Geheimnisse
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Die Residenz Ellingen – ein barocker Pferde-Hotspot

Reithaus mit Schaufassade

Die Residenz Ellingen – unsere Perle des fränkischen Barocks – wird heuer 300 Jahre alt. Aufgrund der aktuellen Lage kann die Bayerische Schlösserverwaltung leider nicht wie gewohnt zur gemeinsamen Feier laden. Die gebührende Aufmerksamkeit bekommt das Barockschloss daher in Form einer umfangreichen Blogreihe. Heute werfen wir einen Blick auf Ellingen als barocker Pferde-Hotspot!

Vor 300 Jahren, als die Deutschordensresidenz in Ellingen gebaut wurde, hießen Chauffeure noch Leibkutscher, das umweltfreundlichste Fortbewegungsmittel nicht E-Bike sondern Reitklepper, und auf der Straße trat man sehr oft in Pferdeäpfel. Außerdem war Reiten noch kein Freizeit- oder Sportvergnügen, sondern notwendig für Reise und Transport. Und in höheren Gesellschaftskreisen zum Repräsentieren. Denn wenn man auf dem hohen Ross saß, hatte man seine Untertanen besser im Blick. Auf eine derartige Außenwirkung wurde in Ellingen offensichtlich nicht nur beim prächtigen großen Schlossbau Wert gelegt, sondern auch in puncto barocke Pferdearchitektur. Werfen wir einen Blick auf die schönen Gebäude dort, die vielen modernen Pferdebesitzern Tränen des Neides in die Augen treiben dürften, bevor wir uns fragen, warum der Vorsitzende eines christlich ausgerichteten Ordens ein prachtvolleres Reithaus hatte als der Ansbacher Markgraf…

ehemaliger Eingang zum Marstall

Einer der ehemaligen Eingänge zum Marstall im Wirtschaftshof, um 1752 (Zustand 2012).

Der Marstall für die Pferde des Schlossbesitzers zählte zu den begehrtesten Projekten bei damaligen Architekten, denn meist befand er sich in unmittelbarer Nähe zum Schlossbau. Schöne Beispiele hierfür sind Versailles oder im Fränkischen der Marstall von Schloss Weißenstein in Pommersfelden mit Pferdeställen direkt frontal gegenüber dem Schloss. In Ellingen steht an dieser Stelle die Brauerei. Auch ein Highlight barocker Nutzarchitektur und vielleicht ein fränkisches Prioritäten-Statement (Bier vor Pferd). Die Stallungen mussten platzbedingt an die Seite der Residenz rücken. 1751 begann man mit der Errichtung der Stall- und Ökonomiegebäude in einem dreiseitigen Wirtschaftshof. Der langgestreckte Trakt für Vieh- und Pferdestallungen wurde um 1752 nach Plänen von Matthias Binder errichtet. Auf einem Idealplan um 1750 sind mehrere Pferdeställe eingezeichnet, wie etwa eine Stallung für 16 „Bau“-, also Arbeitspferde, Ställe für 30 Gastpferde oder ein „pferdstall vor die haus kommandturrei“. Daneben sollte es noch Schmiede, Wagnerei und Remisen für die Kutschen geben. Realisiert und heute noch deutlich als Nutzräume ersten Ranges erkennbar sind die Remise und der Pferdestall, wo die Säulen der Tonnengewölbe mit dekorativen Schmuckkapitellen und die Decken mit einfachem Stuck verziert sind. Der Pferdestall befindet sich zwar nicht gegenüber dem Schloss, aber immerhin direkt gegenüber der Westseite des Reithauses.

Pferde-Stuck am Reithaus

Detail der Schaufassade des Reithauses (Zustand 2012).

Genau dieses kurz vor den Stallungen erbaute große Reithaus nahm die übliche architektonische Bedeutung des Marstalls ein. Es wurde 1749 nach Entwürfen von Franz Joseph Roth errichtet, der bereits zuvor bei Ellinger Baumaßnahmen mitgewirkt hatte – und dann offensichtlich gehen musste, weil der von ihm betreute Kirchturm der Schlosskirche schon nach zwei Jahren Risse zeigte. Sein Reithaus jedenfalls stand solide. Leicht vereinfacht wurde sein Entwurf für die hübsch geschmückte Schaufassade umgesetzt, die typisch für Reithäuser im Residenzzusammenhang ist: Rechts und links am kleinen Vorbau begrüßen zwei Pferdeköpfe in Stuck-Rocaillen mit Steigbügelelementen die einstmals auf die beiden Eingangstüren zukommenden Pferde und Reiter. Darüber thront das Wappen des zur Erbauungszeit diensthabenden Landkomturs, Friedrich Carl Freiherr von Eyb (1748-64), das ganz oben von einem Pferdkopf auf einem Giebel bekrönt wird. Die Helmzier des Wappens ist bereits abgefallen und auch der Pferdekopf nur noch schematisch erkennbar – beides wohl gefertigt aus einer weniger verwitterungsbeständigen Ader des lokal abgebauten Höttinger Sandsteins.

Zuschauerloge im Reithaus

Die ursprünglich beheizbare Zuschauerloge im Innenraum des Reithauses (Zustand 2012).

Lange Zeit gab es eine heute nicht mehr vorhandene direkte Verbindung zwischen Schlossgebäude und Reithaus, was man einem Plan des (zwischenzeitlich) königlichen Reithauses aus dem Jahr 1809 entnehmen kann. Während man im Erdgeschoss direkt zur Reitbahn gelangte, diente der Durchgang im ersten Stock einem ganz anderen Zweck: Er führte „auf den Reith-Schul-Boden, wo die Wäsch aufgehangen und getroknet“ wurde. Trocken und vor allem im Winter warm war es auch in der ebenerdigen Loge an der Eingangsseite. Sie war für „die Herrschaften“ und Zuschauer gedacht und „heizbar durch 2 Welsche Kamin“. Sie sind heute nicht mehr vorhanden. Aktuell wird das Reithaus als Lapidarium genutzt.

Neben dem beeindruckenden, in seinen Dimensionen an heutige Reithallen heranreichende Reithaus gibt es in Ellingen noch eine weitere Besonderheit, die deutschlandweit ihresgleichen sucht: eine barocke Sattelkammer-Einrichtung. Bereits im Idealplan von 1750 war eine „kammer vor sattel und zeich“ vorgesehen. Wo genau sie sich befand, ist bis heute nicht geklärt. Aber die für Sättel, Zaumzeuge, bestickte Schabracken und seidenen Mähnen- und Schweifschmuck vorgesehenen Schränke und Paneele mit reichen, aus Holz geschnitzten Aufsätzen sind eine wahre Rarität. Sattelkammer-Möblierung – ebenso wie originale Marstall-Einrichtung – aus dem 18. Jahrhundert ist fast nicht mehr erhalten. Die Aufsätze zeigen neben allerhand schmückenden Rokoko-Elementen Pferde und Reiter, Personen, die Instrumente spielen oder eine Lanze mit einem aufgespießten Kopf in der Hand präsentieren, sowie ‚Kriegsgerät‘ wie Lanzen und Pistolen. Die Thematik greift die zeitgenössisch an den Höfen stattfindenden, ‚Karusselle‘ genannten Reiterspiele auf, bei denen man sich im Kopfrennen (Pappmaché-Köpfe im Galopp aufspießen) oder Ringstechen (Ring im Galopp mit Lanze treffen) versuchte und den Zuschauern bewies, dass man sich so geschickt im Sattel halten konnte, dass man theoretisch noch als Feldherr im Krieg zur Verteidigung des eigenen Territoriums taugte.

Sattelkammer-Schraenk- und Aufsaetze

Barocke Sattelkammer-Einrichtung mit geschnitztem Skulpturenschmuck, um 1750.

Momentan ist die lange Zeit als „Silberkammer“ zu besichtigende Sattelkammer-Einrichtung nicht für die Öffentlichkeit zugänglich.

 

 

 

Bereits den zeitgenössischen Deutschordensbrüdern fiel auf, dass sich die Ellinger Landkomture mit der Residenz einen recht großen Landkommende-Sitz errichteten. Nicht nur der für die kleine Ortschaft Ellingen reichlich überdimensionierte Schlossbau stieß bei der obersten Ordensinstanz, dem Hoch- und Deutschmeister, auf Kritik, sondern auch die weiteren „kostbaren und unnötigen Baulichkeiten“ wie das Reithaus. Der Grund hierfür dürfte im ständigen Konkurrenzkampf der Kommende Ellingen sowohl mit anderen Deutschordensgebieten und -institutionen als auch mit den benachbarten Territorien, insbesondere dem seit der Reformation protestantischen Markgraftum Brandenburg-Ansbach, liegen. Die besonders im Absolutismus notwendige dingliche Zurschaustellung von Macht machte auch vor einem katholischen Ritterorden nicht halt und zwang quasi zu einer Inszenierung als weltliche Fürsten. Dazu gehörten eben auch Einrichtungen für die statusanzeigende Pferdehaltung und Reitkultur, die Ellingen heute zu einem barocken Pferde-Hotspot machen.

 

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