Residenz München
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Ein Rokoko-Kaiser? Erinnerungen an Karl VII. Albrecht zum Jubiläumsjahr 2022

karl albrecht kaiser

„Himmel, was hatte der Mann für Augen! Wie melancholisch blickte er unter den gesenkten Augenwimpern hervor!“

Begeistert gab sich die junge Patrizierin Elisabeth Textor, die später als Märchen erzählende „Frau Rat“, vor allem aber als Mutter von Johann Wolfgang Goethe in die (Literatur-)Geschichte eingehen sollte, dem Sex-Appeal des bayerischen Kurfürsten Karl Albrecht (1697-1745) hin, als dieser anlässlich seiner anstehenden Erhebung zum Kaiser Anfang 1742 in einer goldglänzenden Karosse Einzug in die Krönungsstadt Frankfurt hielt. Klar, dass eine bayernfreundliche Klatschhistoriographie sich auf diese Schwärmerei des „hessisch Mädsche“ stürzte und die kurz darauf mit dem pedantischen Juristen Johann Caspar Goethe vermählte Elisabeth zur Gelegenheitsgeliebten des neuen Kaisers machte, Karl Albrecht aber zum eigentlichen Vater des 1749 (also sehr posthum) geborenen Dichterfürsten erklärte: Goethe – ein ungekrönter Wittelsbacher, das wär’s doch! Allerdings unwahrscheinlich, wenn man die poetische Produktion unzweifelhafter Familienmitglieder wie Dichterkönig Ludwig I. zum Vergleich heranzieht: Bayerns Herrscher brillierten seit den Zeiten von Karl Albrechts Vater, dem begabten Gambenspieler Max Emanuel, doch eher im musikalischen Bereich…

Auf jeden Fall aber scheint Karl Albrecht, seit 1726 bayerischer Kurfürst, der dann als „Karl VII.“ für wenige Jahre – von 1742 bis zu seinem frühen Tod 1745 – als zweiter Kaiser seines Hauses (nach Ludwig IV., „dem Bayern“ im 14. Jh.) dem Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation vorstand, eine charismatische, im persönlichen Umgang bestrickende Persönlichkeit gewesen zu sein. Das bestätigen auch Zeitzeugen, die nicht unbedingt zur Gruppe der persönlich interessierten Münchner Höflinge zählen, wie z. B. der französische Gesandte Maillebois, der Karl Albrechts Politik mit kostspieligen Subsidien im Sinne des Versaillers Hofes unterstützen sollte: Der Kurfürst sei „klug, erfüllt von Rechtschaffenheit und standhaft was seine Verpflichtungen betrifft […]. Er ist zurückhaltend, aber höflich; sparsam und doch großzügig“ und besitzt „Qualitäten, von denen die Wohltätigkeit die wesentlichste war“. Man muss zumindest kurz auf solche Einschätzungen hinweisen. Denn angesichts der überambitionierten Großmachtpolitik, die Karl Albrecht für seine Dynastie betrieb, mit der er seine Ressourcen maßlos überforderte und die krachend scheiterte (womit auch jegliche internationale Bedeutung Bayerns für den Rest des 18. Jahrhunderts endete), wird dieser Herrscher von der Geschichtsschreibung meist kritisch beurteilt, seine Regierung mal spöttisch, mal missbilligend skizziert.

Machen wir hier natürlich nicht! Denn für die Bayerische Schlösserverwaltung ist der spendable Karl Albrecht (ähnlich wie sein von politischer Warte aus gleichfalls eher verantwortungsloser Vorgänger Max Emanuel) eine zentrale Lichtgestalt: Förderer von François Cuvilliés, Johann Baptist Zimmermann und Georges Desmarées, Initiator so bezaubernder und zeitloser Kunstschöpfungen wie der Amalienburg im Nymphenburger Schlosspark oder der „Reichen Zimmer“ in der Münchner Residenz – ein wahrer Kaiser des Rokoko!

Karl Albrechts Eltern: Kurfürst Max Emanuel und seine zweite Frau, die polnische Prinzessin Therese Kunigunde - Porträts in der von ihrem Sohn errichteten Ahnengalerie der Münchner Residenz

Karl Albrechts Eltern: Kurfürst Max Emanuel und seine zweite Frau, die polnische Prinzessin Therese Kunigunde – Porträts in der von ihrem Sohn errichteten Ahnengalerie der Münchner Residenz

Und so läuten wir 2022 ein wahres „Karl Albrecht-Jahr“ ein, denn gleich zwei Jubiläen beleben heuer die Erinnerung an den oft erfolglosen Herrscher und immer erfolgreichen Mäzen: Vor 325 Jahren, am 6. August 1697, wurde Karl Albrecht als ältester Sohn Kurfürst Max Emanuels und seiner zweiten Gemahlin Therese Kunigunde von Polen im heutigen Belgien geboren, wo sein Vater zeitweilig als Statthalter der spanischen Krone regierte. Und vor 300 Jahren, im Oktober 1722, fand die Hochzeit des 25-jährigen Kurprinzen mit der österreichischen Erzherzogin und Kaisertochter Maria Amalia statt: Eine lang vorbereitete Verbindung mit weitreichenden politischen Implikationen, die man in Bayerns Schlössern mit einer Serie glanzvoller, propagandistisch wirkungsvoll aufbereiteter Feierlichkeiten beging, die sich in die reiche Geschichte barocker Festspektakel einschrieben!

Zwei Mal Karl Albrecht, gemalt in den 1720er Jahren von Joseph Vivien

Zwei Mal Karl Albrecht, gemalt in den 1720er Jahren von Joseph Vivien (Ausschnitte, Leihgaben BStGS)

In der Münchner Residenz ist Karl Albrecht gleich mehrfach im Bilde vertreten: Ein ganzfiguriges Porträt aus dem Vermählungsjahr 1722 und ein etwas später datiertes Ovalbildnis zeigen unter der bombastischen Aureole der langlockigen „Allonge“ Perücke tatsächlich angenehme Gesichtszüge des noch jungen Mannes: Einmal eher skeptisch, einmal unbefangen mit den auffällig vollen Lippen lächelnd blickt der Wittelsbacher auf die Betrachtenden hinunter. Erst auf späteren Bildern tritt dann markanter die (vielleicht vom Kummer zusätzlich geschärfte?) Nase hervor, ein offenbar riesenhafter Zinken, den Papa Max Emanuel all seinen Söhnen als Erbe der savoyischen Verwandtschaft in die Prunkwiege gelegt hat.

Kleiner Mann ganz groß? Karl Albrechts (kleiner) großer Bruder - KUrprinz Joseph Ferdinand (F.C. Bruni zugeschr., Miniaturenslg., Residenzmuseum)

Kleiner Mann ganz groß? Karl Albrechts (kleiner) großer Bruder – Kurprinz Joseph Ferdinand (F.C. Bruni zugeschr., Miniaturenslg., Residenzmuseum)

Auf seinen Jugendbildnissen paradiert Karl Albrecht im Prunkharnisch mit Kommandostab unwidersprochen als bayerischer Erbprinz. Dabei war anfänglich wohl eher eine kirchliche Karriere ins Auge gefasst, denn ursprünglich hätte sein drei Jahre älterer Bruder Joseph Ferdinand (geb. 1692), Max Emanuels Sohn aus seiner ersten Ehe mit der Tochter Kaiser Leopolds I., die Nachfolge antreten sollen. Und zwar nicht nur die Herrschaft über Bayern, sondern auch über das riesenhafte spanische Weltreich, auf das der kleine Junge, über seine Mutter verwandt mit dem kinderlosen Carlos II., (wackelige) Ansprüche erheben durfte. Charmant an der Idee: Die Übernahme der spanischen Krone durch das international schwache Haus Wittelsbach hätte nicht nur das lebenslange Streben des notorisch ehrgeizigen Max Emanuel nach dynastischem „Agrandissement“ großartig befriedet, sondern zugleich das labile internationale Machtgleichgewicht innerhalb Europas erhalten. Es kam aber anders: Schon 1699 starb Joseph Ferdinand mit erst sechs Jahren, noch vor seinem spanischen Onkel. Als neuer bayerischer Kurprinz rückte so nun zwar der kleine Karl Albrecht nach, aber der imperiale Erbanspruch war erloschen: Frankreich und die Kaiser aus der österreichischen Linie des Hauses Habsburg kämpften ab 1701 in einem blutigen Krieg die spanische Sukzession aus. In diesem langwierigen Konflikt setzte der enttäuschte Max Emanuel gegen seinen nominellen Lehnsherrn, den Kaiser, auf die französische Karte – und verlor: Nach desaströsen Schlachten musste der Bayer sich ins Exil absetzen, wurde 1706 der Kurwürde für verlustigt erklärt und verfiel der Reichsacht.

Akteure im Spanischen Erbfolgekrieg (1701/14): Kaiser Joseph I., Kurfürst Max Emanuel und König Louis XIV.

Akteure im Spanischen Erbfolgekrieg (1701/14): Kaiser Joseph I., Kurfürst Max Emanuel und König Louis XIV.

Seine Kinder, den jungen Karl Albrecht an der Spitze, schaffte man zwangsweise auf österreichisches Gebiet und erzog sie dort unter den wachsamen Augen des Wiener Hofs – keine guten Voraussetzungen für das spätere Verhältnis! Erst 1715, im Gefolge der Friedensschlüsse von Utrecht und Rastatt, wurde die Wittelsbacher Herrscherfamilie wieder vereint und empfing Max Emanuel die Kurwürde über das von Krieg und Zwangsverwaltung ausgepowerte Bayern zurück. Das weiterhin, nun sagen wir: angespannte Verhältnis zu den Habsburgern zu verbessern wurde in der Folge zu einer zentralen Aufgabe der neuen Wittelsbacher Politik. Die 1722 geschlossene Eheverbindung Karl Albrechts mit dem Kaiserhaus war insofern ein zäh erkämpfter Erfolg:

Für Maria Amalia (hier: Porträt v. J. Vivien) ließ Karl Albrecht 1734/39 die berühmte

Für Maria Amalia (hier: Porträt v. J. Vivien) ließ Karl Albrecht 1734/39 die berühmte „Amalienburg“ im Nymphenburger Schlosspark errichten

Die Braut Maria Amalia (1701-1756) war zwar keine Tochter, sondern „nur“ die Nichte des regierenden Reichsoberhaupts Karl VI., der 1711 seinem Bruder Joseph I., Max Emanuels erbittertem Widersacher, auf den Thron folgte, aber selbst bislang keine männlichen Nachkommen vorzuweisen hatte. Auch war sie nicht die älteste „josephinische Tochter“, dieser Erste Preis in Gestalt ihrer Schwester war schon 1719 an den konkurrierenden sächsischen Kurprinzen gegangen. Aber immerhin: Viel konnte noch in den kommenden Jahren geschehen, das derzeitige kaiserliche Haus stand dynastisch auf mehr als wackeligen Beinen! Aus Maria Amalias Nähe zum Thron konnte im Verein mit den älteren, heillos unübersichtlichen und vielfach gekreuzten Verwandtschaftsverhältnissen zwischen Wittelsbach und Habsburg, welche Genealogen wahnsinnig machen und Genforscher bedenklich stimmen, eine Zukunftsperspektive gewonnen werden. In der Ferne leuchtete ein strahlendes Ziel: Die Übernahme der Kaiserkrone und die Ablösung Habsburgs in der Reichsregierung. Verständlich also, warum die Hochzeit 1722 mit derartigem Aufwand, mit Prunkjagden, Opern und Feuerwerken, die die Staatsfinanzen hoffnungslos überforderten, gefeiert wurde: Der alternde Max Emanuel schoss hier für alle sichtbar erste Signalraketen an den internationalen Politik-Himmel, die markierten, dass Wittelsbachs Machtanspruch nach der vorläufigen Niederlage nun auf Umwegen neu emporstrebte.

Wir dürfen davon ausgehen, dass der selbst gescheiterte Kurfürst seinen Sohn und Nachfolger auf die Verfolgung jenes Ziels eingeschworen hat, bevor er 1726 aus diesem Luxusleben schied. Tatsächlich hat Karl Albrecht seine Politik auf die künftige Kaiserkandidatur ausgerichtet, spätestens als absehbar wurde, dass Karl VI. neben Tochter Maria Theresia und ihrer Schwester tatsächlich keinen männlichen Nachfolger mehr erwarten durfte. Mit seinem Tod würde daher der mittlerweile faktische Erbanspruch des Hauses Österreich auf die Würde des deutschen Königs und erwählten römischen Kaisers, die nur ein Mann bekleiden durfte, vakant werden. Angesichts dessen war Karl Albrechts Plan, grob gesprochen, folgender: Gestützt auf (diskussionswürdige) Ansprüche Maria Amalias die österreichischen Erbländer zu erobern und von dieser erweiterten Machtbasis aus die Kaiserkrone zu gewinnen, um die sich auf der Gegenseite höchstens ein Schwiegersohn Karls VI. bemühen konnte. Gefördert wurde der bayerische Kurfürst dabei von Habsburgs altem Erzrivalen Frankreich, dem zwar wenig an einem Aufstieg des Hauses Wittelsbach, aber viel an der dauerhaften Schwächung des ungleich größeren Machtkomplexes Österreich gelegen war.

Durchblick nach Osten durch die 1730/37 eingerichteten Reichen Zimmer der Residenz

Durchblick nach Osten durch die 1730/37 eingerichteten Reichen Zimmer der Residenz

Diese Entwicklungen, die sich bereits in den 1730er Jahren zunehmend deutlicher abzeichneten, lassen sich aus der Gestaltung der Münchner Residenz in Karl Albrechts Regierungszeit ablesen: Unter der Ägide der Hofbaumeister Joseph Effner und (vor allem) François Cuvilliés sowie der von ihnen geleiteten Hofwerkstätten wurde hier in wenigen Jahren und mit größtem künstlerischen wie materiellen Einsatz eine kurfürstliche in eine künftige kaiserliche Residenz verwandelt, in der der neue, in Frankreich aufgekommene Stil des Rokoko einen frühen, glanzvollen Triumph im deutschsprachigen Raum feierte:

Bayerischer Stammesfürst und zwei Kaiser - das Bildprogramm der Ahnengalerie ist auf Karl Albrechts künftige Kandidatur hin ausgerichtet

Bayerischer Stammesfürst als Stammvater zweier Kaiser – das Bildprogramm der Ahnengalerie ist auf Karl Albrechts künftige Kandidatur hin ausgerichtet

Das Bildprogramm der ab 1726 eingerichteten Ahnengalerie und der im anschließenden Kabinett wirkungsvoll präsentierte Hausschatz blätterten vor den Augen der internationalen Diplomatie und des landsässigen Adels die historisch-dynastische Legitimität von Karl Albrechts Ansprüchen auf. Im neuen Paradeappartement im Stockwerk darüber (geschickterweise hatte ein Brand 1729 die älteren Gemächer Max Emanuels vernichtet und „Platz geschaffen“) wurden die einzelnen Räume von Cuvilliés gemäß den Vorgaben des kaiserlichen Zeremoniells angeordnet und ausgestattet. So sehr dominierten Prunk und offizielle Zweckbestimmung die Gestaltung, dass sich Karl Albrecht zusätzlich als tatsächliche Wohnung etwas abseits ein ganz neues, das „Gelbe Appartement“ einrichten ließ…

Wie und in welcher Form diese umfassende Kunstkampagne ablief, die vorgreifend Zukunft gestalten wollte und tatsächlich die zukünftige Entwicklung unseres Schlosses nachhaltig geprägt hat, haben wir hier und da schon in diesem Blog berichtet – und werden wir im Laufe dieses Jubiläumsjahres noch mehrfach vor unseren Leserinnen und Lesern ausbreiten.
An dieser Stelle verabschieden wir uns mit einem vorläufig abschließenden Blick auf Karl Albrecht, der uns diesen „Residenz-Helden“ im Moment des Triumphes zeigt – auch wenn er selbst in diesem Augenblick schon der drohenden Niederlage gewärtig gewesen sein muss: Auf einem um 1742 gemalten und vielfach kopierten Repräsentationsbildnis des Hofmales George Desmarées, von dem Exemplare sowohl in der Residenz wie im Sommerschloss Nymphenburg hängen, tritt uns Karl Albrecht als strahlender Kaiser entgegen: Alles ist in wallende Bewegung versetzt. Vom Hauch der Geschichte bewegt, bauscht sich vor monumentalen Säulen blau-goldene Draperie so wie der goldgemusterte Hermelinmantel, der Karl Albrechts Harnisch bedeckt und über den die Kaskade der gepuderten Perückenlocken flutet. Ruhig, mit festem, in die Ferne gerichtetem Blick steht allein der Kaiser selbst, der außer mit einem koketten Degen mit allen Zeichen seiner Würde(n) schwer behangen ist: Dem Habsburger Orden vom Goldenen Vlies und dem eigenen Hausorden des Heiligen Georg an Schärpen und mit Brillianten geschmückten Bändern. In der Hand hält Karl Albrecht das mittelalterliche Szepter mit stilisierten Eichenblättern. Ein Kissen auf dem prunkvoll geschnitzten Konsoltisch daneben dient als Unterlage für den Reichsapfel und die altehrwürdige Reichskrone (bzw. die Kopie, die Karl Albrecht für sich anfertigen ließ und die sich ohne Edelsteinbesatz in der Schatzkammer der Residenz erhalten hat).

Und im Schatten hinter dem neuen Herrscher kauert der bayerische Löwe – ungewohnt schüchtern und erkennbar verängstigt: Mit welchem Recht, werden unsere zukünftigen Beiträge zeigen…

 

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