Geheimnisse, Lieblingsstücke unserer Autoren, Residenz München
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Polieren und auf lange Finger klopfen – der Silberdiener Joseph Hölzl

Mit aufmerksamem Blick schaut Joseph Hölzl von dem Schriftstück auf, an dem er mit seinem praktisch verkürzten Federkiel arbeitet, und fixiert uns aufmerksam. Man merkt gleich, wir sind ihm verdächtig, denn Joseph Hölzl hat einen verantwortungsvollen und aufreibenden Job – er ist kurfürstlicher Silberdiener


Präsentation Silber_027

Zeitgenössische Darstellungen von Residenzbewohnern des 18. Jahrhunderts, die diese nicht in offizieller Pose und Gala zeigen, sondern im Kreis ihrer Familie oder im Umfeld ihrer täglichen Arbeit, sind selten. Umso erfreulicher, dass sich die Porträts Joseph Hölzls und Leonhard Galls, zweier in der Regierungszeit Max III. Joseph tätiger Mitarbeiter der Silberkammer, erhalten haben. 1772/73 wurden die beiden Gemälde vom Hofmaler Peter Jakob Horemans (1700-1776) geschaffen, dem wir unter anderem auch ein ungewöhnliches (Groß)Familienbild der Wittelsbacher im Schloss Nymphenburg verdanken.

Obwohl Joseph Hölzl auf der Leinwand vor schimmerndem Tafelgerät sitzt, das er wohl in einem neuen Inventar zu erfassen beschäftigt ist, hat er nicht vorrangig mit dem kurfürstlichen Küchen- und Servierbetrieb zu tun. Vielleicht kann man ihn eher als eine Art verkappten Haushälter oder Finanzbeamten betrachten: Bis ins 19. Jahrhundert hinein wurde eine fürstliche Silberkammer ganz selbstverständlich nicht nur als Sammlung des repräsentativen Prunkgeschirrs, sondern vor allem auch als ruhendes Kapital angesehen, auf das man in Notzeiten (meist anlässlich eines weiteren sinnlosen Feldzugs) zurückgreifen konnte: Dann wanderten Teller, Platten und Terrinen, die regelmäßig von den ersten Augsburger Silberschmieden in kunsthandwerklicher Vollendung geschaffen worden waren, in die Münze und kamen – je nach Notlage und Skrupellosigkeit des Landesherrn mehr oder weniger mit Kupfer gestreckt – als blanke Taler wieder zum Vorschein, die dann rasch und auf Nimmerwiedersehen verschwanden. Silberdiener sein hieß also regelmäßig, mit dem Verlust leben und ihn in Übergabeprotokollen und Abrechnungen penibel zu vermerken. Bis dann bei der nächsten politischen Hochwetterlage (oder einem glücklichen Todesfall mit Erbschaft) frisches Tafelsilber nach der aktuellen Mode, das mit den tauschweise abgegebenen Überresten der älteren Service bezahlt wurde, die leeren Schränke erneut füllte.


Das

Das „Bamberger Silber“ aus fürstbischöflichem Besitz gelangte im frühen 19. Jh. im Zuge der Säkularisation in die Residenz


Diese Schränke befanden sich im 18. Jahrhundert in vergitterten Erdgeschossräumen am Grottenhof, nahe der damaligen Schatzkammer – der Name der sogenannten Silberkammertreppe an der Hofkapelle erinnert noch heute daran. Die Gitter waren bitter nötig, denn nicht nur heutige Residenzbesucher begeisterten sich für den Glanz und die erlesene Formgebung des kurfürstlichen Tafelgeschirrs. Ständig kam es zu Diebstählen, die verhältnismäßig leicht durchzuführen waren, da die Herrscher regelmäßig öffentlich speisten, die Tafeln also vor Publikum auf- und abgedeckt wurden.


Die Münchner Silberkammer vor dem Zweiten Weltkrieg - die großen Schränke erinnern noch an die ursprüngliche Verwahrung

Die Münchner Silberkammer vor dem Zweiten Weltkrieg – die großen Schränke erinnern noch an die ursprüngliche Verwahrung


Vor allem bei den höfischen Galatafeln mit vielen Gästen wurde offensichtlich geklaut, als ob ein Elsternschwarm sich in den Festsaal verirrt habe. Betrüblicherweise kann man vermuten, dass dies nicht nur aufs Konto von schlecht bezahlten Lakaien und Hartschieren ging, sondern so mancher Höfling beim abendlichen Auskleiden ganz „zufällig“ auf einen silbernen Löffel in seiner Tasche stieß (wahrscheinlich so, wie wir heute den Kuli, den man uns geliehen hat, gedankenlos einstecken…). Insofern erklärt sich Hölzls resignierter Blick, denn solche unkontrollierte Abgänge wurden den Silberdienern zur Last gelegt, die die erforderlichen Tafelgeräte täglich an das Küchenpersonal auslieferten und für seine vollzählige Rückgabe zu sorgen hatten. Zahlreiche kurfürstliche Rüffel haben sich schriftlich erhalten, die fordern, dass man, bevor jetzt noch der letzte Teller flöten ginge, nun mal endlich in der Silberkammer mit etwas mehr Disziplin tätig werden müsse.

Dass Hölzl sein Möglichstes versucht hat, zeigt die glänzende Terrine, die Horemans neben ihm dargestellt hat:


Präsentation Silber_029

Dieses von Philipp Jakob IV. Drentwett um 1750 geschaffene Prunkobjekt hat sich erhalten und bildet bis heute ein Glanzstück der Silberkammer in der Residenz!

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