Im Jahr 2025 jähren sich die Zerstörungen des 2. Weltkriegs einiger bedeutender Baudenkmäler zum 80. Mal. Auch in unseren Museen werden die tiefgreifenden Ereignisse der Kriegszerstörung und des Wiederaufbaus thematisiert. Im folgenden Beitrag blicken wir nach Nürnberg, wo ihr zur Zerstörungs- und Wiederaufbaugeschichte der Kaiserburg direkt vor Ort mehr erfahren könnt.
Die Ausstellung der Kaiserburg Nürnberg „Kaiser-Reich-Stadt“ mit ihrem Rundgang durch die historischen Räume fragt nach der Funktionsweise des Alten Reichs als Wahlmonarchie, dessen Grundgesetz, die „Goldene Bulle“, im Jahr 1356 unter Karl IV. in Nürnberg beraten wurde und bis zum Ende des Reichs 1806 Gültigkeit hatte. Parallel wird an geeigneten Stellen die Bau-, Nutzungs-, Zerstörungs- und Wiederaufbaugeschichte der Kaiserburg in Zeitschnitten sichtbar gemacht.
Am Ende des Zweiten Weltkriegs lag die Kaiserburg Nürnberg wie die ganze Nürnberger Altstadt in Trümmern. Die Wiedererrichtung der Burg orientierte sich in vielem am unmittelbaren Vorkriegszustand, der erst 1934 entstanden war, im Sinne der damals von den Architekten der Bayerischen Schlösserverwaltung unter Rudolf Esterer (1879-1965) angewandten „Schöpferischen Denkmalpflege“. Erst 1934 kam die Kaiserburg in die Obhut der ehemalien Krongutsverwaltung und erst damals erhielt diese vom nationalsozialistischen Ministerpräsidenten Ludwig Siebert (1874-1942) den Auftrag, die ehemalige Reichsveste für das insbesondere seiner verkehrsgünstigen Lage wegen als Stadt der Reichsparteitage auserkorene Nürnberg als „Ehrenunterkunft“ dienstbar zu machen.
Zu diesem Zweck wurde die neugotische Ausstattung entfernt, die erst im 19. Jahrhundert eingebracht worden war, um dem bayerischen Königshaus in der bis 1806 unmittelbar dem Kaiser unterstellten Reichsstadt eine Nebenresidenz zu bieten, mit der die Einheit des neuen Königreichs gestärkt werden und gleichzeitig ein „Museum des Mittelalters“ gebildet werden sollte.
Die Umbaumaßnahmen von 1934 dagegen zielten auf die Erschaffung eines „wahren“ mittelalterlichen Burgbildes aus der Glanzzeit Nürnbergs um 1500. Beim Wiederaufbau nach dem Zweiten Weltkrieg knüpfte man an diese Geschichtsinterpretation aus dem vermeintlichen Geist der Erbauungszeit wieder an, nun allerdings unter Weglassung von Zeichen des „Dritten Reichs“.
Im oberen Stockwerk des Palas sollten Stilräume aus der Nutzungsphase des Alten Reichs eingerichtet werden. Doch überzeugte dieser Versuch bereits wenige Jahrzehnte nach dem Wiederaufbau nicht mehr. Der Palas wurde von den Besuchern als leer wahrbenommen. Ein weiteres Ausschmücken mit Mobiliar hätte aber den falschen Eindruck verstärkt, dass hier das einzig echte und ursprüngliche Raumbild zu sehen wäre.
Deshalb traf die für die Neupräsentation zuständige Museumsabteilung 2013 die Entscheidung, die historischen Räume selbst als Exponate zu thematisieren und anhand von Zeitschnitten sowie direkt bei den Ausstattungsstücken Einblicke in ihre bisher erforschte Geschichte zu geben. Damit können die Besucherinnen und Besucher heute mehr über den Wandel der Räume erfahren und ihren Blick für Alt oder Neu schärfen.
Zeitschnitt 1945
Die Aufnahme zeigt die massiven Zerstörungen durch die Luftangriffe: Das Obergeschoss des Saalbaus (Palas) wurde weggerissen. Wo nach Westen Räume an die beiden Säle anschlossen, ist ein Krater bis ins Erdgeschoss zu sehen. Die kaiserliche Doppelkapelle ist abgedeckt, aber das Gebäude selbst mitsamt dem Chorturm (Heidenturm) sowie der markante Sinwellturm sind stehen geblieben. Bei den Wirtschaftsgebäuden der Vorburg ist vom langgestreckten Fachwerkgebäude der Himmelsstallung nur noch ein Gerippe erkennbar. Die als Hasenburg bezeichnete Torhut rechts davon ist dagegen fast unversehrt. Dem westlichen Erweiterungsbau (1564) des höher gelegenen Sekretariatsgebäudes fehlen die Dachziegel, aber das Gebäude ist erhalten.
Zeitschnitt vor 1934
Die Kunst des Historismus hatte in der Denkmalpflege der 1920er und 1930er Jahre einen schweren Stand. Die im Jahrhundert zuvor so passend erschienene Neueinrichtung der Burg im „altdeutschen Stil“, wie hier im oberen Saal des Palas, wurde nun als pseudogotisch und schwächlich geschmäht. Rudolf Esterer sah das Innere der Burg gar „durch schwere Mißhandlungen der Zeit zerschunden“. Abzielend auf „das wahre Bild der alten Kaiserburg“ kam für ihn ein Beibehalten des Bestehenden nicht in Frage.
Zeitschnitt nach 1934
Dem oberen Saal des Palas widerfuhr ab 1934 eine Purifizierung. Fortan besaß der Raum eine einfache Bretterdecke, grau verputzte Wände, eine neue Treppe in den unteren Saal, neue Kronleuchter und noch weniger Einrichtungsgegenstände. Der Dekorationsreichtum des Historismus wich einem Erscheinungsbild, das vermeintlich dem des späten Mittelalters entsprach, mit seiner kühl-sachlichen Formensprache aber freilich genau den Geschmack des NS-Architekturverständnisses traf.
Zeitschnitt nach 1950
Der obere Saal – nun bezeichnet als Kaisersaal – nach dem Wiederaufbau, verlängert um den Raum des früheren Vorzimmers. Nürnberg, nach 1950. Stadtarchiv Nürnberg (A38-L-34-11)
Der obere Saal des Palas existierte nicht mehr. Esterer erschuf ihn nach den Prinzipien von 1934 neu, jedoch mit einer signifikanten Änderung: Indem das frühere Vorzimmer nicht wiederhergestellt und dessen Fläche dem Saal zugeschlagen wurde, vergrößerte sich dieser um fast ein Drittel. Damit wurde aus dem einstigen Einsäulen-Saal ein Zweisäulen-Saal mit veränderten Proportionen. Im Erscheinungsbild wirkte der Raum angesichts spärlichen Inventars noch karger als sein Vorläufer. Erst um 1970 wurden die Räume mit neu angekauften Möbeln im Sinne von Stilräumen dann weiter eingerichtet.
Neupräsentation der Kaiserburg 2013 – der obere Saal des Palas
Die hinterleuchteten Raumteiler zeigen Ansichten des Saals zu verschiedenen Zeiten, auch im zerstörten Zustand und während des Wiederaufbaus.
Zum Schluss haben wir noch einen Tipp: Auf dem Sinwellturm, dessen in den 1560er Jahren errichtete Geschützplattform einen hervorragenden Rundblick erlaubt, führen Fotografien aus der Zeit vor und nach dem Zweiten Weltkrieg, die in optischer Korrelation zu den Aussichtsfenstern gesetzt sind, das Verhältnis von Zerstörung und Rekonstruktion von Burg und Altstadt eindrücklich vor Augen. Wir freuen uns, wenn ihr vorbeischaut und selbst vergleicht!
Titelbild: Die zerstörte Kaiserburg. BSV