geschlagenen Standbilder waren für den wichtigsten Raum des Berliner Schlosses bestimmt, den Alabastersaal. Diese rein männliche Ahnenreihe war bis zur Sprengung der Schlossruine 1950 ein zentrales Element hohenzollernscher Repräsentation.

Dabei war dieser rein männliche Blick auf die eigene Geschichte für ihre Selbstvermarktung gar nicht unproblematisch. Die Fürstinnen waren nicht nur als Ehefrauen und Mütter zentral für den Fortbestand der Familie, sie brachten vor allem auch Würde, Macht und Beziehungen ihrer Herkunftsfamilien mit – was gerade für die „Aufsteiger“ aus dem Haus Hohenzollern von entscheidender Bedeutung war. Wenn die Kurfürsten von Brandenburg sich im 16. und 17. Jahrhundert Königshäusern ebenbürtig empfanden, so beruhte das ausschließlich auf der engen Verwandtschaft mütterlicherseits mit den Königshäusern in Polen oder Dänemark. Die europaweite Vernetzung, der Informationsaustausch zwischen den Residenzen und die Anbahnung neuer Eheverbindungen als Mittel der „Außenpolitik“ waren Kernaufgaben der weiblichen Familienmitglieder der frühen Neuzeit – und sie waren entscheidend für den Erfolg von Dynastien. Dargestellt wird das aber bis heute in Publikationen oder Ausstellungen nur ausnahmsweise.

Höchste Zeit also, dass wir unser Geschichtsbild in Hinsicht auf die europäischen Fürstenfamilien weiten und endlich die ganze Geschichte in den Blick nehmen.

Im Berliner Humboldt Forum ist die oben genannte Gruppe von Skulpturen aus dem Alabastersaal seit der Eröffnung 2021 Teil der Dauerausstellung zur Geschichte des Ortes. Die Standbilder stellen in monumentaler Weise die Kontinuität dar, mit der diese Familie die Geschichte Berlins und Deutschlands über 500 Jahre prägte.

Einbringung Kurfürsten und Kaiser Humboldt Forum

Einzug der Kurfürsten im Humboldt Forum 2020. Copyright: Stiftung Preußische Schlösser und Gärten Berlin-Brandenburg/Stiftung Humboldt Forum im Berliner Schloss / Foto: GIULIANI | VON GIESE

Dynastiegeschichte umdenken – Bilder für das 21. Jahrhundert

Die Leihgabe der Stiftung Preußische Schlösser und Gärten war deshalb ein Glücksfall – und doch war diese Wiederholung der traditionellen, männlichen Geschichtsdarstellung auch problematisch. Die Zusammenarbeit in dem von der Bayerischen Schlösserverwaltung initiierten Netzwerkprojekt WIRKSAM bot nun gleichzeitig mit dem Themenschwerpunkt „Beziehungsweise Familie“ im Jahr 2025/26 im Humboldt Forum die willkommene Gelegenheit, die Perspektive zu weiten: Wie kann man die fehlende Hälfte dieser „Familienaufstellung“ sichtbar machen und das hergebrachte Geschichtsbild aufbrechen?

Von den Frauen der Hohenzollern gibt es nur in sehr wenigen Fällen monumentale Skulpturen, die man den Herren an die Seite stellen könnte. Daher war die zentrale Frage, wie Darstellungen der Frauen aussehen könnten, die den Männern ästhetisch und in ihrer Monumentalität ebenbürtig wären. Hier kamen uns die neuesten Entwicklungen in der Bildgenerierung durch Künstliche Intelligenz entgegen. Sie machten es möglich, fotorealistische Darstellungen von Marmorskulpturen der Frauen zu erstellen, die in der Realität nicht existieren. So konnten lebensgroße Bilder erschaffen werden, die in der ästhetischen Wirkung der Form des Marmorstandbildes entsprechen, wenn auch in zweidimensionaler Form.

Sophie von Brandenburg Kurfürstin

Sophia von Brandenburg (1568-1622), Kurfürstin von Sachsen übte für ihren minderjährigen Sohn zehn Jahre lang Herrschaft in Sachsen aus. Copyright: Stiftung Preußische Schlösser und Gärten Berlin-Brandenburg/Stiftung Humboldt Forum im Berliner Schloss. Foto: Hagemann

Ziel war es, den elf Generationen der Kurfürstenreihe vier Frauen aus vier Jahrhunderten zur Seite zu stellen. Auf diese Weise wurde es möglich, die Skulpturengruppe in ihrer Wirkung zu verändern und gleichzeitig unterschiedliche Frauen mit ihren sehr verschiedenen Handlungsspielräumen vorzustellen.

Marie Auguste von Anhalt

Marie Auguste von Anhalt (1898-1983) heiratete 1916 einen Sohn Wilhelms II. Nach 1918 befreite sie sich aus den Zwängen dieser letzten dynastischen Hochzeit. Copyright: Stiftung Preußische Schlösser und Gärten Berlin-Brandenburg/Stiftung Humboldt Forum im Berliner Schloss. Foto: Hagemann

In einem intensiven Prozess musste zunächst ein KI-Prompt entwickelt werden, der zu einer ästhetisch überzeugenden, fotorealistischen Darstellung von Marmorskulpturen führte. In einem zweiten Schritt erhielt die KI unter Vorgabe existierender historischer Darstellungen der ausgewählten Fürstinnen (Gemälde, Grabmale, Grafiken…) den Auftrag, „Skulpturen“ dieser Persönlichkeiten zu erstellen. Hier mussten hunderte Varianten durchgespielt werden, um zu einer geeigneten engeren Auswahl für die Umsetzung in der Ausstellung zu gelangen. Nachdem die gewählten Darstellungen in die richtige Auflösung gebracht worden waren, konnten sie schließlich auf Textil gedruckt und hinterleuchtet im Ausstellungsbereich aufgestellt werden.

Sophie von Hannover

Sophie von Hannover (1630-1714) war eine mächtige Netzwerkerin für ihren Schwiegersohn, König Friedrich I. in Preußen. Copyright: Stiftung Humboldt Forum im Berliner Schloss. Foto: Hagemann

Seit der Eröffnung im November 2025 stellen wir erfreut fest, wie stark sich die gesamte Präsentation der Skulpturenreihe verändert hat. Als klare Produkte unserer Zeit spiegeln die hinzugefügten Frauen nicht vor, es hätte historisch ein Interesse an ihrer Darstellung gegeben – und gleichzeitig ist eine ästhetische Einheitlichkeit der gesamten Gruppe entstanden, die die Hohenzollern nun als Familie erkennbar macht. Besucherinnen und Besucher nehmen die historischen Skulpturen nun weniger als reine Kunstwerke wahr. Vielmehr unterstreichen die hinzugefügten modernen Elemente, dass auch die originale Skulpturengruppe schon immer eine Inszenierung war.

Das Feedback zeigt: eine solche Weitung unseres Geschichtsbildes sollte nicht nur temporär im Rahmen von fruchtbaren Projekten wie WIRKSAM erfolgen, sondern permanent Teil der Museumslandschaft werden. Wir hoffen daher, Sophia, Anna, Sophie und Marie Auguste dauerhaft einen Auftritt im Humboldt Forum zu bieten.

Anna von Brandenburg

Anna von Brandenburg (1487-1514) schuf sich als Herzogin in Schleswig eine bedeutende Grablege in Kloster Bordesholm und ist daher bis heute präsent. Copyright: Stiftung Preußische Schlösser und Gärten Berlin-Brandenburg/Stiftung Humboldt Forum im Berliner Schloss. Foto: Hagemann


 

Die Ausstellung Systemrelevant – Frauen in Herrscherfamilien läuft noch bis Montag, 3. August 2026, im Berliner Schloss (Treppenhalle, 3. OG).