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Zur Geschichte & baulichen Erschließung des ehemaligen Inseldoms auf Herrenchiemsee

Außenansicht Inseldom

Zur Baugeschichte der Kirche

// Der auf einem Hochpunkt der Herreninsel gelegene Inseldom war bis zu seiner Profanierung im Jahre 1807 nicht nur die Kirche der ältesten Klosteranlage Bayerns (gegründet vor 629), sondern seit 1216 zusätzlich auch Kathedrale und Sitz des neu gegründeten Bistums Chiemsee. Nach mehreren Vorgängerkirchen und Umbauphasen in karolingischer, romanischer und gotischer Zeit wurde der Dom im 17. Jahrhundert im Stil des Frühbarocks weitgehend neu gebaut. Unter der Leitung von Lorenzo Sciascia entstand zwischen 1676 und 1679 eine reich stuckierte und ausgemalte Wandpfeilerkirche mit Seitenkapellen und darüber liegenden Emporen.

Inseldom herrenchiemsee gemälde

Der Inseldom im 18. Jahrhundert. Wandgemälde im Prälaturstock des ehemaligen Augustiner-Chorherrenstifts, um 1770

Brutaler Umbau zur Insel-Brauerei im 19. Jahrhundert

Anfang des 19. Jahrhunderts wurden im Zuge der Säkularisation Kloster und Insel verkauft, der ehemalige Inseldom nachfolgend in eine Brauerei umgebaut. Dafür wurden die Kirchtürme bis unter die Dachhaut abgetragen, der Chor im Osten wurde abgebrochen. Im verbliebenen Langhaus richtete man das Sudhaus mit zwei Kesseln ein, den Weichraum, Malztennen, Darre, Lagerräume und Bierkeller. Zahlreiche Zwischenwände und Zwischendecken wurden eingezogen und eine große Zahl Durchbrüche ins Mauerwerk geschlagen. Die Umbaumaßnahmen wurden ohne Rücksicht auf die historische Bausubstanz vorgenommen. Nach Einstellung das Brauereibetriebs 1914 blieb das Gebäude seit 1917 ungenutzt in baulich unverändertem Zustand.

Inselbrauerei Herrenchiemsee

Die Inselbrauerei (mit rauchendem Kamin) im 19. Jahrhundert. Galerie ‚Maler am Chiemsee‘ – „Ansicht von Herrenchiemsee“ von Albin Mattenheimer, 1874.

Substanzsicherungen und Archäologische Grabungen im 20. Jahrhundert

1972 führte das Landbauamt Rosenheim Sicherungsmaßnahmen des Hauptgewölbes durch. 1995 wurde der Dachstuhl saniert, 1997 die Fassade. Mit diesen Maßnahmen wurde die Substanz des Inseldoms gesichert.

Während der 1980er Jahre fanden im und um den Inseldom umfangreiche archäologische Grabungen statt, bei denen im Erdreich Reste der o.g. Vorgängerkirchen und zahlreiche Skelette mit Grabbeigaben gefunden wurden.

freigelegte Reste von Vorgängerkirchen im Innenraum des Inseldoms

Bei archäologischen Grabungen freigelegte Reste von Vorgängerkirchen im Innenraum des Inseldoms

Bauliche Erschließung für den Besichtigungsbetrieb – Konzept

Von 2019 bis 2021 wurde das zwischenzeitlich teilweise ruinös wirkende Gebäude, das im Erdgeschoss nach den Grabungen keine begehbaren Böden mehr hatte, als Besichtigungsobjekt für den Besucherverkehr erschlossen. Inseldom herrenchiemsee nach sanierung führungskonzeptDafür waren verschiedene bauliche Maßnahmen mit Gesamtkosten von gut 2,5 Millionen Euro erforderlich.

Die bauliche Erschließung nach Plänen des Staatlichen Bauamts Rosenheim erfolgte mit möglichst geringem Aufwand und ohne größere Eingriffe in die historische Bausubstanz der verschiedenen Zeitschichten. Brüche und Wunden des Bauwerks blieben offen sichtbar. Neue Zutaten sind in moderner, zeitgemäßer Architektursprache gehalten und durch die Verwendung von Stahl und Glas klar erkennbar.

 

Wesentliche Planungsbausteine

Führungswege im Erdgeschoss

Da das Bodenniveau des ehemaligen Kirchenschiffes nach den oben erwähnten archäologischen Untersuchungen ca. 80 cm unter dem Eingangsniveau lag, wurden im Erdgeschoss Steganlagen aus Stahl zur Führung der Besucher eingebaut. Sie sind mit Gitterrosten als Gehbelag versehen, die Geländer mit Blechtafeln beplankt. Notwendige Leitungen für Elektro, Beleuchtung und Brandschutz konnten unauffällig verdeckt in der Unterkonstruktion der Steganlage geführt werden.
Alle neuen Stahloberflächen wurden mit einem speziellen Verfahren brüniert. Die dadurch entstandene „lebendige“ Oberfläche kontrastiert kraftvoll mit den – nach einem Jahrhundert Brauereinutzung und einem Jahrhundert Leerstand – rauen Oberflächen des Gebäudes.

Herrenchiemsee Inseldom Erschliessung

Aufzug und neue Treppenanlage, Barrierefreiheit

Zur barrierefreien Erschließung der Haupträume wurde in der ehem. Darre der Brauerei ein neuer, behindertengerechter Personenaufzug in Stahl-Glas-Bauweise errichtet. Um diesen Aufzug herum werden die Besucher von den Stegen im Erdgeschoss über eine neue Treppenanlage nach oben geführt.

Herrenchiemsee Inseldom Treppenanlage

Reinigung und Sicherung der Raumoberflächen

Im obersten Geschoss auf Höhe der ehemaligen Empore können Besucher die noch vorhandenen Fragmente der Deckenmalerei und Stuckzier aus der Barockzeit nun aus nächster Distanz betrachten. Dafür wurden Deckenmalerei und Stuck im Bestand restauratorisch gesichert und gereinigt, wo nötig auch gefestigt. Auch die stark verschmutzten Oberflächen aus der Brauereizeit mussten gereinigt werden.

Inseldom Herrenchiemsee Restaurierung

Beleuchtung

Um die zum Teil recht dunklen Räumlichkeiten auszuleuchten, wurde ein Lichtkonzept entwickelt, das zwischen Raumbeleuchtung und Beleuchtung der Verkehrsflächen differenziert.
In den Erdgeschossräumen mit den neuen Steganlagen konnte die Raumbeleuchtung – ein Stromschienensystem mit LED-Strahlern – verdeckt unterhalb der neuen Stege angebracht werden. Nur im hohen Eingangsraum waren zusätzliche Wandstrahler erforderlich. Auch die Verkehrsflächenbeleuchtung konnte unsichtbar in die neuen Handläufe der Stege und Treppen integriert werden.

Inseldom Herrenchiemsee Beleuchtung

In den übrigen Räumen und im Emporengeschoss wurden LED-Bodenstrahler in schlichten würfelförmigen Aufbaugehäusen vorgesehen. Auch die zugehörigen Anschlussleitungen wurden offen oder in zugänglichen Hohlräumen verlegt, so dass keine baulichen Eingriffe, Schlitze usw. erforderlich waren. Im weitläufigen Emporengeschoss erhellen zusätzliche Strahler auf den Gesimsen die Gewölbezone mit Deckenmalereien und Stuck.

Das Baudenkmal „ehemaliger Inseldom“ heute

Mit Abschluss der Baumaßnahmen präsentiert sich der Inseldom nun als ein bedeutendes Zeugnis des Chiemsee-Bistums und der Klosterzeit, aber auch der Säkularisation. Entstanden ist dabei ein selbstsprechendes Museum mit einzigartigem Charakter, einer teils ruinenhaft anmutenden Mischung aus barocker Pracht und früher Brauereinutzung, mit Fragmenten aus der Blütezeit des Doms und bedeutenden archäologischen Befunden. Zum Denkmal gehören neben den baulichen Resten der Kirche, den Durchbrüchen und schweren Zwischendecken der Brauereizeit, auch „Graffitis“ von Schutzsuchenden aus der Zeit des 2. Weltkriegs. All das zusammen macht das Baudenkmal Inseldom aus: Ein wichtiges Zeitdokument bayerischer und deutscher Geschichte.

Inseldom Herrenchiemsee Besucher Führung

Ein zur Brauerei umgebauter Dom ist wohl ein weltweit einzigartiges Baudenkmal, ein ganz besonderes Besichtigungsobjekt, das es nirgendwo sonst zu sehen gibt. Im Rahmen von Führungen in kleinen Gruppen kann der Inseldom nun besichtigt werden, jeweils von Mai bis Oktober eines Jahres.

 

Titelbild: Der Inseldom vor der Sanierung, 2019.

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