Residenz München

64 Felder für die Kaisertochter

Spielbrett Schachkammer

In der Wechselvitrine in Raum IX der Schatzkammer präsentieren wir in periodischen Abständen jeweils einzelne Objekte oder eine kleine zusammengehörige Gruppe aus unseren reichen Beständen, die wir besonders spannend finden und deshalb von unseren Besucherinnen und Besuchern gesondert unter die Lupe nehmen lassen wollen. Anhand dieser Beispiele möchten wir die meist längeren, aber immer interessanten Geschichte(n) unserer Schätze ausführlicher darstellen, als es angesichts von über 1200 Kostbarkeiten in den insgesamt zehn Sammlungsräumen per Audioguide oder kurzen Begleittexten sonst möglich ist. Seit März 2026 zeigen wir euch in der Vitrine ein ganz besonderes Schachbrett.


Zwei Lager stehen sich gegenüber. Ein Krieger nähert sich dem Feind: die Flinte an der Schulter, den Säbel an der Hüfte. Das gegnerische Team antwortet ebenfalls mit einem Soldaten: den Bogen in der Hand, den Köcher über der Schulter. König und Königin blicken einander an, Elefanten und Pferde sind in Stellung. Doch niemand greift an. Die Soldaten halten ihre Waffen entspannt, als gäbe es keine Gefahr. Der Kampf hat aber schon längst angefangen. Das ist keine gewaltvolle Auseinandersetzung, sondern eine intellektuelle.

Auf dem Schachbrett treten die Figuren in einen stillen Dialog: Angriff und Verteidigung, Opfer und Berechnung. Das Brett wird zur Bühne – für Strategie, Rivalität und menschliche Intelligenz. Doch warum stehen auf diesem Brett Osmanen und Amerikaner einander gegenüber? Und was haben die vielen Tiere auf dem Brett mit dem Spiel zu tun?

Kleines Spiel für eine habsburgische Prinzessin

Warum besitzt eine Prinzessin ein solches Schachspiel?

Aufgrund seines intellektuellen Anspruchs gehörte Schach zur standesgemäßen Erziehung junger Adliger. Dieses Brett gehörte der Kaisertochter Maria Amalia. Doch dieses Schachbrett war kein gewöhnliches Spiel. Es handelt sich um ein Prunkexemplar – ein kostbares Objekt für die Kunstkammer. Solche Gegenstände dienten weniger dem tatsächlichen Spielen als dem Nachdenken und Diskutieren über Strategien, Weltbilder und Symbolik.

Lucas van Leyden

Lucas van Leyden: Die Schachpartie, um 1508, Staatliche Museen zu Berlin.

Spiele galten schon immer als Vergnügen und Ablenkung nach harter Arbeit und wurden wegen ihrer beruhigenden Wirkung geschätzt.

Herzog Albrecht V. von Bayern

Auch Herzog Albrecht V. von Bayern, bedeutender Mäzen und Gründer der Münchner Schatzkammer, inszenierte sich 1552 gemeinsam mit seiner Frau beim Schachspiel.

Gelehrte sahen im Spiel sogar ein therapeutisches Mittel, das Geist und Körper entspannt. Dabei unterschieden sie klar zwischen Glücksspielen und Verstandesspielen. Spiele, die das Nachdenken fördern und bei denen man sich auf den eigenen Intellekt verlässt, waren gesellschaftlich anerkannt. Glücksspiele hingegen betrachtete man als Laster, dessen Folgen Chaos und Streit waren. Schach galt deshalb als Spiel der Klugen.

Die Fähigkeiten eines guten Spielers entsprachen dem Ideal eines weisen Herrschers. Deshalb ließen sich Fürsten und Feldherren gerne beim Schach porträtieren – als Zeichen ihrer staatsmännischen Klugheit.

Maria Amalia – Figur oder Spielerin?

Maria Amalia (1701–1756) wurde in Wien als Kaisertochter geboren und gehörte damit zum Haus Habsburg, eine der mächtigsten Dynastien Europas. Um 1700 waren die Habsburger nicht nur Kaiser des Heiligen Römischen Reiches, sondern auch Könige von Spanien – der größten Kolonialmacht jener Zeit. Ihr Herrschaftsbereich erstreckte sich über weite Teile Europas sowie über große Gebiete in Mittel- und Südamerika.

Als Karl II. von Spanien im Jahr 1700 kinderlos starb, brach der Spanische Erbfolgekrieg (1701–1714) aus. Am Ende verloren die Habsburger den spanischen Thron und damit auch die Kontrolle über die Kolonien. Das Schachbrett entstand während dieser konfliktreichen Zeit – vielleicht als Erinnerung an eine Weltmacht, deren Größe bereits zu schwinden begann?

Karl und Leopold

Kaiser Leopold I., der Großvater Maria Amalias, und König Karl II. von Spanien, ihr Großonkel: die zwei habsburgischen Herrscher um 1700.

1722 wurde Maria Amalia mit dem bayerischen Kurfürsten Karl Albrecht (1697–1745) verheiratet. So gelangte das Spiel in den Besitz der Wittelsbacher. Karl Albrecht strebte selbst nach der Kaiserkrone und geriet dadurch in einen kriegerischen Konflikt mit den Habsburgern. Nach seinem Tod zeigte sich Maria Amalias politisches Geschick besonders deutlich: Sie überzeugte ihren Sohn, Kurfürst Max III. Joseph, Frieden mit den Habsburgern zu schließen.

Maria Amalia bewegte sich damit zwischen mehreren Rollen: Kaisertochter, bayerische Kurfürstin und Kaiserinwitwe. War sie nur eine Figur im Spiel der Mächte – oder selbst am Zug?

Jagd_Doppelporträt_Nym

Im Doppelporträt von Karl Albrecht und Maria Amalia in Jagdkleidung (Georges Desmarées, 1730-40, Amalienburg) zeigt sich die Kurfürstin bei ihrer liebsten Aktivität: der Jagd. Am bayerischen Hof beteiligte sie sich zudem auch gerne an Festen und Lustreisen.

Das Spiel der Könige – Es war einmal im Orient…

Woher kommt Schach und was ist die Rolle der Dame?

Die Herkunft des Schachs ist bis heute nicht eindeutig geklärt. Verschiedene Legenden erzählen von seinem Ursprung:

Eine indische Überlieferung berichtet von einem weisen Brahmanen, der ein Spiel erfand, um seinem König zu zeigen, dass selbst ein Herrscher ohne die Unterstützung seiner Untertanen machtlos ist. Beeindruckt ließ der König das Spiel im ganzen Land verbreiten.
Eine persische Legende erzählt von einem Wettstreit zwischen einem indischen König und einem persischen Shah. Über das Schicksal der beiden Reiche sollte ein Strategiespiel entscheiden. Der persische Wesir studierte das neue Spiel eine Nacht lang und besiegte schließlich den indischen Gesandten. Vom persischen Wort Shah („König“) leitet sich auch der Name Schach ab.
Auf ein einziges Ereignis lässt sich der Ursprung des Schachs jedoch nicht zurückführen. Vermutlich entstanden in Asien verschiedene Vorformen des Spiels, die sich im Laufe der Zeit zu dem Schach entwickelten, das wir heute kennen. Infolge der islamischen Expansion verbreitete sich das Spiel nach Nordafrika und Südeuropa.

Der Shah und die „dama rabiosa“

Um Schach zu spielen, braucht man nicht viel: zwei Spieler, ein kariertes Brett und zwei Parteien unterschiedlicher Farben. Ursprünglich bestand jede Figurengruppe ausschließlich aus männlichen Figuren. Ziel des Spiels war es, den gegnerischen König durch strategische Züge zur Kapitulation zu zwingen.
Mit der Renaissance wurde die Dame ins Spiel eingeführt. Sie löste die ehemalige Spielfigur des „Ministers“ ab. Als „Dama rabiosa“, die „tollwütige Dame“, galt sie als mächtigste und gefährlichste Figur – ein Symbol für Kampf und Krieg, aber auch Leidenschaft. Zusammen mit dem Läufer erhielt sie im Laufe des 15. Jahrhunderts immer mehr Freiheit und Bedeutung. Dadurch wurde Schach deutlich schneller und aufregender.

So wurde das Spiel nicht nur zur Projektionsfläche für Vorstellungen von Staat und Gesellschaft, sondern diente auch als Allegorie des Liebesspiels („échecs amoureux“) und des Kampfes der Geschlechter. Deutlich wird das im französischen Wort „échec“, das sowohl „Niederlage“ als auch „Schach“ bedeuten kann.

Echecs_Amoureux

links: Venus, die Göttin der Liebe, besiegt Mars, den Kriegesgott, beim Schachspiel (Alessandro Varotari, um 1631, Landesmuseum Oldenburg); rechts: Mittelalterliches Schachbrett als Allegorie für die Hürden einer romantischen Beziehung (Evrard de Conty, Manuskript um 1405/10, Bibliothèque Nationale Paris).

Das Brett auf dem Bildschirm

Dass Schach bis heute die mittelalterliche Allegorie des Geschlechterkampfs aufgreift, zeigt die Netflix-Serie „Das Damengambit“ aus dem Jahr 2020. Die junge Hauptdarstellerin Beth Harmon kämpft sich vom Waisenhauskind zur Schachmeisterin hoch. In einer von Männern dominierten Schachwelt gelingt es ihr, mit ihrer Lieblingseröffnung, dem Damengambit, die berühmtesten Großmeister zu besiegen.

Queens_Gambit

Still aus The Queen’s Gambit, 2020, Netflix Miniserie.

Osmanen vs. Amerikaner: Die Figuren

Wer sind die Figuren auf dem Brett und was sagt ihre Darstellung über die Spieler aus?

Schon in den Anfängen des Schachspiels wurden die beiden Parteien farblich unterschieden. Mit der Zeit setzte sich die Kombination Weiß gegen Schwarz durch. Die Figuren konnten dabei abstrakt oder figürlich gestaltet sein. Häufig wurde das Schachbrett als Bühne für historische oder imaginäre Kämpfe genutzt.

Turquerien auf einem Schachbrett

Eine Gruppe trägt grün-rote Gewänder und Turbane – ein Attribut, das in Europa seit dem 15. Jahrhundert als Kennzeichen der Osmanen galt. Solche Darstellungen gehören zur sogenannten Türkenmode (Turquerie). Die Figuren zeigen keine historisch korrekte Kleidung: Antike Rüstung und osmanische Elemente verschmelzen zu einem fantasievollen Bild. Sie zeigen vielmehr, wie europäische Betrachter sich das „Morgenland“ vorstellten.

Um diese Darstellung nachzuvollziehen, muss man das Schachbrett mit den Augen eines europäischen Adligen um 1700 betrachten. Die Türkenkriege waren noch frisch im Gedächtnis: Die Expansionsbestrebungen der Osmanen im 16. und 17. Jahrhundert hatten Europa erschreckt. Gleichzeitig faszinierte die fremde Kultur. Das Osmanische Reich wurde zur Projektionsfläche europäischer Fantasien: ein imaginäres Paradies voller Reichtümer und zugleich eine reale militärische Bedrohung. Oft reichte es, einen Hauch „orientalisch“ zu erscheinen, um als „türkisch“ gelesen zu werden.

 Osmanen

Die Darstellung des „Bauers“ orientiert sich an Holzschnitte aus dem 16. Jahrhundert von Hans Weigel, die osmanische Kleidung festhalten.

Aufgrund ihrer hellen Hautfarbe bilden die Osmanen die weiße Partei. Und wer steht ihnen gegenüber?

Schwarz?

Der osmanischen Gruppe stehen schwarze Figuren mit bunter Federkleidung gegenüber. Federschmuck, Nacktheit und „primitive“ Waffen prägten seit der Ankunft Kolumbus’ in Mittelamerika (1492) das europäische Bild der indigenen Bevölkerung. Obwohl Hautfarbe und Gesichtszüge an stereotype Darstellungen von Afrikanern erinnern, sind hier Amerikaner gemeint. Wahrscheinlich wollte man sie besonders „exotisch“ darstellen und vermischte unterschiedliche Vorlagen. Im Weltverständnis der Habsburger war eine realistische Darstellung offenbar weniger wichtig als ein wirkungs- und fantasievolles Bild ihrer amerikanischen Kolonien.

Afrikaner_Amerikaner

Für die Darstellung der Läufer-Figuren orientierte man sich an den Kupferstichen von Hans Weigel und Theodor de Bry.

Schwarzes Königspaar

Der König und die Dame der schwarzen Partei greifen ebenfalls auf Holzschnitte von Hans Weigel aus dem 16. Jahrhundert zurück. Für die Perlenfigürchen (um 1725, Schatzkammer, R. IX) wählte man eine sehr ähnliche Darstellung.

Schach matt! One house to rule them all

Warum treten gerade Osmanen gegen Amerikaner an?

Das Schachbrett und die Figuren der Kaisertochter nehmen Bezug auf die Herrschaftsgebiete des Hauses Habsburg: Die schwarzen Schachfiguren können also als Untertanen der spanischen Habsburger gelesen werden. Die Osmanen erscheinen dagegen als besiegte Bedrohung für das Heilige Römische Reich. Indem man beide Gruppen gegeneinander antreten lässt, wird die globale Macht der Habsburger inszeniert. In den Händen der jungen Maria Amalia bewegen sich Besiegte und Untertanen auf dem Brett nach ihrem Willen.

Das Schachbrett – eine Weltbühne?

Das Schachbrett wurde seit jeher als Spiegel der Welt verstanden. Ob als Sinnbild für die Steine, die einem im Laufe des Lebens in den Weg gelegt werden, als Allegorie einer Liebesbeziehung oder als Modell für kriegerische Taktiken.
Auf diesem Brett versammeln sich Tiere aus allen Teilen der Welt: Elefanten, Kamele, Pfau, Nashorn, Einhorn, Strauß und viele andere. „Exotische“ Tiere treffen auf fantastische Wesen. Es wirkt fast wie ein kleiner Zoo. Ähnlich wie die Figuren bringt das Brett die Herrschaftsgebiete der Habsburger zusammen. Doch anders als auf dem Spielfeld stehen sie hier nicht im Kampf gegeneinander, sondern erscheinen in einem harmonischen Nebeneinander.

Schachbrett

Die Tierwelt des Schachbretts. Interessant ist, dass die Tierdarstellungen sich auf dem Brett zur Mitte hin spiegeln, jedoch so ausgerichtet sind, dass sie von beiden Spielenden nur seitlich betrachtet werden können. Eine „richtige“ Ansicht ist also nicht möglich.

Schachbrett Orpheus

Das Augsburger Schachbrett (Bay. Nationalmuseum) zeigt Orpheus, den sagenhaften Sänger der griechischen Mythologie. Er schafft es, durch seine Musik die Tiere auf dem Brett um sich zu versammeln. Dasselbe Motiv ist auch auf dem Gemälde von Johann König (1613) zu sehen (Miniaturensammlung, Residenz München).

Von den mittelalterlichen Bestiarien auf das Schachbrett

Die Tiere auf dem Schachbrett orientieren sich an Darstellungen aus mittelalterlichen Bestiarien: Das sind mittelalterliche „Tierbücher“, in denen reale und fantastische Wesen in Bildern gezeigt und ihre Eigenschaften mit christlich-moralischen Deutungen verknüpft werden.

Elefant Schachbrett Residenz München

Der Elefant kommt nicht nur auf dem Brett, sondern auch als Spielfigur vor. Die Spielfigur des „Turms“ wird auch als Elefant dargestellt – eine indisch-arabischen Spieltradition.

 

Wir freuen uns auf euren Besuch in der Schatzkammer der Residenz München!