Hinter den Kulissen
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Vom Buch auf die Bühne: Die Rekonstruktion zweier barocker Festkostüme

Kostümbuch Erde Markgräfliches Opernhaus Bayreuth

Von Cordula Mauß & Dorothea Nicolai

Was wäre das barocke Theater ohne seine Kostüme?

Und nicht nur das Theater: Ohne Verkleidungen ging in der barocken Hofkultur wenig: Ob Maskenbälle, Reiterspiele oder eben Theateraufführungen – kaum eine höfische Festlichkeit kam ohne Kostüme aus. Die Markgrafen von Bayreuth bildeten hier keine Ausnahme.

Ein großer Liebhaber von Theateraufführungen und Karnevalsfesten war Markgraf Georg Wilhelm von Brandenburg-Bayreuth. Aus seiner kurzen Regierungszeit von 1712 bis 1726 sind ca. 50 Singspiele, Serenaden und Maskeraden überliefert, seine besondere Vorliebe galt der deutschsprachigen Oper – dem Singspiel – und dem Karneval. Ein besonders spektakuläres Theater ließ Georg Wilhelm in der von ihm bereits als Erbprinz errichteten Vorstadt St. Georgen nahe Bayreuth errichten. Neben seinem dortigen Schloss am „Brandenburger Weiher“ entstand ein (nicht erhaltener) Theaterbau, den man rückseitig öffnen konnte. So konnte der See in das Bühnenbild integriert werden. Dieser künstlich angelegte See diente auch als Schauplatz sogenannter Naumachien – nachgestellter Seeschlachten.

St. Georgen Detail_Decker Altes Schloss mit Seebühne und Theaterbau_GNM

Altes Schloss St. Georgen am See mit Seebühne, Hafen und Theaterbau und Detail Theaterbau, Paul Decker d. Ä., um 1710/13, Germanisches Nationalmuseum Nürnberg.

Neu-eröffneter Masquen-Saal…

Kein Wunder, dass Markgraf Georg Wilhelm einen großen Fundus an Kostümen für allerlei Gelegenheiten besaß. Diese Kostüme waren häufig aus prächtigen Stoffen wie Seidenaltas und Moiré gefertigt. Die Kostüme Georg Wilhelms haben sich nicht erhalten. Dennoch können wir uns heute einen anschaulichen Eindruck von den damaligen opulenten Kostümen machen. Der Kammerdiener und Rüstkämmerer Johann Meßelreuter, der über 30 Jahre lang diesen Kostümschatz hütete, veröffentlichte 1723 unter dem Titel „Neu-eröffneter Masquen-Saal…“ ein Buch, das über 200 Kostümfigurinen für unterschiedliche Kostümierungsgelegenheiten abbildete. Vor wenigen Jahren konnte die Bayerische Schlösserverwaltung ein handkoloriertes Exemplar dieses kulturhistorischen Zeugnisses erwerben. Die etwas ungelenk gestalteten Figurinen zeigen Kostüme mit aufwändigen Stickereien und Verzierungen.

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Kostüm des „Wassers“ und der „Erde“ aus dem Werk Johan Meßelreuters, © Bayerische Schlösserverwaltung.

Die Rekonstruktion zweier Kostüme

Auf Grundlage dieses Stichwerks und kostümhistorischer Forschungen sowie des Studiums originaler Kostüme entstehen derzeit zwei Kostüme der Elemente „Erde“ und „Wasser“ für das neu entstehende Museum zum UNESCO-Welterbe Markgräfliches Opernhaus in Bayreuth.

Ein internationales siebenköpfiges Team rund um die Kostümbildnerin Dorothea Nicolai (Küsnacht, auf Instagram @nicolaicostumes), bestehend ferner aus den Gewandmeistern Armin Zwicker (Salzburg), Ursula Schwandt (München), und Luca Castigliolo (Genua), der Perückenmacherin Olga Reks (München), der Hutmacherin Susan Pieper (Hamburg, auf Instagram susan.pieper_hutmode), dem Sticker Thomas Sjølander (Ringe, Dänemark) und der Kostümmalerin Kaname Kiyono (Wien) hatte bei der Rekonstruktion allerlei kniffelige Fragen zu klären: vom Schnitt und der Konstruktion des Tonnelets (Reifrock bei Tanzkostümen) bis zur Bestimmung der Materialien, von passenden Vorlagen für die Stickmotive bis zur Auswahl der Fäden für die Stickerei. Jedes Detail, wie zum Beispiel die Wäscheknöpfe am Hemdeinsatz oder die barocken Perlen für das Wasserkostüm (es gab noch keine japanischen Zuchtperlen) verlangt Aufmerksamkeit und Recherche. Genau abgestimmt wurde, welche Arbeiten von Hand ausgeführt wurden (damals gab es noch keine Nähmaschine) und wo moderne Techniken unterstützen durften. Schließlich können wir uns der Vergangenheit immer nur von der Wahrnehmung der Gegenwart aus nähern. Das Kostüm ist auf die Maße eines klassischen Balletttänzers angefertigt, der dieses Kostüm anziehen kann um es in einem Schreittanz auf der Bühne lebendig zu machen. In Abstimmung mit der Textilrestauratorin Klaudia Pontz und der Museumskuratorin Dr. Cordula Mauß der Bayerischen Schlösserverwaltung entstehen nun zwei Kostüme, die ihre barocken Vorbilder lebendig werden lassen.

kostüm nachschneidern opernhaus bayreuth

1) Ähren für das Kostüm der „Erde“, Foto © Dorothea Nicolai.
2) Dorothea Nicolai arbeitet am Kostüm des „Wassers“, Foto © Dorothea Nicolai.

Am Sonntag, den 5. Mai, findet im Rahmen der Bayreuther Residenztage um 11.15 Uhr und um 12.30 Uhr jeweils eine dialogische Themenführung mit der Kostümbildnerin Dorothea Nicolai und der Kuratorin Dr. Cordula Mauß unter dem Titel „Tanz zwischen Wasser und Erde“ statt. Die Teilnahme kostet 2,-€ zzgl. Eintrittspreis. Da die Teilnehmerzahl beschränkt ist, wird eine Anmeldung unter 0921 75969-22 oder an der Kasse des Markgräflichen Opernhauses empfohlen.

Im Markgräflichen Opernhaus selbst übrigens, das das Markgrafenpaar Wilhelmine und Friedrich anlässlich der 1748 stattfindenden Hochzeit ihrer einzigen Tochter Friederike Elisabeth Sophie mit Herzog Carl Eugen von Württemberg errichten ließ, fanden so einige kostümreiche Veranstaltungen statt. Vor allem während der zwei Wochen andauernden Hochzeit präsentierte sich das kleine Fürstentum von seiner schillerndsten Seite, waren Hochzeiten doch die bedeutendsten Feste an den Höfen. Auf dem Programm der Hochzeitsfeierlichkeiten standen unter anderem Aufführungen zweier Opern des Komponisten Johann Adolph Hasse, „Il Trionfo di Ezio“ und „Artaserse“, die französische Komödie „Le Grondeur & Les Vacances“ mit Ballett, ein Maskenball sowie Feuerwerk. Die Brautmutter Wilhelmine hatte als preußische Prinzessin einen besonders hohen Anspruch an die fürstliche Repräsentation. Dies zeigte sich nicht nur bei der Wahl des international berühmten Theaterarchitekten Giuseppe Galli Bibiena, sondern auch an den aufwändig ausgestatteten Aufführungen, die die Zuschauer mit Spezialeffekten einer ausgeklügelten Bühnenmaschinerie, aufwändigen Kostümen und illusionistischen Bühnenbildern überwältigten.

 


Alle Informationen zu den Residenztagen 2019 findet Ihr auf unserer Webseite.

 

2 Kommentare

  1. Christof Cremer sagt

    Gibt es oder ist ein Nachdruck des Buches von Johann Meßelreuter, geplant?

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