Ende Mai 1876 war es endlich so weit: König Ludwig II. konnte den vielfach gerühmten Maurischen Kiosk des Preußischen Architekten Carl von Diebitsch aus der Konkursmasse des Eisenbahn-Tycoons Bethel Henry Strousberg erstehen. Neun Jahre zuvor, im Jahr 1867, faszinierte dieser Pavillon den König auf seinem Besuch der Weltausstellung in Paris und ließ ihn seit diesem Zeitpunkt nicht mehr los. Die Suche nach diesem Prunkstück der Maurischen Architekturfantasie des 19. Jahrhunderts gestaltete sich äußerst schwierig und für den Erwerb waren verdeckte Unterhändler monatelang in geheimer Mission in Böhmen und Wien unterwegs. Auf welchen Wegen diese Suche verlief und wie aufwendig die schlussendlich vor 150 Jahren erfolgreichen Verhandlungen waren, ist eines der spannenden Kapitel in der Geschichte des Maurischen Kiosks und seines neuen Besitzers.
Ludwig konnte ihn seit ihrem ersten Treffen nicht vergessen. Seine Erscheinung, seine wohlgeformte Proportion und sein blendendes Aussehen überwältigten ihn sofort. Beim ersten Anblick entflammte der jugendliche bayerische König und diese Sehnsucht auf ein Wiedersehn hielt an. Er war die preußische Sensation in der Stadt der Liebe Paris und er gefiel nicht nur Ludwig II. – sein Anblick faszinierte alle Besucher dort und auch die internationale Presse überschlug sich in bewundernswerten Berichten über ihn. Über wen? Natürlich über den Maurischen Kiosk des in Kairo tätigen Berliner Architekten Carl von Diebitsch auf der Weltausstellung in Paris 1867. Trotz der allseitigen Bewunderung gelang es Carl von Diebitsch nicht, sein von der Weltöffentlichkeit bestauntes Ausstellungsobjekt in Paris an den Mann zu bringen. War es der hohe Preis von 100.000 Francs, der den Verkauf verhinderte oder ein Rückzieher des schmollenden Vizekönigs von Ägypten Ismail Pascha, da der Maurische Kiosk nicht der ägyptische sondern der offizielle preußische Beitrag auf der Weltausstellung in Paris war? Ebenso bleibt im Dunkeln, weshalb König Ludwig II. nicht damals schon, 1867, den orientalischen Messebau erwarb.

Der Maurische Kiosk auf der Weltausstellung in Paris, Leipziger Illustrirte Zeitung vom 27. Juli 1867, S. 68
Der bayerische Monarch musste seinen Besuch in Paris aufgrund des Todes seines Onkels Otto vorzeitig abbrechen und Diebitsch seinen nicht verkauften Kiosk wieder zerlegen, um ihn in Berlin einzulagern. Sicherlich hatte König Ludwig II. den Maurischen Pavillon, der ihn in Paris beeindruckte, im Hinterkopf, als er kurze Zeit später seine Architekten und Künstler beauftragte, zwei Kioske für seinen Wintergarten auf dem Dach der Residenz München und seinen Schlosspark in Berg zu entwerfen. Inzwischen kaufte 1870 der Eisenbahngroßinvestor Bethel Henry Strousberg den Maurischen Pavillon des mittlerweile in Kairo verstorbenen Architekten von dessen Witwe in Berlin und ließ ihn weithin sichtbar auf der Terrasse seines Schlossguts Zbirow in Böhmen aufstellen. Damit war dieses Objekt eigentlich aus dem Blickfeld des bayerischen Königs verschwunden.

Fotografie der Schlossanlage Zbirow in Böhmen mit Maurischem Kiosk auf der Terrasse (Ausschnitt), Architekturmuseum der Technischen Universität Berlin, Inv. Nr. F 5553
Aber im Mai 1874, obwohl Ludwig bereits zwei orientalische Kioske besaß, erinnerte er sich im Zuge der nun anstehenden Gesamtgestaltung des Schlossparks in Linderhof an den Maurischen Kiosk von Paris und forderte schleunigst Recherchen nach diesem: „Majestät erwarten vom Herrn Hofbaurath Dollmann bald Antwort wegen des Kiosk von Berlin, und wo gegenwärtig der Fabrikant desselben ist.“ (Brief an Hofsekretär Lorenz Düfflip, wohl 8. Mai 1874) Anscheinend waren Ludwigs Hofsekretär und Architekt ziemlich ratlos, weshalb der König vier Tage später nochmals nachhakte: „Über daß [!] von Euer Hochwohlgeboren berichtete Betreff des Kiosk glauben Sr. Majestät daß eine Verwechslung obliege, da Majestät gewiß vermuthen daß Selbiger in Berlin gemacht wurde, es war auch ein Haus des Bey von Tunis in der Pariser Ausstellung möglicher Weise könnte da eine Verwechslung obwalten.“ (Brief an den Hofsekretär Lorenz Düfflipp vom 12. Mai 1874)
Tatsächlich stand der Maurische Kiosk damals schon seit vier Jahren in Böhmen auf dem Schlossgut Zbirow des Eisenbahnunternehmers Strousberg und war nicht zu verkaufen. Ein Jahr später, 1875, sank der Stern des kometenhaft aufgestiegenen Eisenbahnmagnaten und sein auf Aktien aufgebautes Finanzsystem bekam gefährliche Risse, die schnell zur existenziellen Katastrophe wurden. Schon im November 1875 fand sich „der Rechtskonsulent der Boden-Kreditanstalt [Wien], Maschke, als Sequester in Zbirow“ ein. (Münchner Nachrichten vom 7.11.1875) Einen Monat später waren in den überregionalen Zeitungen große Anzeigen über anstehende Versteigerungen von Teilen der „Concursmasse des Herrn Dr. B. H. Strousberg“ zu finden.

Annonce über die Versteigerung eines Teils der „Concursmasse des Herrn Dr. B. H. Strousberg“ in Zbirow, Bayerischer Kurier vom 11.12.1875
Im Februar 1876 stand bereits der gesamte Besitz in Zbirow samt Schlossanlage des in Konkurs gefallenen Eisenbahn-Tycoon unter gerichtlicher Zwangsvollstreckung: „Die Strousberg’sche Domäne Zbirow (mit 12 Millionen belastet) wurde gerichtlich auf 6 ½ Millionen geschätzt.“ (Straubinger Zeitung vom 5. Februar 1876)
Vielleicht war König Ludwig II. selbst als vielseitiger Zeitungsleser auf diesen Fall gestoßen oder auch jemand anderes gab ihm Hinweise auf den drohenden Verkauf des Zbirow’er Schlossbesitzes. Jedenfalls existieren gerade um diese Zeit, Anfang 1876 aufschlussreiche Notizen von Ludwigs Hofsekretär Lorenz Düfflipp zu den zwei Jahre zuvor vom König geäußerten Fragen: „Architekt – Dubitsch – wo zur Zeit? – [nachträglich] Dreobitsch+ Diebitsch.“ Über den Tod und Namen des Kioskarchitekten war man in München damals anscheinend [noch] im Unklaren, aber die erneuten Recherchen führte nun schnell zum gewünschten Ziel: „Maurischer Kiosk vom Architekten Karl v. Diebitsch in Berlin. Jardin prussien. War um 100.000 francs zu kaufen“. Nun musste alles ganz schnell gehen und man nahm Anfang Februar 1876 Kontakt mit der Witwe Carl von Diebitschs in Berlin auf, die über den Verbleib des Maurischen Kiosks Auskunft geben konnte.
Der drohende Verkauf der gesamten Konkursmasse Bethel Henry Strousbergs in Zbirow machte unverzügliches Handeln notwendig. Direkte Verhandlungen wurden vermieden und äußerste Diskretion über den potentiellen Käufer, König Ludwig II., gewahrt, um diesen wichtigen Deal nicht zu gefährden. Ein beauftragter Mittelsmann, der Fürther Rechtsanwalt und Landtagsabgeordnete Dr. Wolf Gunzenhäuser, fragte vorsichtig bei einem Kollegen in Prag, Dr. Mathias Koreff, an, der ihm Auskunft über den Verbleib des Maurischen Kiosks und die potentiellen Schwierigkeiten der anstehenden Kaufverhandlungen gab: „[…] der fragliche Kiosk [befindet] sich noch auf der Domäne Zbirow […], daß jedoch dessen Verkauf mit Schwierigkeiten deshalb verbunden ist, weil derselbe als Appertinenz des […] Gutes angesehen wird ,& daher nur mit Letzterem verkauft wird.“ (Brief von Dr. Mathias Koreff aus Prag vom 15. März 1876) Das machte die Sache für den königlichen Unterhändler Dr. Gunzenhäuser nicht einfacher und der Erwerb des Maurischen Kiosks war zu diesem Zeitpunkt mehr als ungewiss.
Währenddessen schickte der ungeduldige bayerische Monarch seinen Hofarchitekten Georg Dollmann nach Böhmen zur Schlossanlage Zbirow und forderte einen ausführlichen „Bericht über den Dibitsch’schen Kiosk auf Schloß Sbirow“ [!], der ihm am 30. März 1876 vorgelegt wurde. Dollmann beginnt zunächst mit einer Beschreibung der Schlossanlage, nicht ohne kritischen Unterton über dessen architektonische Gestalt: „Die Decoration [der Innenräume] bietet ein Beispiel der conventionellen Berliner Baurichtung, die sich durch allzuhäufige Wiederholungen und Chablonen fertiger Ausführung kund gibt.“ Er geht auch kurz auf den dortigen Schlossgarten und die Situation des Maurischen Kiosks ein: „Die Gartenanlage ist sehr klein und untergeordnet; nur einzelne Vasen Berliner Musters auf einfachen Piedestals und eine Parterre-Terrasse, auf der der Kiosk sehr unglücklich situirt ist, unterbrechen die Gartenfläche.“

Lageplan (Ausschnitt) der Schlossanlage Zbirow in Böhmen mit Maurischem Kiosk auf der nordöstlichen Terrassenseite, gezeichnet von August Orth am 17. Mai 1871, Architekturmuseum der Technischen Universität Berlin, Inv. Nr. 14438
Fasziniert ist Dollmann vom Kiosk selbst, dessen Konstruktion und Kunstfertigkeit ihn sehr beeindrucken: „Die decorative Ausschmückung macht den Eindruck großer Aechtheit, sowohl in Farbe als in der Bas-Relief-Ornamentierung. Mit wenig Vergoldung und nur gebrochenen Farben ist eine angenehme und großartige Farben-Harmonie erzielt.“ Bei seinem Aufenthalt in Zbirow trifft der bayerische Architekt auch den Hof- und Gerichtsadvokaten Dr. Maschke aus Wien, der – wie oben in den Münchner Nachrichten berichtet – als Sequester für die Allgemeine Österreichische Bodenkreditanstalt dort tätig war. In den zweimaligen Unterredungen zu einem potentiellen Kauf stellt sich heraus, „dass derselbe nur dann verkäuflich ist, wenn durch die Verkaufssumme für den abzubrechenden Kiosk ein Aequivalent für einen anderen neuzuerbauenden Pavillon geboten wird […].“ Die Kaufsumme für den Kiosk wird auf maximal 8.000 Gulden österreichischer Währung geschätzt zuzüglich Honorarsumme für Dr. Maschke von 2.000 Gulden.
Nun kommt wieder König Ludwigs Unterhändler, Dr. Gunzenhäuser, ins Spiel, der in einem abschließenden Bericht vom 1. Juni 1876 an Hofsekretär Lorenz Düfflipp die komplizierte Verhandlungsphase von Anfang März bis Ende Mai darlegt: „Euer Hochwohlgeboren haben mir Anfangs März den Auftrag erteilt, behufs Erwerbung des auf dem Plateau nächst dem Schlosse in Zbirov stehenden seiner Zeit auf der Pariser Weltausstellung von Herrn v. Diebitsch ausgestellten Pavillons, sogenannten Kiosk, aus der Strousberg’schen Gantmasse für seine Majestät den König die nöthigen Verhandlungen zu pflegen.“ Gunzenhäuser musste zunächst mit dem für den Verkauf der Konkursmasse bevollmächtigten Ansprechpartner Dr. Carl Ludwig Maschke in Kontakt treten, den er schließlich in Wien „vom 2. bis 6. April d. Jr.“ traf. Die Verhandlungen gestalteten sich schwierig. Am schnellsten war das Honorar des Wiener Advokaten ausgehandelt, das Dollmann schon mit Dr. Maschke auf 2.000 fl. (öster. Währung) vereinbart hatte. Der Kaufpreis des Kiosks konnte hingegen zunächst nur ohne die Ausstattung auf 7.000 fl. festgelegt werden. Für Letztere waren besondere Vereinbarungen nötig. Man einigte sich auf zusätzliche 1.200 fl. plus Vertragsgebühren und Spesen, insgesamt 8.290 fl., umgerechnet 14.000 Mark. Im Vergleich zum Preis von 100.000 Francs im Jahr der Weltausstellung 1867 sicherlich ein Schnäppchen.
Ende Mai besiegelten die beiden Unterhändler vor Ort in Zbirow den Kaufvertrag des Maurischen Kiosks wie Dr. Gunzenhäuser berichtet: „[…] in den Tagen vom 28. – 31. Mai [habe ich] im Schlosse Zbirow bei Prag mit Herrn Dr. Maschke den Vertrag über Erwerb des fraglichen Kiosk um obige 7.000 fl. festgestellt und denselben auf das im Briefe Dr. Maschke vom 13. Mai i. bezeichnete Mobilar um 1.200 fl. abgekauft […].“ Damit ging das begehrte Objekt endlich in den Besitz König Ludwigs II. über, der den Abschluss der Kaufverhandlungen gar nicht abwarten konnte und schon Mitte Mai 1876 Wasserpfeifen und orientalische Stoffe für den ersehnten Kiosk bestellte. Wie so oft drängte der ungeduldige Monarch und der Abbau des Kiosks sowie der Transport nach Bayern konnten für ihn gar nicht schnell genug gehen. Ende Juni 1876 erregte die Ankunft des zerlegten „Messebaus“ in München die allgemeine Aufmerksamkeit in den Zeitungen: „Kiosk für den Linderhof. In der k. Residenz in München wird ein wundervoll gearbeiteter für den Linderhof bestimmter Kiosk aufgestellt, welcher in einigen Wochen nach seinem Bestimmungsorte verbracht werden wird.“ (Landshuter Zeitung vom 25.06.1876).
Die Odyssee des Maurischen Kiosks von Berlin nach Paris 1867 und wieder zurück nach Berlin, dann 1870 von Berlin nach Zbirow und von dort im Jahr 1876 über München nach Linderhof war damit zu Ende. Seine Geschichte endete noch lange nicht, da König Ludwig II. schon sehr genaue Umbaupläne für sein neues Schmuckstück im Linderhofer Schlosspark hatte. Aber das ist eine weitere, nicht weniger spannende Episode…
Titelbild: BSV/www.kreativ-instinkt.de



