Residenz München

Gemalte Momentaufnahme: Bernardo Bellotto zu Besuch in Schloss Nymphenburg

bellotto schloss nymphenburg gemälde

Alles neu macht der Mai – oder in diesem Falle der März! Nicht nur haben wir unserem Blog ein neues Design verpasst, das mit größerer Schrift und hoffentlich einfacherer Handhabung das Wohlgefallen unserer Leser erregen soll. Auch eins der schönsten Gemälde der Residenz durchläuft gerade eine Verjüngungskur.

Deshalb Vorhang auf für: Nymphenburg, 1761!

Es ist allerhand los im kurfürstlichen Schlossgarten – in den Alleen herrscht ein reges Kommen und Gehen von Kavalieren mit weiß bepuderten Perücken und Damen mit breit ausschwingenden Reifröcken. Achtsam bleiben die meisten im Schatten der Bäume und vermeiden den breiten gekiesten Mittelweg, der zwar höchst großzügig wirkt, auf dem die gnadenlose Sonne die Promenade im höfischen Gewande und mit fetthaltiger, schnell schmelzender Schminke im Gesicht zum zweifelhaften Vergnügen macht.

Bellotto Schloss Nymphenburg Park

Mehr Spaß hat man auf dem Wasser: Auf dem Kanal rudern mäßig bezahlte Dienstkräfte den Hofstaat in reich verzierten Gondeln zum Klang der Violinen. Es ist vermutet worden, dass es sich bei dem hier gezeigten Treiben um den festlichen Empfang handeln könne, den Kurfürst Max III. Joseph seinem Vetter und zukünftigen Erben Karl Theodor von der Pfalz im September 1761 im Sommerschloss Nymphenburg bereitete. Vermutlich aber hat der Maler Bernardo Bellotto, genannt Canaletto, hier vor allem detailgenau mit dem Pinsel seinen Eindruck höfischen Lebens in der bayerischen Residenz festgehalten. Im Jahr 1761 nämlich hielt sich dieser schon unter seinen Zeitgenossen berühmte, international tätige Vedutenmaler – vermutlich begleitet von seinem Sohn Lorenzo – für einige Monate in München auf. Möglich, dass ihn die goldenen Gondeln auf den Nymphenburger Kanal an die ferne und lange nicht mehr gesehene Heimatstadt Venedig erinnert haben.

Bellotto Detail Gondel

Dem bayerische Intermezzo war Canalettos Aufenthalt am kaiserlichen Hof in Wien vorausgegangen. Beides günstige Gelegenheiten für den Maler, denn in den Landen seines vorherigen Arbeitgebers, des sächsischen Kurfürsten, sah es mit Aufträgen in diesen Jahren schlecht aus: hier standen die Armee des Preußenkönigs Friedrich II. – seit 1756 tobte der Siebenjährige Krieg. Nicht zuletzt deshalb stieß Canaletto in München auf Bekannte: Das sächsische Kronprinzenpaar hielt sich hier im Exil auf – der bayerische Kurfürst und seine Schwester waren jeweils mit sächsischen Partnern vermählt. Während seines Aufenthalts in Bayern schuf der venezianische Maler für den kurfürstlichen Hof drei großformatige Gemälde: Ansichten des Schlosses Nymphenburg vom Park wie von der Stadt aus, sowie eine Blick auf die Residenzstadt von Osten. Von Anfang scheinen Sie als Schmuck des Raumes bestimmt gewesen zu sein, in dem sie sich auch heute befinden, dem Vorzimmer des kurfürstlichen Appartements Max III. Joseph, das von diesem regelmäßig auch als Speisezimmer genutzt wurde. Bereits in einem Inventar von 1767 werden die Bilder an den Wänden dieses Raumes verzeichnet!

Die Faszination, die von Bellottos Ansichten von Venedig, Dresden, Wien oder eben München bis heute ausgeht, liegt (abgesehen von ihrer großen Schönheit und malerischen Delikatesse) in der zumindest scheinbaren topographischen Exaktheit der Darstellung. Sie suggeriert dem heutigen Betrachter, einer quasi photographischen, authentischen Momentaufnahme aus dem mittleren 18. Jahrhundert gegenüberzustehen. Dieser Eindruck ist nicht der geringste Teil von Canalettos Kunst, denn es handelt sich hierbei um ein sorgfältig komponiertes Kostrukt. Für die erwünschte Bildwirkung wurde die achtsam berechnete Perspektive und der gewählte Blickpunkt subtil korrigiert, um die erwünschte bildmäßige Zusammenschau der einzelnen Elemente zu ermöglichen.

Im Hintergrund erkennt man die Theatinerkirche - und klein daneben: Der Turm der Residenz...

Im Hintergrund erkennt man die Theatinerkirche – und klein daneben: Der Turm der Residenz…

Auch die Staffagefiguren, die so zwanglos „echt“ durch die gemalte Welt flanieren, setzen sich aus einem stetig erweiterten Fundus von Motiven zusammen und promenieren oft nicht nur durch die Dresdener Altstadt, sondern auch durch die Gärten von Schloss Schönbrunn oder über den Markusplatz! Dies im Hinterkopf liefern die Bilder dennoch eine unglaubliche Fülle an Details, die – wenn heute auch vor Ort oft nicht mehr nachweisbar – ihre Bestätigung beispielsweise in Schriftquellen und Inventaren finden: So zeigt die Nymphenburger Parkansicht an der Fassade des Hauptschlosses noch die ursprünglichen Dreiecksgiebel, die Leo von Klenze im 19. Jahrhundert abbauen ließ.

Bellotto Detail Hauptschloss

Auch das heute nur von einem kleinen Felsenberg belebte Mittelbassin des Hauptparterres präsentiert sich noch als monumentales Brunnenkunstwerk: Hier lagert die Nymphe Flora, die später zur Göttin der Blumen avancierte, zwischen Putten und wasserspeienden Delphinen. An diese ursprüngliche, goldschimmernde Skulpturengruppe erinnert heute sonst nur noch eine Darstellung in der Galerie des Nymphenburger Schlosses und – als fernes Echo – das Flora-Bassin vor Schloss Linderhof im entfernten Graswangtal…

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Im Herbst werden Bellottos Münchner Veduten vereint mit anderen Werken des Malers in einer Ausstellung in der Alten Pinakothek zu sehen sein. Im Vorfeld werden die Oberflächen der Nymphenburger Ansichten von den Restauratorin der Schlösserverwaltung sorgfältig gereinigt. Dies geschieht in einer Art Schauwerkstatt, die dafür im kurfürstlichen Vorzimmer eingerichtet wurde – Gelegenheit also, in den nächsten Wochen einmal vorbeizuschauen und einem weiteren Kapitel in der Geschichte dieser für die Residenz und Nymphenburg so wichtigen Bilder für ein paar Momente beizuwohnen!

 

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