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Ein Rennschlitten braust vor – Max Emanuels Faschingsgefährt eröffnet die Museo-Blog-Parade 2012

Kaum ist der Aufruf zur MUSEO-Blog-Parade 2012 im Netz verhallt, schon drängt sich jemand vor, der unbedingt im Defilee an erster Stelle stehen möchte. Wer ist dieser Sprinter, der nicht warten mag. Liebe LeserInnen unseres Blogs, Sie ahnen es bereits! Es kann sich um niemand anders handeln, als um jenen Rennschlitten, der Ihnen am Freitag letzter Woche die Faschingsfreuden in der Residenz im Jahre 1684 plastisch vor Augen führte: das prachtvolle Karnevalsgefährt von Kurfürst Max Emanuel, das die Bayerische Schlösserverwaltung zur Zeit anlässlich des 350. Geburtstagsjubiläums seines berühmten Auftraggebers aufwändig restauriert, wird ab 11. Juli dieses Jahres als Geburtstagsgeschenk für den Kurfürsten im Marstallmuseum in Schloss Nymphenburg in neuem Glanz erstrahlen.

Der Rennschlitten Max Emanuels in der Restaurierungswerkstatt der Bayerischen Schlösserverwaltung


 

Halt! – werden einige nun rufen, mit karnevalesken Nachwehen hat die MUSEO-Blog-Parade doch gar nichts zu tun, so steht es explizit in ihrem „strengen“ Regelwerk. Das schert nun freilich unseren Teilnehmer recht wenig, ist er doch kampferprobt und strotzt vor Selbstbewußtsein. Also gut, wir wollen eine Ausnahme machen, um mehr von dem außergewöhnlichen Gesellen zu erfahren. Begegnen wir ihm frontal – seiner Persönlichkeit angemessen – aber seien Sie gewarnt, Sie dürfen nicht erschrecken.


Frontansicht des Rennschlittens mit Schlangenköpfen

Rankt sich doch an der Vorderseite des Schlittens eine vielköpfige Schlange, deren grässliche Häupter mit roten Blechen uns die Zunge zeigen. Mitten in diesem todbringenden Geäst reitet ein einsamer Streiter, die Keule mit Schwung erhoben, fest entschlossen das Untier zu erschlagen.


Galionsfigur des Rennschlittens: Herkules erschlägt die Hydra

„Kann und muss demnach nicht derjenige, welcher sich mit der Schlittenfahrt ergötzet, nothwendig die erbaulichsten Betrachtungen aus der Mythologie anstellen?“ so fragt ironisch eine Abhandlung zur Belustigung des Verstandes und des Witzes 1745 und fährt fort „bey der letzten großen Schlittenfahrt, wobey Schellen, Pauken und Trompeten die dicke Luft recht harmonisch erschütterten, ward ich vorne auf einem Schlitten den Herkules, mit einem goldenen Felle umhangen, gewahr, welcher mit seinem blauen Knittel nach einem gräßlichen Ungeheuer losschlagen wollte. Hier war ich nun überaus zweifelhaft ob ich aus diesem Ungeheuer die siebenköpfige lerneische Wasserschlange, oder den dreyköpfigen Höllenhund, oder gar die erymantische Sau machen sollte? Denn mit allen diesen Tieren hatte Herkules zu kämpfen gehabt.“ Die verzweifelte Frage des mythenkundigen Schlittenfahrers können wir heute exklusiv für den erlauchten Leserkreis der MUSEO-Blog Parade 2012 beantworten.  Erlaubt uns doch ein Bildvergleich, das Gewühl der Monsterköpfe schlüssig zu entwirren.  


Emblem aus Carl Gustav Amlings Portraitstich Kurfürst Max Emanuels von 1682: Hydra bedroht von der Keule des Herkules


1682 schon inszeniert sich Max Emanuel als zweiter Herkules. Sein gestochenes Portrait zeigt ihn umgeben vom Löwenfell des mythischen Heroen, auf dessen Tatzen und unterhalb des Rahmens Embleme mit Sinnsprüchen aus Vergils Aeneis stehen. „Parcere subiectis et debellare superbos“ – Die Unterworfenen schonen und die Hochmütigen besiegen, heißt es dort. Den hochmütigen Feind repräsentiert im Bild die siebenköpfige Hydra, die die Keule des Herkules bedroht. Unschwer erkennt man in diesem gruseligen Monster unseren Schlitten wieder. In einer ganzen Flut von Propagandabildern erscheint die Hydra nach dem Entsatz von Wien im Jahre 1683 als Symbol der bezwungenen osmanischen Streitmacht. Als neuer Herkules feiert sich ebenso der Kaiser in Wien wie Max Emanuel in München, der berauscht von seiner Teilnahme an der siegreichen Schlacht um die Kaiserstadt im darauffolgenden Fasching im neuen Schlitten von einem Festspektakel zum nächsten jagt.

Herkulesschlitten Kurfürst Max Emanuels

„La chasse, le jeu et les Schlittades“ – die Jagd, das Spiel und Schlittenfahrten, zu nächtlicher Stunde „avec toutes sortes de creatures“ mit allen möglichen Wesen, das sei eine Hauptbeschäftigung des Kurfürsten, schreibt der französische Gesandte de la Haye 1685 bei seinem Abschlussbericht aus München an den französischen König Ludwig XIV. Eines dieser Schlittenwesen lässt uns die Leidenschaft des Kurfürsten bis heute nachvollziehen.  Seien Sie ganz herzlich eingeladen, sich ab 11. Juli im Marstallmuseum in Schloss Nymphenburg an einer „Schlittade“ mit dem prächtig restaurierten Lustgefährt nach Kräften zu ergötzen.