Geheimnisse
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Eine Studie in Infrarot – Detektivarbeit mal anders

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Manch altes Kunstwerk umgeben mehr Geheimnisse als Gewissheiten. Auch über ein undatiertes und unsigniertes Gemälde in der Residenz Kempten wüsste man zu gerne mehr. Es hängt in der dortigen Hofkanzlei, die Ende des 18. Jahrhunderts ausgestattet wurde. War sein Urheber so der damalige Hofmaler Michael Koneberg? In der Bildmitte sieht man die aus der Bibel bekannte Bundeslade. Ist die Figur im Vordergrund mit dem harfenähnlichen Instrument neben sich somit König David, der die Lade nach Jerusalem brachte? Zumindest einem weiteren Geheimnis des Bildes wurde nun im wahrsten Sinne des Wortes „auf den Grund gegangen“.


Im Zuge der Restaurierung des Gemäldes im Restaurierungszentrum der Bayerischen Schlösserverwaltung wurde die Malerei eingehend untersucht. Das Werk wurde mit Tageslicht angestrahlt und mit einer Handlampe aus verschiedenen Positionen mit Streiflicht ausgeleuchtet. Bei genauer Betrachtung des Dargestellten ließ sich erahnen, dass der Künstler hier während des Malprozesses eine kompositorische Änderung vorgenommen haben muss: Im Steiflicht zeichneten sich schemenhaft die Konturen einer weiteren Figur ab. Einer anderen Figur? Oder konnte es sein, dass die Figur im roten Mantel ursprünglich in aufrechterer Haltung darnieder kniete?

Um diese Frage zu beantworten, wurden weitergehende Untersuchung der Malerei erwogen, denn viele interessante Details liegen oft unter der Oberfläche. Von der Oberflächenuntersuchung wurde zu den sogenannten Tiefenuntersuchungen gewechselt. Die naturwissenschaftlichen Untersuchungen führte der Naturwissenschaftler des Restaurierungszentrums, Dr. Heinrich Piening, durch.

gemälde Restaurierungszentrum Infrarot BSV

Herr Dr. Piening führt Infrarotuntersuchungen am Gemälde durch

gemälde Restaurierungszentrum Infrarot BSV piening frankenstein

Aufnahmen mit einer Infrarotkamera – das Resultat kann an der Kamera oder einem angeschlossenen PC betrachtet werden

Physikalische Untersuchungen…

Ein Verfahren, welches uns dafür zur Verfügung steht, ist die Untersuchung mittels infraroter Strahlung. Diese Strahlung befindet sich im elektromagnetischen Spektrum zwischen sichtbarem Licht und der Mikrowellenstrahlung und ist weitläufig auch als die rötliche Strahlung von Wärmelampen bekannt. Das menschliche Auge kann Strahlung im Infrarotbereich aufgrund des Wellenbereichs von 780 nm nicht mehr wahrnehmen; das heißt, wenn wir den Infrarotstrahler auf das Gemälde richten, sehen wir erst einmal gar nichts.

Für eine Auswertung dieser Untersuchung brauchen wir daher eine spezielle Kamera, die mehr für uns „sichtbar“ machen kann. Die Infrarotstrahlen dringen aufgrund ihrer physikalischen Eigenschaften tiefer in den Aufbau der Malschicht ein, als das sichtbare Licht. Letzteres wird in der Regel an der Oberfläche eines Gegenstandes teilweise absorbiert und teilweise reflektiert, woraus sich das für unser Auge sichtbare Bild ergibt. Infrarotstrahlung jedoch durchdringt mehrere Schichten des Malschichtaufbaus und wird erst viel tiefer im Gefüge absorbiert und reflektiert.

gemälde Restaurierungszentrum Infrarot BSV Detail 1

Detailaufnahme unter sichtbarem Licht – es kann lediglich erahnt werden, dass der Künstler seine Komposition geändert hat. Rechts neben der abgebildeten Person lässt sich eine schemenhafte Figur erkennen

gemälde Restaurierungszentrum Infrarot BSV Detail 2

Detailaufnahme unter Infrarot – es zeigt sich, dass der Künstler die Gestalt zunächst in aufrechter Haltung gemalt hat, seine Komposition aber dann für die endgültige Version des Bildes änderte

Programmänderung ….

Den Aufbau einer Bildkomposition haben Künstler meist mit Zeichnungen auf dem grundierten Bildträger (Holz oder – wie im vorliegenden Fall – Leinwand) vorbereitet. Diese sogenannte Unterzeichnung liegt unter den Farbschichten der Malerei und ist für uns heute nicht mehr ohne Weiteres sichtbar.

Mit Infrarotstrahlen können Unterzeichnungen sowie weitere Malschichten unter der Oberfläche sichtbar gemacht werden, da diese Strahlen bis in untere Schichten dringen können. Das Resultat können wir dann an der Kamera oder einem angeschlossenen Computer betrachten.

Die Unterzeichnung ist ein sehr wichtiger Schritt im Werkprozess von Künstlern und veranschaulicht deren Arbeitsweise. Neben Umrisslinien wurden auch Schraffuren zur Modellierung von Licht und Schatten vorgezeichnet. Besonders spannend sind sogenannte Pentimenti, zu Deutsch „Reuestriche“: Veränderungen, die während des künstlerischen Schaffensprozesses an Gemälden vorgenommen werden. Diese „Programmänderungen“ entstehen, weil der Künstler während des Prozesses mit der Linie und der Form spielt, um die für ihn ideale Wiedergabe seines „Bildgedankens“ zu erarbeiten. Im Fall der Anbetungsszene erkennt man neben den feinen Unterzeichnungslinien, dass der Künstler einen ganzen Bildabschnitt übermalt hat. Die ursprüngliche Version der männlichen Figur wurde komplett übermalt und diese nochmal in einer anderen Haltung, einer tieferen Verbeugung, leicht verschoben dargestellt. Vielleicht passte die Figur so stimmiger in die zentralperspektivisch angelegte Komposition. Warum der Künstler an dieser Stelle die Malerei verändert hat, bleibt letztlich aber unklar. Ein gelüftetes Geheimnis wird sogleich wieder selbst zu einem…

 

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