Barbara von Brandenburg (1422–1481) ist unter den Zollernfrauen des 15. Jahrhunderts eine bekannte Erscheinung, allein schon dank der berühmten Darstellung von Andrea Mantegna im Palazzo Ducale in Mantua: eine Matrone mit Schleier neben dem Markgrafen Ludovico Gonzaga, ihrem Mann, und inmitten einer Schar Kinder. Dass sie dort so selbstverständlich und großformatig als Mittelpunkt dieses adligen „Hauses“ inszeniert wurde, ist kein Zufall. Ihre Ehe gilt als Beispiel einer äußerst geglückten dynastischen Verbindung. Und Barbara war es, die aktiv als Scharnierfigur und besonders WIRKSAM die Achse ihrer familiären Kontakte mit der Kurie ausbaute – damals einer höchst wichtigen Instanz.
Von Franken nach Mantua
Schon als Mädchen wurde Barbara 1433 nach Mantua geschickt, weil sie dort den Sohn der – frisch zu Markgrafen erhobenen – Gonzaga, Ludovico (1412–1478) heiraten sollte. Das war die Idee, die Kardinal Cesarini auf dem Konzil zu Konstanz zusammen mit dem Großonkel der Braut, Friedrich I. von Brandenburg, und dem Vater des Bräutigams ausgeheckt hatte.

Detail mit Barbara von Brandenburg (auf Blättern, für die Zugehörigkeit zum Haus Brandenburg) und Ludovico Gonzaga, Markgraf von Mantua (als eingeheirateter auf einem Wölkchen) aus dem Stammbaum der Hohenzollern, um 1570, Öl auf Leinwand. Staatsbibliothek zu Berlin – Preußischer Kulturbesitz; Abteilung Handschriften und Historische Drucke; Signatur: K 216
Nicht einmal eine Mitgift mussten die Zollern für sie zahlen, so prestigeträchtig war die Verbindung („amicitia“) für die Italiener! Im Oktober 1433 schickten sie der Prinzessin 200 Reiter und prachtvolle Geschenke bis Augsburg entgegen, darunter Gewänder und ein Rock „von Golde so schwer, als in anhett, der stuende uffrecht vor eitel Gold und was lang“. Am 12. November kam sie mit ihrem typisch fränkischen vergoldeten Brautwagen in der neuen Heimat an. Die Hochzeit wurde sofort feierlich begangen, die Ehe aber erst später vollzogen wegen des zarten Alters der Braut. Barbara erfuhr zunächst eine intensive Ausbildung auf modernstem humanistischem Stand und wurde den Verhältnissen am mantuanischen Hof gemäß erzogen. Sie integrierte sich perfekt in die so gänzlich anderen Verhältnisse und glänzte als Fürstin später mit enormen Kenntnissen und Wissenshorizonten. Gleichzeitig blieb sie ihrer Herkunftsfamilie immer intensiv verbunden.

Detail aus dem Titelbild: Portrait Barbaras, in Mantua genannt „di Brandeburgo“, ebda. Copyright MIC – Palazzo Ducale di Mantova, Foto Ghigo Roli
Mit ihrem Mann entwickelte sich ein vertrauensvolles, gutes Verhältnis. Während Ludovico (auch) als Markgraf ab 1444 oft in militärischen Belangen unterwegs war, bildete Barbara die zuverlässige herrscherliche Stütze in Mantua. Der Briefwechsel Barbaras ist enorm umfangreich, darunter auch derjenige mit ihrem Mann. Die beiden galten als „zwei Körper und eine Seele“ bei den Zeitgenossen! Zum Eindruck des dynastischen Erfolgsteams trug natürlich auch die Tatsache bei, dass die beiden elf Kinder hatten, von denen zehn das Säuglingsalter überlebten und die dynastische Zukunft sicherten – in alle Richtungen. Von ihnen wurden bezeichnenderweise drei mit deutschen Fürstenhäusern verheiratet und der zweitgeborene Sohn Francesco (1444–1483) auf eine für ihre Herrschaft besonders bedeutsame Schiene gesetzt.
Der Sohn als Kardinal – und die Mutter lenkt die Karriere
Ab den 1450er-Jahren gewann eine politische Agenda der Gonzaga mehr und mehr Gewicht: Die Beziehungen zum Papsthof sollten ausgebaut werden und so – auch für die Verwandtschaft nördlich der Alpen – für verlässliche Unterstützung aller Anliegen sorgen. An der Kurie wurde damals über mächtige Posten, über unabdingbare Indulgenzen, Dispense, Freiheiten und Zuteilungen von Pfründen entschieden, auch für die Herren im Heiligen Römischen Reich.
Bei diesem ehrgeizigen Ziel half es, dass Enea Silvio Piccolomini, der viele Jahre am Hof des Kaisers tätig gewesen und ein Bewunderer von Barbaras Onkel Albrecht Achilles war, 1456 zum Kardinal ernannt und im August 1458 zum Papst (Pius II.) gewählt wurde. Sein zentrales Anliegen war die Einigung der christlichen Welt im Kampf gegen die Türken – unter seiner Regie. Die Strategie Barbaras setzte hier an: Zum einen gelang es ihr, nicht zuletzt dank ihrer engen Kontakte zu den deutschen Herrscherhäusern bis hinauf zum Kaiser, Pius II. dazu zu bewegen, dass der von ihm dringend gewünschte „Fürstentag“ tatsächlich 1459 nach Mantua einberufen und dort abgehalten wurde. Wenngleich dieser aus päpstlicher Sicht keinen Durchbruch für seine politischen Absichten brachte, wertete Pius das Ganze doch als fruchtbar und positiv. Diese Bilanz und die zahlreichen Gelegenheiten für die Gonzaga, in Gesprächen vor Ort mit einflussreichen Herren Tuchfühlung aufzunehmen, konnten einem anderen taktischen Element zum Erfolg verhelfen: die Kardinalsernennung für ihren Sohn Francesco. Dieser war allerdings gerade eben einmal 15 Jahre jung und stand am Beginn eines Theologiestudiums.

Treffen zwischen Markgraf Ludovico Gonzaga und Kardinal Francesco Gonzaga. Wandgemälde, Andrea Mantegna 1465-1474, Castello di San Giorgio im Palazzo Ducale, Mantova. Copyright MIC – Palazzo Ducale di Mantova, Foto Quattrone 2006
Dabei zog Barbara sämtliche Strippen kommunikativen und strategischen Networkings, sie aktivierte nützliche und baute wichtige Kontakte aus, sandte eigens Gesandte nach Rom, betonte permanent die Romtreue und Kaisernähe sowie den hohen Rang der brandenburgischen Verwandtschaft, spannte diese intensiv für das Vorhaben ein und machte natürlich auch dem jugendlichen Aspiranten gehörig Druck, angemessen viel zu lernen und allerorten einen guten Eindruck zu hinterlassen. Dabei war sie nach Norden wie in Richtung Rom die absolute Herrin des Informationsflusses und des Gesamtprojekts. Und es gelang tatsächlich: Am 18. Dezember 1461 verkündete der Papst die Ernennung Francescos zum Kardinal von Santa Maria Nova. Sein noch zu junges Alter versuchte man zu verschleiern.
Ein Gonzaga-Zollern-Kardinal für die „deutsche Nation“
Nachdem die Sache „optimamente“ verlaufen war, blieb Barbara die steuernde Kraft. Mit täglichen Briefen und Vertrauten, die sie Francesco an die Seite stellte, dirigierte und mahnte sie ihn, sich für die „parentado“ aus Deutschland bei sämtlichen Besuchen und Anliegen zum Fürsprecher an der Kurie zu machen. Getreulich diente er dementsprechend als Anlaufstelle für zollerische, dänische oder württembergische Gesandte aus der weiteren Verwandtschaft, verwendete sich aber auch für Bamberger, Mainzer oder andere deutsche Anliegen und erhielt für geleistete „mercklich hulff und beystand“ auch freundliche Worte.

Detail aus dem „Treffen“: Portrait Francescos, rechts neben ihm Kaiser Friedrich III. und König Christian von Dänemark, ebda. Copyright MIC – Palazzo Ducale di Mantova, Foto Ghigo Roli
Nicht immer allerdings machten es ihm die Verwandten in Franken leicht, etwa beim schwierigen, nicht vollzogenen Eheprojekt der Tochter Albrechts, Barbara. Auch wurden die von ihm häufiger vorgetragenen Wünsche für Pfründen im Reich oft nicht erfüllt. Für die Verbindung der Zollern nach Rom jedoch blieb diese Personalie eine äußerst nützliche Leistung Barbaras, die mit ihrem Tod allerdings auch erlosch und so deutlich macht, wie sehr diese Achse an sie gebunden war.
Titelbild: Im Zentrum des markgräflichen Hofs thront Barbara neben ihrem Mann, inmitten von Kindern und Höflingen. Wandgemälde, Andrea Mantegna 1465-1474, Castello di San Giorgio im Palazzo Ducale, Mantova. Copyright MIC – Palazzo Ducale di Mantova, Foto Quattrone 2006

