Lieblingsstücke unserer Autoren
Schreibe einen Kommentar

Renaissance-Reisekabinett um 1560 – Neues Schmuckstück für die Plassenburg

Reisekabinett Plassenburg

Von der Museumsreferentin für die Plassenburg Katharina Heinemann und dem Leiter der Möbelrestaurierung Heinrich Piening

Das neueste Schmuckstück für die Ausstattung der historischen Räume der Plassenburg ist in geschlossenem Zustand ein schlichter Kasten, der rundum von einer glatten Haut mit farbigen Hölzern überzogen ist. Im geöffneten Zustand offenbart er sich als Kabinettschrank, der von seinem Besitzer als mobiler Schreibarbeitsplatz mit auf Reisen genommen werden konnte. Man könnte sagen, eine Art Vorläufer des Laptops.

Reisekabinett

links: Von vorne in geschlossenem Zustand; rechts: Mit geöffneter Schreibplatte

Das Kabinett hatte ursprünglich zwei Fronttüren, die im Zuge einer früheren Überarbeitung zu einer Schreibklappe umgearbeitet wurden, wodurch die Nutzung der unteren Schubladenreihe eingeschränkt wurde. In geöffnetem Zustand, mit heruntergeklappter Schreibplatte, meint man vier Reihen mit 12 Schubläden und zwei Türchen zu erkennen. Tatsächlich verstecken sich hinter der dritten Reihe Geheimschubkästen von besonderer Raffinesse, wie Herr Dr. Heinrich Piening, Leiter der Möbelwerkstatt des Restaurierungszentrums der Bayerischen Schlösserverwaltung betont. Sie sind in der Konstruktion des Korpus verborgen. Ein Zierbeschlag ist gleichzeitig der Verschluss der versteckten Konstruktion. Durch Betätigung lässt sich eine Lisene der Laufrahmenkonstruktion im Korpus lösen und herausziehen. Die geheimen Schubkästen befinden sich im rückwärtigen Teil des Korpus und werden mit der Lisene herausgezogen.

Schreibkabinett Plassenburg

links: Um Platz für das Geheimfach zu haben, sind die mittleren Schubkästen weniger tief; rechts: Sind die mittleren Schubkästen herausgenommen, kann das Geheimfach mit der Lisene herausgezogen werden

Reisekabinett Plassenburg

links: Das Geheimfach wird herausgezogen; rechts: Die zwei Schubkästen des Geheimfachs sind mit einem extra Brett gesichert

Wer der einstige Besitzer dieses äußerst wertvollen Kabinettkastens war, ist leider nicht bekannt. Der Typus der intarsierten Kabinettschränkchen stammt aus Spanien. Berühmt waren die in der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts in den auf kostspieligen fürstlichen Bedarf spezialisierten Werkstätten vorrangig in Augsburg und Tirol entstandenen, meisterlichen Intarsienmöbel, wie zum Beispiel der 1566 datierte Wrangel-Schrank aus Augsburg, der allerdings auch szenische Darstellungen aufweist.

Ab sofort ist das von der Bayerischen Schlösserverwaltung erworbene süddeutsche Kabinettschränkchen, das dem repräsentativen Anspruch von Markgraf Georg Friedrich von Brandenburg-Kulmbach (reg. 1557-1603) sicherlich entsprochen hätte, im zweiten Markgrafenzimmer der Plassenburg zu bewundern.

Reisekabinett Plassenburg

Das Rollwerk-Ornament der vor Licht geschützten Rückseite zeigt die ursprüngliche Farbigkeit am besten

Die kunstvoll eingelegte Arbeit aus farbigen Hölzern wird gegliedert durch perspektivisch dargestelltes Rollwerk-Ornament mit darin hineingeschlungenen zarten Blättern, einer Vielzahl an Früchten, wie Trauben, Eicheln, Birnen und Beeren sowie an verschiedenen Stellen zu entdeckenden kleinen Äffchen, Vögeln und Häschen.

Reisekabinett Plassenburg

Die Außenseite des Schreibplatte ist am detailreichsten ausgeführt. Wer genau hinsieht, kann u.a. kleine Hasen, Affen und Vögelchen entdecken!

Alle sichtbaren Flächen sind aufwendig mit einer Marketerie aus einheimischen Hölzern gestaltet. Die Marketerie (Furnier auf einem Blindholzträger) wurden aus Ahorn, Nussbaum, Birnbaum, Birkenmaser, Erlenmaser, Rüster (Ulme) sowie Hirnholzfurnieren zusammengesetzt. Farbliche Akzente wurden durch die Verwendung von gelben Berberitzenwurzel-Furnieren und durch Pilze (Chlorociboria aeruginascens/ = Kleinsporiger Grünspanbecherling) blaugrün gefärbte Hölzer gesetzt. Die räumliche Wirkung wurde durch Brandschattierung erzielt. Hierzu wurden die Furniere nach dem Ausschneiden und bevor sie zusammengesetzt wurden mit heißem Sand behandelt. Die circa 2 mm starken Furniere wurden in Messertechnik zusammengefügt. Hier wurde mit einem Schultermesser gearbeitet, das zur besseren Führung an der Schulter auflag. Die Schubladenseiten und Böden sind in ungarischer Blumenesche ausgeführt. Dieses Holz wurde aufgrund seiner auffallenden Textur besonders geschätzt und teuer gehandelt.

 

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.