Autor: Christian Quaeitzsch

alchemist Bragadino

Bragadinos Traumkarriere hängt an goldenem Seil – das Schicksal eines Alchemisten am bayerischen Hof

26. April 1591 – eine trübe Morgensonne beleuchtet skeptisch ein befremdliches Schauspiel auf dem Münchner Weinmarkt: Hier ist in der Nacht zuvor ein hoher, signalrot angestrichener Galgen errichtet worden. Am Querbalken schlenkert an diesem windigen Vormittag aber nicht das übliche Henkersseil aus gräulichem Hanf – sondern die gedrehte Schlinge schimmert und gleißt wie ein kostbares Halsband, denn geschickte Hände haben sie rundum mit dünnem Blattgold überzogen! Ein paar Schritte neben diesem makaberen Glanzstück der Henkerskunst „for show“ ist noch eine weitere Richtstätte aufgebaut: ein herkömmliches Schafott, darauf der noch leere „Blutstuhl“, an den der verurteilte Deliquent vor seiner Enthauptung gefesselt wird. Und er, der hier in wenigen Augenblicken Platz nehmen soll, nähert sich nun in der Enfernung, umbrandet vom zunehmenden Getöse der schau- und spottlustigen Menge, begleitet von zwei eifrig auf ihn einredenden Jesuiten-Patern und umringt von einer Hundertschaft Wachen sowie zahlreichen Amtspersonen des herzoglichen Hofes.

Tizians dreckiges Dutzend – Der Zyklus der Kaiserporträts in den Reichen Zimmern

Wer im noblen Obergeschoss der Residenz das prunkvolle Paradeappartement der 1730/37 ausgestatteten „Reichen Zimmer“ betritt, wird über den in einer Sichtachse geöffneten Türen sogleich kritisch in den Blick öl-gemalter Augen genommen: Dort, in den sogenannten „Supraporten“, sind Bildnisse römischer Kaiser des ersten Jahrhunderts angebracht, genauer gesagt die kanonischen ersten zwölf Imperatoren. Das sind zunächst die Mitglieder der julisch-claudischen Dynastie, beginnend mit Julius Cäsar (C[K]äsar = Kaiser = Zar) und seinem Adoptivsohn Octavian („Augustus“). Es folgten dann, befeuert von „Cäsaren-Wahnsinn“ und grassierenden Herrschermorden, in schneller Abfolge weitere Anwärter auf den kaiserlichen Lorbeer, bis mit dem listigen Vespasian und seinem Sohn Titus wieder etwas mehr Ruhe auf den Stufen zum Thron einkehrte.

Max Emanuel Reiterbildnis

„Zieh ein zu Deinen Toren…“ Münchner Festparade mit Hintergedanken: Kurfürst Max Emanuels Heimkehr aus dem Exil 1715

11. Juli 1715 – im Herzen des barocken München, in der heutigen Kaufinger und Neuhauser Straße, herrscht schon seit dem frühen Morgen Rummel: Zwischen Stadttor und Residenz reihen sich meterhohe Triumphbögen, geschmückte Monumente sowie beleuchtete Ehrenmale aus Holz, Gips und bemalter Leinwand. Gedränge, Jubel, Glockengeläute und wehende Fahnen, Knabenchor vor dem Jesuitenseminar, übertönt von Salut-Geböller – und vermutlich auch Sonnenschein: Bayerns Kurfürst Max Emanuel (1662-1726) hält mit seiner Gattin, der polnischen Prinzessin Therese Kunigunde, und ihren sechs gemeinsamen Kindern feierlichen Einzug in seine Haupt- und Residenzstadt. Zudem begeht er an diesem Tag auch noch seinen 53. Geburtstag!

Salon der Königin Königsbau Residenz münchen

Einfach märchenhaft: Romantisches Ritter-Epos im Salon der Königin

Wer heute den 1826/35 unter Ludwig I. (reg. 1825-1848) errichteten Königsbau der Residenz München durchstreift, dem fällt als erstes meist die komplette Bemalung der Wände auf, welche die aneinander angrenzenden Wohnungen Ludwigs I. und seiner Gemahlin Therese von den älteren Appartements unseres Schlosses unterscheidet. Nach einem zunächst unbestimmten, dann aber rasch immer weiter ausgeklügelten Bildprogramm wurden hier die Werke vorbildlicher antiker Dichter sowie zeitgenössischer deutscher Autoren dargestellt.

Maria Anna Christine von Bayern

Maria Anna Christine – ein Leben zwischen München und Versailles

Mit unsrer Reihe zu weiblichen Biografien bei Hofe bleiben wir noch eine Weile im wechselvollen 17. Jahrhundert und widmen den heutigen Beitrag einer eher tragischen Heldin: der Wittelsbacher Kurprinzessin Maria Anna Christine Victoria Josepha Benedikta Rosalia Petronilla (1660-1690). Vielnamige älteste Tochter des bayerischen Herrscherpaars Ferdinand Maria und Henriette Adelaide sowie große Schwester des lebenslustigen „Barock-Kurfürsten“ Max Emanuel (reg. 1679-1726), dessen Regentschaft glanzvolle Höhenflüge und spektakuläre Abstürze prägten. Ähnliches gilt für seine ernstere, zwei Jahre ältere Schwester, die (via Eheschließung) eine steile Karriere machte – und einen hohen Preis zahlte…

Festliches Blitzlichtgewitter und fürstliche Leuchtreklame – Höfische Feuerwerke in und um die Residenz

Nur noch ein paar Mal schlafen und der finale Tag dieses aufreibenden Jahres ist da – und auch der sollte sich gemäß der Tradition letztendlich in der Nacht, die dem heiligen Papst Sylvester geweiht ist, mit fulminantem Krachen und Zischen in farbigen Rauch, in bunten Funkenflug und einen Schauer aus Leuchtkugeln auflösen. Soweit die pyrotechnische Theorie und das Kalkül der Supermarktketten. Doch statt der ebenso spektakulären wie umweltschädigenden Böller-Batterien, Goldregen und Miniaturvulkane werden angesichts der Pandemie 2020 wohl vor allem bescheideneres Tischfeuerwerk und vielleicht hie und da verstohlen geschwenkte Wunderkerzen zum Einsatz kommen. Grund genug also, den Blick in die gute alte Zeit zu wenden, als die flüchtigen Vorläufer heutiger Party-Knallerei noch lang und intensiv vorbereitete Haupt- und Staatsaktionen waren.

Gut verborgen im Nymphenburger Gehölz - die als künstliche Ruine gestaltete Magdalenenklause mit ihrer grottenartigen Kapelle

Himmlische Ruhe oder Automaten-Spielhölle? Eremiten und Eremitagen in den Wittelsbacher Residenzen

In diesen Tagen ziehen wir uns mal minder (meist aber mehr) unfreiwillig in die organisierte Einsamkeit zurück und erliegen den Verlockungen der Welt da draußen höchstens vermittelt über Internet und Shopping-Portale. Der Frust, dass man die menschliche Gesellschaft tunlichst fliehen soll und sich auf sich selbst zurückgeworfen sieht, lässt vergessen, dass genau diese Beschränkungen jahrhundertelang auch immer wieder propagiert wurden und als die letztlich besten, der eigenen Vollendung dienenden Wege persönlicher Lebensführung gegolten haben!

Standuhr Residenz München

Erwachsenenbildung in vergoldeter Bronze – eine Uhr im Residenzmuseum

Lässig auf schimmernden Wolken zurückgelehnt schwebt Minerva, die Göttin der Weisheit, der Staats- und Kriegskunst, zu uns herab – wie vom Schnürboden eines barocken Theaterhimmels. Der pompöse Federbusch wallt über ihrem „attischen Helm“ und birgt in seinem Schatten eine kluge Eule, die – wie wir spätestens seit der Harry Potter-Lektüre wissen – das Symboltier jeder gestandenen Lehrerin ist. Denn als solche tritt die Minerva aus vergoldeter Bronze auf, die sich an eine große, in den 1770er Jahre geschaffene Prunkuhr in der Sammlung der Münchner Residenz lehnt.

Residenz München Blog

„whodunit“ ?? in der Residenz – ein mörderisches Porträt als Mosaiksteinchen in einem berühmten Renaissance-Krimi

Heute handelt unser Beitrag von Mord und Totschlag, von Schuld und Unschuld, vom Recht auf Notwehr und von Verbrechen, die sich keusch hinter Fremdworten wie „Inzest“ und „Patrizid“ verstecken müssen. Und es geht um eine schöne junge Frau, die aus vergangenen Jahrhunderten mit großen Augen und ratlosem Lächeln auf uns und diesen Schlamassel aus Sex und Crime zurückblickt. Aber wie in jedem Kriminalfall ist Geduld gefragt, wir nähern uns dem blutigen Ende über Umwege und durch das Hintertürchen der Kunst: