Neben spektakulären elektrischen Farblichtinszenierungen gab es in der Venusgrotte im Schlosspark Linderhof auch weniger auffällige Installationstechnik, die aber ebenfalls für ihre Zeit hochmodern war. Die zumeist in Nebenräumen, Kellern und in der Erde verborgenen Wasser- und Heizvorrichtungen waren für die von König Ludwig II. gewünschte Nutzung der Grotte unabdingbar. Leider sind nur wenige bauliche Reste dieser technischen Erstausstattung der Venusgrotte erhalten geblieben. Zum Glück geben uns heute noch einige Originalpläne aus der Bauzeit von der ausführenden Firma einen faszinierenden Einblick in die ursprünglichen Installationen und damit auch auf ein zumeist wenig beachtetes Gebiet der Technikgeschichte des 19. Jahrhunderts.
Selbstverständlich scheint es für heutige Besucher, in Ludwigs Zaubergrotte auf einen ausgedehnten See mit Wasserfall, schaukelndem Muschelkahn und glucksenden Quellbächlein zu schauen und sich dabei von der Tannhäuser- und Capri-Lichtinszenierung in ferne und fantastische Szenerien entführen zu lassen.
Kaum vorstellbar sind allerdings die damaligen technischen Herausforderungen und Anstrengungen für die beauftragten Architekten und Ingenieure, die königlichen Wünsche in die Realität umzusetzen. Abgesehen von den bautechnischen Schwierigkeiten, im alpinen Gelände eine künstliche Monumentalgrotte in den Hang einzugraben, gehörte von Anfang an ein künstlicher See mit Wasserfall zum Bauprogramm des Auftraggebers. Wie der Wasserfall zu bewerkstelligen und woher das Wasser überhaupt kommen sollte, interessierte König Ludwig wenig, vielmehr verfügte er obendrein: „Das im See in der Grotte befindliche kalte Wasser soll zu Badzwecken erwärmt werden.“
Über die Umsetzung der königlichen Wünsche, unter anderem einen Warmwassergrottenpool im Anblick von Tannhäuser und Venus auszuführen, sind wir glücklicherweise durch eine ausführliche Beschreibung (konzipiert als Bedienungsanleitung) aller Wasseranlagen im Schlosspark Linderhof aus dem Jahr 1878 der beauftragten Firma „Gas- und Wasserleitungs-Geschäft Stuttgart“ informiert, die zudem durch detaillierte Pläne ergänzt wird.
Das seit 1874 im Schlosspark Linderhof beschäftigte und noch heute existierende Gas- und Wasserleitungsgeschäft fertigte zunächst umfangreiche Nivellements und Quellfassungen in dem über einen Kilometer entfernten sog. Dreisäulerwald an, damit die vom König gewünschten Wasserspiele (Kaskade, Fontänen) springen konnten. Bis zum Jahr 1880 wurden dort drei Hochreservoirs angelegt, von denen „gußeiserne Hauptleitungen“ zu verschiedenen Verteilerschächten im Schlosspark geführt wurden.
Vor allem die Leitung zur Grotte durch die Ammergauer Gebirgslandschaft bereitete den Stuttgarter Ingenieuren einige Probleme: „Die Ausführung dieser Leitung war eine überaus schwierige, weil es geboten war, derselben ein durchaus gleichmäßiges Gefäll, wie das hier abgegebene Nivellement nachweist, zu geben und dadurch notwendig wurde, teils Durchstiche bis zu 5 Meter Tiefe an dem Waldhang, verbunden mit vielfachen Felssprengungen zu machen, teils die vorhandenen Wasserrinnen durch Holzgerüste und Trockenmauerwerk zu überbrücken.“
Das akkurat gezeichnete Nivellement über Stock und Stein vom Brunnenkopfreitweg bis zur Außenwand der Grotte hat sich erhalten und gibt spannende Einblicke in die Vermessungstechnik dieser Zeit.

„Längen-Nivellement der Leitung z. Wasserfall in der Grotte abgezweigt in Brunnenkopfweg, Linderhof im Juli 77.“
Vor der Venusgrotte verteilte sich die Hauptwasserleitung in kleinere Leitungen zum oberhalb gelegenen Maschinenhaus, zu einem extra angelegten Filtrierbecken sowie direkt zu einem „gemauerten Sammelkasten mit ca. 4 m³ Gehalt, von welchem aus der Abfluss als Wasserfall“ in die Grotte fließt. Dieses Wasser konnte ungefiltert genutzt werden, durfte aber keinesfalls mit dem Seewasser in Berührung kommen und wurde extra abgeleitet. In einem schon mehrfach in dieser Blogreihe gezeigten Situationsplan aller Wasserleitungen für die Grotte datiert auf Oktober 1877, sind die verschiedenen Verteilerschächte und Leitungen innerhalb und außerhalb des Grottenbaus detailliert verzeichnet. Über den Ausgangstunnel wurde eine weitere Leitung zu den verschiedenen Beleuchterpositionen für die Kühlung der Farbgläser der elektrischen Beleuchtung gelegt, deren Funktion bereits in einem anderen Beitrag erläutert worden ist.

Gesamtsituationsplan der Venusgrotte mit allen ankommenden Leitungen und dem Filtrier-Bassin an der Außenwand
Oberhalb der Grotte (auf dem Plan unten dargestellt, da er gesüdet ist) wurde das eben schon erwähnte „Filtrir-Bassin“ angelegt. Für die Befüllung des Grottensees mit kristallklarem Wasser durchlief das frische, aber kalkhaltige Bergwasser dort zwei schichtweise mit Sand und Kies in verschiedenen Korngrößen gefüllte Becken, um schließlich durch Mauerschlitze in einer großen „Vorratskammer“ gesammelt zu werden.

Querschnitt durch das „Filtrier-Bassin“ mit den verschiedenen Sand- und Kiesschichten zur Wasserreinigung
Die technische Beschreibung der Stuttgarter Ingenieure gibt über den weiteren Verlauf des Wassers in der Grotte Auskunft: „Aus der erwähnten Vorratskammer c laufen durch den Schacht 56 vier Leitungen aus galv. Röhren, wovon die eine mit 50 mm Lichtweite und Schieber c 19 zur Füllung des Sees, die zweite für den Sturzbach am Königssitz mit 25 mm Weite und die weiteren 2 zur Speisung der Quellbächlein ebenfalls mit 25 mm Weite dienen.“ Innerhalb der Grotte mussten starke Bleiröhren „wegen der unregelmäßigen Formen der Wandungen“ verwendet werden. Der innenliegende Grottensee wurde normalerweise mittels der beiden Quellbächlein und einer Direktleitung aus dem Filtrier-Bassin gefüllt, was fast 36 Stunden in Anspruch nahm. Falls eine sehr schnelle Füllung ohne filtriertes Wasser gewünscht war (bei König Ludwig II. musste man auf alle Fälle vorbereitet sein), konnte der See auch durch den Wasserfall über eine besondere Leitungsführung in nur 3 Stunden direkt befüllt werden. Die Entleerung des Sees über Gussröhren in die „nächst gelegene offene Bachrinne“ dauerte nur ca. 2 Stunden.
Ein noch viel größerer Aufwand an Technik und Ingenieurs-Know-how erforderte die von Ludwig II. geforderte Seeheizung für das royale Planschen in seiner warmen Grotte. Leider sind wir über die Häufigkeit dieses königlichen Vergnügens so gut wie nicht informiert. Wie allerdings der große Grottensee auf die gewünschten Temperaturen zu bringen war, darüber hatten sich die Stuttgarter Ingenieure ausführliche Gedanken gemacht: in einem unterirdischen, überwölbten Kellerraum, der südlich an den See angrenzt, wurde die Heizvorrichtung zur Wassererwärmung installiert.

Grundriss des Heizraumes mit Brennkesselanlage und Leitungsführungen neben dem Capri-Ausblick in der Venusgrotte
Die mit vielen Details gezeichneten Pläne geben uns heute zusammen mit der genauen Beschreibung über diese verschwundene Meisterleistung der Installationstechnik Auskunft: „Die Heizeinrichtung besteht aus zwei großen mit einander verbundenen Röhrenkesseln mit zusammen 128 Meter Heizfläche, welche durch einen aus feuerfestem Material erstellten Feuerungsofen mit zwei Abteilungen […] geheizt werden. […] Das Wasser vom See zirkuliert durch 150 mm weite Gussröhren durch die Kessel, indem es unten in dieselben eintritt und oben erwärmt wieder dem See zugeführt wird.“ So konnten die etwa 300 Kubikmeter Wasser des Sees von ca. 7° bis 11°C (6° bis 9° Réaumur) innerhalb von 7 bis 8 Stunden auf etwa 32,5°C bis 35°C (26°bis 28° Réaumur) erwärmt werden. Bei Beginn der Beheizung war es unbedingt notwendig, dass der „[…] See auf seine normalen Höhe gefüllt ist, damit das heiße Wasser unter der Seeoberfläche austritt und keine Dämpfe in der Grotte entstehen […].“
Um die Funktionstüchtigkeit der Anlage zu testen, wurde am 25. August 1877, genau am königlichen Geburtstag, eine „Probeheizung [mit] nachstehendem Resultat [durchgeführt]: Beginn der Heizung am 25. August morgens 6 Uhr bei einer Wassertemperatur von 9° Rm. (11,25 °C) am Einlass des Wassers. Temperatur des Wassers mittags 12 Uhr im See 26° Rm (32,5 °C), mittags um 2 Uhr an der Oberfläche 35° Rm (44 °C), auf halber Tiefe 26° Rm (32,5 °C), auf ganzer Tiefe 21° Rm. (26,25 °C). Wiederentleerung dauerte von 3 bis 5 Uhr.“ Dieser Testlauf bewies die Leistungsfähigkeit der Heizungsanlage eindrucksvoll.
Zum Glück wurden bei der um 14 Uhr erreichten Maximaltemperatur von 44 °C an der Wasseroberfläche keine Schwäne in den Grottensee befohlen, die diesen Badegenuss wahrscheinlich nicht zu schätzen gewusst hätten. Nach Aussage der Ingenieure ist die „Bewegung des Wassers mittelst der Wellenmaschine während der Heizung […] sehr zweckdienlich.“ Direkt neben dem Heizraum war ein Holzlager zur Feuerung angebracht, das von außen bestückt werden konnte. Der Holzverbrauch an diesem Testtag wurde ebenfalls genau notiert: fast 3 Klafter Tannenholz (ca. 3 Ster = 3 m³) lösten sich für die Seebeheizung schließlich in Rauch auf, der über einen hoch über den Grottenbau geführten Kamin abgeleitet wurde.
Damit konnte der königliche Wunsch, den See zu Badezwecken zu benutzen, zu dessen höchster Zufriedenheit erfüllt werden und einem entspannenden Bad des bayerischen Monarchen stand nichts mehr im Wege.
Ich wünsche Ihnen allen eine geruhsame Vorweihnachtszeit,
Ihr Alexander Wiesneth





