Geheimnisse
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„Wiedersehen unsere Hoffnung“ – Mathias Gasteiger & die Familiengrabstätte Banzer im Alten Südlichen Friedhof

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Mathias Gasteiger, 1898 fotografiert vom Kgl. Bayerischen Hofphotographen Franz Werner

In diesem Jahr möchte die Bayerische Schlösserverwaltung mehrmals an den Münchener Bildhauer Mathias Gasteiger (1871-1934) erinnern. Der Geburtstag des Künstlers hat sich am 24. Juni zum 150. Mal gejährt. Leider müssen wir das Künstlerhaus am Ammersee COVID19-bedingt geschlossen halten, aber wir wollen euch in den nächsten Monaten zu einigen Rundgängen durch die Münchener Innenstadt einladen. Dort wollen wir euch Brunnen, Grab- und Denkmäler vorstellen, die Gasteiger für den öffentlichen Raum geschaffen hat. Mehrere Arbeiten stehen auf Plätzen und an belebten Straßen. Andere stehen abseits und finden kaum mehr Beachtung. Hier könnt ihr einige Entdeckungen machen!

Unser erster Rundgang hat zum ‚Brunnenbuberl‘ in die Kaufinger Straße geführt. Mit dieser Brunnenfigur war Gasteiger der künstlerische Durchbruch gelungen. Sie hatte 1892 für erhebliches Aufsehen gesorgt und dem Künstler schon bald einen lukrativen Auftrag beschert. Der Münchener Gastwirt Max Banzer hatte bei Gasteiger ein Grabmal bestellt, für das er zuvor eine Gruft im Alten Südlichen Friedhof erworben hatte. Den Anlass dazu bot der Tod seines einzigen Sohnes, der in jungen Jahren 1893 gestorben war. Zwei Jahre später wurde das Grabmal an seinem heutigen Platz aufgestellt.

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“M. Gasteiger” – Detail am Grabmal

Die Familiengrabstätte Banzer befindet sich im südlichen Friedhofsbereich neben dem Ausgang zur Kapuzinerstraße. Es hat die Form einer Ädikula, die Gasteiger vor die Friedhofsmauer einpassen ließ. Der Sockel, die Rückwand und der halbrunde Giebel sind aus hellgrauem, die Säulenschäfte aus rot-weiß gemasertem Kalkstein. Den Hauptschmuck bildet jedoch ein Bronzerelief, das von der Sockelzone bis ins Gebälk der Ädikula reicht. Allein das Relief ist 340 cm hoch, 136 cm breit und 65 cm tief. Die beachtliche Tiefe geht auf die vollplastische Figur einer Mutter zurück, die am unteren Reliefrand vor dem Grab ihres Sohnes sitzt und seiner aufsteigenden Seele nachschaut.

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Ein Engel hat die Seele bereits in Empfang genommen und wird sie zusammen mit anderen Engeln die Himmelsleiter hinauf bis vor die Pforte des Paradieses geleiten. Die Lilien, die am Grab des Verstorbenen blühen, erinnern an die Auferstehung und an die Seelenreinheit des Toten. Auf dem Grabstein im Rücken der Mutter ist der elterliche Wunsch in den Stein graviert: WIEDERSEHEN UNSERE HOFFNUNG.

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Neben dem finalen Entwurf gehen dem Bronzerelief zwei Gipsentwürfe voraus, die gegenüber dem Relief ein völlig anderes Bildmotiv zeigen.

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Links: Gipsmodell zum Grabmal Banzer, um 1893/1894; rechts: Gipsmodell zum Grabmal Banzer, um 1894/1895, historische Fotografien.

Im Mittelpunkt steht ein Engel, der eine trauernde Mutter hält und sie zu trösten versucht. Hier hat Gasteiger den Kummer und die Verzweiflung der Mutter in den Blick gerückt. banzer grabmal alter südfriedhof gasteigerAuf dem Bronzerelief thematisiert er stattdessen den Glauben und die Zuversicht auf ein Wiedersehen nach dem Tod. Diese Hoffnung drückt sich auch auf der halbrunden Tafel aus, die oberhalb des Bronzereliefs angebracht ist und inschriftlich an den Tod des Sohnes (1893), der Mutter (1901) und des Vaters (1906) erinnert. Im Tod, so die Botschaft des Grabmals, sind die Eltern mit ihrem Kind wieder vereint, und dies schließt den Glauben auf ein Wiedersehen im Paradies mit ein.

Gasteiger hat die Form der Erzählung gewählt und für die künstlerische Umsetzung ein extremes Hochformat empfohlen. Wäre einer der früheren Entwürfe zur Ausführung gelangt, wäre das Bildformat einer Altartafel ausreichend gewesen. Das Relief hätte vermutlich die Höhe eines Säulenschaftes gehabt und wäre oberhalb der Säulenbasen eingesetzt worden, aber Max Banzer hatte sich für den späteren Entwurf des Künstlers entschieden. erzgiessereiSchließlich wurde der Guss der Bronzetafel bei der W. Rupp’schen Erzgießerei in München in Auftrag gegeben. Die Inschriften im Rundbogenfeld sind jedoch jünger und gehen auf Veranlassung der zweiten Ehefrau Max Banzers zurück. Banzer hatte 1903 noch einmal geheiratet. Seine zweite Frau starb 1932 in Wien.

 


Literatur

Claudia Denk / John Ziesemer, Kunst und Memoria. Der Alte Südliche Friedhof in München, Berlin/München 2014, S. 442-444.

Weitere Informationen zum Alten Südfriedhof findet ihr auf dieser Webseite.

 

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