Hinter den Kulissen
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Sechs Fürstbischöfe beim Billard

Bamberg kavalierstafelzimmer

In der zweiten Hälfte diesen Jahres öffnet die Neue Residenz in Bamberg nach fast zehnjähriger Sanierungszeit mit neuem Gesicht ihre Tore. Die Wartezeit bis dahin soll jeden Monat mit einem Blick hinter die Kulissen verkürzt werden. Heute: Sechs würdige Herren in frühklassizistischem Umfeld.

Der Baukörper der Neuen Residenz mit seinen zwei mächtigen Barockflügeln, die sich gleichsam um einen Spätrenaissancebau legen, wurde um 1700 unter Fürstbischof Lothar Franz von Schönborn fertiggestellt und erfuhr seither kaum mehr größere Veränderungen. Im ihrem Inneren jedoch erlebte die Residenz – gerade im Appartement der Fürstbischöfe – immer wieder durchaus einschneidende Umbauten. Die späteste Erneuerungskampagne dürfte unter Fürstbischof Adam Friedrich von Seinsheim (reg. 1757-1779), der zugleich in Würzburg und Bamberg regierte, stattgefunden haben.

Seinsheims Herrschaft steht nicht zuletzt unter dem Zeichen einer schleichenden Veränderung des höfischen Zeremoniells. Die festgefügten Formen des im Alten Reich verbindlichen spanischen Hofzeremoniells wichen einem freieren Umgang mit der höfischen Etikette. Dies mag das Beispiel der fürstbischöflichen Tafel zu verdeutlichen: Saß man zu Regierungsantritt des Bischofs noch streng nach Rangfolge der einzelnen Teilnehmer, so verfügte er 1775, dass ihm selbst in Zukunft kein besonderer Sessel mehr bereitgestellt werden sollte. Schon vorher konnten die Gäste zu besonderen Anlässen pêle mêle sitzen, also nach zufälliger, oft auch ausgeloster Reihung.

Die Galerie der Bamberger Fürstbischöfe

Vielleicht steckt auch hinter Seinsheims wichtigster Umbaumaßnahme in der Residenz eben jener Wunsch nach einer Lockerung des starren Zeremoniells. Der Fürstbischof ließ die beiden an die Gardesäle angrenzenden Räume, die in älteren Inventaren als Kavalierstafelzimmer und Obermarschallszimmer beschrieben werden, prachtvoll neu ausstatten. 1772 wurden die beiden Räume umgebaut und mit Stuckaturen im Stil des frühen Klassizismus ausgestattet (Titelbild). Für die Maßnahmen zeichneten die Würzburger Hofkünstler Johann Michael Fischer als Architekt und Materno Bossi als Stuckateur verantwortlich. Beide Räume wurden unter fortan als Tafelzimmer tituliert. Der prächtigere Weiße Saal mit seinen kaltglänzenden Stuckaturen darf dabei als das ranghöhere Tafelzimmer verstanden werden, das in seiner Funktion den daran anschließenden großen, spätbarocken Speisesaal seiner Vorgänger ablöste.

Der Weiße Saal der Residenz Bamberg.

Der Weiße Saal der Residenz Bamberg.

Aber nicht nur der Weiße Saal, sondern auch das ehemalige Kavalierstafelzimmer wurde prachtvoll ausgestattet. Wie in der fast zeitgleich entstandenen Fürstengalerie der Würzburger Residenz ließ Seinsheim diesen Raum als Galerie mit Bildnissen seiner Vorgänger einrichten.

Fürstbischof Seinsheim

George Desmarées, Portrait des Fürstbischofs Adam Friedrich von Seinsheim, 1765.

Bereits 1765, also Jahre vor dem Umbau, gab Seinsheim beim Münchner Hofkünstler George Desmarées ein Portrait in Auftrag, das gleichsam der Startpunkt dieser Bischofsserie sein sollte. Neben seinem eigenen Portrait finden sich hier Gemälde seiner Vorgänger Marquard Schenk von Stauffenberg (reg. 1683-1693), Lothar Franz von Schönborn (reg. 1693-1729), Friedrich Karl von Schönborn (reg. 1729-1746), Johann Philipp Anton von Frankenstein (reg. 1746-1753) und Franz Konrad von Stadion (reg. 1753-1757).

Mit Abschluss der neuen Stuckierung dürfte auch die – wandfeste – Portraitserie dort angebracht worden sein. Wie allerdings die jüngsten Restaurierungsergebnisse von Sonja Seidel (Gemälderestaurierung, Bayerische Schlösserverwaltung) zeigen, wurde die Serie nicht, wie bisher vermutet, nachträglich auf Grundlage des Vorbilds des Seinsheim-Portraits Desmarées angefertigt. Für die Bischofsreihe wurden wohl auch zwei ältere Portraits wiederverwendet.

Aus Alt mach Neu

Die Portraits der beiden Fürstbischöfe aus dem Hause Schönborn – Lothar Franz und Friedrich Karl – passen nicht zum einheitlichen Bestand der restlichen Arbeiten.

Friedrich Karl Schönborn Fürstbischof

Portrait des Fürstbischofs Friedrich Karl von Schönborn, um 1730.

Im Falle Friedrich Karls wurde die Leinwand gar angestückt, um auf das vorgegebene Format der ausgesparten Öffnungen in der Wand zu kommen. Hier dürfte es sich ohne Zweifel um eine Zweitverwendung handeln, was auch durch die hohe Qualität der Darstellung gestützt wird. Im Gegensatz zu den Darstellungen der Bischöfe Schenk von Stauffenberg, Frankenstein und Stadion handelt es sich hier kaum um eine Werkstattarbeit nach einem fest vorgegebenen Schema, sondern um ein zeitgenössisches (Rokoko-)Portrait des Fürstbischofs von Bamberg und Würzburg.

Fürstbischof Lothar Franz Schönborn

Portrait des Fürstbischofs Lothar Franz von Schönborn, vor 1729.

Selbiges gilt für die Darstellung des Fürstbischofs Lothar Franz von Schönborn, die sich im malerischen Duktus und in der Wahl der Szenerie von allen anderen Werken der Bischofsserie grundlegend unterscheidet. Lothar Franz ist – als Erzbischof von Mainz! – im Hermelinmantel des Kurfürsten vor einer Gartenszenerie dargestellt. Mit Säule, gewaltigem Groteskenkopf und Bäumen im Hintergrund wirkt der Kurfürst, der sich auf einen mit Seidenbrokat geschmückten Tisch stützt, wie der Protagonist einer sinnenfreudigen Theateraufführung.

Fürstbischof Marquard Schenk von Stauffenberg

Portrait des Fürstbischofs Marquard Schenk von Stauffenberg, um 1770.

Ansonsten finden sich ausschließlich aneinander angeglichene Innenraumdarstellungen. Nur das Portraits Marquards Schenk von Stauffenberg, der wohl als Begründer des von Seinsheim intensiv genutzten Gartenschlosses Seehof in die Reihe aufgenommen wurde, zeigt einen Durchblick in den Außenraum. Wohl um ihn von den in der Residenz herrschenden Bischöfen abzugrenzen – diese war erst unter seinem Nachfolger Lothar Franz vollendet worden –, erblicken wir hier durch ein Fenster die Silhouette der Altenburg, des älteren Herrschaftssitzes der Bamberger Bischöfe.

Vorbilder und Traditionen

Für die meisten neuen Bischofsportraits dürfte es vor Ort in Bamberg jeweils zeitgenössische Vorbilder gegeben haben. Augenscheinlich wird dies am Portrait Fürstbischof Frankensteins, das sich fast sklavisch an ein Bamberger Staatsportrait hält, das heute im Kurfürstlichen Appartement zu sehen ist. Einzig der gewählte Bildausschnitt wurde aufgrund des vorgegebenen größeren Formats zum unteren Bildrand hin etwas erweitert.

Fürstbischof Johann Philipp Anton von Frankenstein

Portrait des Fürstbischofs Johann Philipp Anton von Frankenstein, um 1770.

Dieses Beispiel zeigt auch: Die Kampagne, die höchstwahrscheinlich von einem Bamberger Hofmaler – am wahrscheinlichsten vom Desmarées-Schüler Johann Joseph Scheubel – durchgeführt wurde, bezieht sich nicht nur ideell auf die Tradition fürstbischöflichen Wirkens in Bamberg, sondern auch ganz handfest, einerseits durch die Kopie vorhandener Vorlagen und andererseits durch die Zweitverwendung älterer Portraits.

Seinsheim

Detail des Portraits von Fürstbischof Adam Friedrich von Seinsheim: Zwei Mitren, Fürstenhut, Stola und fürstlicher Hermelin.

Auch die jeweils gezeigten Herrschaftsinsignien stiften eine Kontinuität fürstbischöflicher Herrschaft. Der Auftraggeber selbst präsentiert sich halb im Bischofsgewand halb im fürstlichen Hermelin. Zwei Mitren deuten auf seine Bischofswürde in Bamberg und Würzburg hin. Desmarées drapiert das Pallium, eine Art Stola mit schwarzen Kreuzen, über einem Fürstenhut aus Hermelin – sicher ein Zeichen der Vereinigung von sakraler und weltlicher Macht.

Bei den meisten Portraits wird dieses Bildrepertoire noch durch ein rotes Birett – zumeist mit goldener Quaste – ergänzt.

Schönborn FÜrstbischof Detail

Detail des Portraits von Fürstbischof Friedrich Karl von Schönborn: Das rätselhafte Birett.

Dieses Requisit gibt Rätsel auf: Das rote Birett, allerdings ohne Quaste, sollte eigentlich Kardinälen vorbehalten sein. Keiner der Dargestellten erreichte jedoch den Kardinalsrang. Da beispielsweise auch das Portrait des Fürstbischofs Friedrich Karl von Schönborn aus der Bamberger Barockgalerie dieses Birett zeigt, kann es sich hier aber kaum um einen Zufall handeln. Am wahrscheinlichsten dürfte dieses Birett auf die stolze Tradition Bambergs als exemtes Bistum hinweisen. Die Exemtion war ein besonderes Privileg, das Bamberg aus der üblichen Kirchenhierarchie ausgliederte und das Bistum direkt dem Papst unterstellte. Auch die Tradition der kaiserlichen Stiftung des Bistums durch Heinrich II. mag eine Rolle bei der Wahl des Biretts gespielt haben.

Fürstengalerie und Billardtisch

In jedem Fall: Die Portraits verleihen dem neugeschaffenen Raumgefüge zusätzlichen Glanz und weisen das zweite Tafelzimmer als Ort fürstbischöflicher Traditionsstiftung aus. Daher mag es auf den ersten Blick verwundern, dass die Besucher seit der musealen Einrichtung der Residenz unter Heinrich Kreisel in den 1930er Jahren höchstwahrscheinlich im Tafelzimmer weniger von der Portraitserie als von einem Billardtisch aus dem späten Rokoko fasziniert werden.

Kavalierstafelzimmer

Das sog. Kavalierstafelzimmer vor der Restaurierung.

Kreisel hielt sich dabei jedoch durchaus streng an die historischen Quellen: Als die Residenz im Zuge der Säkularisierung bereits 1802 an das bayerische Kurfürstentum fällt, nimmt ein fleißiger Hofbeamter penibel genau die in der Residenz erhaltenen Einrichtungsgegenstände auf. Für die Fürstengalerie im Speisezimmer notiert er tatsächlich einen Billardtisch. Höchstwahrscheinlich wurde die Fürstengalerie also bereits nach dem Tod Adam Friedrichs von Seinsheim 1779 als Billardzimmer genutzt. Auch Seinsheim selbst war ausweislich der Quellen ein begeisterter Billardspieler. Dass er die fürstbischöfliche Repräsentation im zweiten Tafelzimmer also durch das seinerzeit trendige Spiel UND durch die Galerie seiner Amtsvorgänger verwirklicht sehen wollte, ist zumindest nicht gänzlich ausgeschlossen.

 

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