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Brunnengruppe Satyrherme und Knabe – oder: das Brunnenbuberl

Postkarte Brunnenbuberl Stadtarchiv München

Anlässlich seines 150. Geburtstages möchten wir in den nächsten Monaten den Münchner Bildhauer Mathias Gasteiger (*24. Juni 1871; †7. Juli 1934) und einige seiner Werke vorstellen, von denen so manche die zeitgenössischen Gemüter erhitzten und heute trotzdem noch das Stadtbild bereichern. Die in dieser Serie vorgestellten Werke Gasteigers im öffentlichen Raum sind eine spannende Alternative zum Besuch seines Sommerdomizils am Ammersee, das derzeit aufgrund der Maßnahmen zum Schutz vor Covid-19 leider nicht besichtigt werden kann.


Mathias Gasteiger Bildhauer

Mathias Gasteiger, 1901 © BSV

Der gebürtige Münchner absolvierte seine Lehrzeit zwar bei Victor Tilgner (1844–1896) in Wien, kehrte aber nach zwei Jahren zurück in seine Heimatstadt und besuchte die Kunstgewerbeschule. Im Zeitraum von 1889 bis 1891 studierte er an der renommierten Kunstakademie in München bei Syrius Eberle (1844–1903) und konzipierte noch im Abschlussjahr sein erstes bedeutendes Werk aus Muschelmarmor, Donaukalkstein und Bronze: die Brunnengruppe Satyrherme und Knabe, das sogenannte Brunnenbuberl.

Mit diesem Werk kehrte Gasteiger dem Historismus allmählich den Rücken und wandte sich auf humorvolle, spielerische Weise dem Jugendstil zu:

„Da wir damit bei den humoristischen Werken angekommen sind, so will ich hier gleich des (…) Gasteigerschen Brunnens erwähnen, wo ein sehr altbayerisch aussehender Faun als urkomischer Wasserspeier mit seinem Strahl einen ihm nahenden, gut studierten Jungen über und über mit Wasser begießt. Das ist ganz geeignet für ein echt volkstümliches Monument!“ (Pecht, Friedrich, Die Münchener internationale Ausstellung von 1892, in: Die Kunst für Alle, VIII. Jg. H. 1, 1. Okt. 1892, S. 1-4, S. 3.)

Gasteiger Die Brunnengruppe Satyrherme und Knabe

M. Gasteiger, Die Brunnengruppe Satyrherme und Knabe in den ehem. begrünten Stachusanlagen,
Gesamtansicht, Fotografie, unsigniert, undatiert, um 1895 © BSV

Den neu beschrittenen Weg würdigte die Kunstwelt mit diversen Auszeichnungen. So wurde die Brunnengruppe nicht nur mit einer Silbermedaille der Münchner Akademie geehrt, sondern erhielt 1892 im Zuge der Internationalen Kunstausstellung im Münchner Glaspalast die Goldmedaille. Weitere Auszeichnungen, wie die der Großen Berliner Kunstausstellung im Jahr 1893 folgten.

Im Jahr 1894 schenkte der Secessions-Künstler die Brunnengruppe, die seinen Durchbruch ermöglicht hatte, seiner Geburtsstadt München und fachte damit eine hitzige Diskussion an, die als sogenannte ‚Brunnenbuberlaffäre‘ in die Annalen einging. Schon die Auswahl des Standortes gestaltete sich schwierig. Die Stadt scheute sich, die Brunnengruppe an einer allzu prominenten Stelle zu installieren, weshalb Satyrherme und Knabe erst 1895 in den Grünanlagen des Stachus aufgestellt wurden. Ein passender, idyllischer Standort im Grünen, in den sich die Brunnengruppe harmonisch integrieren ließ. Diese Verbindung erschien gerade in Bezug auf das Element Wasser und die Naturaffinität der mythologischen Figur Satyr angebracht. Trotzdem stieß die Zögerlichkeit seitens der Beschenkten bei vielen auf Unverständnis:

„Die Herrn vom Marienplatz zerbrechen und straplizieren ihre schönen Köpfe darüber, was wohl mit dem Gasteigerbrunnen anzufangen sei, den ein zwar sehr talentvoller Bildhauer, aber halt noch kein Professor, der Stadt geschenkt hat. In einem Winkel hinten stehen lassen war bis jetzt das probateste Mittel (…)“ (Münchener Ratsch-Kathl. Unabhängiges Volks-Blatt, Nr. 53, VII. Jg., Mittwoch, den 3. Juli 1895, S. 1-2.)

Obgleich die Kunstkritik Gasteigers Brunnengruppe zu einem „der besten Werke der modernen Bildhauerkunst“ (Die Kunst für Alle, X. Jahrgang, Heft 1, 1. Okt. 1894, S. 15) erhöhte, erhoben sich Stimmen, die sich an der Nudität des bronzenen Jünglings störten; darunter auch prominente Münchner Persönlichkeiten, wie der damalige Polizeidirektor Ludwig von Welser oder Prinzregent Luitpold von Bayern.

„Es existierten bisher zwei Ansichten in der Sache und haben sich sozusagen zwei Parteien gebildet. Die erste Partei ist die sittlich entrüstete und in ihrer ganzen Moral beleidigte. Die andere Partei ist die gesammte Münchener Presse, die in selten einmütiger Weise Stellung genommen hat gegen die Ansicht des Herrn von Welser“ (Münchener Ratsch-Kathl. Unabhängiges Volks-Blatt, Nr. 54, VII. Jg., S. 2.)

„(…) erscheint eines Tages bei diesem [M. Gasteiger] der Herr Polizeidirektor von München in höchsteigener Person, um ihm allen Ernstes zu erklären, daß das Bildwerk höchst anstößig sei und daß das Interesse der Aufrechterhaltung der Moral und guten Sitte unbedingt erfordere, daß in der Sache ‚etwas‘ geschehe.“ (Die Kunst für Alle, Heft 3, XI. Jg., Nov. 1895, S. 44-45)

Prinzregent Luitpold soll auf die Affäre sogar mit einem konkreten Lösungsvorschlag reagiert und dem Bildhauer zu einem bronzenen Feigenblatt geraten haben.

Postkarte Brunnenbuberl Stadtarchiv München

Postkarte ©Stadtarchiv München

Manch einheimischer Wächter von Sitte und Moral versuchte „der Sache“ durch Attentate mit Benzenamin, oder Metallsägen Herr zu werden. Eine Postkarte aus dem Stadtarchiv München zeigt jedoch, dass nicht jeder Gegner zu solch drastischen Methoden greifen wollte. Sie bildet das Brunnenbuberl mit roter Badehose ab.

Andernorts erfreute sich der bronzene Junge solcher Beliebtheit, dass er andere Städte und Künstler zu ähnlichen Konzeptionen inspirierte. Eine dieser inspirativen Aneignungen gipfelte in einem Gerichtsverfahren:

„Ein Künstlerstreit. Die Aachener wollten ähnlich wie in den Nachbarstädten Köln und Bonn, wo sich der ‚Heinzelmännchen-Brunnen‘ und der ‚Gänsebuben-Brunnen‘ befindet, (…) die Aachener Balaub-Sage, in einem Monumente plastisch verkörpert sehen. (…) Das Denkmal stellt den Balaub als Ungeheuer dar, wie er hinter dem Brunnen versteckt sich über den Brunnenstein erhebt, und hierdurch einen ‚Wasser holenden Knaben in starren Schrecken versetzt. Der Münchener Bildhauer Gasteiger ist der Ansicht, daß Professor Krauß [der Künstler] bei der Herstellung seines Entwurfes seine von ihm entworfene Brunnengruppe, das sogenannte ‚Brunnenbuberl‘, nachgeahmt habe. Er fand sich dadurch veranlaßt, am 26. Dezember 1904 einen Brief an Professor Krauß zu richten, in welchem es heißt: ‚Die Nachahmung meines Brunnens ist Ihnen schleckt geglückt, und sende ich Ihnen deshalb ein Bild desselben, damit Sie sich selbst überzeugen können.‘ Der Inhalt dieses Schreibens veranlaßte Professor Krauß gegen Gasteiger eine Privatklage wegen Beleidigung zu erheben.“ (Zweites Blatt Nr. 369 der Allgemeinen Zeitung, Sonntag 13. Aug. 1905, Rubrik: Gerichtssaal)

Aufgrund der Auszeichnungen und der hitzigen Debatte um die Brunnengruppe Satyrherme und Knabe war der Bildhauer Mathias Gasteiger in aller Munde. Eine Karikatur aus der Zeitschrift Die Geißel aus dem Jahr 1895 veranschaulicht, wie das öffentliche Interesse durch die Affäre stieg und sich der Brunnen nach und nach zu einer Schauattraktion entwickelte. Diese ‚Reklame‘ – wie sie der Karikaturist polemisch bezeichnet – verschaffte dem damals 23-jährigen Künstler zwar große Berühmtheit, warf aber einen Schatten auf die künstlerische Qualität seines Werks.

Gasteiger Brunnenbuberl Reklame

Karikatur Der Gasteiger Brunnen, aus: Die Geißel, Nr. 38, 1895, S. 3, signiert: E v B. inv.

Gasteigers frühe Figurenkomposition lebt von ihren vielschichtigen Bezügen. Die mehrdeutigen mythologischen Attribute des marmornen Wasserspeiers, wie Ziegenfell, Weinlaub, Hörner und Pferdeohren, lassen eine eindeutige Identifizierung nicht zu. So kann es sich um Pan, einen Faun, Satyr oder Silen handeln. Wahrscheinlich ließ sich Gasteiger von der überlieferten Beziehung des jungen Dionysosknaben zu seinem Lehrer Silenos inspirieren. Der Kern des Werks liegt aber nicht in der Überlieferung antiker Mythologie, sondern in der kunstvollen Darstellung eines kurzen Augenblicks der liebevollen Narretei. Der bronzene Jüngling drückt mit dem Daumen den Brunnenhahn des marmornen Pfeilers zu, um die Passanten vollzuspritzen. Jedoch erweckt er damit den Kopf der Satyrherme zum Leben, die ihn seinerseits bespritzt, wogegen sich der ‚Lausbub‘ mit erhobenem Arm zu wehren versucht. Die Lebendigkeit dieser Interaktion spiegelt wider, wie geschickt und geistreich Gasteiger die Themen Wasserspiel und Brunnen umzusetzen wusste.

Brunnenbuberl Gasteiger Kopf

M. Gasteiger, Kopf des Brunnenbuberls, nach 1891, Foto © BSV, M, Inv. Nr. Ga 221, H

Die grazile, authentische Physik und die lebensechte Physiognomie des Jungen sind Beleg für seine hervorragende Beobachtungsgabe. Das Foto eines erhaltenen Gipsabgusses ermöglicht es, den ‚Buberlkopf‘ aus der Nähe zu betrachten und lässt den starken, schelmischen Gesichtsausdruck der Bronze erkennen.

Wegen der Umbauten am Stachus im Jahr 1964 musste der Münchner Brunnen der Stadterneuerung weichen und wurde an seine heutige Stelle in der Münchener Fußgängerzone in der Neuhauser Straße versetzt, wo das Brunnenbuberl noch heute seinen Schabernack treibt.

Jedoch kann man den Brunnen auch andernorts bewundern. Schon früh begeisterten sich Städte wie Triest (1894) oder Erlangen (1906) für Gasteigers Brunnengruppe und ließen Kopien des Werks fertigen. Doch auch im ehemaligen Hotel Continental München (1910) und sogar in Amerika (1921) begeistert das lebenslustige Wasserspiel die Menschen.

 

Gasteiger Brunnenbuberl Stachus

Satyrherme und Knabe am heutigen Standort in der Neuhauser Straße 20, Foto: © Thorsten Marr, BSV

Literatur

Bistritzki, Otto Josef, Brunnen in München. Lebendiges Wasser in einer großen Stadt, München 1974.
Schmid, E., Heym S., Mathias und Anna Gasteiger. Aus einem Münchner Künstlerleben um 1900, Ausst. Kat., Ausstellung Schloß Nymphenburg, München (4. Dezember 1985-6. April 1986).
Stankiewitz, Karl, Brunnenbuberl am Stachus wird saniert – einst sorgte es für Aufruhr, AZ-Online 20. 08. 2019, letzter Zugriff am: 30.06.2021.

 

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