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Mythos, Macht und Türkenbeute – Eine Sonderpräsentation im Nymphenburger Marstallmuseum

Zum 300. Todestag des Kurfürsten Max Emanuel von Bayern thematisiert eine kleine Sonderpräsentation im Nymphenburger Marstallmuseum die sogenannte Türkenbeute des Wittelsbachers, sowie den damit eng verbundenen Mythos des Türkensiegers. Ein prunkvolles Zaumzeug zusammen mit einem dazugehörigen Schweifgurt und zwei goldene Pistolentaschen sind im Jubiläumsjahr im westlichen Flügel des Marstallmuseums zu sehen.

Denkt man an Max Emanuel von Bayern, so hat man sofort den glorreichen Türkensieger in kaiserlichen Diensten vor Augen. Der kriegerische Kurfürst, quasi ein bayerischer Mars, bezwingt die osmanische Gefahr und befreit die Stadt Buda (historisch auch Ofen genannt) von der türkischen Besatzung. Um seine militärische und politische Überlegenheit zu beweisen, tut er das, was viele vor ihm auch getan haben: die Schätze der Verlierer erbeuten: veni, vidi, vici, praedavi – ich kam, ich sah, ich siegte, ich erbeutete. Doch wie viele Kriegstrophäen nahm Max Emanuel tatsächlich mit und wie viel davon ist in den heutigen Sammlungen noch erhalten?

Max Emanuel: the man, the legend

Die Frage der Provenienz vieler Objekte mit der Bezeichnung „Türkenbeute“ ist in den meisten Fällen nicht mehr nachvollziehbar. Häufig wurden diese erst später inventarisiert, als der Mythos vom Türkensieger schon spannender war als die Realität. Max Emanuel schaffte es, sein Bild zu Lebzeiten, aber auch für die Nachwelt in ein positives Licht zu rücken, indem er sich als erfolgreicher und zielstrebiger Kommandant der kaiserlichen Armee inszenierte.

Apotheose Max Emanuel

Die Miniatur aus der Residenzsammlung verherrlicht Max Emanuels Siege in den Türkenkriegen und verheißt Nachruhm und göttlichen Lohn. Joseph Werner, 1660/1695, Residenz München. BSV/ Custodis/ Hetzenecker

Die Erfolge

Max Emanuel war in der Tat ein aktiver und wichtiger Akteur in den Türkenkriegen und sicherte mehrere Erfolge für die kaiserlichen Truppen. Bereits 1683 beteiligte er sich mit rund 11.000 bayerischen Soldaten an der Armee zur Befreiung der belagerten Stadt Wien. In der Zweiten Belagerung Wiens kämpfte er persönlich mit und trug zum Sieg über das osmanische Heer bei. Auch in den folgenden Jahren blieb er militärisch präsent: 1683 nahmen bayerische Truppen an der Eroberung von Gran teil, 1684 war er selbst am – letztlich gescheiterten – Angriff auf Ofen beteiligt.

Im Jahr 1687 spielte er eine wichtige Rolle in der Schlacht bei Mohács: Der von ihm mitgeführte rechte Flügel der Verteidiger trug maßgeblich zum Sieg der kaiserlichen Truppen bei. Sein wachsendes militärisches Ansehen mündete 1688 in der Ernennung zum Oberbefehlshaber in Ungarn. Im selben Jahr errang er mit der Eroberung von Belgrad einen seiner größten Erfolge. Dabei kämpfte er an vorderster Front und wurde mehrfach verwundet. Der Sieg machte ihn europaweit bekannt und brachte ihm den Beinamen „Blauer Kurfürst“ – aufgrund der Farbe seines Uniformrocks – sowie den Ruf eines „Türkenbezwingers“ ein.

Kurfürst Max Emanuel zu Pferd

Max Emanuel in triumphierender Pose als Blauer Kurfürst zu Pferde, im Hintergrund die Schlacht von Belgrad – einer seiner größten militärischen Erfolge. Miniatur, Ferdinand Carl Bruni, 1686/1699, Residenz München

Die Niederlage und die Anfänge einer Legende

Besonders wichtig wurden diese Ereignisse, nachdem der Kurfürst im Spanischen Erbfolgekrieg in Ungnade gefallen war. Nach dem kinderlosen Tod Königs Karl II. von Spanien brach der Krieg um die spanische Krone aus. Zur Debatte standen vor allem zwei Dynastien – die französischen Bourbonen und die österreichischen Habsburger. Als Karl II. kurz vor seinem Tod den französischen Prinzen Philipp V., den Enkel König Ludwigs XIV., zu seinem Erben bestimmte, fürchteten viele Mächte ein Übergewicht Frankreichs. Es kam zur Bildung einer breiten Allianz gegen Frankreich. Obwohl Bayern traditionell eng mit den Habsburgern verbunden war, entschied sich Max Emanuel für ein Bündnis mit Frankreich. Sein Ziel war es, Bayern zur Großmacht aufzuwerten – etwa durch Gebietsgewinne oder sogar eine Königskrone.

Schlacht_Höchstädt

Schlacht von Höchstädt, Gemälde, um 1720 (Leihnahme Lfa Förderbank Bayern), Schloss Höchstädt

Anfangs konnte er an der Seite des französischen Heeres durchaus Erfolge erzielen. Doch die Wende kam 1704 mit der Schlacht von Höchstädt. Die bayerisch-französischen Truppen erlitten eine entscheidende Niederlage gegen die Allianz unter John Churchill, 1. Duke of Marlborough, und Prinz Eugen von Savoyen. Diese hatte gravierende Folgen: Bayern wurde von kaiserlichen Truppen besetzt, über Max Emanuel wurde die Reichsacht ausgesprochen, und er musste ins Exil gehen. Erst nach Kriegsende konnte er 1714 in sein Land zurückkehren. Seine ambitionierte Machtpolitik war damit gescheitert – zumindest vorerst.
Gerade vor diesem Hintergrund gewannen seine früheren militärischen Erfolge in den Türkenkriegen für seine Selbstdarstellung umso mehr an Bedeutung: Sie boten ein Gegennarrativ zu den Niederlagen und dem politischen Scheitern im Spanischen Erbfolgekrieg. Insgesamt eine sehr gelungene PR-Kampagne.

Der Mythos um den „Türkenbezwinger“ verdrängte die Misserfolge des Kurfürsten, und bald wurde alles aus der Sammlung des Wittelsbachers, was orientalisch aussah, als „Türkenbeute“ bezeichnet. Charakteristisch dafür waren Objekte, die mit Türkisen geschmückt waren, Granatapfelmuster aufwiesen und vor allem Sichelmonde zeigten. Die Realität ist jedoch viel komplexer.

Where did they come from and where did they go? – Provenienzfragen

Die Beziehung zwischen dem Osmanischen Reich und Europa, vor allem dem Heiligen Römischen Reich, darf nicht nur auf die kriegerischen Auseinandersetzungen reduziert werden. Die Expansionsbestrebungen des Osmanischen Reiches im 16. und 17. Jahrhundert hatten Europa erschreckt und das Bild von den gewaltvollen Osmanen geprägt, die nicht nur eine Gefahr für den Frieden in Europa, sondern auch für das Christentum darstellten. Gleichzeitig faszinierte die fremde Kultur. Das Osmanische Reich, oft mit dem Orient gleichgesetzt, wurde zur Projektionsfläche europäischer Fantasien: ein imaginäres Paradies voller Reichtümer – zugleich aber auch eine reale militärische Bedrohung. Trotz politischer Spannungen und kriegerischer Auseinandersetzungen bestand eine anhaltende Neugier, die sich in illustrierten Reiseberichten, Büchern zur orientalischen Kleidung sowie in einer Vielzahl fantasievoller Darstellungen niederschlug. Man begann, orientalisierende Alltags- und Prunkgegenstände zu fertigen und zu sammeln, um den Luxus des Orients näherzubringen. Gleichzeitig nutzten osmanische Auftraggeber auch europäische Werkstätten, um Textilien, Möbel, Schmuck und vieles mehr anfertigen zu lassen. Dies macht das Erkennen von originalen osmanischen (Kunst-)Gegenständen umso schwieriger. Zudem gab es vor allem ab dem 18. Jahrhundert vermehrt diplomatische Kontakte zwischen dem Heiligen Römischen Reich und dem Osmanischen Reich. Gesandte wurden an die jeweiligen Höfe geschickt und brachten entsprechende prunkvolle Geschenke als Zeichen der gegenseitigen Wertschätzung mit. Entsprechend fand auch ein Kulturaustausch statt – ein Aspekt, der im Narrativ der osmanisch-deutschen Beziehungen oft vergessen wird oder zu kurz kommt.

Zaumzeug

Pistolentaschen

Zaumzeug, Schweifgurt und Pistolenhalfter, Marstallmuseum. BSV/Freudling, Scherf

„Türkenbeute“?

Aus welchem Kontext die entsprechenden Objekte im Nymphenburger Marstallmuseum in die Sammlung der Wittelsbacher kamen, ist meist nicht rekonstruierbar, sodass nicht mit Sicherheit von Objekten aus der Türkenbeute gesprochen werden kann. Erkennbar sind jedoch die „typischen“ Granatapfelmuster auf dem zentralen Schmuckelement des Zaumzeugs sowie Türkise und Mondsichel auf den Pistolentaschen, aber auch „exotische“ Materialien wie Perlmutt. Ähnliche Muster sind in einer prunkvollen Gürtelschnalle in der Schatzkammer der Residenz München zu finden. Der Überlieferung nach soll Max Emanuel diese eigenhändig einem türkischen Anführer abgenommen haben.

Türkenbeute Zelt

Blick durch die Türe in den Innenraum des Wohnzeltes des Großwesirs Sarı Süleyman Paşa, Bayerisches Armeemuseum. Foto: Erich Reisinger

Während die Provenienz der Objekte aus den Beständen nicht gesichert werden kann, gibt es durchaus Beispiele echter Türkenbeute. Das prominenteste Beispiel ist das Zelt des Großwesirs Sarı Süleyman Paşa im Bayerischen Armeemuseum Ingolstadt, das Max Emanuel nach dem Sieg in der Schlacht von Mohács im Jahr 1687 erbeutet hat. Entsprechend seines Ranges als Kurfürst – der mächtigsten politischen Stellung im Heiligen Römischen Reich nach dem Kaiser – eignete sich der Wittelsbacher das Schlafzelt seines osmanischen Pendants, des Großwesirs – dem höchsten politischen Amt nach dem Sultan – an. Das rote Zelt kam bereits 1688 zum Einsatz, als es zu einem Gartenfest im heutigen Münchner Fasanengarten aufgestellt wurde.
Die meisten erbeuteten Gegenstände sind jedoch mit der Zeit verschwunden, so dass heute nur wenige nachweisbare Stücke der „Türkenbeute“ in den bayerischen Sammlungen auffindbar sind.