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Homeschooling im Olymp

Saturn_mit Kindern

Schlösser und Museen waren bis letzte Woche geschlossen und unsere Kinder Zuhause im sogenannten Homeschooling. Um dem Lagerkoller zu entkommen, nutzen wir als Familie immer wieder die geöffneten Parks zur Bewegung an der frischen Luft. Dieses Mal war ein Spaziergang durch den Nymphenburger Schlosspark dran, der unverhofft zu einer Lehrstunde in antiker Mythologie wurde.

Betritt man den Park über den Haupteingang, erstreckt sich der Teil der Parkanlage, der ganz symmetrisch angeordnet ist: das große Parterre. In vier Reihen sind dort Statuen der antiken Gottheiten aufgereiht. Ich kenne die Statuen seit meiner eigenen Kindheit. Nun stand ich mal wieder total begeistert vor meiner Lieblingsstatue: Saturn – gleich als Erstes am Mittelgang auf der rechten Seite. „Seht mal!“ sagte ich zu meinen Kindern „Wie genüsslich er da gleich reinbeißen wird!“

Saturn fressend Nymphenburg schlosspark

Das fand ich immer besonders schaurig: wie Saturn sein Kind an einem Bein packt, während sich das Baby durchdrückt und versucht, sich aus dem Griff des Vaters zu wenden. Es wirft seinen Kopf nach hinten, dabei langt es mit seiner kleinen Hand in das Gesicht von Saturn, um den Kopf des Vaters wegzudrücken.

Da sah ich, wie mein Sohn die Stirn runzelte und nachdenklich sagte: „Mmmm, aber er hat doch seine Kinder in einem Stück runtergeschlungen und nicht abgebissen, Mama!“

Unser Sohn verschlingt gerade einen Percy Jackson-Roman nach dem anderen und kennt sich mit der antiken Mythologie mittlerweile besser aus als wir.

Tatsächlich hatte er Recht und da fiel mir auch wieder die ganze Geschichte ein:

„Saturn hatte Sorge, von seinen Kindern gestürzt zu werden, daher fraß er sie einfach direkt nach der Geburt auf. Bei ihrem sechsten Kind wurde es seiner Gattin Tellus jedoch zu dumm und so reichte sie ihm statt dem Sohn einen Stein in Windeln gehüllt. Nunja, und nachdem Saturn nicht wirklich reinbiss, sondern die Babys in einem Stück herunterschlang, merkte er nichts. Das gerettete Kind indes wurde heimlich von Nymphen aufgezogen. So kam es, wie es kommen musste: Das Kind war Jupiter, der seinen Vater später stürzte und ihn zwang seine Geschwister zusammen mit dem verschlungenen Stein auszuspeien.“

Kypbele-nymphenburger-schlosspark

Kybele…oder lateinisch Magna Mater.

Dann drehte sich unser Sohn um und war etwas ratlos: „Und wer zum Geier soll das sein?“ Die Statue gegenüber von Saturn zeigt eine alte Frau mit einer Burg auf den Kopf. Es handelt sich um Kybele, eine Erdgottheit. Mit Pflug, Spaten und Pflanzen als Attribute.

„Das verstehe ich nicht“ brachte mein Sohn an. „Warum wird nicht Tellus dargestellt? Das würde doch auch passen. Sie ist die Mutter Erde. Sie würde schließlich auch besser zu Saturn passen, schließlich ist sie seine Mutter.“

Ich war ganz baff, was er alles wusste und da fiel mir ein, dass es im Schloss ein Deckenfresko gab, das der Kybele gewidmet war: „Vielleicht daher der Zusammenhang“, mutmaßte ich. Das Argument ließ mein Sohn nicht gelten – er vermisste die Familienzugehörigkeit. Die entdeckten wir dann tatsächlich bei den nächsten Skulpturen.

Wir stellten fest, dass sich ansonsten links und rechts von der Mittelachse tatsächlich immer Paare gegenüberstehen:

Juno_Jupiter-nymphenburger-schlosspark

Juno und Jupiter.

Gleich neben Kybele erkannten wir Jupiter, eben jener, der Saturn als Götterherrscher folgte. Seine Krone, der goldene Blitz in seiner Hand und der Adler zu seiner Seite zeichnen ihn aus. Ihm gegenüber folgt seine Gemahlin Juno, die durch einen Spiegel in ihrer Hand und einen Pfau zu ihrer Linken zu erkennen ist.

Hinter dem Brunnen geht es dann weiter: Erst dachten wir, auf der rechten Seite folgt Neptun, der Gott des Meeres mit dem Dreizack und ihm gegenüber Minerva, die Göttin der Weisheit mit einer Eule zu ihren Füßen. Wir lagen allerdings falsch und mussten nochmal genau hinschauen: Die männliche Figur hat zwar einen Dreizack, dieser geht allerdings auf eine spätere Ergänzung zurück. Schließlich verriet uns der dreiköpfige Höllenhund Zerberus zu seinen Füßen, dass es sich um Pluto handeln muss, den Gott der Unterwelt. Ihm gegenüber steht auch nicht Minerva, sondern seine Frau Proserpina. Das Tier zu ihren Füßen ist keine Eule, sondern Ascalaphus, ein Unterweltdämon.

Proserpina_Pluto

Pluto und Proserpina.

„Aber was hat dieses seltsame Tier mit Proserpina zu tun?“

Hier konnte ich dann punkten und die Geschichte erzählen:

„Proserpina wurde nicht freiwillig zur Gemahlin des Herrschers der Unterwelt, sondern wurde von Hades geraubt und ins Totenreich gebracht. Sie begann den fatalen Fehler, dort etwas zu essen. Es war noch nie vernünftig, in fremden Gärten von irgendwelchen Bäumen Früchte zu probieren. Hier war es ein Granatapfel und es war eben jener Unterweltdämon namens Ascalaphus, der sie dabei beobachtete und schließlich verriet. Er musste für sein loses Mundwerk büßen und wurde in einen Uhu verwandelt. Bei unserer Statue hält er noch den Granatapfel in seinen Krallen. Weil Proserpina aus der Unterwelt etwas zu sich genommen hatte, durfte sie nicht mehr zurückkehren. Allerdings sollte man nie eine verzweifelte Mutter unterschätzen: Ceres, die Göttin der Fruchtbarkeit, wütete daraufhin auf der Erde und es kam zu einer regelrechten Naturkatastrophe. Zeus ließ sich letztendlich überreden und stimmte zu, dass ihre Tochter nur die eine Hälfte des Jahres in der Unterwelt verweilen müsse. So ist Proserpina hier auch dargestellt: mit Blüten im Haar und Zepter in der erhobenen Hand. Bereit den Frühling einzuleiten, wenn sie wieder auf die Erdoberfläche kommt.“

Im Schlosspark endeckten wir dann direkt hinter Pluto die Statue der Ceres, mit goldener Sichel in der Hand und einem Ährenbündel zu ihren Füßen. Und gleich auf der anderen Seite, hinter Proserpina steht Bacchus.

Bachus_nymphenburger schlosspark

Bacchus und die anderen Jahreszeiten.

„Hey, die sind ja wie die Jahreszeiten!“

Und tatsächlich! In der letzten Querreihe können die Skulpturen auch als Allegorien der Jahreszeiten gelesen werden: Bacchus, der Gott des Weines, ist zusammen mit einem Satyr dargestellt und überall kann man Trauben erkennen, die auf den Herbst verweisen: auf seinem Kopf, in seiner linken Hand und auch am Baum hinter ihm. Proserpina steht mit den Blüten in ihrem Haar für den Frühling. Pluto, als Herrscher der Unterwelt für den Winter und Ceres mit Sichel und Ährenbündel für den Sommer.

Dann hatte wir natürlich Lust, uns noch die restlichen Figuren auf den äußeren Wegen anzuschauen: Auf der nördlichen Seite erkannten wir das Geschwisterpaar Apollo, die Lyra spielend und Diana mit Jagdhund, Bogen und Köcher. Die beiden passen natürlich gut zu einer höfischen Parkanlage und wir sind der Göttin der Jagd ja auch schon in der Amalienburg begegnet.

Diana-Apoll-nymphenburger-schlosspark

Diana und Apoll.

Auf der südlichen Seite steht Merkur, mit geflügeltem Hut als Götterbote gekennzeichnet. Warum allerdings ein Hahn bei ihm ist, haben wir nicht ganz verstanden. Neben ihm folgt Venus, die Göttin der Liebe, mit Amor an ihrer Seite und dem Apfel in der Hand, den Paris ihr zuerkannt hatte. Und schon wieder ein Apfel, der zu nichts Gutem führte…

Venus Merkur Nymphenburger Schlosspark

Venus und Merkur werden begutachtet.

Unsere Neugierde riss nicht ab und wir machten uns auf den Weg zur großen Kaskade am Ende des Kanals, auf der Suche nach weiteren Göttern. Dort fanden wir sogar Neptun den Meeresgott mit seinem Dreizack und auch Minerva mit ihrer Eule – sogar in zweifacher Ausführung!

Neugierig geworden? Na, dann macht euch auf die Suche!

 

2 Kommentare

  1. R. Haufler sagt

    Wie schön! So genau müssen wir uns unbedingt auch mal im Schlosspark umsehen! Diesen Beitrag kann man auch sehr gut als Anregung für den Unterricht verwenden!

  2. Iris Bernheimer-Goodwin sagt

    Vielen Dank es war wieder sehr lehrreich und interessant. Man lernt nie aus vor allem kann man auch und besonders von unseren Kindern lernen,die manchmmal eine andere Sichtweise haben. Ich bin auf den nächsten Beitrag gespannt

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