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Prunkmöbel aus Bayerns Schlössern: Ein Spieltisch aus dem 17. Jahrhundert

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Die Prunkmöbel in Bayerns Schlössern halten so manche Überraschung parat. Sie verblüffen nicht nur durch vollendetes Kunsthandwerk und exquisite Materialien. Durch technisch ausgeklügelte Mechanismen lassen sich einige Möbel wie von Geisterhand öffnen – Spieltische verbergen ganze Spielesammlungen und Sekretäre ausgeklügelte Geheimfächer in ihrem Innern. Erkunden Sie mit unseren Filmchen und Animationen die Geheimnisse von Nähtischchen, Sammlungsschränken und anderen Möbeln. In loser Folge stellen wir Euch einige unserer schönsten und spannendsten Stücke vor.

Entstanden sind die Filme und Animationen im Rahmen des Digitalisierungsprojektes „Prunkmöbel aus Bayerns Schlössern“ für das Internetportal bavarikon. bavarikon  ist das Portal zur Kunst, Kultur und Landeskunde des Freistaats Bayern im Rahmen des Bayerischen Kulturkonzepts. Es präsentiert digital Kunst-, Kultur- und Wissensschätze aus Einrichtungen in Bayern. Die Bayerische Schlösserverwaltung ist hier Mitglied und präsentiert ausgewählte Schätze.


Aus Spiel wird Ernst: Ein prunkvoller Spieltisch aus der Residenz München erzählt Geschichte

Spieltisch Residenz München

In seiner ganzen Pracht: Der Prunkspieltisch in der Residenz München

Auf dem Rundgang durch die Münchener Residenz begegnen wir in den Trier-Zimmern einem prunkvollen Spieltisch. Die um 1670 in Augsburg entstandene Tischplatte besitzt prächtige Einlegearbeiten aus graviertem Perlmutt, Schildpatt und Ebenholz. Gezeigt werden Darstellungen aus den Themenkreisen Natur, Jagd und Krieg. Im Zentrum ist ein sogenanntes Tropaion dargestellt – ein aus der Antike bekanntes Siegessymbol aus Brustpanzer, Helm, Waffen und Musikinstrumenten, die auf dem Schlachtfeld zum Einsatz kamen. Umgeben ist diese Trophäe von Pflanzen und teils exotischen Tieren wie einem Dromedar oder einem Einhorn. In dem umlaufenden Fries erkannte der gebildete Betrachter des 17. Jahrhunderts ein beliebtes antikes Jagdthema: der Jäger als Gejagter. So wird ein Hase von einem Fuchs gejagt, der Fuchs vom Jagdhund und der Hund vom Löwen. Mit den Themen Jagd, Krieg und Spiel repräsentiert die Tischplatte das adelige Leben des 17. Jahrhunderts. Die Motive und Materialien verraten: Der Eigentümer dieses Tisches, Kurfürst Ferdinand Maria von Bayern, stellt uns damit Ideale vor, die ein Fürst seiner Zeit haben sollte: weltläufig, wohlhabend und gebildet sollte er sein.

In der Zarge des Tisches verbirgt sich ein prachtvolles Tric-Trac-Spielbrett. Die Spielfiguren befinden sich heute im Bayerischen Nationalmuseum.

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Auch das noch: Ein prunkvolles Spielbrett verbirgt sich in der Zarge des Tisches

Den hohen künstlerischen, repräsentativen und materiellen Wert dieser Tischplatte erkannte auch der kunstsinnige Kurfürst Max Emanuel, der für den Tisch seines Vaters um 1790 ein neues Untergestell erschaffen ließ. Mit diesem erfuhr der Tisch eine Bedeutungserweiterung von der Darstellung adeligen Lebens und nobler Repräsentation an sich hin zur Verherrlichung einer bestimmten Persönlichkeit: des erfolgreichen Feldherrn und „Türkenbezwingers“ Max Emanuel. Zwei gefesselte, nackte, kniende türkische Krieger tragen die Last der Tischplatte auf ihren Schultern. Sie flankieren zwei Adler auf europäischen Ritterhelmen, die die Tischplatte auf ihren ausgebreiteten Schwingen balancieren. Unterschiedliche Waffen sind auf der Bodenplatte verteilt. Max Emanuel, der christliche Herrscher, lässt sich hier als Sieger gegen die Türken (in den Türkenkriegen 1683-1688) feiern – ein Motiv, das für die Selbstinszenierung Max Emanuels von höchster Bedeutung ist.

Wie weit eine solche Selbstinszenierung gehen kann? Das erlebt Ihr im Neuen Schloss Schleißheim!

Spieltisch Residenz München Detail

Schwere Last: Türkische Kriegsgefangene tragen die Tischplatte

Doch wozu diente dieser eindrucksvolle Tisch?

Schwer vorstellbar erscheint uns heute, die Füße zum Trickstrackspiel unter diesen Tisch zu stellen und wohlmöglich die feinen Versilberungen und Vergoldungen zu zertreten. Dies war auch zu Zeiten Max Emanuels nicht anders: Der Prunkspieltisch ist wahrscheinlich nicht als Spieltisch, sondern als Repräsentationsobjekt genutzt worden. Damals wie heute versetzt er seine Betrachter in Staunen.

♦♦♦  Hier geht es zur Objektseite mit Film auf bavarikon.


 

Der Spieltisch auf einen Blick:
Prunkspieltisch aus der Residenz München, Inventar-Nummer Res.Mü M143
Entstanden um 1670 (Tischplatte) bzw. um 1790 (Gestell)
Maße: 81,5 x 153 x 108 cm
Material: Schnitzereien: Lindenholz, versilbert und vergoldet; Furnier: Ebenholz, Palisander, Amarant, Nussbaum, Zeder; Marketerie: Perlmutt, Schildpatt, Zeder

 


Literatur: Edgar Bierende, Kat.-Nr. 20, Prunkspieltisch mit gefesselten Türken, in: Brigitte Langer (Hg.), Pracht und Zeremoniell. Die Möbel der Residenz München, Ausstellungskatalog, München 2002, S. 172. Hier auch weiterführende Literatur.

 

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