Geheimnisse
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Macht und Liebe, Verrat und Skandale – hinter den Kulissen der „Coburgs“

schloss rosenau saal

Von Franziska Bartl

Das „Gestüt Europas“

Es war kein Geringerer als Reichskanzler Otto von Bismarck, der die Coburgs als „Gestüt Europas“ bezeichnete – eine Feststellung, die sicherlich etwas despektierlich erscheint, in der Sache jedoch nicht falsch war. Schließlich war es dem einst verarmten Hause Sachsen-Coburg im Laufe des 19. Jahrhunderts gelungen, familiäre Verbindungen mit den wichtigsten europäischen Herrscherhäusern einzugehen und sich überdies auch eigene Throne zu sichern. Wie das gelingen konnte, demonstrierte Leopold von Sachsen-Coburg und Gotha. Der „Onkel Europas“ tat sich nämlich nicht nur durch seine intensiven heiratsdiplomatischen Bemühungen um die Coburger Verwandtschaft hervor, sondern errang auch die erste Krone für seine Familie, indem er sich im Juli 1831 zum ersten „König der Belgier“ wählen ließ. 1908 wandelte sein Großneffe Ferdinand von Sachsen-Coburg-Koháry auf des Onkels Spuren und avancierte zum Zaren von Bulgarien. Andere Coburgs setzten auf den altbewährten Weg klassischer Heiratspolitik: Bereits 1837 war ein weiterer Ferdinand aus der Koháry-Linie durch die Ehe mit der portugiesischen Königin Maria II. da Gloria zum Titularkönig von Portugal ernannt worden und mit dem einflussreichen Prinzgemahl Queen Victorias von Großbritannien und Irland, Prinz Albert von Sachsen-Coburg und Gotha, lenkte ein Coburg in den Jahren von 1840 bis 1861 maßgeblich die Geschicke des „Empire“. Die engen Beziehungen des Hauses Coburg zu den Herrschenden Europas verlieh seinen Mitgliedern nicht nur erheblichen politischen Einfluss, sondern sorgte auch dafür, dass sie zu Zeugen prominenter historischer Ereignisse wurden, so manches dynastische Geheimnis hüteten und sogar in den ein oder anderen monarchischen Skandal des 19. Jahrhunderts verwickelt wurden.

Haben wir Euer Interesse geweckt? Dann gibt es im Folgenden drei besonders spannende Geschichten, die sich hinter den Kulissen der Coburgs abspielten!

Der Zeuge von Mayerling

Philipp von Sachsen-Coburg und Gotha

„Der Zeuge von Mayerling“: Philipp von Sachsen-Coburg und Gotha. Royal Collection Trust / © Her Majesty Queen Elizabeth II 2020.

Als der Coburg-Koháry-Spross Philipp von Sachsen-Coburg und Gotha am 30. Januar 1889 frühmorgens zum Jagdschloss Mayerling aufbrach, um sich mit seinem Schwager und engen Vertrauten, dem österreichischen Kronprinz Rudolf (Sohn der berühmten Sissi!), zum Frühstück zu treffen, ahnte er wohl kaum, welch dramatische Wendung dieser Tag nehmen würde.

In Mayerling angekommen traf er nämlich nicht auf seinen Freund, sondern lediglich auf dessen völlig verzweifelten Kammerdiener, der ihn wissen ließ, dass Rudolfs Schlafzimmer versperrt sei und der Kronprinz sich nicht wecken ließe. Kurzerhand ließ Philipp die Tür aufbrechen und fand den unglücklichen Rudolf tot in seinem Bett liegend. Dass jedoch auch seine 17-jährige Geliebte, Mary Vetsera, leblos neben ihm lag und Rudolf nach aller Wahrscheinlichkeit erweiterten Suizid begangen hatte, war der eigentliche Skandal der Affäre Mayerling, der das Potenzial hatte die Habsburgermonarchie nachhaltig zu erschüttern. In einem persönlichen Gespräch gab Philipp deshalb Kaiser Franz Joseph I. sein Ehrenwort für immer über das zu schweigen, was er an jenem Morgen in Mayerling gesehen hatte – und hielt sich bis zu seinem Tod daran. Ein Coburg wurde somit zum Geheimnisträger des Hauses Habsburg.

Palais Coburg oder Sanatorium?

Aber auch Philipp selbst hatte einige private Turbulenzen zu überstehen, insbesondere seine Ehe mit Louise von Sachsen-Coburg und Gotha, der Schwester von Österreichs nunmehr verwitweter Kronprinzessin Stephanie und Enkelin jenes berühmten Leopold I., der für die Coburgs den belgischen Königsthron errungen hatte.

Philipp und Louise von Sachsen-Coburg und Gotha

„Palais Coburg oder Sanatorium?“: Philipp und Louise von Sachsen-Coburg und Gotha. Royal Collection Trust / © Her Majesty Queen Elizabeth II 2020.

Galten Louise und Philipp in den ersten Jahren ihrer Ehe noch als ein illustres und gern gesehenes Paar der Wiener Gesellschaft, änderte sich das schlagartig, als Louise im Jahr 1895 eine leidenschaftliche Affäre mit dem kroatischen Ulanenoberleutnant Geza von Mattachich begann und jegliche Konventionen zu vergessen schien. Sie trat nicht nur ungeniert mit ihrem Liebhaber in der Öffentlichkeit auf, sondern begann enorm über ihre Verhältnisse zu leben. Als Kaiser Franz Joseph sie deshalb vom Wiener Hof verbannte, reiste Louise samt Geliebten quer durch Europa und lebte ihre Beziehung offen aus. Ihre enormen Schulden – in Cannes soll Louise eine Suite nur für ihre Hüte gemietet haben – wurden von ihrem Mann und ihrem Vater, König Leopold II. von Belgien, beglichen. Nachdem sich Ehemann und Geliebter 1898 auf Weisung des Kaisers duelliert hatten, wobei Philipp verletzt unterlegen war, und das abtrünnige Liebespaar angeblich auf mehreren Wechseln die Unterschrift Kronprinzessin Stephanies gefälscht hatte, wurde es festgesetzt. Während man Mattachich vor ein Militärgericht stellte und zu sechs Jahren Kerkerhaft verurteilte, ließ man Louise die Wahl, ob sie in ein Sanatorium gehen oder ins Wiener Palais Coburg zurückkehren wolle. Sie entschied sich fürs Sanatorium.

Die Zaren in der deutschen Provinz

Dass sich ein russischer Zar ausgerechnet in Coburg verlobte, dem Stammsitz der Familie Sachsen-Coburg und Gotha, mag mit dem Wissen um das dynastische Netzwerk der Coburgs kaum mehr für Verwunderung sorgen. Im April 1894 war Nikolaus II. anlässlich der Hochzeit seiner Cousine Victoria Melita von Sachsen-Coburg und Gotha, genannt „Ducky“, mit dem Großherzog von Hessen-Darmstadt nach Schloss Ehrenburg in Coburg gereist. Dort gelang es ihm, Queen Victoria von seiner Liebe zu der Schwester des Bräutigams, Victorias Enkelin Alix von Hessen-Darmstadt, zu überzeugen und den Segen der „Großmutter Europas“ für die Verbindung einzuholen.

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„Das Gestüt Europas“ – Queen Victoria inmitten ihrer Großfamilie, Coburg 1894. Royal Collection Trust / © Her Majesty Queen Elizabeth II 2020.

Die weitere Geschichte des jungen Paares dürfte bekannt sein: Wenige Monate später heirateten Nikolaus und Alix, bekamen vier Töchter und einen Sohn und wurden während der russischen Revolution im Juli 1918 samt ihrer Kinder von den Bolschewiki ermordet. Dennoch war Nikolaus II. nicht der letzte Zar, der zu Gast in Coburg war.

Verlobung Alix und Nikolaus

„Die Zaren in der deutschen Provinz“: Verlobung Alix und Nikolaus, April 1894. Royal Collection Trust / © Her Majesty Queen Elizabeth II 2020.

Sein Cousin Großfürst Kyrill Wladimirowitsch Romanow wohnte in den 1920er Jahren für einige Zeit in der Heimat seiner Gattin. Einige Jahre zuvor nämlich hatte er „Ducky“ geheiratet, ausgerechnet jene Coburger Prinzessin also, zu deren erster Eheschließung noch Nikolaus II. höchstselbst nach Coburg gereist war – ein Skandal, der die monarchischen Welt erschütterte und in dessen Konsequenz Kyrill sogar seine kaiserlichen Privilegien und Titel aberkannt worden waren. Nach der Ermordung der Zarenfamilie avancierte Kyrill trotzdem zum Prätendenten auf den russischen Thron und nannte sich fortan „Zar im Exil“. Seine Nachkommen fungieren noch heute als Oberhäupter des Hauses Romanow. Sie waren es auch, die 1995 dafür sorgten, dass die sterblichen Überreste Kyrills und Victoria Melitas aus dem herzoglichen Mausoleum in Coburg, wo sie zwischenzeitlich ihre letzte Ruhestätte gefunden hatten, nach Sankt Petersburg überführt und in der Peter-und-Paul-Kathedrale beigesetzt wurden.

 


Sonderführungen zum Thema

Die Coburgs haben Euer Interesse geweckt und Ihr möchtet mehr über die dynastischen Verbindungen des Hauses Sachsen-Coburg und Gotha erfahren? Dann besucht doch unsere Themenführung „Coburg in Europa“, die Euch durch die Räume von Schloss Ehrenburg führt.

Termine: Samstag, 14. März, 18 Uhr/ Samstag, 13. Juni, 18 Uhr/ Freitag, 18. September, 18 Uhr/ Samstag, 24. Oktober, 16 Uhr. Eine Anmeldung ist erforderlich: Di-So, Tel.: 09561-808832 oder schlossbetriebsdienst.coburg@bsv.bayern.de.

 

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