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Maria Leopoldine von Österreich-Este – die „Retterin des Wittelsbacher Throns“

Kurfürstin Maria Leopoldine

Weiter geht es mit unserer Blogreihe rund um das Leben und Wirken weiblicher Persönlichkeiten, die in Verbindungen mit unseren Schlössern, Burgen und Residenzen stehen. Eine ganz besonders spannende Frau ist heute im Fokus: Maria Leopoldine von Österreich-Este (1776-1848). Die in Mailand geborene Erzherzogin war nur vier Jahre Kurfürstin von Bayern und der Pfalz, allerdings in politisch bedeutender Mission. Danach avancierte sie als Gutsbesitzerin und erfolgreiche Geschäftsfrau zur damals reichsten Frau Bayerns. Ihre Biographin Sylvia Krauss-Meyl attestiert der temperamentvollen Habsburgerin eine geistige und materielle Unabhängigkeit wie sie kaum eine andere Frau ihrer Zeit hatte.

Eine Glückliche Kindheit in Italien

Maria Leopoldine war eine Enkelin der Kaiserin Maria Theresia und eine Kusine des regierenden Kaisers Franz II. Ihre Eltern, Erzherzog Ferdinand Karl von Österreich, der Generalgouverneur der Lombardei, und Maria Beatrice aus dem Haus Este in Modena, begründeten die Linie Österreich-Este. Maria Leopoldine wuchs unter vielen Geschwistern glücklich und allseits gefördert in Mailand auf. Dies änderte sich schlagartig, als die gerade mal 18-Jährige gegen ihren Willen als Braut für den 70-jährigen Kurfürsten Karl Theodor von Pfalz-Bayern bestimmt wurde.

Karl Theodor Kurfürst

Kurfürst Karl Theodor von Pfalz-Bayern, nach Pompeo Batoni, um 1775/90, Residenz München.

Politische Heiratsabrede

Karl Theodor (lebte 1724-1799) regierte seit 1743 als Kurfürst von der Pfalz, seit 1777 auch von Bayern, da die bayerische Linie der Wittelsbacher ausgestorben war. Auch aus der Ehe Karl Theodors mit Elisabeth Auguste von Pfalz-Sulzbach gab es keinen Thronerben, denn der einzige Sohn war 1761 unmittelbar nach der Geburt verstorben. Als auch die Kurfürstin 1794 starb, ging der Kurfürst ohne Zeitverzug auf Brautschau, um das Erbe Pfalz-Bayerns doch noch für seine Linie zu sichern. Die blutjunge Maria Leopoldine verhieß nicht nur eine hohe Garantie für einen Thronfolger, sondern passte als Habsburger Erzherzogin auch ins politische Kalkül des Kurfürsten. Schon einmal – nach der Regierungsübernahme – hatte er versucht, Bayern an Österreich zu vertauschen, um dafür mit den habsburgischen Niederlanden ein arrondiertes Territorium mit Residenzen in Mannheim und Brüssel zu erlangen. Die Ehe zwischen Karl Theodor und Maria Leopoldine war also eine Verbindung im damals üblichen System politischer Heiratsabreden, angesichts des extremen Altersunterschieds von mehr als einem halben Jahrhundert allerdings besonders rücksichtslos.

Originalschauplatz Schloss Nymphenburg

Doch die junge Ehefrau machte diesen Plänen einen Strich durch die Rechnung, auch wenn sich zunächst alles ganz gut anzulassen schien. Am 15. Februar 1795 fand die Hochzeit in Innsbruck statt, das Paar zog in München ein.

Kurfürstin Maria Leopoldine Staatsportät

Kurfürstin Maria Leopoldine, Moritz von Kellerhoven, um 1795, Staatsporträt in der Residenz München.

Das Staatsporträt von Moritz von Kellerhoven, welches in der Residenz München an sie erinnert, zeigt Maria Leopoldine mit durchaus skeptisch-verhaltenem Blick. Die junge Kurfürstin wählte die Sommerresidenz Schloss Nymphenburg als dauerhaften Wohnsitz, deren ländliche Umgebung, aber vermutlich auch gewisse Autarkie vom Hof in München sie schätzte. Karl Theodor hatte die Hochzeit zum Anlass genommen, das Schloss mit Anbauten an die seitlichen Galerien zu erweitern. Noch heute ist dort sein im klassizistischen Stil mit chinesischen Elementen avantgardistisch dekoriertes Schreibkabinett zu besichtigen. Durch eine Geheimtür gewährte es ihm direkten Zugang zu den Räumen seiner Frau. Dieser ungewöhnliche Raum ist übrigens heute in München der einzige noch authentisch erhaltene Schlossraum aus der Epoche Karl Theodors.

Schloss Nymphenburg

Schloss Nymphenburg: Wohnsitz der Kurfürstin. Foto: Martha Feustel.

Karl Theodor Zimmer Nymphenburg

Schloss Nymphenburg, Blick in die nördlichen Karl-Theodor-Zimmer mit Büste des Kurfürsten als Herkules.

Selbstbewusste Kurfürstin

Doch schon nach kurzer Zeit entzog sich die junge Frau ihrem betagten und kränkelnden Gatten und verweigerte den ehelichen Gehorsam. Der österreichische Gesandte berichtete „Es geht im Ehebett nicht ganz gut“ und so sollte es in dieser „staatstragenden“ Angelegenheit auch bleiben. Stattdessen unterhielt die kapriziöse junge Frau ganz offen zahlreiche Liebschaften.

Maria Leopoldine und Karl Theodor

Links: Die junge Kurfürstin: Maria Leopoldine, 1797 porträtiert „nach der Natur“ von Joseph Hauber, Schloss Nymphenburg. Rechts: Kurfürst Karl Theodor von Pfalz-Bayern als Großmeister des St. Georgs-Ritterordens, gemalt von August Hickel, 1781, Schloss Nymphenburg.

Das zauberhafte Bildnis des Münchner Malers Joseph Hauber, 1797 „nach der Natur gemalt“ und heute in Schloss Nymphenburg zu bewundern, zeigt die 20-jährige Kurfürstin im modernen Empirekleid mit offenen dunklen Locken, befreit von Korsett, Reifrock und Perücke. Im selben Trakt in Schloss Nymphenburg, der erst kürzlich umfassend restauriert und neugestaltet wurde, ist auch das Bildnis des Kurfürsten im Ornat des St. Georgs-Ritterordens zu sehen – welch ein Kontrast zum Bildnis der jungen Frau.

So bestimmt und durchsetzungsstark wie sie sich in dieser untragbaren Ehe verweigerte, so konsequent und entschieden agierte Maria Leopoldine auch auf politischem Feld. Als der Kurfürst im Februar 1799 im Sterben lag, regelte sie die Nachfolge in Bayern zugunsten des von ihr geschätzten Max Joseph aus der erbberechtigen Wittelsbacher Nebenlinie Pfalz-Zweibrücken und gegen die Interessen des Kurfürsten und ihres eigenen Hauses Habsburg, das Bayern gerne einverleibt hätte. Damit erwarb sie sich große Popularität in der bayerischen Bevölkerung und galt als Retterin des Wittelsbacher Throns.

Geschäftstüchtige Unternehmerin

Nach dem Einzug Kurfürst Max IV. Josephs in München zog die Kurfürstinwitwe, so der neue Titel der 23-jährigen, zunächst nach Schloss Berg am Starnberger See. Abgeschoben nach Laibach gebar sie einen unehelichen Sohn von unbekanntem Vater. Nach Bayern zurückgekehrt, erwarb sie 1802 das Landgut Schloss Stepperg nahe Neuburg an der Donau, das sie fortan höchst erfolgreich bewirtschaftete und mit weiteren Ländereien und dem Erwerb von Brauereien geschäftstüchtig erweiterte. 1804 heiratete Maria Leopoldine ein zweites Mal, Graf Ludwig von Arco, zog mit ihren Söhnen nach München, wo sie gesellschaftlicher Mittelpunkt war, geschätzt auch vom nachfolgenden König Ludwig I. Gegen Ende ihres Lebens stieg sie sogar ins Börsengeschäft ein. 1848 verunglückte Maria Leopoldine, die zeitlebens viel unterwegs war, auf tragische Weise bei einem Kutschenunfall nahe Wasserburg am Inn und starb noch an der Unfallstelle. Begraben wurde sie in der Gruftkapelle ihres Landgutes Schloss Stepperg, das noch heute in Privatbesitz besteht.

Emanzipierte Frau

Mit ihrer persönlichen Verweigerung in einer zu Staatswohl und Versorgung angelegten, höchst ungleichen ehelichen Liaison, mit ihrer politischen Entscheidungskraft in der Konkurrenz um das Erbe Bayerns, mit ihrer erfolgreichen beruflichen Karriere und mit ihrem unkonventionellen Lebensstil war Maria Leopoldine wahrlich eine emanzipierte Frau, der man gerne in Schloss Nymphenburg nachspürt.

 


Allen, die noch mehr über die unkonventionelle Kurfürstin erfahren möchten, können wir diese BR Podcast-Folge von Carola Zinner empfehlen. Viel Vergnügen damit!

 

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