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Eine Residenz und ihre Stühle

Stühle Residenz Bamberg

Die Neue Residenz Bamberg verfügt nach der Münchner Residenz über einen der größten Bestände an historischem Inventar im Portfolio der Schlösserverwaltung. Nachdem wir uns im letzten Beitrag einem besonderen Schreibmöbel zugewandt haben, soll es nun um den reichen Fundus an Sitzmöbeln gehen.

Geht man mit offenen Augen durch eine beliebige der großen süddeutschen Schlossanlagen mit reichlich erhaltenem historischen Inventar, also beispielsweise durch die Münchner Residenz, durch das markgräfliche Schloss in Ansbach oder eben durch die Neue Residenz in Bamberg, wird man ohne Zweifel von der reichhaltigen Ausstattung dieser Raumkunstwerke beeindruckt sein: Gemälde, Kleinplastik, Keramik, Schreibmöbel, Wandmalerei, Stuckaturen – all dies trägt zu jenem überwältigenden ästhetischen Erlebnis bei, das die Besucherinnen und Besucher immer wieder in diese historischen Schlossanlagen strömen lässt. Dabei mag es dann fast etwas untergehen, welche Gattung jeweils den Hauptanteil an ausgestellten Objekten ausmachen dürfte: Sitzmöbel, also Tabourets (Hocker), Stühle, Armlehnsessel und nicht zuletzt die meist besonders kostbar gestalteten Throngarnituren.

Den Sitzmöbeln kommt auch in der Bamberger Sammlung allein schon zahlenmäßig eine besondere Bedeutung zu. Es haben sich tatsächlich etliche Garnituren in großen Stückzahlen erhalten. Die ältesten Sitzmöbel im Bestand finden sich heute im Kurfürstlichen Appartement. Es handelt sich dabei mehrheitlich um spätbarocke Möbel des Bamberger Hofschreiners Servatius Brickard.

historischer Stuhl Residenz Bamberg

Diese Garnitur George Jacobs stammt mit großer Sicherheit aus Schloss Karlsberg und wird künftig wieder – in restauriertem Zustand – im Fürstbischöflichen Appartement zu sehen sein.

Die meisten der heute in Bamberg aufbewahrten Sitzmöbel stammen allerdings aus dem späten 18. Jahrhundert. In einigen Fällen liegt es nahe, dass sie direkt für die Bamberger Residenz geschaffen wurden, in anderen ist eine Herkunft aus anderen Sammlungen, wie beispielsweise jener des pfälzischen Schlosses Karlsberg, anzunehmen. Die Karlsberger Möbel dürften sogar einen Großteil des klassizistischen Bestands der Bamberger Sitzgarnituren ausmachen. Die prachtvolle Sammlung Herzog Karl II. Augusts von Pfalz-Zweibrücken, des Bruders König Maximilians I., ist heute vor allem in Bayern zu bestaunen. Karlsberger Möbel finden sich u.a. in der Residenz München, in Schloss Nymphenburg – und in Bamberg, da Maximilian eigens angeordnet hatte, einige Stücke für die Wohneinrichtung seines Schwagers, Herzog Wilhelm, in Bamberg, das als Umschlagplatz für die pfälzische Sammlung gedient hatte, zu belassen.

Welcher Sessel ist gemeint?

Im Zuge der Neueinrichtung der Fürstbischöflichen Appartements treten selbstverständlich all jene Fragen zutage, die Kuratoren von Schlossmuseen eigentlich immer beschäftigen: Welche Möbelstücke können wir für welche Räume nachweisen? Lassen sich die Provenienzen der jeweiligen Möbel lückenlos nachvollziehen? Gibt es noch einen Bestand an Bamberger Stücken in anderen Schlössern? Die Liste an Fragen ließe sich beliebig verlängern.

Für Bamberg gilt: Die barocke Möblierung ist durch ein Inventar des frühen 18. Jahrhunderts dokumentiert. Allerdings gelingt es kaum, die dort verzeichnete Stücke den heute vorhandenen Möbeln zuzuweisen. Dafür ist dann eine Bezeichnung wie „6 sessel mit armlehnen“ einfach doch etwas zu unspezifisch. Da wir erst ab dem Übergang Bambergs an das bayerische Kurfürstentum 1802 wieder Inventare besitzen, bleibt gerade die spätbarocke Möblierung der Residenz leider im Dunkeln. Über das 19. Jahrhundert sind wir dann vergleichsweise gut informiert, zumal die Inventarmarken an den einzelnen Objekten zum Teil recht weit zurückreichen. Die vergleichsweise schlechte Überlieferungssituation der frühesten Einrichtung ist ein Grund dafür, dass seit der Wiedereinrichtung des Kaiserappartements 2009 den Fotodokumentationen des frühen 20. Jahrhunderts, die den letzten überlieferten Zustand wiedergeben, ein herausragender Quellenwert zugewachsen ist.

Audienzzimmer Kaiserappartement Residenz Bamberg

Audienzzimmer des Kaiserappartements, Fotografie um 1906. © Staatsbibliothek Bamberg.

Prunk- oder Gebrauchsgarnitur?

Zwei Beispiele sollen den Quellenwert der Fotografien und die damit einhergehenden Probleme bei der Konzeptfindung verdeutlichen. Stellen wir zwei Stühle gegenüber: Auf der einen Seite ein prächtiger klassizistischer Armlehnsessel um 1780 mit goldgelbem Damastbezug, auf der anderen ein relativ einfacher grau gefasster Stuhl aus derselben Zeit. Auf den ersten Blick wird klar: Wir haben es im Falle des Armlehnsessels mit einer klassizistischen Garnitur für gehobene Ansprüche zu tun. Das vergoldete Schnitzwerk der Rückenlehne ist akkurat gearbeitet, die Weißgold-Fassung noch recht gut erhalten, auch der Bezug des 19. Jahrhunderts würde nach einer Restaurierung ohne Zweifel musealen Standards entsprechen.

Stühle Residen Bamberg Vergleich

Links: Ein Armlehnsessel auf dem Empfangssalon Erbprinz Rupprechts.
Rechts: Nur ein kleiner Teil einer Bamberg Allzweckgarnitur.

Der ebenfalls Ende des 18. Jahrhunderts entstandene grau gefasste Stuhl stammt aus einer in großer Stückzahl überlieferten Bamberger Garnitur. Im Vergleich zum regelmäßig gearbeiteten, höchstwahrscheinlich französischen Armlehnsessel unseres ersten Beispiels sticht die weniger feine Bearbeitung direkt ins Auge. Die Formen sind auf den notwendigsten Dekor reduziert. Haben wir es beim Armlehnsessel mit einer repräsentativen Prunkausstattung zu tun, so handelt es sich hier ganz sicher vor allem um eine vielseitig einsetzbare Gebrauchsgarnitur.

Beide Garnituren werden Ende dieses Jahres zum ersten Mal seit gut hundert Jahren wieder in der Neuen Residenz zu sehen sein. Warum diese Sitzmöbel nicht mehr Teil der Ausstellung waren, zeigen vor allem die historischen Fotografien. Zur anspruchsvollen französischen Garnitur gehörten ursprünglich neben den Armlehnsesseln auch Stühle ohne Armlehnen und ein Sofa. Die Fotos um 1900 zeigen die Garnitur an durchaus prominenter Stelle: Im Empfangssalon des Erbprinzen Rupprecht von Bayern. Der Empfangssalon war in der letzten Wohnmöblierung einer der am hochwertigsten ausgestatteten Räume der Neuen Residenz. Er befand sich im Anschluss an die Raumflucht des Kaiserappartements im Bereich der heutigen Staatsbibliothek, durch deren Einbau das Raumensemble an dieser Stelle 1965 stark gestört wurde. Die prachtvolle klassizistische Sitzgarnitur, die Büste seines Großvaters Luitpold und das monumentale Schlachtengemälde: All diese Objekte verloren nach Rupprechts Auszug und erst recht nach den Umbaumaßnahmen des 20. Jahrhunderts ihren ursprünglichen Aufstellungsort.

Empfangssalon des Erbprinzen Rupprecht von Bayern

Der Empfangssalon Erbprinz Rupprechts. © Staatsbibliothek Bamberg.

Nur ein kurzer Hinweis am Rande: Dem auf dem Foto des Empfangssalons zu sehenden Rundtisch hat an dieser Stelle mein Kollege Dr. Christian Quaeitzsch bereits einen eigenen Blogbeitrag gewidmet. Er war ursprünglich für die Gemächer Prinzessin Sophies in Bayern in der Münchner Residenz bestimmt. Nach Auflösung der Verlobung 1867 fand der Tisch offensichtlich erst um 1900 wieder Verwendung im Bamberger Empfangssalon Prinz Rupprechts.

Eine Stuhlgarnitur für alle Fälle

Noch schwieriger liegt der Fall bei unserer Gebrauchsgarnitur. Studiert man die Fotografien um 1900 genauer, findet sich die Garnitur nicht nur in einem Raum, sondern an drei durchaus prominenten Stellen in der Neuen Residenz. Dies dürfte auch ihre hohe Stückzahl erklären. Im Fürstbischöflichen Appartement ergänzten sie im Weißen Saal, dem Hauptwerk des frühen Klassizismus in Bamberg, die Einrichtung als Skulpturengalerie um 1900, im Kaisersaal bildeten sie die Randbestuhlung und im Pavillon des Rosengartens waren sie Teil einer Sitzgruppe für die Erholung vom fürstlichen Tennis, das im Rosengarten auf einem eigens dafür angelegten Tennisplatz gespielt wurde.

Die Stühle im Weißen Saal Residenz Bamberg

Die Stühle im Weißen Saal, um 1906. © Staatsbibliothek Bamberg.

Die Stühle im Kaisersaal Residenz Bamberg

Die Stühle im Kaisersaal, um 1906. © Staatsbibliothek Bamberg.

Rosengarten Gartenpavillon innen Residenz Bamberg

Die Stühle im Pavillon des Rosengartens, um 1906. © Staatsbibliothek Bamberg.

Bei den Überlegungen Heinrich Kreisels, der seit den 1920er Jahren die Ersteinrichtung der Neuen Residenz als Schlossmuseum betreute, spielte diese Garnitur allerdings keine Rolle.

Kreisel, ein Kenner und Liebhaber des fränkischen Barockmöbels, richtete sein Hauptaugenmerk auf historisch klar definierte Zeitschnitte und nachvollziehbare ästhetische Qualität. Das Kurfürstliche Appartement, das mit seinen wuchtigen, geschnitzten Supraporten, dem barocken Zustand am nächsten kommen dürfte, möblierte er nahezu stilrein mit spätbarocken Ausstattungsgegenständen, das Kaiserappartement wurde zum Gastappartement mit hochrangigen Ausstattungsgegenständen verschiedenster Provenienz und im Fürstbischöflichen Appartement brachte Kreisel vor allem klassizistische Möbel und die Hinterlassenschaft König Ottos von Griechenland unter.

Die in großer Stückzahl vorhandene Gebrauchsgarnitur spielte in seinen Überlegungen, die nicht immer quellennah waren, jedenfalls keine Rolle. Sie verschwand in den Depots der Schlösserverwaltung oder wurde zur Ergänzung des Bestands an anderer Stelle benutzt. So fanden wir beispielsweise auf unserer Suche nach dieser Garnitur eine erstaunliche Anzahl an Stühlen in den Depots des Neuen Schlosses Schließheim wieder. Dauerhaft gezeigt werden die Stühle bis heute in der Residenz Ansbach im Gardesaal. Immerhin 16 Stück fanden hier ihre Aufstellung.

Stühle im Schliessheimer Depot, Auswahl

Masse und Macht… die Stühle im Schleißheimer Depot.

Gardesaal Ansbach Residenz

Der Gardesaal der Ansbacher Residenz mit den Bamberger Stühlen.

Und in Bamberg? Dort wird Ende des Jahres die anspruchsvolle französische Garnitur in einer Sonderausstellung zu unbekannten Schätzen aus den Depots der Bamberger Residenz zusammen mit anderen Einrichtungsgegenständen den verlorenen Empfangssalon des Erbprinzen illustrieren. Eine dauerhafte Aufstellung der Garnitur scheitert tatsächlich aus Gründen der historischen Nachvollziehbarkeit – die Sitzmöbel können nur für den abgegangenen Salon nachgewiesen werden.

Die Gebrauchsgarnitur hingegen wird im Weißen Saal, der wie um 1900 als Skulpturengalerie möbliert werden wird, zur Aufstellung kommen. Sie hat dann tatsächlich nach 100 Jahren wieder ihren Weg in die Neue Residenz gefunden, die sie einst wie kaum eine andere Garnitur geprägt hat.

 

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