Hinter den Kulissen

Vorhang auf! Die Rekonstruktion einer barocken Bühne im neuen Opernhausmuseum Bayreuth

Bühnne Palast Opernhausmuseum Bayreuth

In Bayreuth entsteht derzeit ein neues Museum! Im Redoutenhaus des Markgräflichen Opernhauses Bayreuth könnt ihr im kommenden Jahr im „Opernhausmuseum“ Wissenswertes über die Bayreuther Theatergeschichte sowie die Auftraggeberin und die Architekten des Bauwerks erfahren. Um eure Vorfreude auf das neue Museum zu wecken, erzählen wir euch in den kommenden Monaten zahlreiche spannende Hintergrundgeschichten rund um das Opernhaus sowie das benachbarte Redoutenhaus. Kommt gerne mit und begleitet uns auf dem Countdown zum neuen Museum.


Von Cordula Mauß und Florian Schröter

Die UNESCO-Stätte Markgräfliches Opernhaus in Bayreuth ist eines der besterhaltenen Barocktheater der Welt.

Doch trifft dies ausschließlich auf den Zuschauerraum zu – denn die ursprüngliche Bühnenmaschinerie ging im Lauf der Jahrhunderte verloren, letzte Reste wurden in den 1960er Jahren undokumentiert entfernt. Doch gehörten Bühnenzauber, rasche Kulissenwechsel, begeisternde Effekte, kurz – die große „Show“ – essenziell zum Erlebnis „Barockoper“ und nahmen auch in der Rezeption der Zeit eine ebenso große Rolle ein wie Musik und Schauspiel.

(Unfertige) Museumsbühne während des Baus mit Bühnenbild „Wald“

(Unfertige) Museumsbühne während des Baus mit Bühnenbild „Wald“

Um den künftigen Gästen des derzeit neu entstehenden Museums diesen zentralen Teil des barocken Theatererlebnisses zu vermitteln, wird die neue Dauerausstellung einen aufwändigen Nachbau einer barocken Bühne präsentieren. Die große Besonderheit: Die Bedienstände der Mechanik sind vor die Bühne verlegt, so dass die Gäste selbst in die Rolle von Maschinisten schlüpfen und zahlreiche Funktionen eigenständig ausprobieren können. Im Rahmen der Museumspädagogik bietet das Modell aber auch Schülerinnen und Schülern die Möglichkeit, die „Strippen zu ziehen“ und kleine Theateraufführungen auf die Bühne zu bringen.

(Unfertige) Museumsbühne während des Baus mit Bühnenbild „Palast“

(Unfertige) Museumsbühne während des Baus mit Bühnenbild „Palast“

Der Nachbau der bespielbaren Barockbühne ist dabei in seiner Komplexität weltweit einzigartig.

Die Ausführung erfolgte weitgehend mit den Materialien und der Bautechnik des 18. Jahrhunderts. Ausnahmen (wie etwa der Einsatz von Kugellagern oder Stahlseilen) wurden nur dort gemacht, wo sie der dauerhafte Museumsbetrieb erfordert. Doch wie lässt sich im 21. Jahrhundert barocke Bühnentechnik einrichten? Experten hierfür kann man weltweit an einer Hand abzählen. Glücklicherweise ließ sich der Bayreuther Spezialist für barocke Theatertechnik Klaus-Dieter Reus für das Projekt gewinnen, der auf Grundlage seiner Forschungen bereits 2009 eine barocke Bühnenmechanik rekonstruiert hatte. Aufbauend auf seinen Recherchen wurde auch das Kuratorenteam der Museumsabteilung der Bayerischen Schlösserverwaltung um die Projektleiterin Dr. Cordula Mauß forschend tätig und studierte originale Technik etwa in Česky Krumlov, Drottningholm, Gotha und Ludwigsburg. In einem längeren Prozess entwickelte Klaus-Dieter Reus schließlich das Konzept für die Bühne und sorgte bei der Planung für die Übereinstimmung mit den historischen Vorbildern. Unterstützt wurde er dabei von Johannes Braun, der die Bühne errechnete und vor allem das Bühnenbild durchkonstruierte. Die technischen Lösungen orientieren sich dabei an den noch erhaltenen Bühnenmaschinerien der Barockzeit, im Wesentlichen an der Bühnentechnik des Drottningholmer Schlosstheaters. Dieses wurde 1766 von der Schwester unserer Markgräfin Wilhelmine, der schwedischen Königin Luisa Ulrika, gebaut.

Grundriss des Museumsgeschosses mit der neuen Bühnenrekonstruktion im Zentrum

Grundriss des Museumsgeschosses mit der neuen Bühnenrekonstruktion im Zentrum (Plan: © SVK Weimar)

Die Rekonstruktion ist im Maßstab 1:4 (wenn als Maßstab die Größe des Markgräflichen Opernhauses angenommen wird) beziehungsweise 1:2 (wenn als Bezugsgröße Opernhäuser wie Bad Lauchstädt oder Gotha dienen) ausgeführt. Eine besondere Herausforderung war es zunächst, einen geeigneten Platz in den Museumsräumlichkeiten finden, der die gewaltigen Dimensionen der Bühne aufnehmen konnte. Im Zentrum des oberen Ausstellungsgeschosses platziert, misst sie einschließlich Ober- und Untermaschinerie 3,80 m in der Höhe, ist etwa 5,5 m breit und gut 6 Meter lang. Noch herausfordernder war es, die komplexe Maschinerie in den Baubestand hineinzukonzipieren.

Der Großteil der Theatertechnik befindet sich unter, neben und über der eigentlichen Bühne und ist gewöhnlich für Besucherinnen und Besucher unsichtbar. Die Bayreuther Rekonstruktion lässt diese Teile bewusst sichtbar, um im wahrsten Sinn des Wortes einen Blick hinter die Kulissen zu ermöglichen. Die Schreinerei der Schloss- und Gartenverwaltung Bayreuth Eremitage (Harald Holl, Hubert Brendel, Wolfgang Schmitt, Olaf Steiniger) fertigte unter Koordination von Ingo Berens zunächst das aufwändige Grundgerüst der Bühne aus Fichtenholz. Den Originalen entsprechend ist der Bühnenboden nicht flach, sondern mit einem Gefälle von 3,5% angeschrägt, um die perspektivische Tiefenwirkung zu unterstützen.

Pläne und ausgeführter Holkorpus der Museumsbühne während des Probeaufbaus im Markgräflichen Opernhaus (Visualisierung: Ó Bühnenplanung Walter Kotte, Bayreuth

Pläne und ausgeführter Holkorpus der Museumsbühne während des Probeaufbaus im Markgräflichen Opernhaus (Visualisierung: © Bühnenplanung Walter Kotte, Bayreuth)

Das Modell ermöglicht auf kleinem Raum die Demonstration aller wesentlichen Elemente der barocken Bühnentechnik. Die ingenieurstechnische Feinplanung hierfür unternahm Gero Zimmermann-Linder von der Bayreuther Firma Bühnenplanung Walter Kottke. Schließlich konnten Harald Plötz und Roland Kurz die komplexe Mechanik in enger Abstimmung mit der Schreinerei der Bayerischen Schlösserverwaltung in Bayreuth sowie der Schlosserei in Schleißheim (Raphael Beljung) montieren und die zahlreichen Funktionen der Bühne mit knapp zwei Kilometer Seil gangbar machen.

Blick in die Museumsbühne mit aufgerolltem Spielvorhang

Blick in die Museumsbühne mit aufgerolltem Spielvorhang

Durch Ziehen an einem Hanfseil hebt sich nun der Spielvorhang und gibt den Blick auf die Szene frei. Wichtigster Effekt der barocken Bühne war (und ist) der Kulissenantrieb. Alle Seiten- und Hängekulissen sind mit einer zentralen Steuereinheit, dem sogenannten Wellbaum, unter der Bühne verbunden und können somit gleichzeitig mit Drehung an lediglich einem Hebel bewegt werden. Bei geöffneter Bühne lassen sich hiermit in Sekundenschnelle sechs Seitenkulissen und drei Soffitten aus dem Blickfeld ziehen, während gleichzeitig die neuen einfahren. So verwandelt sich der Blick in einen Palast in Sekundenschnelle in eine Waldszenerie und umgekehrt. Hebt man die jeweiligen Zwischenprospekte (also die abschließenden Hängekulissen am hinteren Ende der Bühnenbilder), öffnet sich der Blick auf eine Meeresszenerie – wechselweise mit sonnigem und stürmischem Schlussprospekt. Drehbare, asymmetrische Holzbalken erzeugen den Eindruck schäumender Meereswellen. Hierfür wurden die Balken zunächst mit Weidenruten, die in Gewässern des Schlossparks der Eremitage eingeweicht worden waren, umflochten, mit Stoff kaschiert und bemalt. Ein Schiff lässt sich ebenfalls durch die Kulisse bewegen.

Szenerie Meereswellen auf der Museumsbühne

Szenerie Meereswellen auf der Museumsbühne

Ein besonderes Highlight barocker Bühnen waren Wolkenszenerien. Einst der Höhepunkt vieler Inszenierungen hat sich heute lediglich im Schlosstheater Drottningholm eine solche Maschine im originalen Zustand erhalten. Auch für stete Überraschungen und Effekte ist gesorgt: Ein Wolkenwagen (ein sogenannter deus ex machina) kann vom Himmel herabschweben, eine Versenkung lässt Objekte aus den Tiefen der Unterwelt auftauchen. Auch die Ohren der Zuschauerinnen und Zuschauer sind bestens versorgt: Mit drei Geräuschmaschinen lässt sich der Eindruck von Regen, Sturm und Donner erzeugen.

Hyeran Jang bei der Arbeit am Wolken-Bühnenbild im Malsaal der HfBK Dresden (Foto: Laura Baschin/Hyeran Jang)

Hyeran Jang bei der Arbeit am Wolken-Bühnenbild im Malsaal der HfBK Dresden (Foto: Laura Baschin/Hyeran Jang)

Insgesamt 42 handgemalte Kulissen sorgen dafür, die drei vollständigen Bühnenbilder (Palast, Wald, Wolkenszenerie) nebst mehreren Abwandlungen erzeugen. Im Rahmen einer Kooperation mit dem Studiengang Szenische Malerei der Hochschule für Bildende Künste Dresden erstellten die Theatermalerinnen Hyeran Jang und Laura Baschin die großen bemalten Kulissen unter Leitung von Professorin Maren Greinke als Diplom-Abschlussarbeit. Als Vorlagen hierfür dienten vornehmlich grafische Darstellungen aus Bayreuth sowie erhaltene Bühnenelemente aus Drottningholm und Ludwigsburg.

Entwurf zur Rekonstruktion eines barocken Talglichts (Visualisierung: Ó Sein&Schein, Höchstadt; www.seinundschein.de)

Entwurf zur Rekonstruktion eines barocken Talglichts (Visualisierung: © Sein&Schein, Höchstadt)

Schließlich war die Firma Sein&Schein dafür zuständig, Licht ins Dunkel zu bringen. Zielsetzung war es auch hier, dem barocken Bühneneindruck möglichst nahe zu kommen. Nach graphischen Vorlagen und erhaltenen Objekten entstanden so insgesamt 39 Lampen-Nachbauten, in denen statt den brandgefährlichen Wachs- oder Talglichtern moderne LEDs flackern. Der Clou: durch die Montage auf drehbaren Halterungen, den sogenannten Lichterbäumen, ließ sich bereits im 18. Jahrhundert das Licht dimmen. Hierzu drehte man den Lichtkegel einfach von den Kulissen weg in Richtung der Seitenwände. Eine Rampenbeleuchtung mit versenkbaren Lampen ermöglicht ebenfalls eine „dimmbare“ Beleuchtung. Raphael Beljung, Schlosser der Bayerischen Schlösserverwaltung, fertigte die Reflektoren ebenso wie andere Metallteile der Bühne.

Am komplexen Entstehungsprozess der Bühne waren mehr als dreißig Personen beteiligt. In enger Abstimmung zur Hochbausanierung fügten sich so die Entwürfe und Planungen von Klaus-Dieter Reus, die Ingenieursplanung von Gero Zimmerman-Linder, die wissenschaftliche Konzeption und Kuratierung der Bayerischen Schlösserverwaltung (Cordula Mauß und Florian Schröter), die teils jahrelange Arbeit der Schreiner, Schlosser und Verseiler sowie der Lichtplaner zum fertigen Großprojekt „Bühnenrekonstruktion“ und machen damit das Erlebnis Barockoper für die künftigen Museumsbesucherinnen und -besucher visuell, haptisch und akustisch erlebbar.