Stellen wir uns Prinzessinnen, also hochadlige Frauen des 15. Jahrhunderts als passive Schönheiten vor, die still im Burgkämmerlein auf ihren Herrn warteten, dann sorgt Margarethe von Brandenburg (1412/13–1465) für die ein oder andere Überraschung. Mehr aber noch irritiert die Beschreibung eines Historikers, der sie als „ein großes, fettes, fleischiges und geiles Weib“ charakterisierte. Dagegen erhielt Margarethes Mutter, Elisabeth von Bayern-Landshut (1383–1442), später den Beinamen „die Schöne“. Wie kam es dazu?
Zwei Fürstinnen, Mutter und Tochter – die eine schön, die andere hässlich
Da Elisabeths Mann viel im Dienste des Königs und späteren Kaisers Sigismund unterwegs war, musste sie die Bandbreite an Herrschaftsaufgaben häufig allein übernehmen. Dabei bewies sie ihre Fähigkeiten als Regentin und die Loyalität zur Dynastie der Zollern. Die Lasten ihres Gatten mitzutragen, war selbstverständliche Erwartung, aber auch Zumutung. Elisabeth willigte mehrfach ein, „aus Treue und gutem Willen, angesehen seine schweren Schulden“ finanzielle Engpässe mitzutragen – bis hin zum weitgehenden Verlust der ihr zugesicherten Witwenversorgung. Daneben brachte sie zehn Kinder zur Welt.

Elisabeth von Bayern-Landshut als Stifterin. Detail aus dem Cadolzburger Altar, Triptychon mit Stifterpaar, Meister des Cadolzburger Altars, 1430–1435, Tempera und Blattgold auf Holz, Original: Berlin, Schloss Grunewald, SPSG, GK I 8997, Foto: Jörg Anders
Ihre Tochter Margarethe dagegen wurde letztlich mit Ludwig VIII. von Bayern-Ingolstadt verheiratet. Die Ehe sollte einerseits den familiären Zwist zwischen Margarethes Familie mütterlicherseits und der ihres Ehemannes befrieden, andererseits ihrem Gatten einst verlorene Gebiete zurückbringen und ihm die militärische Unterstützung von Margarethes Brüdern im kriegerischen Konflikt gegen seinen Vater sichern. Ludwig, der an einer Wirbelsäulenverkrümmung litt und deshalb später den Beinamen „der Bucklige“ erhielt, galt zu seinen Lebzeiten als kluger und guter Regent. Doch im Sinne spätmittelalterlicher Vorstellungen wurde sein früher Tod als Strafe Gottes für seine Auflehnung gegen den Vater, sein Aussehen als Zeichen seiner innerlichen Verderbtheit gedeutet. Das 19. Jahrhundert spitzte die Beschreibung weiter zu: Ludwig „war von häßlicher Gestalt, in welcher eine noch häßlichere Seele wohnte.“

Ludwig VIII. von Bayern-Ingolstadt (1403–1445) in einer Darstellung des 16. Jahrhunderts, Original: Abbildungen bayrischer Regenten von Bavarus bis Sigmund, Bayerische Staatsbibliothek München, Cgm 2822 fol. 14r
Das hatte auch für Margarethe Auswirkungen: Denn nach dem Tod ihres Gatten griff sie aktiv in die Politik ein und sorgte dafür, dass das Herzogtum Bayern-Ingolstadt an den Landshuter Herzog überging, wofür sie sich eine stattliche Witwenversorgung aushandelte. So abgesichert, tat sie dann etwas, das für hochadelige Frauen nicht vorgesehen war: Sie heiratete am 6. Dezember 1447 ihren Hofmeister Martin von Waldenfels und dieser Mann war nicht standesgemäß.
Vermutlich waren es diese beiden Gründe, die dazu führten, dass ein knapper Satz des Chronisten Ladislaus Sunthaym über 450 Jahre später mit der eingangs geschilderten Beschreibung Margarethes übersetzt wurde. Sunthaym war Historiker und beschäftigte sich im Dienst Kaiser Maximilians I. mit der Abstammung und Geschichte der Habsburger. In seiner wohl um 1500 entstandenen genealogisch-geographischen Materialsammlung zu den deutschen Fürstenfamilien, erwähnte er Margarethe als „mulier magna et pinguis et carnosa et libidinosa“. Über Margarethes Aussehen wissen wir nichts. Es hat sich auch kein historisches Portrait von ihr erhalten. Das Einzige, was annähernd mit Ihrem Äußeren zu tun hat, sind Arztrechnungen von Dr. Sigmund Gotzkircher, der Margarethe während ihrer Ehe mit Ludwig von Bayern-Ingolstadt „ad bustulas et ruborem faciei“, also wegen Pusteln und Gesichtsröte, mit Salben behandelte. Gesichtsröte kann viele Ursachen haben: äußere Einflüsse, Erkrankungen und hormonelle Veränderungen, beispielsweise während einer Schwangerschaft oder dem Menstruationszyklus. Was genau es bei Margarethe war, wissen wir nicht, auch nicht, ob diese Gesichtsröte sie in irgendeiner Form entstellte.
Scheinbar genügten diese Punkte jedoch, um Margarethe im konservativ geprägten Nachkriegsdeutschland als hässlich abzustempeln. Eine Frau mit vier Ehemännern (wobei sie für 3 Männer nichts konnte, da diese Ehen ihre Familie ohne Margarethes Mitsprache arrangiert hatte, und nur 2 wirklich vollzogen wurden – aber weshalb versuchen wir das eigentlich zu entschuldigen?), die selbstbewusst zu ihren Gunsten agierte und schließlich eigenmächtig – also wohl aufgrund von Gefühlen – unter Stand heiratete, entzog sich dieser patriarchal geprägten Vorstellungswelt. Hier gibt es zwei Narrative: entweder war die Frau nahezu überirdisch schön, sodass sie mit ihrer Schönheit alle, vor allem die Männer um den Verstand brachte und zu dummen Handlungen verführte, doch das konnte bei einer Prinzessin „mit Gesichtsröte“, die zudem noch mit einem körperlich eingeschränkten Mann verheiratet worden war und auch als Witwe die Nähe eines Mannes vorzog, nicht sein. Also griff das andere Narrativ: sie hatte einen Makel! Also sprach man ihr jegliche Schönheit ab.
Aussehen als Spiegel der Seele und des Handelns
Das mittelalterliche Schönheitsideal sah folgendes vor: goldene Locken, milchweiße Haut, hohe Stirn, kleiner Mund mit mäßig gewölbten Lippen, feingliedrig, kleiner, hochangesetzter Busen, schmale Taille, weicher, üppiger Bauch! Zudem festigte sich im 15. Jahrhundert langsam eine Rollenerwartung an die adelige Frau: neben einer reichen Aussteuer und Mitgift, hatte „frau“ brav, fromm, gütig, sittsam und ehrbar, schweigsam und ehrlich, klug und sanftmütig, anschmiegsam, aber nicht unkeusch zu sein. Wobei gerade für die Zeit Margarethes belegt ist, dass weibliche Erregung beim Akt als Voraussetzung für die Empfängnis galt, während dies kurze Zeit später verachtet wurde.
Dieses seit dem frühen 16. Jahrhundert festgeschriebene Frauenbild hatte (und hat) bis weit in die Neuzeit ihre Gültigkeit. Historische Bewertung griff bei Frauen meist das Aussehen auf: schön war, wer gut war.
Margarethe – wie sah sie wirklich aus?
Margarethe ist eine Protagonistin der Ausstellung „Ehebande – (Ohn)Macht der Frauen?“ in Schloss Neuburg a. d. Donau (6.12.2025-1.3.2026). Aber wie soll eine Ausstellung zu einer Frau funktionieren, von der wir kein historisches Portrait kennen? Die wenigen schriftlichen Erwähnungen ihres Aussehens lassen sich ja unterschiedlich interpretieren – als wahrheitsgetreue Beschreibung oder eher als rückblickende Wertung ihres Verhaltens.
So entstand die Idee, zusammen mit den Studierenden des Studiengangs Maskenbild der Bayerischen Theaterakademie August Everding Margarethe ein Gesicht zu geben, sie zu visualisieren. Doch sehr schnell mussten wir feststellen, dass das in dieser Form nicht funktioniert, denn wir kennen weder Margarethes Haarfarbe, ihre Augenfarbe noch ihre Gesichtsform, oder die Form ihrer Nase. Aber in der Auseinandersetzung mit der historischen Person Margarethes, ihrer Zeit und den gesellschaftlichen Erwartungen wurde deutlich, wie sehr die spätmittelalterlichen Themen relevant in der aktuellen Genderdiskussion sind, wie sehr auch heute Frauen über ihr Aussehen definiert und bewertet werden. So entstanden in einer intensiven Auseinandersetzung mit dem spätmittelalterlichen Frauenbild und Schönheitsideal, mit Kunstwerken aus der Zeit Margarethes und aktuellen Fragestellungen zwölf Kunstwerke, die zur Reflexion anregen und zeigen sollen, wie viel uns das Spätmittelalter auch heute zu sagen hat.

Zu Beginn des Werkprozesses fertigten die Studierenden Projektskizzen. Das eine soll Margarethes Leben zwischen Fremdbestimmung und Eigenmächtigkeit zeigen, das andere ihre Überlagerung durch Erwartungen und Interpretionen und im dritten Projekt versucht Margarethe durch das Abstreifen ihres Äußeren ihren wahren Charakter freizulegen. © Theater Akademie August Everding, Julia Titschinski, Rebecca Fäh und Franziska Rosenbaum

Zunächst stand bei vielen Projekten die Erstellung eines Gipsabdrucks, das Ausgießen und Modellieren des Positivs, die Vorbereitung einer Negativform und erneutes Ausgießen an. © Theater Akademie August Everding, Lea Steinbüchel, Senovia Mc Coy und Julia Titschinski

Ein weiterer Schritt war das Bemalen oder Painten mit Pinsel oder Airbrushpistole. © Theater Akademie August Everding, Rebecca Fäh, Ine Massant und Franziska Rosenbaum

Es folgte das Einpassen von Zahnreihen und Augen, auch das Stechen von Augenbrauen, Wimpern und des Haaransatzes war nötig – Letzteres eine echte Geduldsprobe. © Theater Akademie August Everding, Julia Giannaris, Rebecca Fäh, Emilia Kolev und Susanne Gross

Bei anderen Projekten stand das Modellieren im Vordergrund und teilweise mussten nahezu 10.000 Einzelbilder für ein Stop-Motion-Video aufgenommen werden. © Theater Akademie August Everding, Kitty Dézsi, Emilia Tereszkiewicz und Laura Wimmer
Basierend auf den Erkenntnissen aus der einjährigen Arbeit an den Objekten hatten die jüngeren Studierenden des Studiengangs Maskenbild am Eröffnungstag der Ausstellung die einzigartige Möglichkeit, in die Welt des Spätmittelalters einzutauchen und in die Rollen „mittelalterlicher Burgfräuleins“ zu schlüpfen. Vor den Augen der Museumsgäste konnten sie zusammen mit Dozentinnen und Dozenten lernen, mit modernen Mitteln spätmittelalterlichen Vorbildern so nah wie möglich zu kommen. Bereits im Vorfeld wurden dazu in der Werkstatt Perücken und Haarteile vorbereitet, Kostüme und Accessoires ausgewählt, Haare gefärbt und Augenbrauen geopfert. Ziel war es, dass die zukünftigen Maskenbildnerinnen und Maskenbildner so viel wie möglich selbst gestalten. Dabei war es eine wichtige Aufgabe, die Quellen zu analysieren, eigene Interpretationen zu entwickeln und diese mit historischer Ästhetik zu verbinden.

Emmi verwandelte Emily von einer Maskenbildstudentin in eine mittelalterliche Schönheit; die Perücke mit frontal angesetzten, hohen Zöpfen und einem geflochtenen Oberkopf fühlte sich „erstaunlich leicht“ an. © Theater Akademie August Everding, Fotos: Tanja Kohwagner-Nikolai und Olga Reks

Binks nutzte überwiegend Sophias echte Haare für eine Flechtfrisur, wie sie auf dem spätmittelalterlichen Portrait einer adeligen Jungfrau überliefert ist. Staunend stellten kleine Museumsbesucherinnen fest, dass es über eine Stunde dauert, bis eine Prinzessin „so schön“ gemacht wurde. © Theater Akademie August Everding, Fotos: Tanja Kohwagner-Nikolai und Olga Reks

Helen orientierte sich für ihre Maske an einem italienischen Vorbild, integrierte einen Textilkranz in die Frisur und verwandelte Liv in ein spätmittelalterliches Mädchen, das einem Gemälde entsprungen sein könnte. © Theater Akademie August Everding, Fotos: Tanja Kohwagner-Nikolai, Olga Reks und Lisa-Marie Liebig-Micko
Projekte wie diese sind von großem und nachhaltigem Wert für die Ausbildung im Bereich Maskenbild, da sie theoretisches Wissen sowohl mit praktischen Fähigkeiten und Erfahrungen als auch dem direkten Feedback durch Museumsgäste verbinden. Gleichzeitig ist es eine Bereicherung für die Museumsbesucherinnen und -besucher. Deshalb danken wir allen, die mitgewirkt haben, und laden sehr herzlich in die Ausstellung ein, wo die Werke noch bis 1. März 2026 zu bewundern sind!

Die Studierenden des 3. Jahrgangs mit einem Teil ihrer betreuenden Dozentinnen und Dozenten. © Theater Akademie August Everding, Foto: Matthias Lund


