Geheimnisse, Lieblingsstücke unserer Autoren, Residenz München
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Fürstliche Spielwiese(n) aus Schildpatt und Silber – zwei Augsburger Kabinettschränke von 1680/85

Unter den zahlreichen Schätzen der Möbelkunst des 17., 18. und 19. Jahrhunderts, die in den Gemächern und Sälen der Residenz versammelt sind, sticht ein zusammengehöriges Paar hockbarocker Kabinettschränke, die heute in den sogenannten Trierzimmern aufgestellt sind, durch raffiniertes Farbenspiel und originellen Dekor heraus.


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Entstanden ist das kostbare Paar in Augsburg als gemeinsame Arbeit des leider bisher nicht näher bekannten Meisters Wolfbauer und des Silberkistlers Johann Georg Esser – dies lässt sich aus der stilistischen Ähnlichkeit mit zwei, traditionell gleichfalls zu diesem Möbelensemble gehörigen, Prunktischen schließen, die Esser auf der reich dekorierten Platte aus farbigem Steinschnitt signiert hat.
Vermutlich entstand diese ganze Gruppe repräsentativer Schaumöbel um 1680/85, den Jahren, in denen der damals noch ganz frisch gebackene, aber bereits ungeheuer prunk- und kunstverliebte Kurfürst Max Emanuel sein Wohnappartement am Grottenhof neu einrichten ließ. Im Zuge dessen erhielt der graubündische Hofarchitekt Henrico Zuccalli den Auftrag, die angrenzende Raumflucht der sogenannten „Sommerzimmer“ zu gestalten – reich dekorierte Gemächer, in denen der Kurfürst ausgewählte Stücke seiner Kunstsammlung auf eigens hierfür gestalteten Tischen ausstellte bzw. in üppig verzierten Schatzschränken verwahrte.

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Wohl um solche repräsentative Kunstkabinette handelt es sich bei unseren beiden Schränken und tatsächlich sind sie selbst viel eher Objekte zum Herzeigen und Staunen, als nur einfacher Stauraum. Vielmehr gestaltet sich noch heute das Öffnen der Schränke als eine Art raffiniertes und das Staunen erweckendes „Erlebnis“ mit zahlreichen Überraschungseffekten. Sie ließen das Erkunden des Kabinetts und seines kostbaren Inhalts im 17. Jahrhundert zu einer Art Gesellschaftsspiel werden, vielleicht in etwa vergleichbar dem gemeinschaftlichen Ausprobieren eines neuen, edel gestalteten und kostspieligen Technik-„Must-have“, dem aktuellsten i-pod oder Smartphone mit lauter brandneuen Apps….


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Acht Schubladen, deren Fronten reich mit ornamentalen und figürlichen Einlegearbeiten verziert sind, boten einst Platz für kleine kunsthandwerkliche Kostbarkeiten – Schmuck, Münzen oder exotische Funde. Auf einer herausziehbaren Platte konnten diese Objekte ausgebreitet und näher besehen werden. Hinter dem zentralen Türchen schließlich öffnet sich ein verspiegeltes „Allerheiligstes“, das mit kleinen Säulen und eingelegtem Boden eine veritable Innenarchitektur präsentiert.
Neben diesen offensichtlichen Verwahrmöglichkeiten verfügen die beiden Schränke jedoch auch noch jeweils über 16 verborgene Geheimfächer in den Innenseiten der internen Trennwände, die wohl weniger als Versteck für geheime Staatspapiere dienten, sondern gemeinsam entdeckt werden sollen. Hinzu kommen noch mehrere unsichtbare Schubladen, deren Vorderseiten als Teil des profilierten Sockels und der reich gegliederten Bekrönung getarnt sind. Wer irgendwo dort etwas verlegt hatte, war eine Weile mit Suchen beschäftigt…

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Auch die Außenfassaden der Schränke können sich sehen lassen: Die Wände mit ihren gewundenen Säulen, Sockel und Bekrönung sind mit dünn geschliffenem, in Form gebogenen und gepressten Schildpatt, also dem gemusterten Horn exotischer Schildkrötenpanzer belegt – zur Entstehungszeit der Möbel ein (kostspieliger) Gruß aus noch nahezu unbekannten Welten. Der rötliche Glanz stammt von farbigem Papier, das hinter das durchsichtig-gelbliche Schildpatt geklebt wurde. Auf diesem Untergrund erheben sich in raffiniertem Farbkontrast reich gravierte Ornamente aus ausgesägtem Metall – Silber, Messing und Kupfer. Es handelt sich also um Möbel deren Machart sich an die, nach ihrem französischen Hauptmeister so genannte – „Boulle-Techik“ anlehnt.


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Hierbei werden die Trägerschicht und das Einlegematerial übereinander geklebt und die Einlegemuster anschließend ausgesägt, sodass sie anschließend passecht als Positiv- und Negativform wie Puzzleteile zusammengefügt werden können. Praktischerweise fallen bei dieser Technik bei vorsichtigem Sägen immer auch die jeweils nicht benötigten Negative ab: Aus diesem wertvollen „Abfall“ wird dann ein passenden Gegenstück – die „Contre-Partie“ gefertigt, in dem der Material/Farbkontrast natürlich gespiegelt auftritt: Einmal Metallornamente auf Schildpattgrund, und beim Pendant Schildpattmuster auf Metallgrund. Entsprechend entstand auch das Dekor unserer Augsburger Schränke zweifach nach einem Entwurf. Ein ebenso hübsches wie interessantes Detail am Rande, das im Zuge einer Untersuchung der Schränke vor einigen Jahren entdeckt wurde: Für die Metalleinlagen wurden abgenutzte Platten von Augsburger Kupferstechern verwendet, die auf der nicht sichtbaren Rückseite noch die Reste der älteren Gravierungen zeigen! Die verblüffenden Entdeckungen an unseren Wunderschränken hören auch dreieinhalb Jahrhunderte nach ihrer Entstehung nicht auf!

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