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Mittelalterliche Spuren auf dem Bamberger Domberg – die Kapellen der Alten Hofhaltung

Bamberg Alte Hofhaltung

Als »Nabel von Teutschland« und Mittelpunkt des Landes rühmte der Geograph Johann Georg Hager im Jahr 1751 die Stadt Bamberg. Wer heute auf den Domberg hinaufsteigt, versteht rasch, dass diese Worte mehr meinten als eine geographische Lage. Tür an Tür stehen hier Dom, Alte Hofhaltung und Neue Residenz – ein Ensemble, das über Jahrhunderte hinweg das politische und religiöse Zentrum des fränkischen Hochstifts formte.

Eine Kaiser- und Bischofspfalz auf dem Domberg

Die Geschichte der Alten Hofhaltung nimmt ihren Anfang bereits im frühen Mittelalter. Archäologische Spuren belegen eine Besiedelung schon im 7. und 8. Jahrhundert. Als Kaiser Heinrich II. Bamberg zu Beginn des 11. Jahrhunderts zu einem zentralen Ort seiner Herrschaft ausbaute und 1007 das Bistum gründete, entstand hier eine Pfalzanlage in enger baulicher Einheit mit dem Dom.

Modell Pfalzanlage Bamberg

Rekonstruktion der Pfalzanlage mit Andreaskapelle (links) und Thomaskapelle (rechts). © BSV/Schröter

Der Kern dieser Anlage war ein langgestreckter Palas, der unmittelbar an das Nordquerhaus des damaligen Domes anschloss. An den beiden Enden des Palas‘ lagen Kapellen: im Norden die Thomaskapelle, im Süden die Andreaskapelle. Dieses Bauensemble des frühen 11. Jahrhunderts ist heute noch in (teils gut verborgenen) Resten erhalten – doch gerade diese gehören zu den ältesten architektonischen Zeugnissen Bambergs.

Die Thomaskapelle – der vielleicht älteste Raum der Stadt

Die Thomaskapelle gilt als der wohl älteste erhaltene Raum Bambergs. Ursprünglich handelte es sich um eine schlichte Saalkirche mit halbrunder Apsis und flacher Holzdecke. Sie diente als Hauskapelle der Bamberger Bischöfe und war direkt mit dem Palas verbunden.

Thomaskapelle Bamberg

Blick in die ehemalige Apsis der Thomaskapelle. © BSV/Schröter

Die Kapelle wurde am 13. April 1020 höchstwahrscheinlich persönlich von Papst Benedikt VIII. (1012–1024) geweiht. Darauf lässt die Weiheinschrift schließen, die auf purpurnem Grund neben Papst und Weihedatum auch die heiligen Patrone sowie die einst in der Kirche verwahrten Reliquien nennt. Die Inschrift konnte 1936 bei Grabungsarbeiten freigelegt werden. Heute ist aus konservatorischen Gründen an ihrer Stelle eine Kopie zu sehen, deren erste vier Zeilen rekonstruiert wurden. Das Original befindet sich als Dauerleihgabe im benachbarten Diözesanmuseum.

Inschrift Bamberg Thomaskapelle

Rekonstruierte Weiheinschrift der Thomaskapelle. © BSV/Schröter

Turbulente Zeiten – von der Thomas- zur Katharinenkapelle

Im Jahr 1185 verwüstete ein großer Brand nicht nur den Dom, sondern auch Teile der Alten Hofhaltung. Im Zuge der Wiederherstellung wurde die Kapelle in den nächsten Jahrzehnten umfassend verändert und zur Doppelkapelle umgebaut. Das Langhaus erhielt ein Kreuzgewölbe, seine Mauern wurden verstärkt und eine Empore für die Hofgesellschaft eingebaut. Ebenso wurde der Chorraum erhöht. Somit war die Kirche nun zweigeteilt: Während der untere Teil vom Hof aus zugänglich war, war der obere mit dem herrschaftlichen Wohnbereich verbunden. Diese Umbauten schienen über einen längeren Zeitraum hinweg in mehreren Bauphasen vorgenommen worden zu sein. Ein Grund hierfür könnte in den turbulenten politischen Geschehnissen des Jahres 1208 gelegen haben: Als Pfalzgraf Otto von Wittelsbach König Philipp in den Gemächern der Alten Hofhaltung ermordete, musste der als Mitwisser bezichtigte Bamberger Bischof Ekbert von Andechs-Meranien für mehrere Jahre ins Exil fliehen.

Katharinenkapelle Bamberg

Die im 13. Jahrhundert errichtete Apsis der Katharinenkapelle. © BSV/Schröter

Die architektonische Konzeption als Doppelkirche erwies sich offenbar nicht als dauerhaft praktikabel. Bereits im 14. Jahrhundert wurden die beiden Ebenen durch eine Zwischendecke voneinander getrennt – eine Konstruktion, die anfangs aus Holz bestand und später durch ein massives Ziegelgewölbe ersetzt wurde. In diese Zeit fällt auch die erste schriftliche Erwähnung der heiligen Katharina als neue Patronin des Sakralraums in den Jahren 1342/43. Auch baulich hinterließ der Zeitgeschmack seine Spuren: So erneuerte man das Maßwerkfenster im Chor in den filigranen Formen der Spätgotik. Zudem entstand über dem Chorraum mit der „Hohen Warte“ ein imposanter fünfgeschossiger Wachturm, der das Stadtbild bis zu seinem Abbruch im späten 18. Jahrhundert prägte.

Die Oberkirche blieb bis in die Barockzeit hinein in regem Gebrauch. Der Zugang erfolgte, damals wie heute, über eine hölzerne Außentreppe. Für die Bischöfe gestaltete sich der Weg zum Gottesdienst jedoch weitaus praktischer: Aus ihren Wohnräumen konnten sie die Kirche direkt über einen im Jahr 1489 unter Bischof Heinrich III. Groß von Trockau errichteten Fachwerkgang betreten – eine Verbindung, die heute freilich nicht mehr ganz den gewohnten bischöflichen Komfort bietet.

Katharinenkapelle Bamberg Durchgang

Ehemaliger Durchgang von der Apsis der Katharinenkapelle in die bischöflichen Wohnräume. © BSV/Schröter

Während das obere Stockwerk weiterhin als Sakralraum fungierte, ereilte die untere Ebene ein weitaus irdischeres Schicksal: Der einstige Kirchenraum wurde profaniert und zeitweise sogar als Gefängnis verwendet – von Inhaftierten hinterlassene eingeritzte Inschriften in den Wänden sind bis heute zu sehen.

Einritzung Kapelle Bamberg

Einritzung eines Gefangenen von 1431. © BSV/Schröter

Die neuzeitliche Geschichte der Kapellen in der Alten Hofhaltung verlief alles andere als geradlinig. Zunächst blieb der Sakralraum wie erwähnt zwar in Gebrauch – selbst während die Neue Residenz gegenüber bereits Form annahm. In den 1730er-Jahren sahen die Baupläne aus dem Büro Balthasar Neumanns für einen dritten Flügel der Residenz vor, die neue Hofkapelle exakt an dieser Stelle zu errichten. Da dieser Flügel jedoch nie realisiert wurde, blieb es beim Bestand, der zunehmend unter Baufälligkeit litt.

Dies hatte einschneidende bauliche Konsequenzen: Im Jahr 1777 trug man die oberen Geschosse der Hohen Warte bis auf den Chor der Katharinenkapelle ab. Auch der westliche Abschnitt des Langhauses fiel dem Abbruch zum Opfer und wird seither von einem steilen Holzdach anstelle des ursprünglichen Gewölbes gedeckt. Um 1820 folgte eine weitere Zweckentfremdung, als am einstigen Portal der Thomaskapelle eine hölzerne Beschlagbrücke für Militär- und Kutschenpferde angefügt wurde.

Heute gleicht die Kapelle einem steinernen Geschichtsbuch, in dem sich die verschiedenen Epochen unmittelbar ablesen lassen – von romanischen Mauerresten über spätmittelalterliche Umbauten bis hin zu neuzeitlichen Restaurierungen. Nachdem der Raum zwischen 1950 und 1967 die Prähistorische Sammlung des Historischen Vereins Bamberg beherbergte und Ende der 1990er-Jahre umfassend renoviert wurde, hat er heute eine neue, lebendige Bestimmung gefunden: In den Sommermonaten dient die Katharinenkapelle als Spielstätte für ein Schattentheater; zudem kann sie für Konzerte, Lesungen oder standesamtliche Trauungen angemietet werden. Wer einen Blick in das Innere der Thomas- und Katharinenkapelle werfen möchte, hat dazu regelmäßig bei Führungen der Schlösserverwaltung, etwa am Tag des offenen Denkmals, die Gelegenheit.

katharinenkapelle bamberg Location

Blick in die Katharinenkapelle nach Osten. © BSV/Schröter

Exkurs: Die Andreaskapelle – eine (fast) verlorene Pfalzkapelle

Während die Thomaskapelle weitgehend erhalten blieb, erging es der Andreaskapelle weniger glücklich. Sie entstand um die Mitte des 11. Jahrhunderts als kaiserliche Pfalzkapelle und war ursprünglich als achteckige Doppelkapelle angelegt. Im 16. Jahrhundert wurde der Bau stark verändert und erhielt eine Ummauerung mit quadratischem Grundriss sowie einen Aufbau mit Volutengiebel. Als im späten 18. Jahrhundert der Domplatz neu gestaltet wurde, entschied man sich jedoch für einen radikalen Schritt: Große Teile der mittelalterlichen Anlage wurden abgetragen. 1777 verschwanden die oberen Geschosse der Kapelle ebenso wie große Teile des Palas. Heute erinnern nur noch Mauerreste des ehemaligen Oktogons – zu sehen im Historischen Museum sowie an der Außenmauer der Hofhaltung auf Höhe des Domquerhauses – an diese einst bedeutende Pfalzkapelle.

Die Alte Hofhaltung – stets im Wandel

Vom Mittelalter bis weit in die Renaissance hinein wurde der Komplex der Alten Hofhaltung fortwährend erweitert und umgestaltet. In diesem Prozess wandelte sich die Anlage allmählich von einer königlichen Pfalz zu einem zentralen fürstbischöflichen Verwaltungs- und Wirtschaftshof. Spätere Jahrhunderte brachten weitere Umbrüche mit sich – von der militärischen Nutzung bis hin zur heutigen musealen Funktion. Trotz dieser wechselvollen Geschichte haben sich bemerkenswerte Zeugnisse der frühen Bauphase erhalten: Vor allem die Thomas- und die Katharinenkapelle machen bis heute sichtbar, wie eng das Areal um Dom und königlicher Pfalz ursprünglich miteinander verwoben war.

Wer heute den Innenhof der Alten Hofhaltung betritt, bewegt sich auf geschichtsträchtigem Boden. Wo einst die Wohnräume der Bamberger Bischöfe lagen und Kapellen für Kaiser und Hofgesellschaft errichtet wurden, nahm vor über tausend Jahren die Geschichte der Bamberger Kirchen- und Bischofsstadt ihren Anfang. Genau dort, wo einst Geschichte geschrieben wurde, lädt heute das Historische Museum der Stadt Bamberg dazu ein, in die reiche Vergangenheit der Domstadt einzutauchen. Die neue Sonderausstellung „Mauern der Macht. Die Alte Hofhaltung Bamberg“ widmet sich seit dem 27. März 2026 diesem besonderen Baukomplex. In einer spannenden, interaktiven und multimedialen Präsentation wird die Bau- und Nutzungsgeschichte dieses historischen Ortes für die Besucherinnen und Besucher lebendig und unmittelbar erlebbar.