Geheimnisse

Ein Projekt zur Förderung unserer Artenvielfalt & dem Schutz gefährdeter Tiere und Pflanzen

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Diese Woche stehen weltweit unsere Insekten und die Artenvielfalt im öffentlichen Fokus. Am 20. Mai hatten wir mit dem Weltbienentag unsere Bienenwoche gestartet und zum heutigen Internationalen Tag der Artenvielfalt lenken wir auch nochmal den Blick auf alle anderen gefährdeten und schützenswerten Tier- und Pflanzenarten. Hierfür wollen wir euch eines unserer Projekte zur Biodiversität und dem Artenschutz in unseren Anlagen vorstellen:

Im Sommer 2018 wurde in drei ausgewählten Gartenanlagen ein Projekt zur Inventarisierung der Artenvielfalt gestartet. Im Rahmen des Biodiversitätsprojekts werden in den historischen Gartenanlagen Schlosspark Nymphenburg, in der Eremitage Bayreuth und im Park von Schloss Rosenau in Coburg schützenswerte Biotope und die darin lebenden Tier- und Pflanzenarten erfasst. Im Nymphenburger Schlosspark wird diese Inventarisierung vom Münchner Projektbüro Ohnes & Schwahn durchgeführt. In einem Interview gewährte uns Landschaftsarchitekt Matthias Schwahn einen exklusiven Einblick in das Projekt mit konkreten Beispielen auch zu unseren Wildbienen und auf die Herausforderungen in seinem Arbeitsalltag.

Das Interview führten Christina Sebastian und Lisa Caroline Heun.


Lieber Herr Schwahn, verraten Sie uns was hinter dem Projekt steckt?

In diesem Biodiversitätsprojekt werden seltene und bedrohte Pflanzen- und Tierarten auf ausgewählten Flächen gezielt im Nymphenburger Schlosspark gesucht, bestimmt und inventarisiert. Die Ergebnisse dienen der Bayerischen Schlösserverwaltung dann als Grundlage zur Berücksichtigung der Arten im Rahmen der Anlagenpflege und im Zuge denkmalpflegerischer Maßnahmen.

Wie verlief der Start des Projektes und wie gehen Sie vor?

Wir arbeiten mit einem Team der auf ihren Fachgebieten renommiertesten Spezialisten Bayerns zusammen. In ihrem Fachgebiet waren einige maßgeblich für die Erarbeitung des entsprechenden Fachbeitrags der Roten Liste Bayerns verantwortlich. Die Geländearbeit der Kartierer setzt ein mit dem spezifischen Auftreten der jeweiligen Organismengruppe. Bei den Wildbienen ist das beispielsweise bereits im März und damit im Vergleich relativ früh. Jede Fundpunkteintragung der gerade angelaufenen Bestandserfassung erlaubt später die festgestellten Vorkommen in einer Karte oder auch in unterschiedlichen Karten des Nymphenburger Schlossparkes abzubilden. Neben der Erfassung von Einzelarten, erfolgt zudem in ausgewählten Bereichen eine Erhebung der Pflanzengesellschaften bzw. der Lebensräume des Schlossparks.

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Hat Ihr Team bisher schon etwas Überraschendes gefunden?

Erste Zwischenergebnisse zeigen bereits interessante Erkenntnisse zum Vorkommen seltener und bedrohter Tierarten, die im Park bisher nicht bekannt waren oder in anderen Teilen der Münchner Naturlandschaft bereits verdrängt wurden. Eine tolle Überraschung war, als wir entdeckt haben, dass der bayernweit gefährdete Springfrosch im Nymphenburger Schlosspark siedelt und dort sogar einen erheblichen Bestand aufweist. Amphibien sind allerdings nicht Teil des aktuellen Erfassungsprogramms und so bleibt in Anbetracht des bereits recht späten Termins gegen Ende der Laichzeit der früh laichenden Arten, zu denen der Springfrosch gehört, eine genauere Abklärung künftigen Erhebungen vorbehalten.

Viele Artenerfassungen sind schon gelaufen oder laufen aktuell bereits. Demnächst startet die erste Netzfangaktion zum Fang von Fledermäusen sowie der Fang von Nachtfaltern mit Lichtfallen. Außerdem werden Sommerkartierungen bei den Libellen, Laufkäfern und den holzbewohnenden Käfern durchgeführt. Bereits letztes Jahr startete die Erhebung der Pilze und diese wird fortgeführt. Die Erhebung der Pflanzengesellschaften bzw. der Lebensräume startet demnächst.

Acker-Schmalbiene_Lasioglossum pauxillum

Acker-Schmalbiene. Foto: © Ohnes & Schwahn.

Zum Thema Artenfunde – diese Woche ist bei uns Bienenwoche. Daher die Fragen: Welche seltenen Bienen haben Sie schon entdeckt? Welchen Lebensraum besiedeln sie in unserem Schlosspark?

Wichtig ist zunächst noch einmal zu betonen: „Die Biene“ gibt es nicht. In Deutschland sind über 560 Wildbienenarten bekannt, davon knapp über 500 auch in Bayern, von denen viele als gefährdet eigestuft werden. Unterschiedlichste Faktoren greifen in den Lebensraum der Wildbienen ein. Oligolektisch sammelnde Wildbienenarten sind beispielsweise auf den Pollen einer oder weniger Arten spezialisiert und somit auf das Vorkommen bestimmter Pflanzenarten angewiesen. Das Vorkommen der Nahrungspflanzen ist dabei allerdings kein Garant für die Ansiedlung der entsprechenden Tierarten. So müssen beispielsweise auch Nistplatzmöglichkeiten vorhanden sein und geeignete mikroklimatische Verhältnisse vorliegen. Sandbienen nisten zum Beispiel im Lückensystem des Erdbodens. Andere in Bohr- oder Fraßgängen anderer Insekten im toten Holz. Wieder andere in trockenen Halmen oder gar verlassenen Schneckenhäusern.

Zweifarbige Schneckenhaus-Mauerbiene_Osmia bicolor

Zweifarbige Schneckenhaus-Mauerbiene. Foto: © Ohnes & Schwahn.

Im Nymphenburger Schlosspark haben wir erfreulicherweise bereits einige seltene Arten gefunden. Neben der Rotfühlerwespenbiene und der Großen Weidensandbiene waren noch die Blaue Ehrenpreis-Sandbiene, die Frühe Lockensandbiene und die Leisten-Zwergsandbiene darunter. Diese Arten wurden bisher nur wenige Mal in München gefunden – und das, obwohl München gut untersucht und eigentlich reich an Wildbienenarten ist. Insgesamt haben wir bis Anfang Mai bereits knapp 40 verschiedene Sandbienenarten entdeckt und es stehen noch viele Begehungen aus. Aber nicht nur Wildbienen freuen sich über die große Artenvielfalt in den naturbelassenen Waldrändern und Wiesenflächen des Schlossparks, sondern auch Schmetterlinge und andere Tiere und Insekten. Und es ist ja auch für den Besucher ein schönes Erlebnis, wenn es im Park ein bisschen flattert, krabbelt und summt.

Wie findet, fängt und bestimmt man Insektenarten – und ganz speziell Wildbienen?

Spezialisten haben einen geübten Blick für die spezifischen Lebensraumstrukturen ihrer Artengruppe und können dort gezielt einzelne Individuen fangen. Während man Insekten wie Laufkäfer angeeigneter Stelle in Becher purzeln lässt, werden Wildbienen klassisch mit dem Netz gefangen. Fallen finden kaum Verwendung, da manche Arten hier stärker reagieren und das Ergebnis verfälscht würde. Und das wäre ja nicht zielführend. Am Tag der Wildbienerfassung muss natürlich alles passen: am besten warm und sonnig und wenig Wind und kein Regen. Jeder Kartierer fällt die Entscheidung ins Gelände zu gehen oft erst sehr kurzfristig. Letztlich will jeder natürlich möglichst viel finden und wartet daher auf den optimalen Termin. Anschließend werden die gefangenen Tiere durch die Experten bestimmt, etikettiert und in die Belegsammlung aufgenommen. Bei schwierigen Fällen wird dann auch ein Abgleich mit Exponaten aus einer naturkundlichen Forschungssammlung gemacht. In München ist das beispielsweise die Zoologische Staatssammlung, welche bereits Material aus über hundert Jahren enthält und damit unschätzbares Wissen über die einzelnen Arten beherbergt.

matthias schwahn

Und zum Schluss noch eine persönliche Frage: Wie sind Sie zu diesem sehr speziellen Fachbereich gekommen?

Ich war von Klein auf in der Natur zu Gange. Auch wenn die Biologie eine Option gewesen wäre, fiel die Wahl meines Studienfaches auf die Landschaftsarchitektur mit ökologischem Schwerpunkt. Mit dieser Fachrichtung bietet sich – neben den biologischen Aspekten – auch die Möglichkeit, gefundene Ergebnisse in anschließende Projekte einzubinden. Man plant etwas, man realisiert es und dann bleibt die Frage: Hat es funktioniert? Wenn das Ergebnis schlussendlich der Vorstellung entspricht, ist das immer etwas sehr Beglückendes.

 

Herzlichen Dank für das spannende Interview!