Geheimnisse
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„Ein Vorkommniß weittragendster Bedeutsamkeit ist mit meteorartiger Plötzlichkeit eingetroffen“ – Die Verlobung König Ludwigs II.

Verlobungsfoto Ludwig II. und Sophie in Bayern

König Ludwig II. und seine Bauten haben auch heute noch in Tageszeitungen, Journalen, in Funk und Fernsehen eine hohe mediale Aufmerksamkeit, die weit über die bayerischen Landesgrenzen hinausgeht. Das Interesse der Öffentlichkeit für das Leben des Märchenkönigs und die Geheimnisse seine Kunstschöpfungen setzte aber nicht erst mit seinem mysteriösen Tod im Starnberger See im Jahr 1886 ein. Die bayerische und internationale Presse suchte, kommentierte und erdichtete schon zu Lebzeiten König Ludwigs II. „News“ um den Monarchen und seine Bauten. Ein Blick auf zeitgenössische, tagesaktuelle Meldungen – sozusagen eine historische Presseschau – um König Ludwig II. eröffnet unterhaltsame und teils unbekannte Seiten aus seinem Leben und Kunstschaffen und nicht zuletzt auch auf die damals schon erstaunlich modernen journalistischen Methoden, wie über echte oder erfundene Sensationen berichtet wurde.


Die Verlobung König Ludwigs II. mit der Prinzessin Sophie Charlotte Auguste am 22. Januar 1867

Schon immer waren und sind royale Verlobungen oder Hochzeiten im journalistischen Metier Top-News und vor allem dann, wenn sie unerwartet über Nacht bekannt gegeben werden.

1867_01_24_Augsburger neueste Nachrichten

Die am 22. Januar 1867 überraschend vollzogene Verlobung König Ludwigs II. mit Prinzessin Sophie erregte sofort überregionales mediales Aufsehen und der elektrische Draht hat vollauf zu thun, Privatmittheilungen im ganzen Lande zu verbreiten.“ (Wiener Fremdenblatt vom 25.01.1867). Wo man geht und steht, Aller Zungen wissen nur von der Verlobung des Königs zu sprechen […].“

Bereits kurz nach der Thronbesteigung Ludwigs II. im Jahr 1864 flammten immer wieder Gerüchte über eine mögliche Partnerin des Königs auf, die sich aber stets als falsch erwiesen. So war es nur allzu verständlich, dass die für den 11. Januar 1867 von der Aschaffenburger Zeitung titulierte Meldung als weitere „Zeitungsente“ keine besondere Aufmerksamkeit erregte. In Hofkreisen will man wieder sichere Andeutungen haben von einer in nicht ferner Zeit bevorstehenden Vermählung Sr. Maj. des Königs; doch erwähnen wir dies Gerücht nur eben als solches, ohne den Namen der angeblichen Braut Sr. Maj. vorerst noch zu nennen. Besser kann man auch heute nicht seine Leser auf die Folter spannen! Offensichtlich kannte der Redakteur aber schon mehr Details. Vielleicht aus dem Umfeld der Familie der Verlobten, die bereits im Jahr zuvor mit Argusaugen auf die intensive Brieffreundschaft von Ludwig und Sophie (über ihre gemeinsame Leidenschaft zu Richard Wagner, was sonst!) schaute und im Januar 1867 darauf drängte, diese zu beenden. Oder zu heiraten!

Ob die Gerüchte absichtlich platziert wurden ist unbekannt, jedenfalls nimmt auch der Würzburger Anzeiger diese „Neuigkeit“ bereitwillig auf: Auch die diesmaligen Gerüchte von bevorstehender Vermählung Sr. Maj. des Königs, obwohl sie noch immer und selbst in Hofkreisen sich erhalten, können wir nach Erkundigung an bester Quelle für verfrüht bezeichnen. (Ausgabe vom 16.01.1867)

Dass dieser Hofklatsch aber sehr wohl einen realen Hintergrund – nämlich durch Ludwigs Schwiegermutter in spe – hatte, eröffnet die erstaunlich gut informierte Wiener Zeitung „Die Presse“ schon wenige Tage nach der bekannt gegebenen Verlobung, die noch eine gute Weile ausstehen [hätte] können, wenn sie überhaupt je zu Stande gekommen wäre. Da half die alte Herzogin Ludovica […] nach, und […] so fand sie auch hier sehr bald die Mittel und Wege, den jungen König zu einer bestimmten Aeußerung zu veranlassen.“ (Ausgabe vom 27.01.1867) Kein Bräutigam möchte dies in der Zeitung lesen! Und ein König schon gar nicht.

Schwiegermütterlicher Druck und ein Quäntchen Zufall führten schließlich zum – vorläufigen – Erfolg: Am Abend des 16. Januar war großer Hofball im Festsaalbau der Münchner Residenz mit allen Protagonisten. Se. Maj. der König, der die Uniform eines Chevauxlegers-Obersten trug, unterhielt sich auf’s lebhafteste mit sehr Vielen der Anwesenden und verweilte, am Tanz mehrfach theilnehmend, bis 12 ½ Uhr.“ (Süddeutsche Presse vom 17.01.1867) Ludwig II PilotyLudwigs – sicherlich für alle anwesenden Damen und darüber hinaus – Aufsehen erregendes Outfit bei diesem Hofball können wir uns am besten durch das berühmte Bild des Königs von Ferdinand Piloty vorstellen, das zwei Jahre zuvor entstanden war. „Zufällig“ war auch Herzogin Sophie anwesend, wobei anscheinend die Presse und wohl auch der König mehr Kenntnis von anderen Damen nahmen, da Se. Maj. der König den Ball mit der Gemahlin des französischen Gesandten, Gräfin des Méloizes, eröffnete, und während desselben der Reihe nach mit den übrigen Damen des diplomatischen Corps und den höchstgestellten Damen des hoffähigen Adels tanzte.“

Wer konnte da ahnen, dass kurz danach „ein Vorkommniß weittragendster Bedeutsamkeit […] mit meteorartiger Plötzlichkeit“ eintreffen würde, wie der in München erscheinende „Puck“ es am 28. Januar pointiert formulierte und weiter schreibt: Man sagt, große Ereignisse werfen ihre Schatten voraus. – Das wichtigste Ereigniß der abgelaufenen Woche hat gezeigt, daß dieses Gesetz durchaus keine universelle Gültigkeit habe. Und damit war jedoch nicht der spontane Besuch des Königs in zwei Münchner Brauereien am 18. Januar gemeint („Wenn wir nur gewußt hätte, daß Sie kumma, nache hätte mir uns schon darnach eingricht), der es sogar noch auf die Titelseite des Straubinger Tagblattes vom 22. Januar, dem eigentlichen Verlobungstag, geschafft hatte.

Plötzlich erscheinen telegrafische Eilmeldungen mit Uhrzeitangabe: Aufgegeben in München um 10 Uhr Vormittags, angekommen in Augsburg um 10 Uhr 35 Min. Vormittags, (kaum schneller als die heutige ICE-Verbindung!), Bestätigungen: sämtliche hiesige Blätter berichten und Widerrufe: Man schenkte anfangs diesem Gerüchte keinen Glauben, daß es aber von ganzer Bedeutung ist, kann ich Ihnen mit Bestimmtheit versichern.“ (Wiener Fremdenblatt, Ausgabe vom 25.01.1867)

Am Abend des Verlobungstages zeigte sich die künftige First Lady Bayerns bereits an [der] Seite Sr. Maj. des Königs und der Königen-Mutter in der großen Hofloge.“ (Regensburger Anzeiger vom 24. Januar) Ob der gemeinsame abendliche Schauspielgenuss oder gar die nachmittägliche Verlobungsfeier der Auslöser für einen hartnäckigen Katarrh des Königs war, verbannen wir sofort ins Reich der bösartigen Gerüchte. Jedenfalls war die zwei Tage später stattfindende Begrüßung der Kaiserin Elisabeth, der älteren Schwester der Verlobten, die auf der Durchreise – noch zu nachtschlafender Stunde – am 24. Januar kurz Halt in München machte, nicht förderlich für Ludwigs Gesundheitszustand: Se. Maj. der König hat sich diesen Morgen nach 5 Uhr […] nach dem Staatsbahnhofe begeben, um die durchreisende Kaiserin von Oesterreich selbst zu begrüßen. Aber in Folge davon hat der Katarrh, an welchem Se. Maj. seit vorgestern Abends leidet, wieder zugenommen, so daß auch heute keine Audienzen stattfinden konnten. Darum war Se. Maj. auch verhindert, bis jetzt Glückwünsche zu dem freud‘gen Ereigniß seiner Verlobung entgegenzunehmen.“ (Augsburger Neueste Nachrichten vom 26. Januar 1867).

Während der König noch bis 25. Januar verschnupft im Bett lag (Wegen fortdauernden Katarrhs durfte Se. Maj. der König auch bis heute Mittag das Bett und Nachmittags das Zimmer nicht verlassen.“) hatte am selben Tag der Hr. Hofrath Hanfstängl […] heute Mittags die Ehre I. kgl. Hoh. die Prinzessin Sophie, die erlauchte Braut unseres Monarchen, zu photographiren.“ (Beilage zur Allgemeinen Zeitung vom 26.01.1867) Ein für Braut und Fotograf folgenreicher Anfang einer unglücklichen Top-Secret-Liebesbeziehung (besser hätte es sich Hollywood auch nicht ausdenken können!), die schon zu Lebzeiten König Ludwigs II. gerüchteweise kursierte, aber erst über 100 Jahre später, 1986, final bestätigt wurde. Natürlich nicht ohne wiederum erhebliches mediales Aufsehen zu verursachen.

ludwig II verlobte sophie

Ende Januar 1867 beglückten bayerische Barden die Titelseiten der Gazetten mit Huldigungsgedichten auf das Verlobungspaar. Lobeshymnen, die noch heute durch ihre hölzerne Einfachheit unsere Herzen bewegen.

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Ob sie Auslöser für eine in letzter Sekunde erwirkte Begnadigung (der König hatte pikanterweise noch an seinem Verlobungstag ein Todesurteil eines Mörders unterschrieben!) waren, entscheide jeder selbst nach eigenem poetischem Genuss. Die Landshuter Zeitung vom 30. Januar weiß den wahren, noch viel romantischeren Hintergrund: dem Schmatzer [ist] heute die königliche Begnadigung verkündet worden, […] als gewiß wird nur versichert, daß I. kgl. Hoh. die Herzogin Sophie Charlotte von ihrem königlichen Bräutigam die Begnadigung erbeten habe.

Dramaturgisch genial kündigen sich zum Zeitpunkt höchster Freude aber schon wieder dunkle Wolken am weiß-blauen Firmament an: In der nächsten Woche soll Richard Wagner hier wieder einziehen. (Augsburger Neuesten Nachrichten vom 26.01.1867) Die Hoffnung der Wiener Presse „die Tage der Wagner’schen Alleinherrschaft seien gezählt (Das Vaterland, Ausgabe vom 26.01.1867) gehörten ebenso wie der Wunsch, schon am 15. Mai wäre der Hochzeitstag (dem Namenstage Ihrer k. Hoh. der hohen Königsbraut Augsburger Neueste Nachrichten vom 26.01.1867) ins Reich der Träume, die sich bekanntlich bei König Ludwig II. in ganz anderer Weise verwirklichen sollten.

verlobung ludwig II sophie

„Die neu erschienene Photographie von Albert, welche den König im einfachen Civilkleid mit der königlichen Braut am Arme darstellt, sieht man seit gestern an den Schaufenstern der Kunsthandlungen, wo dieselbe von den Leuten fortwährend belagert ist und die allgemeinste Bewunderung erregt.“ (München 4. Februar, Ausgabe der Passauer Zeitung vom 7. 02 1867) – Herrenchiemsee, Ludwig II.-Museum

Am 31. Januar 1867 scheint die Welt des königlichen Brautpaars allerdings noch in Ordnung, was eindrucksvoll unser vom königl. Hof-Photographen Hrn. Albert an diesem Tag aufgenommenes, Titelbild zeigt, das in seltener Weise gelungen ist und nicht verfehlen [wird], die allseitige Bewunderung auf sich zu ziehen.“ (Augsburger Postzeitung vom 05.02.1867) Alle weiteren Höhen und Tiefen auf dem Weg zum „schönsten Tag im Leben“ erfahrt ihr demnächst nur hier und exklusiv im Schlösserblog!

 

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