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Restaurierung oder Romantik 2.0? Zur Rekonstruktion der Innenausstattung von Schloss Rosenau

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In diesem Jahr feiert das Museum in Schloss Rosenau in Rödental sein dreißigjähriges Bestehen. Zu diesem feierlichen Anlass möchten wir euch einen besonderen Blick hinter die Kulissen gewähren. Heute erklärt Restauratorin Marion Biesalski Wissenswertes rund um die Vorgehensweise und Herausforderungen bei der Rekonstruktion der Innenausstattung von Schloss Rosenau.


 

Der Beschluss war gefasst: „… Park und Schloß sollten, soweit möglich, in den ursprünglichen Zustand versetzt werden.“ Wie schon zu lesen war, hatte Schloss Rosenau nach Abdankung des letzten Herzogs 1918 unterschiedlichsten Zwecken gedient, zuletzt als Altenheim. Weder von der ursprünglichen Wanddekoration noch vom Inventar des im Geiste der Romantik ausgestatteten Adelswohnsitzes war bei dessen Übergabe an die Schlösserverwaltung 1972 etwas übriggeblieben.

Restauratoren, Bau- und Kunsthistoriker machten sich daran zu erforschen, was unter dem „ursprünglichen Zustand“ wohl genau zu verstehen wäre. Eine heikle Aufgabe, wenn man vermeiden wollte, fehlende Informationen durch „Stilempfinden“, „Erfahrung“ und „guten Geschmack“ zu ersetzen, wie es in vergangenen Epochen sowohl in der Denkmalpflege also auch in der Restaurierung gerne mal praktiziert wurde. Eine romantische Nachempfindung von Romantik war nicht das Ziel einer modernen musealen Präsentation.

Schloss Rosenau Wiege

Wiege, um 1820, zusammen mit anderen Objekten im Depot. Heute im Nördl. Balkonzimmer ausgestellt. Foto: Archiv RZ.

Man sammelte also alles, was an Quellen und Befunden zusammengetragen werden konnte. Wenig überraschend erwies es sich als unrealistisch, einen eng begrenzten Zeitraum zu definieren, dessen Raumausstattung exakt wiederherzustellen wäre. Immerhin: Um die Mitte des 19. Jahrhunderts angefertigte Aquarelle zeigten etliche Raumansichten.

Es stellte sich heraus, dass sich Teile des alten Inventars im Depot des Coburger Schloss Ehrenburg befanden.

Freilegungen und Befunde an den Wänden vermittelten einen Eindruck von der früheren Raumgestaltung.

Ausgewählte Beispiele aus der Rosenau

Die Rekonstruktion eines Teiles der Wohnräume im Geiste der hier stilprägenden Romantik des frühen 19. Jahrhunderts konnte angegangen werden. Am Beispiel von drei Ausstattungsstücken und der Wandgestaltung soll hier kurz dargestellt werden, wie Restauratoren und Kunsthandwerker mit der ihnen auferlegten Aufgabe umgingen:

Tasse Schloss Rosenau

Teetasse, 19. Jh., Vorzustand, Zustand nach Restaurierung, Fotos: Agnini; heutige Präsentation in der Vitrine, Foto: Biesalski.

Diese Tasse aus Glas mit Goldbemalung konnte vollständig gerettet werden. Das Objekt war im Depot der Ehrenburg zerbrochen aufgefunden worden. Eine Spezialistin reinigte und verklebte die sechzehn Scherben spurlos. Die Dokumentation zeigt den Vorzustand. So prächtiges Geschirr wurde tatsächlich benutzt, immerhin ging Queen Victoria mit ihren Töchtern in der Rosenau ein und aus. Heute müssen solche Preziosen in einer Vitrine präsentiert werden, um sie vor Zugriff zu schützen.

Ofen Schloss Rosenau

Keramikofen, Vorzustand und Zustand nach Restaurierung und Teilrekonstruktion, Fotos: Stricker.

Dieser Ofen aus dem 19. Jahrhundert war nicht nur beschädigt, es fehlte die ganze Bekrönung! Theoretisch hätte man hier nur restaurieren und das Objekt als Fragment zeigen können. Zum Gesamtkonzept der Rekonstruktion hätte so eine Vorgehensweise aber nicht gepasst. Es war konsequent, diesen Ofen zu vervollständigen. Die zuständige Restauratorin verglich Form und Dekor mit ähnlichen Stücken der gleichen Herkunft und Epoche und entwickelte daraus Vorgaben für die Rekonstruktion. Anhand einer Dokumentation, der auch diese Fotos entnommen sind, kann jederzeit nachvollzogen werden, welche Teile des Ofens zum Originalbestand gehören und welche ergänzt wurden.

Stuhl Rekonstruktion Schloss Rosenau

Stuhl, Bestand Rosenau, im Depot und nach Restaurierung und Rekonstruktion, Fotos: Archiv RZ, Biesalski, Inventarblatt der Tapeziererwerkstatt des Restaurierungszentrums.

Von diesen eleganten schwarz lackierten Möbeln gab es noch Bestände im Depot der Ehrenburg – allerdings sehr ramponiert und mit Stoffen bezogen, die nicht historisch und außerdem zerschlissen waren. Sie konnten nicht erhalten werden. Polsterung und Bezüge mussten mit dem Wissen um historische Materialien und Techniken unserer Tapeziererwerkstatt und im Abgleich mit den Recherchen der Kunsthistorikerin erneuert werden. Der ausgewählte Stoff ist dokumentiert und archiviert.

Decke Schloss Rosenau

Deckenbemalung Raum 16, Blaues Gesellschaftszimmer: Retuschiermuster, (Foto: Archiv Bauabteilung), Zustand heute – das retuschierte Feld kann von den rekonstruierten Bereichen unterschieden werden (Foto: Biesalski).

Besonders prägend für die besondere Aura von Schloss Rosenau sind die ungewöhnlich reich geschmückten Wände und Decken. Freigelegte Reste alter Bemalungen zeugten von einer unerwartet farbenfrohen und detailreichen Ausgestaltung mit Illusionsmalerei von üppig umrankten Lauben und gotischem Maßwerk. Diese Befunde führten zu lebhaften Diskussionen. Wie auch immer Fachleute oder Besucher heute und in Zukunft die gewählte Interpretation bewerten, jede Gestaltung beruht auf Befunden, deren Dokumentation jederzeit Einblick in den damals vorgefundenen Zustand ermöglichen.

Die Konzeptfindung

Die Konzeptfindung für so ein komplexes Projekt, wie die „Versetzung eines Schlosses in seinen ursprünglichen Zustand“ ist ein Prozess, in dem Erkenntnisse aus Kunst- und Bauforschung mit Befunden an Objekten abgeglichen und diskutiert werden. Die Auffassungen darüber, wie weit die Rekonstruktion gehen darf oder nicht werden immer wieder neu verhandelt. Für die Rosenau beschloss man eine sehr weitgehende Wiederherstellung, die möglich war durch das in der Schlösserverwaltung einzigartige Zusammenspiel unterschiedlicher Kompetenzen, und die legitimiert ist durch fundierte Forschung und Dokumentation.  Diese Form der musealen Präsentation erhebt weder den Anspruch hundertprozentig „original“ zu sein, noch basiert das Aussehen der gezeigten Räume und Ausstattungsstücke auf einer überschätzten Vorstellungskraft der Mitwirkenden. Der Besucher gewinnt einen realistischen Eindruck von Anmutung und Ausgestaltung des adligen Wohnsitzes um die Mitte des 19. Jahrhunderts. Schon der Amtliche Führer informiert bei Interesse gleichzeitig detailliert über die Herkunft von Objekten oder Entscheidungsgrundlagen für die Raumgestaltung.

 

Ein Dank geht an alle Kolleginnen und Kollegen, die mir geholfen haben, die Informationen für diesen Beitrag zusammenzutragen!

 


Schloss Rosenau ist ab August 2020 an den Wochenenden wieder geöffnet. Eine Besichtigung ist jeweils nur im Rahmen einer Führung mit deutlich reduzierter Gruppengröße möglich. Aktuelle Infos findet Ihr immer auf unserer Webseite.

 

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