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Coburger „Heirathsdiscussionen“ oder: „I have never seen so many!“

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Dieser Beitrag erscheint im Rahmen unserer Blogserie anlässlich des Jubiläumsjahres „200 Jahre Albert und Victoria von Coburg“. Heute werfen wir einen Blick auf Victoria als Mutter und Großmutter im Rahmen der Coburger Zarenverlobung von 1894, die sich dieses Jahr zum 125. Mal jährt.


 

Nein, Victoria war „not amused“!

Neunmal traf es sie wie ein Donnerschlag. Neunmal geriet sie außer sich vor Wut. Neunmal durchlitt sie, was sie als „unausweichliches Leiden“, als „tierisch und unästhetisch“, als „Unglückszustand“ und „die Geißel unseres Daseins“ bezeichnete. Die Königin von England war neunmal: schwanger!

„Oh! Wenn diese selbstsüchtigen Männer – die die Ursache für all unser Elend sind – doch wüssten, was ihre armen Sklavinnen erdulden müssen. Welches Leid, welche Erniedrigung für die zarten Gefühle einer armen Frau – besonders in Anwesenheit dieser garstigen Ärzte“.

Den Produktionsprozess per se empfand die Herrscherin über ein Weltreich als durchaus nicht unangenehm. Der ihr seit 1840 angetraute Albert von Sachsen-Coburg und Gotha, ein Vetter ersten Grades, wurde nicht allein zu ihrem unerreichten Vorbild, ja Leitstern auf den Gebieten der Staatskunst, der künstlerischen Fragen und der wohltätigen Projekte; auch des Prinzen wohlgeformter Körperbau und das Geschick, mit dem er ihr „beim Überstreifen der seidenen Strümpfe“ assistierte, entsprachen den Vorstellungen der jungen Monarchin vollkommen. Doch selbst für die Resultate der 9-monatigen Leidenszeiten fand die Queen – auch in späteren Jahren – deutliche Worte:

„Ich hege keine Bewunderung für sie, bevor sie nicht ein wenig menschlicher werden. Ein hässliches Baby ist etwas sehr Unansehnliches und ohne Kleidung selbst das Hübscheste ein scheußlicher Anblick – bis ungefähr zum 4. Monat, so lange sie einen zu großen Körper und zu kleine Gliedmaßen haben, ganz abgesehen von den schrecklichen froschartigen Bewegungen. Es gibt Ausnahmen – Alice und Beatrice beispielsweise waren hübsch von Anbeginn, Du selbst auch einigermaßen. Bertie und Leopold: zu fürchterlich“.

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Queen Victoria mit einer von vierzig „unsterblichen Seelen“, 1887. Royal Collection Trust / © Her Majesty Queen Elizabeth II 2019.

Die neun Sprösslinge, fünf Töchter und vier Söhne, denen Victoria zwischen 1840 und 1857 das Leben schenkte, unterstanden der strengen Aufsicht ihrer königlichen Mutter – und konnten deren emotionalen wie intellektuellen Ansprüchen doch selten gerecht werden. Empathie zeigte die Königin auch dann kaum, wenn ihren eigenen Töchtern das bevorstand, was sie selbst so sehr verabscheute. Der Euphorie ihrer Ältesten, die nach einer dramatisch verlaufenen Geburt ein Söhnchen (Wilhelm, den letzten deutschen Kaiser) im Arm halten durfte, wusste die Monarchin postwendend einen Dämpfer aufzusetzen:

„Was Du über den Stolz sagst, einer unsterblichen Seele das Leben geschenkt zu haben, klingt recht nett, Liebes. Ich hingegen kann dem nicht zustimmen, denke vielmehr an unser kuh- oder hundeartiges Dasein in diesen Momenten, wenn wir armseligen Kreaturen so tierisch und unästhetisch zu sein verdammt sind“.

Allein, die Flut des Nachwuchses sollte sich dadurch nicht verringern: Vierzig (!) „unsterbliche Seelen“, geboren in einem Zeitraum von über drei Jahrzehnten, durften die Queen „darling Grandmama“ rufen und machten sie, mit allem Recht, zur Großmutter Europas. Für die Zukunft, namentlich das Eheglück dieser überbordenden Flut von Enkeln, fühlte sich Victoria Zeit ihres Lebens verantwortlich – und sah ihre Nerven auf eine harte Probe gestellt, wenn sie erkennen musste, dass ihre Vermittlungsversuche nicht immer auf Gegenliebe stießen. Die so entstandenen „Heirathsdiscussionen“ kulminierten im Falle der Coburger Fürstenhochzeit des Jahres 1894. „Ducky“ und „Ernie“, Victoria Melita von Sachsen-Coburg, eine Tochter ihres Sohnes Alfred, und Ernst Ludwig von Hessen, ein Sohn ihrer Tochter Alice, hatten sich klaglos in die interfamiliären Ambitionen der Großmutter gefügt und (nach mehreren Ermahnungen) einander versprochen. Die Hochzeit des jungen Paares, die im April 1894 – vor 125 Jahren – auf Schloss Ehrenburg in Coburg gefeiert wurde, sollte hingegen zu einer brisanten Begegnung führen.

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„I have never seen so many“ – Queen Victoria inmitten ihrer Großfamilie, Coburg 1894. Royal Collection Trust / © Her Majesty Queen Elizabeth II 2019.

Eines der größten dynastischen Treffen der Neuzeit findet in Coburg statt

Während die Anwesenheit der Queen auch ihre Großfamilie in der kleinen fränkischen Residenz zusammenzog und somit eines der größten dynastischen Treffen der Neuzeit konstituierte (Victorias Privatsekretär kommentierte die Adelsakkumulation mit den vielsagenden Worten: „I have never seen so many!“), sahen zwei der Hochzeitsgäste einer Begegnung mit äußerst gemischten Gefühlen entgegen.

Die 21-jährige Prinzessin Alix von Hessen, Schwester des Bräutigams, hatte erst Wochen zuvor die eigenen Hochzeitsglocken verstummen lassen und tränenreich den wiederholten Heiratsantrag des russischen Thronfolgers abgelehnt. Großfürst Nikolaus, der bereits als Teenager beschlossen hatte, dass es Diese oder Keine sein sollte, hatte vergeblich versucht, die religiösen Bedenken der streng protestantischen Hessenprinzessin zu verwischen – eine künftige Zarin hatte laut Hausgesetz der Romanows zur Orthodoxie zu konvertieren; von ihren inneren Kämpfen abgesehen, sah sich Alix, ebenso unsterblich in ihren „Nicky“ verliebt, vor einer zusätzlichen Herausforderung: Dem Widerstand von darling Grandmama.

Ihrer ausgesprochenen Abneigung gegen das autokratisch regierte Zarenreich, dessen gärende innenpolitische Situation ihr inakzeptabel erschien, setzte die Queen alternative Heiratspläne für Alix entgegen: neben Max von Baden, der, obwohl „no Landesfürst and not particularly rich“, geeignet erschien, war es insbesondere Albert Victor „Eddy“, ältester Sohn des Prince of Wales, auf dessen Person Victoria ihre Aufmerksamkeit konzentrierte. Der ablehnenden Haltung ihrer Enkeltochter, die „für diesen Vetter nicht mehr fühlen kann, wie für einen Bruder“, begegnete sie verständnislos:

„Besteht denn keinerlei Hoffnung in Bezug auf Eddy? Sie sollte sehr ernsthaft darüber nachdenken, ob sie die Dummheit begehen kann, einen so guten Ehemann abzulehnen, der liebenswürdig und standhaft ist. Sie würde in eine glückliche, einige Familie eintreten und nicht zuletzt eine Position einnehmen, die in der Welt nicht ihresgleichen hat. Der arme Eddy ist höchst unglücklich darüber, sie zu verlieren. Welche Dummheiten hat sie in ihrem Kopf?“.

Alexandra Feodorovna Zar Nikolaus Hochzeit

Nach erfolgreicher “Heirathsdiscussion”: Alix von Hessen und der spätere Zar Nikolaus II. anlässlich ihrer Verlobung, Coburg 1894. Royal Collection Trust / © Her Majesty Queen Elizabeth II 2019.

Allein, die Dummheiten, vielmehr die Liebe, siegte: es bedurfte der vereinten Kräfte des deutschen Kaisers, der Großfürstin Wladimir und weiteren drei (!) Heiratsanträgen, um aus Alix von Hessen noch in Coburg Alexandra Feodorowna, Zarin von Russland zu machen. „Grandmama traf es wie ein Donnerschlag“, notierte die widerspenstige Enkelin. Als sie ihr aber, erstickt von Freudentränen, um den Hals fiel, verzog sich das königliche Gewitter sofort. So ganz dabei belassen konnte es Victoria jedoch nicht: Ihr Credo „Ich halte es mit den Mohammedanern, denen vor allem anderen der Wille ihrer Eltern und Voreltern heilig ist!“ vertraute Grandmama allerdings nur ihrem Tagebuch an.

 


Anlässlich des Festjahres „Albert und Victoria von Coburg“ gibt es bei uns ein spannendes Jubiläumsprogramm. Alle Informationen dazu findet Ihr auf unserer Webseite.

 

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