Gerade zum Valentinstag wird, egal ob über Plakate oder berührende Werbeclips, die Bedeutung der wahren Liebe propagiert, in zahlreichen Filmen und Serien wird sie dramatisch inszeniert. Ein Thema, das die Menschen seit jeher beschäftigt. Zu denken, dass es früher doch alles viel einfacher und nicht so verkopft gewesen wäre – vor allem bei den Prinzessinnen – ist weit an der Realität vorbei gedacht. Wir reisen ins 15. Jahrhundert zu Barbara von Brandenburg, die genug hatte von arrangierten Ehen und lästigen Wartezeiten. Sie beschloss, ihr Liebes- und Lebensglück selbst in die Hand zu nehmen. Das Ergebnis? Kein „… und sie lebte glücklich und zufrieden bis ans Ende ihrer Tage“, sondern ein handfester Familienskandal mit dramatischen Folgen.
Hochzeit im Mittelalter: Geschäftssache mit viel TamTam
Im Hochadel des Spätmittelalters war die Ehe keine Herzensangelegenheit, sondern ein Teil politischer Schachzüge: Heiratsprojekte dienten als strategische Bündnisse und wurden von Eltern häufig für ihre (teils ungeborenen) Kinder geplant. Wo offene Feindschaft oder zähe Konkurrenz drohten, konnte ein Ehering ein effektives Mittel der Friedenssicherung sein.

Kinder als Figuren auf dem politischen Schachbrett. In der ersten Ausstellung des WIRKSAM-Projekts auf der Cadolzburg wurde das auch visuell deutlich. Foto: BSV/Käfer
Prestigegewinn, finanzielle Vorzüge und vielversprechende Erboptionen waren überzeugende Argumente für Ehepläne. Die juristischen Abmachungen waren häufig so umfangreich, dass ein heutiger Ehevertrag kaum mithalten kann. Die Hohenzollern nutzten die Heiratspolitik mal zur Aufpolierung des Images der noch recht jungen Dynastie, mal zum geschickten Knüpfen adeliger Allianzen und territorialen Erweiterung. Mit der Zeit zielte man auch auf einen Aufstieg in königlichen Rang. Barbara etwa sollte Königin von Böhmen werden.

Hochzeiten waren im 15. Jahrhundert pompöse Feste mit ungeheurem Aufwand. Bildnachweis: UB Heidelberg, Cod. Pal. germ. 142, Pontus und Sidonia, 130 v.
Barbara von Brandenburg – junge Witwe mit reichem Erbe
Barbara war eine Tochter des Markgrafen Albrecht Achilles und seiner zweiten Frau Anna von Sachsen. Mit gerade einmal acht Jahren wurde sie 1472 an den bedeutend älteren Herzog Heinrich von Glogau verheiratet, doch starb dieser aufgrund seines fortgeschrittenen Alters und schlechten Gesundheitszustands bereits nach vier Jahren.
Durch ihr schlesisches Erbe schien sie nun für den böhmischen König Wladislaw II. eine gute Partie zu sein. Auch für die Hohenzollern galt eine solche Ehe als prestigeträchtiges Projekt, schließlich winkte ein Aufstieg in die Königsliga! Um das Projekt schnell zu verwirklichen, wurde die Trauung mit einem Stellvertreter des Bräutigams durchgeführt. Durch diese Ehe per procurationem musste sich das eigentliche Brautpaar gar nicht sehen!

Wir wissen, dass bei der Hochzeit Barbaras mit dem Stellvertreter auch „zwen mehelring mit dymanten“ ausgetauscht wurden. Ein Verlobungsring des 15. Jh. mit der Inschrift „ich wyl“ zeigt, wie kunstvoll diese waren. Bildnachweis: Inv.-Nr. MA 3023. Foto: BNM/Krack
Jedoch interessierte sich Wladislaw angesichts verzögerter Hochzeitsfeierlichkeiten (Gäste wurden krank und sagten ab), Kriegswirren, Erbstreitigkeiten und neuer Pläne bald mehr für andere Bräute. Er holte Barbara nie zu sich, um die Ehe zu vollziehen und damit rechtsgültig zu schließen. Dies stürzte die junge Frau in eine heikle Situation.
Wein, Sorgen und dramatische Briefe
Barbara war zunächst am Hof ihres Bruders Johann im Berliner Schloss untergebracht, bis ihre „Es ist kompliziert“-Beziehung mit Waldislaw eingelöst werden sollte. Jedoch war sie dort in der „hindersten camer“ untergebracht und schrieb regelmäßig an ihre Familie wegen ihrer schlechten Versorgung. Elterliche Finanzspritzen und aufmunternde Worte waren nicht genug. Johann machte seinem Ärger um die jüngere Schwester auch in Briefen an den Vater Luft. So habe Barbara mit einer anderen Dame die Weinbestände des Schlosses derart dezimiert, dass „itzundt keyn wein mehr vorhanden ist“. Böse Unterstellung des petzenden Bruders oder Eskapaden einer damals 16-jährigen Teenagerin, die sich ihren Kummer schön trinken wollte?
Barbaras Lage verbesserte sich auch die nächsten Jahre nicht. Ihr „Ehemann“ zeigte immer weniger Interesse, und auch Interventionen des Kaisers oder Papstes, die Ehe doch noch zu einem erfolgreichen Abschluss zu bringen, scheiterten. Außergewöhnlich ist die dichte Überlieferung zu ihrer schlechten Lage, die wirklich bewegend ist. Das hat auch einen Archivar dazu gebracht, auf der Abschrift einer ihrer Briefe „ein sehr klegliches Schreiben“ zu notieren. Zitate wie „nymants über mich erbarmen will“, „ellendiglich versetzt bleiben“ und „bin sunst ganz verlassen“ zeigen die Not Barbaras.

Von und über Barbara sind zahlreiche Zitate überliefert, die ihre Misere deutlich machen. Foto: BSV/Scherf
Liebe hinter Gittern – Wenn Treue zum Verhängnis wird
Nach über 15 Jahren Streit um ihre Eheansprüche und nicht standesgemäße Versorgung nahm Barbara ihr Schicksal selbst in die Hand: Sie bat 1492 den Papst hinter dem Rücken der Familie um Auflösung der Ehe mit Wladislaw. Heimlich hatte sie sich zugleich dem rangniedrigeren Ritter Conrad zur Ehe versprochen. Jedoch fand Barbara auch mit ihrem Auserwählten kein Happy End. Als ihre Brüder von ihrem „smehlich verechtlich und spottlich[em]“ Verhalten erfuhren, sperrten sie Barbara in einer Kammer auf der Plassenburg bei Kulmbach ein. So versuchten sie, ihr alle Details zu entlocken, die rebellierende Schwester zur Vernunft zu bringen und sie zur Auflösung ihrer eigenmächtigen Verlobung zu bewegen.

Um die Haftbedingung Barbaras ansatzweise nachzuvollziehen, wurde für die Sonderausstellung in Schloss Neuburg eine Kammer nachgebaut, die Besuchende entdecken können. Foto: BSV/Scherf
Barbara aber blieb mehr als zwei Jahre unter schwersten Haftbedingungen (Sicherheitssystem mit mehreren Wachen, nur eine Durchreiche für Nachttopf und Essen, Kommunikationsverbot) standhaft und wollte sich nicht von ihrem Verlobten lösen, denn „ich hab ym gelo[b]t (…) so muss ich ym halten“. Nicht so ritterlich war Conrad selbst, der nach vermutlich intensiver Bearbeitung durch ihre Brüder die Verbindung brieflich löste (quasi Schlussmachen per Textnachricht…) und schrieb, er „lass sie fallen“. Barbara erwidert sinngemäß darauf, dass er sie besser unbekümmert gelassen und damit allen eine Menge Ärger erspart hätte.
Was bleibt von Barbara?
Barbaras Spur verläuft sich in den kommenden Jahren. Ab 1500, als ihre Ehe mit dem böhmischen König endlich offiziell aufgelöst wurde, scheint sie wieder sukzessiv in den Familienverband aufgenommen worden zu sein. Ob sie versucht hat, eine weitere Bindung einzugehen, wissen wir nicht. Barbara wird sicher keinen kitschigen Valentinstagsfilm bekommen – aber ihre Geschichte zeigt, dass (vielleicht gerade?) im Mittelalter Liebe und Beziehungen selten wie im Märchen sind.
Neben Barbara haben auch andere Frauen der Hohenzollern versucht, unter Stand zu heiraten und sich selbst einen Partner zu wählen. Erfolgreich waren dabei die wenigsten. Warum Barbaras Tante Margarethe gelang, was so vielen verwehrt blieb, ist in der Sonderausstellung „Ehebande – (Ohn-)Macht der Frauen?“ noch bis zum 1. März in Schloss Neuburg an der Donau zu erfahren.

Ein Blick in die Sonderausstellung in Schloss Neuburg. Dabei müssen Besuchende so manches Bild der Klischeeprinzessin hinter sich lassen. Foto: BSV/Scherf
Zum Thema gibt es beim Podcast Epochentrotter die spannende Folge „Selbstbestimmte Frauen? Hochzeit und Liebe im Mittelalter“ zu hören.
Titelbild: Amor aus Visconti Tarot. Bildnachweis: Visconti di Modrone tarocchi cards, 61 r., Beinecke Rare Book and Manuscript Library


