Hinter den Kulissen
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Ein Schreibtisch für den Fürstbischof

Schreibtisch in der Residenz Bamberg

Im Gegensatz zu den Residenzen in Aschaffenburg, Würzburg und München blieb die Neue Residenz Bamberg im Zweiten Weltkrieg von großflächigen Zerstörungen verschont. Heute präsentieren sich dem Besucher in dem weitläufigen Bau mit seinen Raumdekorationen des späten 17. und 18. Jh. zahlreiche Möbel und Kunstschätze. Ein ganz besonderes Highlight ist dabei der Schreibtisch des Fürstbischofs Adam Friedrich von Seinsheim, der nach Abschluss der Restaurierung künftig wieder im Fürstbischöflichen Appartement zu sehen sein wird.

Neben der Residenz in München besitzt die Neue Residenz Bamberg als Raumkunstmuseum in der Bayerischen Schlösserverwaltung eine der reichhaltigsten Ausstattungen an historischem Inventar, darunter mehr als 500 Möbelstücke unterschiedlichster Art. Drei von sechs Appartements des musealen Bereichs sind primär als Wohn- und Prunkappartements eingerichtet.

Die Ausstattung von Schlössern befand sich in Zeiten ihrer historischen Nutzung im steten Wandel. Gleich eines Wohnhauses wurde ihre Möblierung mit nahezu jedem Bewohner umgestaltet, umdekoriert, verändert. Das heißt natürlich nicht, dass nicht einzelne Objekte auch über Jahrhunderte hinweg weiterverwendet wurden. Aus diesem kontinuierlichen Wandel ergibt sich beim Gang durch museal präsentierte Schlösser das heute gewohnte Bild der Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen.

Dies ist auch in der Bamberger Residenz nicht anders. Speziell im Königreich Bayern wurden immer wieder Möbel aus Nebenresidenzen und aus dem reichen Bestand der Münchner Residenz nach Bamberg transferiert, darunter die kostbare Adlertapete aus dem Koblenzer Schloss und zahlreiche klassizistische Sitzgarnituren. Im Falle der Letzteren weisen in Einzelfällen ältere Inventarmarken der Residenz München auf ihre ursprüngliche Provenienz hin. Auch aus dem Pfälzer Erbe der Wittelsbacher kamen Anfang des 19. Jahrhunderts Möbel nach Bamberg.

Nicht immer bieten hier die Altinventare genügend Anhaltspunkte, um alle Provenienzen aufzuklären: Zwischen den ersten Inventaren aus den Jahren 1716/17, die den barocken Ausstattungsstand dokumentieren und dem Inventar von 1802, das infolge der Säkularisation als eine Art Übergangsprotokoll zwischen Fürstbischöfen und Wittelsbachern fungierte, klafft leider eine inventarlose Lücke von fast 100 Jahren, die manche Zuordnungen erschwert. Die Ausstattung im Laufe des 19. Jahrhunderts ließe sich zumindest fallweise durch eine Vielzahl an Inventaren rekonstruieren. Sicher ist: Sie änderte sich rasant je nach dem Geschmack der Bewohner: Herzog Wilhelm in Bayern, der erste Wittelsbacher in der Residenz, wohnte mit seiner Familie anders als Kronprinz Maximilian, dieser wiederum anders als König Otto oder das Erbprinzenpaar Rupprecht und Marie Gabriele. Eine Ahnung der Einrichtung des Erbprinzenpaars gibt heute das Kaiserappartement, das 2009 weitgehend nach zeitgenössischen Fotografien eingerichtet wurde.

Eine Residenz, viele Schreibmöbel

Unter dem besonders umfangreichen und bedeutenden Bestand historischer Prunkmöbel in der Neuen Residenz befindet sich eine erstaunliche Anzahl herausragender Schreibmöbel. Alle, ob von Bamberger Hofschreinern oder von auswärtigen Künstlern geschaffenen Schreibmöbel, sind von herausragender künstlerischer und materieller Qualität. Ihre Oberflächen sind in der Regel mit Furnieren aus unterschiedlichen und seltenen Hölzern versehen und mit Metalleinlagen oder feuervergoldeten Applikationen verziert. Die Möbel zeigen hohen materiellen Aufwand und zum Teil erstaunliche technische Raffinesse. Dem Akt des Schreibens, genauer des herrschaftlichen Schreibens, wurde ganz offensichtlich eine besondere Wichtigkeit zugemessen.

Schreibtisch Residenz Bamberg Detail

Die Beschläge des Seinsheim-Schreibtisches weisen großen Detailreichtum auf.

Das differenzierte System von Schreibmöbeln, das sich auch im Bestand der Neuen Residenz widerspiegelt, entwickelte sich erst in der Frühen Neuzeit – nachdem noch im Mittelalter Schreiben eine Tätigkeit war, die vor allem stehend ausgeübt wurde. Der Schreibschrank (oder Aufsatzsekretär) entwickelte sich ursprünglich aus dem Kabinettschrank, einem Aufbewahrungsmöbel ohne ausziehbare oder ausklappbare Schreibfläche. Frühe Exemplare von Schreibschränken gleichen einem Schrank oder einer Kommode, spätere eher einem Tisch mit Aufsatz. Jener Aufsatz enthielt Sortierfächer, Schubfächer und Aussparungen für Tinte, Papier oder Dokumente und war oft mit einem nach vorne ausklappbaren Pultdeckel verschlossen, der im geöffneten Zustand als Schreibplatte diente. Weitgehenden Verzicht auf Stauraum übte hingegen das Bureau Plat, ein langer und eleganter (Schreib-)Tisch mit Schubladen unter der Tischplatte.

Das Design der Schreibmöbel im 18. Jahrhundert variierte in der Regel zwischen diesen funktionalen Extremen, aber natürlich auch zwischen den Stilen verschiedener Epochen. Eine Sonderstellung zwischen Kabinettschrank und Schreibtisch nimmt das sogenannte Zylinderbüro ein, das vor allem im Klassizismus sehr geschätzt wurde. Hier verschwanden Fächer, Schubladen und Schreibplatte unter einer zylinderförmigen Haube. So konnte bei Abwesenheit oder auch einer Arbeitsunterbrechung des Fürsten die Korrespondenz von neugierigen Blicken verborgen werden, ohne den Schreib- oder Arbeitsplatz frei räumen zu müssen – neben den ästhetischen Gesichtspunkten also auch ein überaus praktischer Aspekt.

Technik, die begeistert

Zu den kostbarsten Möbeln, die nach Abschluss der Sanierungsarbeiten wieder im Fürstbischöflichen Appartement zu sehen sein werden, zählt der Schreibtisch des Fürstbischofs Adam Friedrich von Seinsheim, der 1763 vom Bamberger Hofschreiner Johann Michael Bauer angefertigt wurde (BaRes-M0111, Korpus: Rotbuche, mit Nussbaum furniert).

Über Auftraggeber und Provenienz dieses herausragenden Prunkmöbels herrscht erfreulicherweise Klarheit: Die Beschläge der Seitenwände zeigen auf der einen Seite das Wappen des Fürstbistums Bamberg und auf der anderen Seite die Initialen des Fürstbischofs Adam Friedrich von Seinsheim. Diese vergoldeten Bronzen mit delikaten Rocaillen dürften zwar die teuerste Zutat an diesem Möbel gewesen sein, aus der Masse erhaltener Schreibmöbel ragt dieser Tisch aber vor allem durch seine technische Finesse heraus: Ein komplizierter Mechanismus war dazu angetan, den Zuschauer zu beeindrucken. Der Jalousieverschluss drehte beim Öffnen die Schreibplatte und ließ sie gleichsam heraufschwenken. Der Verschluss selbst verschwindet bündig im Korpus und ist im geöffneten Zustand nicht mehr zu sehen. Diese Mechanik ist im deutschen Möbelbau einmalig geblieben.

Residenz Bamberg Beschläge Schreibtisch Detail

Trotz des im geschlossenen Zustand die Form des Möbels bestimmenden Zylinders kann dieser Schreibtisch kaum als klassisches Zylinderbüro angesprochen werden. Eher noch entspricht es einer Vereinigung der schlichten Eleganz des französischen Bureau Plat, also des einfachen flachen Schreibtisches, mit eben jener Technik des Zylinderbüros. Durch die fehlende Rückwand erscheint der Tisch eher als eine raffinierte Abwandlung des einfachen Schreibtischprinzips denn als wuchtiges, schrankartiges Möbel. Zweifelsohne war dies auch im repräsentativen Zusammenhang von Bedeutung: Im Gegensatz zum massiven, wandgebundenen Zylinderbüro konnte dieser Schreibtisch, der noch dazu auf praktischen Rollen steht, nahezu in jedem Raum allansichtig genutzt werden.

In technischer Raffinesse und im stilsicheren Umgang mit den Grundformen des zeitgenössischen Schreibmöbels ist der Seinsheim-Schreibtisch eines der herausragenden Möbel der Übergangszeit zwischen Rokoko und beginnendem Klassizismus. Er ist nicht nur in der Bamberger Sammlung, zu der er seit jeher gehört, ein Solitär, sondern auch in der deutschen Schreinerkunst der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts.

Wo stand der Schreibtisch?

Lange wurde der Seinsheim-Schreibtisch, der in kaum einer Aufstellung zu den Höhenpunkten der Kunst des europäischen Schreibmöbels fehlt, dem Hofschreiner Balthasar Herrmann zugeschrieben. Sigrid Sangl hat jedoch über Rechnungseinträge und stilistische Vergleiche mit anderen Arbeiten Herrmanns den Schreibtisch recht zweifelsfrei dem Hofschreiner Johann Michael Bauer zuweisen können. Die Zahlung von 100 Gulden für einen Schreibtisch „in das Cabinet zu Hofe“ erfolgte 1763.

Residenz Bamberg Schreibtisch

Der Schreibtisch im Chinesischen Kabinett um 1900. © Staatsbibliothek Bamberg.

Mit diesem Kabinett ist mit Sicherheit das heute so bezeichnete Chinesische Kabinett zu identifizieren, dessen Raumgetäfel als absolute Spitzenleistung des Bamberger Hofschreinerhandwerks gelten muss. Heinrich Sigmund Kempell und Andreas Bauer schufen dieses Raumkunstwerk zwischen 1705 und 1708 zusammen mit den spektakulären Intarsienböden. In diesem „Cabinet“ fanden schon seit seiner Entstehung ein oder sogar mehrere Schreibmöbel Aufstellung. Deutlich ist, dass dieser an Kostbarkeit kaum zu überbietende Raum der Neuen Residenz von jeher dem sowohl privaten als auch öffentlichen zeremoniellen Schreiben gewidmet war.

Das Residenzinventar von 1802 erwähnt das Möbel, insofern die Zuordnung stimmt, im heutigen Gelben Salon. Sicher stand es um 1900 wieder im Chinesischen Kabinett des Fürstbischöflichen Appartements, wo es nach der Neuaufstellung 2020 auch wieder zu sehen sein wird.

 


Titelbild: Schreibtisch im Vorzimmer der Fürstbischöflichen Wohnräume der Residenz Bamberg. Foto: Uwe Gaasch.

 

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